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eine wisset mit Eueren Brüdern, bk in schwerer Not ihren Hilferuf an Euere erbarmende Liebe richten.

In der allgemeinen Not geht mir die Not unserer K i n- b e r noch besonders zu Herzen. Ich hatte die Genugtuung, aus einer Spende des hl. Vaters eine größere 6umme durch die Hände der Herren Pfarrer für die Bedürfnisse der Kinder zm Verfügung zu stellen. Durch die warm­herzige Fürsorge des Vaters der Christmheit bin ich aber- mals in die Lage versetzt, eine weitere Summe verteilen zu können. Indes, was nützt das Geld, wenn es nicht möglich ist, Stoffe zu erwerben, wenn keine Lebensmittel zm Verfügung stehen! Mit dem Heilande möchte ich da ausrufen:Mich erbarmt des Volkes. . . . Und wenn ich sie ungespeist nach Hause gehen lass«, werden sie unterwegs verschmach­ten." (Mark. 8, 2 s.) Unsere Kinder sterben zu tausen­den, wenn keine Hilfe kommt. An Euch ergebt daher meine herzliche Bitte: erbarmt Euch der Kinder! Verkaufet keine Milch und Butter mehr zu Schieberpreisent Sammelt in Eueren Gemeinden die Milch und liefert sie an die Stellen ab, von denen Ihr wißt, daß sie für ordnungs­gemäße Weiterbeförderung in die Städte Sorge tragen.

Geliebte Diözesanen! Es find dringende Mahnungen, die Gott der Herr durch die augenblickliche allgemeine Not uns ollen gibt. Wie leuchtet auch der Hl. Vater in dieser liebearmen und selbstsüchtigen Zeit lurrch sein Beispiel erbarmender, mildtätiger Lieb« uns allen voran! Ueberhören wir nicht die mahnende (^mm- Goißes, folgen wir dem einladenden Beispiel unseres obersten Hirten! Pflegen wir diesen Geist der Nächsten­liebe, üben wir ihn nicht blos jetzt vor der Ernte, wo die Not aufs höchste gestiegen ist, sondern bewahren, nähren und vermehren wir ihn für die ganze Folgezeit. Denn dies« ausrichtige, uneigennützige, opferbereite Liebe ist und bleibt das sichere Kennzeichen der wahren Jünger Jesu, der gesagt hat: »Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr einander liebet! Daran wer­den alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe habet zu einander."

Fulda, den 9. Juli 1920.

t Joseph Damian, Bischof von Fulda.

Line Mahnung.

Von Hermann Weber.

(Nachdruck verboten.)

Der Tag war drückend heiß gewesen; jetzt wehte ein schwacher Wand über die Erde hin, ohne indessen Küh­lung zu bringen, und im Westen flammte ab und zu ein fahles Wetterleuchten auf.

Im Dorfkruge hatte man die Fenster weit geöffnet, um dem geringen Luftzug den Eintritt zu gewähren.

Der Wirt stand hinter seinem Schenktisch und schaute mit listigem Augenblinkern zu den drei jungen Land­leuten hinüber, die um den runden Eichentisch saßen und mit polternden Stimmen über irgendeine Sache redeten. Die Gesichter der jungen Leute glühten im Scheine der Lampe, ihre Augen blickten unklar und verschwommen, uhb die starken Lehnstühle knarrten unter ihren schwer­fälligen Bewegungen.

Der jüngste der drei Zecher, ein breitschulteriger, kraftvoller Jüngling, mit groben, aber nicht unfreund- ichen Gesichtszügen, schlug jetzt mit der Faust auf den Disch, daß die Biergläser emporhüpsten, und rief mit irgerlicher Stimme:

Ihr wollt mich zum Narren halten, ich merk's, aber ch bin nicht betrunken, wie Ihr meint! Kommt nur jeran, dann will ich Euch beweisen, daß ich der stärkste Lursch bin im ganzen Dorfe hab' ich nicht vor ünigen Tagen noch den Sohn unseres Schmiedes im Ringtampfe zu Boden gelegt? ... Ich wüßte nicht, ven ich zu fürchten hatte!"

"^chinipf' nicht, Hannes sie meinen es ja nicht o böser beruhigte ihn der Wirt, hinter dem Schenktisch ^ervortretend und mit den beiden Sungbauern, die schon ange darauf warteten, dem Müllerhannes einen Scha- lernak zu spielen, einen raschen Blick wechselnd.Sie vissen wohl, daß Du ein starker Bursch bist und keinem 'us dem Wege zu gehen brauchst, aber sie meinen, es äße keine Ausdauer in Deinen Gliedern."

»Keine Ausdauer? He, das wollen wir doch shsn!" rief der Gereizte, taumelnd emporspringend und ie starken Arme den Zechgenossen entgegenstreckend: .Soll ich Euch zwei vielleicht auf meinen Schultern 'urch's Dorf tragen?"

»Da müßt ich schon einen besseren Vorschlag", meinte cc Wirt mit einem triumphierenden Blick,wie wäre ^, wenn Ihr drei eine Wette machtet? Da wird sich chon herausstellen, wer recht hat . . . Der Friedel hier at ein Stück reifen Roggen stehen, der geschnitten werden muß: Du, Hannes, mähst bis morgen mittag

Vas Feld ab und bekommst, wenn Du es fertig bringst, eine vollwichtige Doppelkrone für Deine Arbeit schaffst Du es aber nicht, dann verlierst Du den alten Silber­ring, den Dein« Mutter Dir als Erbgut hinterlassen hat, und wirst obendrein noch als Prahler gescholten werden . . . Wie denkst Du über meinen Vorschlag?"

Das große Roggenfeld soll ich in einem halben Tage abmähen?" stammelte erschrocken der halbtrunkene Hannes.

Nun ja drei Männer gebrauchen sonst einen halben Tag dazu, aber wenn Du so stark bist, wie Du Dich immer rühmst, dann besorgst Du es allein!"

Es gilt; ich will Euch zeigen, was ich kann!" schrie der aufgestachelte Müllerknecht, grimmig den Rest seines Bieres hinunterstürzend,bis morgen mittag habe ich das Feld abgemaht und wenn selbst der Böse mir dabei im Wege stehen sollte!"

Als der Hanne« aus seinem schweren Schlummer erwachte, breitete sich noch tiefe Dunkelheit um ihn aus. Schwerfällig nachdenkend lag der junge Mann auf sei­nem Lager und ließ die Begebenheiten des vergangenen Abends noch einmal vor feinen Augen vorüberziehen.

Er war ärgerlich und unzufrieden mit sich selbst.

Selten nur betrat er das Wirtshaus, denn er wußte recht gut, daß einige der Dorfbewohner ihn, den Frem- den, nicht gut leiden konnten und beständig Händel mit ihm suchten.

Gestern abend nun hatte er sich verleiten lassen, an ihrem Zechgelage teilzunehmen, obschon der alte Mül­ler, sein väterlicher Arbeitgeber, ihn beim Fortgangs auch noch ermahnt hatte:Trink nicht über den Durst, Hannes, und halte Deine Sinne zusammen im Dorfkruge kommen mehr Menschen zu Schaden, als in unserem Mühlstrome!"

Die abgeschlossene Wette fiel dem jungen Mann schwer aufs Herz.

Nur zu gut wußte er, daß er nicht mehr zurück­treten konnte, so unsinnig ihm die ganze Sache auch heute erschien; man hätte ihn ausgelacht und mit den Fingern auf ihn gezeigt, und das hätte er nie über­winden können.

Er hoffte, den Sieg zu erringen, denn er kannte die Kraft, die in seinem Körper wohnte; doch der Gedanke, daß er das Vermächtnis feiner toten Mutter aufs Spiel gesetzt hatte, ließ ein heißes Schamgefühl in ihm emporfteigem

Hatte er sich nicht gelobt, das alte Erbstück als einen geheiligten Gegenstand zu betrachten, der ihn in jeder schweren Stunde an die teure Verstorbene erinnern sollte! . . .

Wenn er den Ning verlöre ... der Ring, der ihm für's ganze Leben ein schützender Begleiter fein sollte!

Hastig sprang der Nachsinnende empor und kleidete sich an. -

Mit bebenden Händen öffnete er sein Kleiderspind, zog den wohlverwahrten, unscheinbaren Fingerreif her­vor und murmelte nun mit zugeschnürter Kehle einige Worte, die wohl nur sein Herrgott verstehen konnte! . . . Dann weckte er den Müller, erzählte ihm turg abgebrochen, was geschehen sei, und nahm dann bie Sense vom Haken.

Als Hannes ins Freie trat, war der Morgen soeben angebrochen.

Die Sonne schaute fahlglänzend hinter den Wolken- massen hervor, und ein heißer Dunst schien dem aus­gedörrten Erdboden zu entsteigen. Eme drückende Schwüle herrschte trotz der frühen Stunde.

Noch kurzer Wcmüerung hatte der junge Mann das Roggenfeld erreicht und musterte es mit unsicheren, zagenden Blicken. Kein Hauch bewegte die niederhän­genden Aehren; die seit Tagen brütende Hitze schien auch hier alles Leben erstickt zu haben und lag in bleierner Schwere auf der Natur.

Hannes schärfte die Sense und begann, nachdem er mit Gewalt die Müdigkeit von sich abgeschüttelt hatte, zu mähen.

Nach und nach wurde der Schwung seiner Arme freier und straffer; rauschend sank die reife Frucht zu Boden und immer rascher und weitgreifender zischte der scharfe Stahl durch die Halme. . . .

So verging die Zeit, ohne daß der junge Mann es bemerkte.

Längst hatte er den Rock abgeworfen und die brau­nen Arme entblößt. In brennenden Tropfen rann oer Schweiß von seiner Stirn; fein Atem ging keuchend, und wie im grimmigen Eifer hatte er die Zähne zu- sammengepreßt. . . .

Drei oder vier Stunden waren vergangen, als Han­nes, wie aus einem Traume erwachend, inne hielt.

Er warf einen Blick vorwärts und zurück.

Wohl lag die Hälfte des reifen Roggen am Boden, aber der starke Mann fühlte auch mit Entsetzen, daß seine Kräfie nahezu erschöpft waren. Er stemmte den Stiel der Sense auf den Boden und schloß einen Augen­

blick ermattet die Augen. Doch gleich darauf fuhr <1 wieder empor.

Der Ning! ... Der Ring!" fuhr es durch sein! Sinne.

Hastig schärfte er aufs neue die Sense, riß bett, Hemdkragen auf und mähte weiter. Seine Glieder $iU terten und seine Brust keuchte. . . .

Im Westen stieg es schwarz und schwer herauf.

Dichte Wolkenballen verbargen schon das trübe Lich? der Sonne und ein fernes Rollen erschütterte die un* bewegte dunstige Luftschicht. Zuckende Lichtstrahlen' huschten über den Horizont.

Der Mütterbursche sah und hörte nicht, was um ihch geschah. Schon nahte die Mittagsstunde, und noch hatte er das Ende des Roggenfeldes nicht erreicht. In roll* der Haft, mit einem Gefühl banger Furcht in der Vrustz mähte er weiter, die letzte Kraft einsetzend und alles um sich her vergeßend.

Da zuckte ein Flammenschein durch die Luft und eli^ krachender Donnerschlag folgte unmittelbar darauf», Hannes ließ die Arme sinken und schaute verstört uns sich.

Rings um ihn lag es wie eine leichte Dämmerung die hin und wieder durch fahle Blitze erhellt mürbes in den Lüften wogten schwere Wolkenmassen; ein frk scher Windstoß fegte über das Feld hin, und einzelne Tropfen fielen nieder.

Hannes schaute über das Roggenstück hin und mu*i sterte halb besinnungslos den schmalen Aehrenstreifen/ der noch aufrecht stand und ihm ein lautesVorwärtsk Vorwärts" zuzurufen schien.

Noch einmal hob er die blinkende Sense empor, um auch diesen letzten Streifen niederzulegen da schmet^ terte ein breiter Feuerstrom auf ihn hernieder «in«! Riesenkraft riß ihm die Sense aus den Händen, umS dann drehte sich der Müllerbursche taumelnd um sich selbst und stürzte lautlos zu Boden.---

Als der Hannes wieder zu sich kam, lag er auf einem schwarzgebrannten Stoppelfeld«. Seine Kleidrurz: war durchnäßt, und in feinem Kopfe, dem man durchs ein untergeschobenes Kornbündel eine erhöhte Lage ge* geben hatte, sauste es wie ein Wirbelsturm.

Hinter sich vernahm er laute Stimmen, und als et sich jetzt mühsam emporrichtete, erblickte er den alten Müller, der mit dem Krugwirt und mehreren Dorf- bewohnern in einen lebhaften Wortwechsel geraten war.

Und ich sage es noch einmal der Hannes hat die Wette gewonnen!" rief der Müller,als es im Dorfe' zu Mittag läutete, waren wir hier angelangt, und d» stand kein Halm mehr aufrecht!" t

Hat der Hannes denn das Feld abgemäht, wie wie es bestimmt haben bei der Wette?" gab der Wirt trotzig und widerstrebend zurück.

Das hat er nicht getan; er hatte er aber fertig ges bracht, wenn der Blitz ihm nicht die Sense zerschießen hätte. . . . Was aber das Eisen nicht mehr schaffen konnte, das hat das Feuer getan es hat den letzten Rest des Roggens niedergelegt. Sprecht, Ihr Männers hat der Hannes die Wette gewonnen?"

Er hat sie gewonnen!" scholl es laut und einstim­mig zurück.

Eine halbe Stunde später lag Hannes auf seinem Lager und ließ eine derbe Strafrede bes alten Müller» über sich ergehen.

Der junge Mann schwieg dazu, denn er wußte, ba& er sie verdient hatte. Seine Rechte umschloß den alten Silberring und in seiner Brust gelobte er sich, nie wie» der rückhaltlos seiner eigenen schwachen Menschenkrask zu vertrauen.

Er hatte die Mahnung vom Himmel wohl verstau* den!

3dW.

,.Die Habgier verbucht die Würde und den Adâ der Gesinnung und verdirbt überhaupt den ganzen Cha­rakter des Menschen! Das Sagen nach Aemtern fükpt zu Unaufrichtigkeit und Heuchelei. (Solange allein der Ehrgeiz und nicht auch zugleich die Habc^r die herr­schende Leidenschast war, konnte man wenigstens noch sagen, daß dieser Fehler vielleicht durch TugendsamkeiH gemildert wurde, denn die Sucht nad) Ehre ist immer­hin verzeihlich Aber die nackte Suâ^ nach Geld kann vor keinem Richtersdihl der Moral besehen . . . Un­ehrlicher Erwerb und unsinnige Verschwendung gehen! miteinander Hand in HakH. Der eigene und rechtliche Besitz reicht nicht zur Befriedung aus, man sucht auch noch dem anderen sein Gut zu rauben. Natürlich mutz dabei die Ehrenhaftigkeit, alle Scham und jedes tiefer«! Sitllichkeitsgefühl zugrmDe Mhen."

So schrieb der römische Geschichtschreiber C. Sallu- ftius Crispus, der im Safer« 35 o. Chr. gestorben ist» Und beute?