Wie traurig unftre Lage ist, hen weite Kreise unseres Volkes trotz aller Aufklä- ang nicht ein, oder wollen es nicht emfehen. Ein roßer Teil des Volkes lebt dahin, als ob es nie Herrichere Zetten gegeben habe wie jetzt.
Aeberall werden Jeffe gefeiert
n Stadt und Land. Das Geld fliegt aus Türen und fenstern hinaus, überall Tanz, Musik, überfüllte kinos, Theater, Konzerte, der Wein fließt in Strömen, aute Kirmessen mit allem Trubel in allen Dörfern, leberall Betrieb und Jubel und Mandoliuenklang in Aen Ständen und Schichten der Bevölkerung. Der Sport wird in größtem StÄ betrieben, Wettkämpfe an 5otm= und Werktagen, für Plätze auf der Zufchauer- ribüne werden selbst in kleinen Und mittleren Städten !, 3, 5 Mark und mehr verlangt und HmÄerte und Tausende zahlen es ohne mit der Wimper zu zucken; Tausende von Spielern sind andauernd unterwegs, »alb reist jeder Lehrbube zu Fußballmatsch in der Welt herum, von Einschränkung will niemand etwas wissen. Dagegen macht alles Front gegen die Lustbarkeits- teuer. Die Kinobesitzer, die Sports vereine — letztere Wüter dem Vorwand, die körperliche Ertüchtigung der Tugend werde dadurch gehemmt und so weiter. Don Dpfer bringen und Rückkehr zur Einfachbett ist feine Rebe. Wir haben Geld für alles, nur nicht für das Nötigste. Jeder denkt nur an sich. Der Gemeinsinn scheint völlig geschwunden. Und es sind nicht nur Schieber, Wucherer rmd Kriegsgewinnler, die da zur- jett schwelgen und pèassen, und unsere frühere finanzielle Oberschicht ist, wie jeder bestätigen kann, ganz bestimmt am wenigsten an diesem Treiben beteiligt; es sind vielmehr auch Vertreter der breiten Schichten des werktätigen Volkes, das in Verblendung und im Rausche großen Geldoerdienstes sich in jeder Weise aus- zuleben sucht. Arbeiterfamilien mit drei oder vier erwachsenen Söhnen, die über Wocheneinnahmen von Tausend und mehr Mark verfügen, glauben, dnß sie etwas von chrem Gelde, das ihnen so schnell und unerwartet in den Schoß stiegt, haben müssen, und so wird denn draustosgelebt ohne Sinn unb Verständnis, an Sparen denken nur wenige. Daß in diesem letzten Jahre der Not und des Elendes das deutsche Volk
fast eine NlilliEde an Zöllen für Tabak
(Zigarren und Zigaretten) gezahlt hat, diese Tatsache allein spricht Bände! Und während die einen das Geld für Zigaretten, Schokolade, Räucherlachs und dergl. zum Fenster hinauswerfen, gibt es daneben, besonders in Familien mit vielen unversorgten Kindern, Hundert- itaufenbe, die ihren Hunger nicht stillen können. Aber was kümmert das diejenigen, die „fichs leisten können"! Von Zeit zu Zett malt Finanzminister Dr. Wirth
das Gespenst des Slaaksbankerolls
an die Wand, mahnt zum Sparen, spricht von der Not- wendigkett des Steuerzahlens, der Einschränkung der Bewilligungswut usw., wer fümmert sich darum? Niemand, man läßt sich nicht stören. Neuerdings hat auch der Reichsminister Koch gelegentlich einer Rundreise im besetzten Gebiet auf unsere traurige Lage hin- gewiesen. Wir lebten in einem verarmten von wirtschaftlichen und politischen Wirren zerrißenen Reich. Das deutsche Volk müsse bie Wahrheit erkennen lernen. Aus ernenn schweren Krieg kommend, lebten wir
über Danzig abgeschnttten zu werden. Aber auch die Lage der Rußen war sicherlich wie die der Deutschen 1914, voller Gefahren; sie verfügten über keinen ge- nügenben Bewegungsraum, wenn sie in Ostpreußen die Kutsche Neutralität wahren wollten, auch nicht über rückwärtige Eisenbahnlinien, die für eine kämpfende Armee unentbehrlich sind. Und so kam es, wie es kommen mußte. Von Warschau aus erfolgte der wohlvorbereitete rmd von französischen Offizieren beratene Vorstoß in die Flanke des rechten Flügels der Rußen, der ihre an der Grenze Ostpreußens bis zur ehemals deutschen Stadt Graudenz vorgedrungenen Abteilungen zwang, zurück zu gehen, damit sie' nicht abgeschnitten wurden. Polen, deßen Regierung ebenfalls schon von der Hauptstadt weit ins Innere, nach Posen, verlegt war, atmet nun wieder auf. Und da die polnischen Heere auch an zwei anderen Stellen mit Erfolg die Russen angriffen, ist wohl die Gefahr für die Hauptstadt Warschau endgiltig beseitigt. Ohne Zweifel liegt in der polnischen Gegenoffensive eine strategische Großzügigkeit, die der französischen Heeresleitung, die sie eingeleitet hat, alle Ehre macht. Kein Wunder, daß man in Frankreich über die polnischen Siege voller Jubel ist. So^schreibt ein Pariser Blatt:
„Man möge uns erlauben, uns als gute Franzosen zu den Resultaten zu beglückwünschen, die durch unsere Tanks erzielt wurden. Denn es standen dort Tanks im Kampf, âd Zwar zu hunderten Tanks, die von uns geschickt f i(f ^ ^ ’ & 2 konnte der ganze Randbezirk mit wurden, und zwar mit Hilfe unserer patriotischen Eisen- AGh e u 0™
bahn er. Auch französische Artillerie und Munition spiel- Leichtigkeit von den Polen überrumpelt werden, zumal ten eine große Rolle. Schließlich waren unsere besten die Sicherheitspolizei zu schwach war, um erfolgreichen Auar Meier yuu wird verhallen: wre I Offiziere dabei." - - ' - ~
von den letzten Reserven und vom Schuldenmachen. Ein Vietrel unseerr eZit arbeiten wir, um die aus dem Friedensvertrag erwachsenden Verpflichtungen zu erfüllen und nur der Rest bleibe für uns. Das Blut, das durch unseren Wirtschaftskörper fließe, die Kohle, wurde uns durch das Abkommen von Spaa noch weiter vermindert. Um die Schwierigkeiten voll zu erfaßen, mui|e man bedenken, daß die Prodicktion auch durch die Kricgsfolgen, die Wirren und die Revolution usw. beemtrachtigt sei, teilweise auch durch den Acht- stlmdentag, solange diese Arbeitszeit' nicht intensiv ausgenutzt werde. Er wolle an dem Achtstundentag feine Kritik üben, jedoch sei dieser geeignet, das Gesamtertragnis unserer Wirtschaft zu vermindern, wenigstens da, wo Beschäftigungsmöglichkeit vorhanden sei.' Das Volk könne, das müsse immer wieder gesagt werden, nur soviel vermehren, als es produziere. Mit Papiergeld sei auf die Dauer nichts zu machen, es vermindere die "Kaufkraft. Es gebe nur das eine Mittel, die Le bensbedingungen zu verbessern und das sei Arbeit, ver meLrle Arbeit, F' ' r — ' .....
so viele andere. Wie eine verheerende Epidemie wird der bacchantische Taumel des Genusses und der Vergnügungssucht weiter rasen. All die fürchterlichen Zahlen über Reichsschuld und Kriegsentschädigung machen gar seinen Eindruck. Und fast nirgends eine Spur von Einsicht und Umkehr, von Ernst und Besserung. Nicht einmal durchweg in allen katholischen Kreisen. Wirklich alle Anzeichen deuten darauf hin, daß es mit Riesenschritten immer weit« abwärts geht. Und ist — das sollte man doch auch bedenken — unter diesen Umständen je zu hoffen, daß unsere Feinde,, die wir doch jetzt bald kennen, einer Milderung des Versailler Friedens geneigter Norden könnten? Oder werden sie sich nicht vielmehr sagen, dieses Volk verdient keine Schonung unb kein Mitleid und keine Rücksicht! Wir stehen kurz vor Genf, wo die Wiedergutmachungssummen festgesetzt werden sollen, die wir zu bezahlen ha- ben. Kann man sich wundern, wenn angesichts des Lebens und Treibens, das in aufdringlichem Glanze den forschenden Blicken der Feinde sich zeigt, deren Begehrlichkeit wächst? Wenn sie sich sagen, dieses Deutschland kann und muß zahlen, bis der letzte Heller unserer Kriegsaufwendungen erstattet ist? Und welches Los verdient dieses Deutschland? Ist das Volk es wert, daß unser Herrgott sich seiner erbarmt und es vom Untergang rettet?
3m Osten
haben sich die Verhältniße in einer Weise geändert, wie man es nicht erwartet hätte. Es ist wieder einmal, wie ein altes Sprichwort sagt 1) anders gekommen, 2) als man dachte. Nach allen Nachrichten, die bis zum Dienstag in den Zeitungen zu lesen waren, schien es, als ob die Polen am letzten Loche bliesen, Warschau sollte bereits von den Rußen erobert sein; wir hatten diese kurz vor Redaktionsschluß eingelaufene Nachricht unseren Lesern auch noch kurz mitgeteilt. Aber be- kamttlich wird vor der Wahl, nach der Jagd rmd im Kriege am meisten gelogen. Im Weltkriege haben wir genug Proben davon erlebt und bei den Russen und Polen geht es nicht anders. Die Rußen prahlten, wie gesagt, schon Warschau eingenommen zu haben, während die Polen bei ihrer Rückwärtsbewegung die größten Siege erfochten haben wollten. In Wirklichkeit ist es wohl in ähnlicher Weise gegangen, wie vor sechs Iahren an der Marne. Wie damals der äußerste rechte Flügel der deutschen Truppen weit über Paris hinaus vorgestoßen ist, so Mß begeisterte Gemüter schon vom Falle der französischen Hauptstadt träumten, zumal die Regierung ihren Sitz von Paris nach Bordeaux verlegt hatte, so waren auch die russischen Truppen jetzt weit hinaus bis zum Korridor, das ist das Stück überwiegend deutschen Landes, mit dem das neue Polenreich an die Ostsee züngelt, vorgedrungen und schon drohte die letzte Verbindung Polens mit der See
Urbrigens dürften die Gefahren ihres Vormarsch- auch den Russen nicht verborgen geblieben sein. Er ist dämm wahrscheinlich, daß ihr Rückzug nicht btt tatsächliche Niederlage bedeutet, welche die Polen melden, sondem ebenfalls von strategischen Gedanken geleitet ist, wie die letzten Berichte, die von einem Still- starS der polnischen Offensive sprechen, zu bestätigen scheinen. v ,
Wie dem nun auch sein mag, an der Tatsache eines Umschwungs in der Kriegslage ändern diese Umstände nichts. In den Verhandlungen in Minsk werden die Russen bei ihren Segnern nicht mehr die Derzweif- lungsstimmung finden, die vor drei Wochen in Warschau herrschte. An eine glatte Annahme der russl- schen Bedingungen ist nicht zu denken, auch dann nicht, wenn es den Russen gelingt, den Verhandlungen von Minsk den Charakter rein russisch-polnischer Sonderverhandlungen zu bewahren und das Zustandekommen einer allgemeinen Konferenz zu verhindern.
Jedenfalls ist vorläufig noch alles in Schwebe rmo Unsicherheit und ohne uns in Vermutungen und Prophezeiungen zu verlieren, wollen wir ruhig abwarten, was die Zukunft bringt.
In Oderschlesien
ist es zu einem polnischen Aufnchr gekommen. Das Verlangen der Deutschen, das von einem kurzen Protestgeneralstreik unterstützt war, daß Oberschlesien in dem Krieg zwischen Polori und Rußland streng neutral bleibt, daß von der Entente weder Truppen noch Kriegsmaterial nach Polm durchgelassen werden, ha- - bett die Polen zu Gegenkundgebungen angetrieben. Di« Ententetnrppen in Kattowitz mischten sich unklugerweift ein und so kam es zu förmlichen Gefechten, bei denen es auf beiden Seiten, bei den Deutschen und den französischen Vesatzungstruppen, Tode und Verwundete gab. Natürlich sind diese Vorgänge nicht von Heule aus morgen entstanden, sondem die Folge eines tiefliegen« dm Grolls, der sich seit langem schon in diese an sich friedliebende und arbeitssreudige Bevölkerung Deutschlands eingefressen hat. Oberschlesien gehört seit Jahrhunderten zu Deutschlarü», deutscher Fleiß, deutsche Ordnung und deutsche Organisation haben das Land in die Höhe 1 gebracht und die Nutzbarnarchung seiner schwarzen Bodenschätze in dem jetzigen, nicht nur für Deutschland, sondem letzten Endes für alle Völker Europas so bedeutungsvollen Umfange ermöglicht. Schon allein der Umstand, daß ein solches Land nach dem Machtspruch der Entente einer Abstimmung über seine staatliche Zugehörigkeit unterworfen sein solle, war geeignet, böses Blut genug zu machen. Hinzu kommt der Umstand, daß der Termin für die Abstimmung immer hinausgeschoben wurde und jetzt 1*4 Jahre nach dem offiziellen Friedensschluß noch nicht festgelegt ist, so daß man in Oberschlesien nicht aus der Unruhe herauskommt. Weiter kam dazu das Verhalten der französischen Besatzung, die es nicht, wie es ihre Aufgabe sein soll, sich angelegen sein ließ, eine gerechte und ob- jeftioe Kundgebung der Bevölkerung bei der Abstimmung zu sichern, sondem in offensichtlicher Weise die polnische Agitation auf Schritt und Tritt begünstigte. Das waren unhaltbare Zustände, und man kann die Erregung der Deutschen wohl begreifen, aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen, wäre es besser gewesen, sie zu zügeln und jedes eigenmächtige Vorgehen zu unterlassen. Schon wiederholt hat es sich gezeigt, daß es in unserer hilflosen Lage und bei unserer völligen Wehrlosigkeit nichts Törichtigeres und für uns Verhängnisvolleres geben kann, als wenn Erregung und politische Leidenschaft über die Vernunft und ruhige nationale Haltung siegen. So ist es in Oberschlesien jetzt zu einem
Einbruch polnischer Banden gekommen, der wohl auch schon lange vorbereitet war, aber jetzt einen willkommenen Anlaß zur Ausführung gefunden hat. Der berüchtigte Polenführer Korfanty
Hatte trotz aller Ableugnungen seinerseits polnische Ge- Heimorganifationen geschaffen und sie mit hetzerischen Reden immer wieder gegen Deutschland aufgeputscht. Die Rollen waren genau verteilt, Waffen in ausreichender Menge zur Bewaffnung der Geheimorganisationen bereit gestellt; auch polnisches Militär stand zur Mit-
Widerstand zu leisten. Der Zweck des volnilckren Dox-,