Pâischer Utk
Ueber 5paa
ist nun auch im Reichstag mehrere Tage verhandelt worden. Nachdem seit Wochen die in- unb ausländischen Zeitungen alle Einzelheiten berichtet, nachdem auch der Ausschuß für auswärtige Angelegenheiten und der neue Reichswirtschaftsrat sich ausführlich mit dem Verlauf und der Ergebnis der Spaaer Verhandlungen beschäftigt hatten, war etwas Neues kaum noch zu sagen und irgendwelche Hilfe konnte die nochmalige Besprechung uns in unserer bedrängten Lage auch nicht bringen. Was man schon oft gehört, wurde frisch aufgewärmt und mit einer neuen Sauce einigermaßen schmackhaft gemacht.
Aèan kann es dem Reichskanzler Fehrenbach, der die Debatte einleitete, glauben, daß wir nur mit blutendem Herzen die schweren Bedingungen der Heeresverminde- rung, Entwaffnung und des Koylenabkommens unterschrieben haben, nachdem es zweimal nahe daran war, daß die Konferenz abgebrochen worden wäre. Aber es galt, Deutschland als Ganzes zu erhalten, was mit dem Einrücken der Franzosen ins Ruhrgebiet unwahrscheinlich geworden wäre. Wer, wie der Großindustrielle Stinnes, der Meinung ist, die Zerstückelung käme doch, der alles verloren glaubt, der mag das Spiel hinwerfen, wer aber irgend eine Hoffnung auf E.Haltung des Reiches hat, der muß jede Galgenfrist als Rettungsmöglichkeit benutzen Wenn überall gespart und organisiert wird und die Bergarbeiter mit Angebot aller Kräfte arbeiten, kann Deutschland auch diese Gefahr überwinden. Große Anerkennung spendet der Reichskanzler dem Außenminister Dr. Simons, als dem eigentlichen Leiter der Spaaer Verhandlungen, der zielbewußt und zielsicher Deutschlands Interessen in der Welt wahrzunehmen bestrebt ist, soweit das bei unserer gegenwärtigen Lage nur möglich ist. Er sieht die Dwae wie sie find. Gefühlspolitik mit dem Herzen, wie wir sie nur zu sehr während des Krieges betrieben haben, kann uns nich: helfen, wir müssen unsere Politik nur mit dem Verstand machen, unsere Politik muß das Rechte tuen, gleichwohl ob wir dabei Freude oder Schmerz empfinden. Er gab zu, daß wir in Svaa nur wenig erreicht haben und Millerand der eigentliche Sieger ist, trotzdem aber bleibt uns nichts übrig, als mit Frankreich wirtschaftlich zusammenzuarbeiten. Die einfältige Herunterholung der französischen Fahne in Berlin, das Benehmen der Reichswehr bei der nach dem Völkerrecht herkömmlichen Ehrung der Fahne hat unsere Arbeit sehr erschwert. Wir müssen die völkerrechtlichen Gebräuche genau beachten; denn wir beanspruchen ja in ähnlichen Fällen für uns dasselbe. Guten Eindruck machte es, als Dr. Simons den beweglichen Geist Lloyd Georges, der in einer unheilbar scheinenden Situation den Ausweg gefunden hat, öffentlich anerkannte unb meinte, ohne ihn und feine Begabung fei eine Lösung der Ostfrage kaum möglich; es liege im allgemeinen Interesse, daß seine angegriffene Gesundheit sich bessere. Das ist um so wichtiger, weil wir von Amerika gar ichts zu erwarten haben. Wohl interessieren sich die Vereinigten Staaten in humanitärer Hinsicht für Deutschland; schicken uns Lebensmittel und kommen den deutschen Kindern zu Hilfe; es ist auch von der Herübersendung von Milchkühen die Rede. Auf amtliche politische Hilfe von Amerika jedoch haben wir uns keinerlei Hoffnung zu machen. Das bedeutet, daß unser politisches Schicksal zunächst ausschließlich von europäischen Faktoren abhängig ist und es leuchtet ein, von welcher Wichtigkeit da gerade die Stellungnahme Englands ist, das ein allzu mächtiges Frankreich in seinem eigenen Interesse la auch nicht wünschen kann. Freilich zeigt sich setzn zur unser Schicksal mitbestimmend ein neuer Faktor Rußland, das nach Dr. Simons Ansicht — die freilich von manchen Beurteilern der Lage nicht geteilt wird — vor «Hem die wirtschaftliche Unterstützung, nicht aber die Revolutionierung Deutschlands erstrebt. Ueber Polen erklärte der Minister, Deutschland Wünsche Polen nichts Boses. Aber wir ließen uns nicht von Rußland durch es trennen. Wolle es eine Schranke bilden, dann gereiche es ihm zum Unheil; als Brücke diene es sich nnb uns.
In der weiteren Aussprache, bei der je 2 Redner von allen Parteien zu Wort kamen, konnte auch Neues nicht gesagt werden. Mit Ausnahme der Unabhängigen und Deutschnationalen, die sich bei solchen Gelegenheiten immer zusammenfinden, waren alle Redner mit der Unterzeichnung einverstanden. Auch wenn durch das |
Kohlenabkommen wirklich eine große Arbeitslosigkeit und Massenelend entsteht, — durch Verweigerung der Unterschrift wäre beides noch viel größer geworden. Die Deutschnationalen warfen der Regierung Schwäche und Knochenweichheit vor. Ob diese Kritiker aber den Mut gehabt hätten, die Unterschrift zu verweigern, wenn sie die Verantwortung dafür hätten tragen müssen, daß am nächsten Tage das ganze Kohlmgebiet in Feindeshand gekommen wäre, das verschwiegen diese Ueberdeutschen, welche die nationale Gesinnung in Erbpacht zu haben glauben. Auf diese Frage des Reichskanzlers gaben sie keine Antwort. Die Aussprache endete damit,, daß das von den Deutschnationalen beantragte Mißtrauensvotum gegen das Reichskabinett mit allen gegen die Stimmen der Antragsteller und der Unabhängigen und Kommunisten abgetönt, dagegen ein Antrag der Regierungsparteien, der eine Vertrauenskundgebung enthielt, mit den Stimmen aller übrigen Parteien, auch der Sozialdemokraten, angenommen wurde. . ,
Der Reichstag
hat nach der Besprechung des Spaa-Abkommens das Gesetz über die Aufhebung der Milttärgerrchlsbarkeit, das schon die Nationalversamnrlung beschäftigt hatte, angenommen. Dasselbe geschah mit dem Gesetz, das die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht ausspricht. Es handelt sich dabei um eine Maßnahme, die uns von der Entente durch den Versailler Vertrag aufgezwungen worden ist und die wir umso schmerzlicher empfinden, weil die anderen bis an die Zähne bewaffnet bleiben. Eigentlich hat ja unsere alte deutsche Armee fd^on vor fast 2 Jahren zu bestehen aufgehört, als sie nach Abschluß des überstürzten Waffenstillstandes und nach Ausbruch der Revolution im November 1918 aus Nordfrankreich und Belgien in die Heimat zurückflutete und sich aufzulösen begann. Es hat sich jetzt im Reichstag nur noch barum gehandelt, ihr sozusagen den Totenschein auszustellen, weil die Entente auf dieser Formalität bestand. Das große deutsche Heer, durch die in einer Zeit schwerster vaterländischer Not vor 100 Jahren geschaffene allgemeine Wehrpflicht zu seiner einstigen Höhe emporgehoben, ist tot. Ihm folgt ins Grab die Dienstpflicht jedes wehrfähigen Deutschen, ein demokratischer Gedanke, ein demokratisches Gesetz, wie es je eins gegeben hat. Einen Leichenstein brauchen wir nicht. Auf den Schlachtfeldern Europas verkünden Hunderttausende von Grabkreuzen, wie der Deutsche seine Wehrpflicht aufgefaßt hat; den Ruhm unseres versunkenen Volksheeres melden immer fortleuchtend durch die Geschichte mehr denn hundert strahlende Siege. Das Andenken an die allgemeine Wehrpflicht wird wachbleiben. Vorerst erscheint es verschüttet, aber jeder gute Deutsche muß wünschen, daß unserem armen Vaterland in absehbarer Zeit der Selbstschutz wiedergegeben wird, der so lange unentbehrlich ist, wie der heute utopistischer als je erscheinende Jdealzustand fern von cms ist, in dem die Atenschheit sich restlos und freiwillig der nwralischen Kraft des Rechtes zu beugen bereit ist. Das durch das Spaaer Abkommen nötig gewordene Enlwaffnungsgesetz wurde, nachdem es in der Kommission einige Änderungen erfahren, gleichfalls angenommen, ebenso ein Amnesllegefeß, das für eine Reihe von politischer Vergehen aus den Kapptagen Strafnachlaß gewährt.
Jammervoll
sind die deutschen Finanzen, nicht auf 17% Milliarden, Die man im Jahre 1919 annahm, sondern auf 25 Mil- iarben beläuft sich der jährliche Steuerbedarf des Reiches. Wohl ist die große Steuerreform in Angriff genommen, aber bis ihre Wirkung sich geltenb macht, dauert es noch eine Zeit und bis dahin wachsen die Schulden weiter und erhöhen die Finanznot des Reiches. In einer Denkschrift an den Reichstag rechnet der Finanzminister mit einem Fehlbetrag in den Betrieben der Eisenbahn und Post von 20 Milliarden Ji, im ordentlichen Reichsetat von 4 Milliarden und im außerordentlichen Etat von 12 Milliarden Mark. Tut zusammen die Kleinigkeit von 36 Milliarden Mark. „Aus diesen Ziffern spricht," so heißt es in der Denkschrift, „eine gewaltige Mahnung an das deutsche Volk, den Ernst der Stunde, in der wir uns befinden, voll zu trennen und das Parlament mit allen Mitteln
Erledigt
ist der „Fall Bela Kuhn"; da die ungarische Regierung zu I seine Auslieferung nicht verlangte, hat unsere Regieunterstützen, damit durch die praktische Ausführung der rung verfügt und onaeordnet. die Ausreise des Jude»
Steuerreform eine weitere Verschlechterung der Finanzlage des Reiches vermieden wird. Es dreht sich um alles. Können wir der Finanznot nicht Herr werden, weil ein Teil des Volkes sich an den papierenen Reich- tum klammert, so wäre eine wirtschaftliche Katastrophe von ungeheurer Tragweite unvermeidlich. Die Folgen einer solchen wären nicht auszudenken." Es sieht aber nicht so aus, als ob die große Masse des Volkes sich der traurigen Lage bewußt wäre. Das gilt nicht nur für die finanzielle Lage, sondern für unsere Lage überhaupt. Nichts macht mehr Eindruck, weder der Frieden von Versailles, der uns zu einem Sklavenvolk gemacht hat, noch das Abkommen von Spaa, dessen Bestimmen* gen wie ein Damokl.sschwert über unserem Haupt hän- gen, noch die wirtschaftliche Krise, die sich überall bemerkbar macht, noch auch die großen Gefahren die aus dem Osten drohen. Wenn die roten Armeen Rußlands Polen erledigt haben, was soll sie tjinbem durch einen Einfall in das durch die Entente wehrlos gemachte Deutschland, in Böhmen und Ungarn ihre Ideen ins Herz Europas hineinzutragen. Das würde unseren
völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten und uns in namenloses Elend stürzen. Leider hat das Volk anscheinend ernstes Denken ganz verlernt. Es fahren ja noch die Eisenbahnwagen, es funktioniert die Post, der Draht, das Gas, das elektrische Licht, in den Läden kann man noch kaufen, was man will, wenn auch teuer, kurz es scheint, als fei alles im besten Gang. Die Kaffeehäuser sind daher überfüllt, tagtäglich hört man ihre Tingeltangel-Konzerte aus ihren Fenstern auf die Straßen tönen, die Theater sind gleichfalls voll, am vollsten, wenn Operetten und liederliche Stücke gegeben werden, in die Kinos strömt das Volk, stets werden neue eröffnet; die Tanzbelustigungen florieren und dem Sport jeder Art wird gehuldigt wie im Frieden, die Vergügungssuchl ist größer als jemals; man will nchils wissen und hören von drohender Gefahr.
Vogelstraußpolilik;
Man hat aber auch jeden Siim für ernstes Denken verloren und zwar oben und unten, in weitesten Kreisen. Auch in solchen, die sich sonst gern christtich nennen, findet man oft eine gedankenlose Oberflächlichkeit. Die Aushöhlung des Christentums in ein bloßes Wort- christentum, das Sonntagsvormittags geputzt zur Kirche geht und nachmittags und abends ebenso geputzt zum Vergnügen und Genuß rennt, hat große Fortschritte gemacht. Die Laxheit der Sitten nimmt überhand. Wohin man schaut, Zeichen des Verfalls, neben denen die wenigen Lichtblicke nichts besagen wollen. Die | Saat scheint reif. Das deutsche Volk hat die Frist, die ihm nach dem Frieden von Versailles zur Buße und Einkehr gegeben war, nicht benützt. Es taumelt bacha- nalisch dem Abgrund entgegen. Die Hand der göttlichen Vorsehung ist ausgestreckt. Die Zuchtrute Gottes ist erhoben. Wann wird sie auf uns hernieder- sausen, was wird unser Schicksal sein, wenn nicht in letzter Stunde noch die Einkchr erfolgt?
Steuern zahlen
tut niemand gern; Jedermann überläßt es gern den andern uni) schimpft über den Staat oder die Gemeinde, die sie ausschreibt. So hat jetzt der lOprozentige Steuerabzug vom Gehalt und Arbeitslohn, der seit 25. Juni zu geschehen hat, namentlich unter den Arbeitern viel böses Blut gemacht. Es handelt sich um das in Berlin am 1. März 1920 beschlossene Neichseinkommensteuergesetz. Es munde mit allen Stimmen der Sozialdemokraten angenommen und namentlich auch der Paragraph 45 des Steuerabzugs von ihnen verteidigt, weil sich dadurch die unentbehrliche schwere Steuer cfleichmäßig aus das ganze Jahr verteile. Es ist also große Heuchelei, wenn sie jetzt den Steuerabzug zur Hetze benützen. Es trifft übrigens der Abzug nicht bloß die Arbeiter, sondern alle Stunde. Und je höher das Einkommen, desto höher die Steuer. Das sind eben die Folgen des Versailler Vertrages, der uns furchtbare Lasten auflegte. Uebrigens muß jeder Vernünftige begreifen, daß uns die jetzige Banknotenwirtschoft noch vollends ruinieren würde und daß das Reich mclft in einem fort ausgebeh kann, sondern auch schwer entnehmen muß, wenn der Topf nicht leer werden soll.