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Das ermannte Gesetz ordnete eiÄgültig^ das Verhältnis der katholischen Kirche zum Staate. Ich erinnere nicht an die außerordentlich scharfe Handhabung des staatlichen Pla- eet, auch nicht an das, was über die Prozessionen verord­net imb mit unbewiesenen Behauptungen beleidigend aus- vesagt wird. Ich gehe auch hinweg über vieles andere, was ver Entfaltung des katholischen Lebens hinderlich im Wege ttehen mußte. § 51 übersteigt das alles an Gewisfensknech- fung. Dieser Paragraph bestimmt, daß in Mischehen die religiöse Erziehung der Kinder sich nach der Religion jenes Eheteiles richten muß, der am längsten im Großherzogtum eingebürgert gewesen ist. Damit wurden durch gesetzliche Zwangsmaßnahmen sämtliche Kinder aus Mischehen der evangelischen Kirche zugetrieben, denn fast ohne Ausnahme war zumal in jenen ersten Zeiten erwachenden katholischen Lebens der eingebürgerte Teil protestantisch und der zuge- wanderte katholisch. Die alten Pfarrbücher hier in Wei­mar reden von ungeheueren Verlusten. Erst nach langem Drängen und Protestieren fand dieses Gesetz eine gevisse Revision durch das Gesetz vom 6. Mai 1857.

. Die Diaspora des Großherzogtums zahlte 1880 1534 Katholiken; 1885 : 2445; 1890 : 3733; 1895 : 4009; 1900 6174; 1905 : 8313; 1910 :11473.

In diesen 30 Jahren stieg die Zahl der Katholiken in der Pfarrei Eisenach von 428 auf 1676, in Weimar von 741 auf 3536, in Apolda von 162 auf 1468, in Jena von 256 aus 2278, in Weida von 73 auf 1559, in Neustadt von 36 auf 512, in Ilmenau von 38 auf 434.

Das nächstemal noch ein kurzes Schlußwort.

Wie in der Schweiz ein übftinentenserein gegründet wurde.

Im „Anzeiger von Schöpplikon und Umgebung" er- schien in der Woche vor Pfingsten eine merkwürdige Anzeige:

Gesucht:

Zwölf tapfere M8nn»r zu einem Unternehmen daS Mut braucht.

NähkktS am Pfingstmontag, 3 Uhr auf der Neutimalt.

Die Reutimatt war eine Waldwiese hoch oben am Berg, n» man weit übers Land sieht, anderthalb Stun­den überm Dorf. Die Anzeige erregte natürlich großes Aufsehen, viel Neugier, viel Gelächter, auch fast etwas wie unheimliche Angst. Es sah aus wie eine Verschwö­rung. Es zogen auch mehr als 12 hinauf; es wollte doch keiner der Schöppliker nicht tapfer fein, und wen nicht die Abenteuerlust hrnaustrieb, den trieb die Wißbegierde. Die Rertintatt war gut besetzt um 3 Uhr und die Span­nung groß auf das, was fommen sollte. Auch der neue junge Pfarrer war da; er war auf einem einsamen Fußweg heraufgekommen, nicht mit den anderen.

„So, seid Ihr auch da, Herr Pfarrer", begrüßte ihn Gemeindeamtmanns Fritz, der anerkannte Führer der Dorfjugend, „nlmmts Euch auch wunder, was hier los ist?"

„Ja, ihr Leute alle," antwortete der Pfarrer, „ich bin auch da und heiße euch willkommen; denn ich habe euch hierher aufgeboten. Es freut mich, daß so viele sich tapfer fühlen; es nimmt mich nur Wunder, wie viele es noch sind, wenn ich mein.Unternehmen genannt habe." Da war die Spannung noch größer. Der Pfarrer trat auf einen Beiumstumpf, daß ihn alle sehen konnten und fing an;

. „Das Unternehmen, zu dem id) zwölf tapfere Män­ner brauche, ist nicht mehr und nicht weniger als die Gründung eines Enthaltsamkeitsvereins in unserer Ge­meinde. Ich möchte zwölf Männer haben, die sich fest vo: nehmen, keinen Tropfen Wein, Bier, Most oder Schnaps mehr zu trinken, zwölf Männer, die an die­sem Entschluß treu festhaiien, auch wenn man sie aus- wüst und anseinèct, zwölf Männer, die mit mir durch ihr Beispiel ein Loch machen in den alten Aberglauben, es seien die geistigen Getränke unentbehrlich zum Ar­beiten und zur Erholung, als müsse bei jedem An­laß, jeder Kindstaufe, Hochzeit und Beerdigung, bei jeder politischen Versammlung und Wahl, bei jedem Handel, bei jedem Ausflug getrunken werden. Wenn erst zwölf Männer ein paar Jahre gezeigt haben, daß es ohne das auch geht und besser geht, so ist das Loch groß genug, daß auch andere, daß unsere ganze Ee- meinde durchkommt."

Als der Pfarrer so weit war, ging ein unwilliges Murmeln durch die Reihen der tapferen Schöppliker, und man hörte in den hinteren Reihen eine Stimme: Davon wollen wir nichts! Das haben wir nicht nötig! * Der Pfarrer wartete eine Welle, bis sich das Gemurmel gelegt hatte, darin fuhr er fort:

„So ihr glaubt, es fei bet euch nicht notig. Da Hâ ich einen kleinen Auszug aus unseren drei letzten

Armenrechnungen. Laßt mich euch daran erinnern: Drei Gemeindebürger sind zurzeit auf Kosten des Ar­mengutes in der Irren anftcât; bei einem, dem Kaspar Rauh, wißt ihr ja wohl alle, wie er hinkam; sein Bru­der und der Armenpfleger mußten ihn hinbringen; mit Gewalt mußten sie ihn festhalten, weil er sich von bö­sen Tieren verfolgt glaubte: er hatte den Säuferwahn­sinn. Beim zweiten Falle, der schwermütigen Grete Meier, da hat der Alkohol wohl nichts zu schaffen; aber dafür ist der arme Tropf, der Peter Fritz, den einige von euch wohl auch noch gekannt haben, der blödsinnig ist, für lebenslang im Irrenhaus, nicht weil er getrunken hat, sondern weil sein Vater ein Säufer war. Zwei Fälle von dreien ist wohl genug. Ferner muß unsere Gemeinde fünf Kinder verkostgelben, zwei sind Geschwister des armen Peters in der Irrenanstalt; die übrigen drei hat der Vater der Gemeinde fitzen lassen, nachdem er seine Frau so behandelt hat, daß Sterben für sie ein Glück war, und er selbst ein halbes Jahr drauf mit einer Kellnerin durchbrannte. Weiter kennt ihr alle im Armenhaus den alten Hinierhsfler Ihr wißt aber vielleicht nicht alle, daß er vor Jahren als Bauer auf einem fchönen Hofe saß, mit einem Pferd und neun Kühen und einigen Fässern guten Weines im Keller. Er hat die Fässer so regelmäßig besucht, daß er allmählich Stall und Feld darüber vernachlässigte. Es ging zurück mit ihm; der Hof kam auf die Gant; der Bauer wurde Taglöhrrer und der Taglöhner im Alter ein Armenhäusler. So steht noch allerlei in der Armen­rechnung; prüfe ich sie gewissenhaft, so kommt in un­serer Gemeinde ungefähr ein Viertel der Armenaus­gaben auf Rechnung des Trunkes. Meint ihr auch noch, es sei nicht nötig, ein Loch in die Trinksitte zu machen?"

Das Gemurmel, das jetzt durch die Reiher ging, war leiser; einige Gestalten verschwanden unmerklich im Wald, aber doch regte sich ein Widerspruch: „3a, Lum­pen und Säufer hats in jeder Gemeinde; aber t -we­gen haben wir, die wir solid sind und etwas vertragen, doch nicht nötig, Abstinenzler zu werden."

• Der Pfarrer hub wieder an: „Doch, gerade wir haben es nötig. Denn erstem sind wir alle in Gefahr, mit hineingeriffen zu werden. Wißt ihr noch, letzten Sommer, als das Turnfest war, die große Schlägerei im „Rößli" bei der Konrad sein rechtes Auge verlor, daß er jetzt ein gläsernes haben muß; waren das lauter Säufer und Lumpen, die dabei waren?"

Es senkten ein paar Burschen und Männer die Köpfe, als der Psmrer an jene wüste Geschichrr er­innerte; aber der Pfarrer fuhr fort:

Und der Kaspar Rauh und der Fritz und der Hinter- Hofler haben immer mit den Soliden im Wirtshaus ge­sessen; deren Beispiel hat sie ermuntert; es tranken ja alle, warum sollten sie nicht auch trinken! Darum brauche ich ein paar tapfere Leute, die, ohne daß sie es selbst nötig hätten, aufs Trinken verzichten, damit solche, die in Gefahr sind, Säufer zu werden, doch auch das sehen, daß man ohne geistige Getränke leben kann, daß sie einen Halt haben an starken und festen Männern. Ich weiß wohl, daß mein Unternehmen Mut braucht; wer den nicht hat, der soll nur umkehren. Ich sehe schon, die Reihen lichten sich. Abe: nun, wer Mut hat, wer bereit ist, in der Gemeinde ein Beispiel zu sein, den Zwang der Sitte zu durchbrechen, wer Mut hat, ein kleines Opfer zu bringen für eine große gute Sache, wer Mut hat, festzubleiben auch in Hohn und Spott und Anfeindung, die uns nicht fehlen wird, der bleibe und trete zu mir."

Da ging ein wunderlich Raunen und Rücken durch die Leute. Spöttisch lachend drehten manche sich um und gingen dem Pfarrer zum Trotz hinunter ins „Rößli", in die „Eintracht" und den „Leuen" Andere drückten sich still und verlegen in den Wald: der Stachel saß in ihrem Gewissen; aber sie wagten es noch nicht, der Mahnung ihrer inneren Stimme zu folgen. Ein kleines Häuflein, etwa 16 junge Männer und Burschen blieben und traten zum Pfarrer hin; ihr Schweizersiun war erwacht und hieß sie handeln. „Alle für einen", sie, die Tüchtigen und Soliden, versprachen auf die geistigen Getränke zu verzichten für die Bedrohten unb Gefährdeten.

Der Pfarrer freute sich und sagte: „Ihr bringt nun ein Opfer und werdet euch drum gelegentlich aus« lachen lassen müssen; aber ich sage euch, aus eurem Opfer wird end) Freude werden. Ihr werdet es spüren, wie­viel freier, freudiger und froher das Leben ist, das der Knechtschaft der Trinksitte entronnen ist. Ihr werdet dieselbe Erfahrung machen wie ich. Schon zehn Jahre bin ich Abstinent, und es hat mich noch keine Stunde gereut." Dann ließ er die 16 Tapferen auf der Reuti- matt zusammentreten, sprach ihnen von der unteren Waldwiese, dem Rütli, und ließ sie nachsprechen den großep Schwur des FrL>heitskamvles:

„Wir wollen fein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Not uns trennen noch Gefahr, Wir wollen frei fein, wie die Väter waren, Lieber den Tod, als in der Knechtschaft leben. Wir wollen trauen auf den höchsten Gott, Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen."

So entstand in Schöpplikon ein Abstinentenverein.

-^* Diözssr Fulda. *^s

Aus Kassel wird Berliner Blättern folgendes geschrieben: Im ozonreichen Bergland des Kau­funger Waldes, dessen Lungenheilstätte alljährlich Tausenden die Gesundheit wieder verleiht, erhebt sich aus einem unscheinbaren Dorfe eine stolze Kirche in Gotik, aus- und eingebaut in Spuren alter romanischer Bauweise. Es ist die ehemalige Kirche eines Klosters 3um heiligen Kreuz, gegründet von der heiligen Kunigunde, der Gemahlin des frommen Kaisers Heinrich II. Angebaut ist ein eigenartiger Turm. An bet Stelle von Fenstern befinden sich schmale Schlitze. Kein Eingang führt hinein. Nur aus den oberen Geschossen des Haupt- turmes ist er zugänglich. Die Bauart ist solider, sauberer, so daß es fast aussieht, als sei er jüngsten Datums. Vor einiger Zeit ist nun festgestellt wor­den, daß der Turm uralt ist. Er ist der stolze Rest der ältesten deutschen Kaiserpfalz, bedeutend älter als die von Goslar und Gelnhausen. Nun hat Baurat Dr. Holttneyer, der Provinzialkonser­vator von Hessen-Nassau, festgestellt, daß noch ein gleich ultet Nest der alten Pfalz erhalten ist in einem alten Gemäuer, das heute als Heu- und Hühnerstall benutzt wird. Die Georgskapelle ists, die Pfalzkcrche, und die Annahme, daß sie Kaiser Heinrich, wenn nicht schon Vorgängern, als Gottes­haus diente, bestätigt ein Fund, den Dr. Holtmcyer hinter Hühnernestern machte. Eine Kaiserloge! Demnach ist die Geocgsktrche in Oberkaufungen die älteste Kaiferkirche Deutschlands! Da es einwand­frei nachgewiesen ist, daß cs sich um die Georgskirche handelt, wird ihr Alter und Bestehen vor dem Münster zum Heiligen Kreuz, dem Kunigunde, die heilig gesprochene Kaiserin, einen Splitter vom Kreuz Christi geschenkt hatte, durch einen mittelal­terlichen Brief eines Geistlichen in einem kirchlichen »Rechtsstreit bezeugt. Dr. Holtmeyer hat nun darauf aufmerkiam gemacht, daß dieser alten Kaiserkirche in der ältesten Kaiserpfalz der Untergang durch die Abwässer der Stallung drott, wenn nicht sofort ein würdigerer Zustand des altehrwürdigen Gebäudes hergesteUt wird. Sonst sinkt sie in einigen wenigen Jahren zusammen.

Jena. Die diesjährige Tagung der Stubentem eelsorger ist am 12. September in Würzburg. Es werden Referate halten Universitäis - Professor Dr. Donders, Pater Nielen-Geistlngen, Rektor Lutz- Bottn,Dr.Nttdolph-Wien,PaterElch-Kö!tt,Dr.Sonnen- schein-Berlm.

Weimar. Zwischen dem Großherzog von Sachsen- Weimar unb der wei manschen Regierung ist nun« mehr ein Vergleich über die Abfindung des Groß­herzogs abgeschlossen worden. Danach erhält der Großherzoo das Schloß Wilhelmsthal unb die dazu­gehörigen Ländereien unb Gewässer mit Ausnahme des Altenburger Teiches als Eigentum. F er soll Sem Großherzog das Recht zustehen, den Borderbau des tveimarischen Schlosses auf Lkbenszeit zu benutzen. Endlich werden ihm 300 000 Mark Jahresren «e ge- ’ zahlt werden, Ne auch nach seinem Tode den mzmit- telbaren männlichen Nachkommen zustehen sollen. Alle anderen Besitzungen, so insbesondere das Wei­marer Naiionalrheater, das Steinfd)e Haus, die Kunst- und Gewerbeschule, die Schlösser Belvedere, Ettersburg, Eisenach und Allstedt, ferner auch dec Weimare? Park gehen in den Besitz des Staates über. Die Wartburg soll einer Stiftung übertragen werden, die die Burg und die in dieser enthaltenen, dem Grvßheizog verbleibenden Kunstschâtze, verwal­ten soll. „

Bucher.

Die ereign l!ie im Osten zwingen von neuem, uns mit dem polnischen Problem zu beschäftigen. Ein Bei­trag hierzu wird unS geboten in dem im Verlag der „Badenia" erschienenen Buch eines Karlsruhers: „Mit Draht und Kabel im Osten!- Das Buch, daS aus bem Tagebuch eines Telegraphisten erzählt, bringt nichr bloß Bilder tiom östlichen Kriegsschauplatz von 1915, sondern gibt auch sehr eingehende Beschreibungen von Laub und Leuten in Polen. Viele der Städte, die heute wieder zum Kriegsschauplatz geworden, sind darin beschrieben. Das macht das Buch auch heute noch wertvoll.