Das SpiegmänncW.
Unter diesem Titel brachte die „K. V." vor einiger Zeit folgende niedliche Erinnerung ans der Vergangenheit des Fuldaer Landes.
Es sind kaum sechzig Satire verflossen, und doch kann sich unser heutiges Geschlecht nur schwer ein Bild davon machen, wie vor 1866 und 1870 das Leben verlief — ebenso wie unsere Nachkommen sich die Zustände von 1914 werden vorstellen können.
Damals vor 1866 war das Leben einfach. Das Geld war rar, der Verdienst knapp, die modernen Verkehrsmittel waren nur in den Großstädten vorhanden, freilich auch in einer uns heute kleinstädtisch anmuten- den Weise. Aber eins hatten die Leute von damals vor den unsern voraus: sie waren zufriedener, vielleicht weil sie weniger nervös, sicher weil sie religiöser, gottesfürchtiger waren..
So war es auch bei Hanjörg Wehner, dvm Dorfpolizisten von . . zell. Sein Gehalt war lächerlich gering, und doch glückte es ihm, sich noch manchen Kreuzer zurückzulegen. Dabei war er alt geworden, eine Ruine aus der Zeit der F u l d a e r F ü r st b i s ch ö fe. Er war unter dem Namen Spießmännchen bekannt, und wenn er auch den Namen nicht gern hörte, er trug ihn doch mit Recht. Gewöhnlich kam er in Leinen gekleidet, aus selbst gestern Flachs; er trug einen leinenen Kittel, leinene, über dem Knie gebundene Hosen und je nachdem hölzerne oder lederne Schuhe, auf dem Kopfe eine Militärmütze. In seinen Händen trug er einen Spieß, also einen Holzschaft mit einer eisernen Spitze darauf. Ob er den Spieß auch im Ernst gebraucht hat, ist unbekannt, er war mehr Dekorationsstück, Zeichen seiner Amtswürde. Hätte er je sich mit dem tiefen Goliath vergleichen wollen, seine kleine Gestalt hätte ihn vor jeder Ueberhebung bewahrt.
Ganz anders trat das Spießmännchen Sonntags oder gar Feiertags, z. B. am Fronleichnamstage auf. Sauber gewaschen und soweit es ging, sauber rasiert, trug er eine vollständige Uniform, einen Rock mit ziemlich langen Schößen, der Halskragen war um und um rot, nicht wie bei den Preußen vor 1866 nur halb. Die Hosen waren richtige lange Militärhosen, und auf dem Kopfe hatte er eine Militärmütze besserer Garm- tur. Die dritte Montierung, die er außer Dienst trug, wenn er z. B. bei einem Bauer im Taglohn arbeitete, war wie die erste, nur daß er auf dem Haupte eine Art Dreimaster mit Schnüren trug, vielleicht nicht groß genug, um Gewitter zu verteilen, sicher aber so groß, um als Regendach zu dienen.
In seiner Jugend war Hanjörg Soldat gewesen, hatte als solcher die glorreiche Kampagne der Fuldaer Landwehr in Südfrankreich mitgemacht. Sie sollte den großen Kaiser besiegen helfen, aber entweder hatte Napoleon zu viel Angst vor der Fuldaer Landwehr und schloß schnell zu Fontainebleau Frieden, um zu retten, was zu retten war, oder — was mehr der Wahrheit entsprechen soll, zog die Landwehr zu langsam voran, daß sie überall zu spät kam. Sie erreichte jedoch über Gent und Grenoble Lyon, wo sie längere Zeit garmsomerte. Von Schlachten wußte Hanjörg natürlich wenig zu erzählen, auch nicht von den Städten, wo er gewesen war. Mit der deutschen Schrift lebte er schor, mehr auf dem Kriegsfuße als die Landwehr mit den Franzosen, und da war nicht zu ver- iangen, daß er die welschen Namen behalten sollte. Ein Erlebnis, fast das einzige, war ihm besonders in ter Erinnerung geblieben, dies wurde er deshalb auch ~ . mi''- ich etilen. Die Landwehr war einst bei SkimKon, ein Wort, das er nach seiner Weise aus-
C1V °*!?? ^^ Ziemlich behalten hatte. Da verirrte sich ein Haslem ins Regiment. Schneller als gegen die Franzosen forderte sich die Truppe, umschloß das Haslem kreisförmig, und indem die Mannschaften kon- ^ntrisch vorruckten, wurde der arme Lamve gefangen Er wurde ein Braten für den Herrn Oberst.
Nachdem der Krieg beendet war, zog die Landwehr nach Hause, aber viel zu langsam für Hanjörg und andere Heißsporne. Die Herren Offiziere aller- omgs hatten Gefallen an dem langsamen Marsch, sie .uchen sich in den Quartieren feiern und fürchteten, ihre nicht geringen Marschgebühren allzu bald zu ver
lieren. Die Mannschaften aber litten Hunger, erhielten keinen Sold und hatten Heimweh nach Frau und Kind und ihren Lieben.. So war die Landwehr bis nach Heidelberg gekommen, dort aber war der Drang zur Heimat nicht mehr zu bändigen. Und jetzt kommt der Schildbürgerstreich.
Die Heimwehgeplagten — etwa zwei- bis dreihundert, — zogen vor die Wohnung des Obersten, redeten dort der Schildwache zu, die sie bann in die Wohnung einließ, und dort nahmen sie die Fahne an sich. Die Fahne war aus rotem Seidenzeug und trug auf der einen Seite das Bild des hl. Bonifatius, auf der anderen das achtkantige Fuldaer Kreuz. Mit der Fahne und zwei Trommlern zogen sie ab. Da sie die Fahne bei sich hatten, waren sie ja nicht „fahnenflüchtig". Die Offiziere waren gerade auf einem Ball, und als man andern Tags den Ausreißern nachsetzen wollte, war es zu spät, sie hatten schon einen zu großen Vorsprung. Auf Umwegen, unter Vermeidung der größeren Städte, kam die Truppe durch den Vogelsberg, also von Westen statt von Süden nach Fulda.
Dort waren sie anfangs guter Dinge. Die Fahne brachten sie zum Obersten in Fulda und wurden bei den Bürgern einquartiert. Die Lage änderte sich aber, als am dritten Tage die Besatzungen von Frankfurt, Hanau und Aschaffenburg mit zwei Kanonen eintrafen. Die Deserteure, welche sich mit ihren Waffen auf dem Dom platz aufgestellt hatten, wurden umzingelt und zur Uebergabe aufgefordert. Da sie die Kanonen, vor welchen sie in Frankreich schon so große Angst gehabt hatten, auf sich gerichtet sahen, ergaben sie sich nach kurzer Bedenkzeit auf Gnade und Ungnade. Sämtliche Mannschaften wanderten ins Militärgefängnis, die Haupträdelsführer vors Kriegsgericht nach Frankfurt. Dort wurden sie zum Tode verurteilt, aber in Anbetracht der Verhältnisse, da sie nicht fahnenflüchtig hatten werden wollen, sondern nur aus Not und Hunger den Schritt getan hatten, zum Spießrutenlaufen verurteilt, die andern nach kurzer Strafzeit entlassen.
Hanjörg hatte uns das eines Tages erzählt, und nun wußten wir, warum er bei Wetterumschlag immer über Rheumatismus und Ameisenlaufen über den Rücken klagte. Es war ein Andenken an feine Kriegszeit, von der sonst die Auszeichnungen auf der Brust getragen werden. Als Hanjörg, der seither bei einem Bauern in Dienst gewesen war, zu größerer Arbeit untauglich wurde, erhielt er das Amt des Gemeindedie- nees. Die kärgliche Besoldung, ein Stück Ackerland, um seine Kartoffeln zu pflanzen, hier und da ein Taglohn von ungefähr einer Mark od.r wenn er die Kost erhielt, von fünfzig Pfennig, bildeten seine Einnahmen. Von früher Jugend an zur Genügsamkeit gewöhnt, hatte er sein ihm reichendes Auskommen. Das Amt des Dorfpolizisten erforderte nicht viel Arbeit. Es gab wenig zu stehlen und deshalb auch wenig Spitzbuben, und die Bettler und das fahrende Gesindel trieben allen Spießmännchen zum Trotz noch viels Jahre ihr Wesen.
So kinderlieb Hanjörg sein konnte, so unerbittlich war er, wenn er Jungen beim Obstdiebstahl erwischte. Eines Tages hatte er einen Trupp solcher jugendlicher Uebeltöter anfgestöbert, die zudem noch am Obst des „Herrn", wie der Pfarrer und überhaupt der Geistliche in jener Gegend genannt wird, sich vergriffen hatten. Da er gerade seine Lederschuhe trug, glaubte er es riskieren zu können, die Uebeltäter zu fangen. Doch diese, die Jacke über den Kopf, damit man sie nicht erkennen könne, waren bald entwichen. Das Spieß- männchen setzte ihnen nach, mußte sich aber bald verschnaufen. So ging es wiederholte Male, denn jedesmal blieben die Rangen auch stehen. Setzte dann Hanjörg wieder zum Laufen an, so riefen die Jungen: „Spießmännchen, wollen wir wieder ein bißchen?" Endlich erinnerte er sich an die Pflicht des Gescheiteren. und mit dem Bewußtsein, etwas Großes gewollt zu haben, ging er nach Hause.
An den letzten drei Tagen der Karwoche schweigen bekanntlich die Glocken. Damals, vielleicht auch heute noch zog die Jugend unter ungeheurem Tamtam mit Klappern und Ratschen durch den Ort und rief je nachdem: Es laut, es laut zum ersten Mal — Es läut, es läut zum zweiten Mal — Es laut, es läut zusam
men l Einmal muß der Spektakel Hanjörg zu arg gewesen sein; er war gerade in Festtagsuniform, also in höchster Würde und wollte deshalb von seiner Polizei- gewalt Gebrauch machen und den Lärm verbieten. Natürlich machten die Jungen nur noch größeren Lärm und man hörte auch dazwischen „Spießmännchen" rufen. Das weckte Hanjörgs Zorn und er nahm einen Anlauf, am einen dec ärgsten Schreier am Ohr zu fassen. Er wußte ja noch aus seiner Militärzeit, daß, wenn man die Hauplschreier unschädlich macht, die andern sich bald geben.
Wie er nun den Anlauf macht, kommt ihm der lange Säbel zwischen Uniform und Beine, und er fällt schmählich zu Boden. Als das die Bande sah, riefen sie aus einem Mund: „Er leit, er leit zum ersten Mal; er leit zusammen!" Betrübt schlich das Spießmänn- chen, mit Schmutz bedeckt, nach seiner Wohnung, wo ihm einige mitleidige Seelen die Kleider reinigen halfen.
Die ortsüblichen Bekanntmachungen mit der Schelle gehörten auch zu den Dienstpflichten des Gemeinde- dieners. Komisch war es immer anzusehen, wie ein Gänserich vor dem Spießmannchen Herzog, wenn es etwas ausschellte. Vielleicht war es der Ton der Schelle oder das laute Ausrufen, vielleicht so eine Art Vererbung als Anklang an die Wächter des Kapitols: jedes Mal beim Ton der Schelle oder dem Laut der Stimme erhob der Gänserich sein Geschnatter. Tragisch aber wurde es, als einst im Frühjahr eine Schar Gänse sich dem Gänserich anschlosien. Mit Spieß und Schelle wollte Hanjörg die Gänse verscheuchen, dies« aber verstandett es falsch und griffen ihn selbst an. Zum Unglück kam auch noch ein Hund, der sich an den, heute nicht durch die lange Hose bewehrten Waden versuchte. Wer- weiß, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn nicht ein paar Buben Gänse und Hund verjagt und das Spießmännchen befreit hätten.
Hanjörg war inzwischen ein Siebziger geworden. Arbeiten konnte er nicht mehr, auch feinen Dienst nicht mehr versehen. Armen- ober ähnliche Häuser gab es damals nur wenig, es fiel der Gemeinde $u, für feinen Unterhalt zu sorgen, und so wurde er „umgehalten", d. h. ein jeder Nachbar (Bürger) mußte ihm der Reihe nach das Esten geben. Nicht überall ging es ihm dabei gut, aber die meisten Bewohner teilten gern ihr Mahl mit Hanjörg, gaben ihm wohl auch etwas Tabak für fein Pfeifchen ober etwas Geld für ein „Kännche Branntewin". Das Jahr 1866 erlebte er noch und sah die Vertreibung des Kurfürsten von Hessen.
„Du wirst sehen, Friedrich," sagte er zu mir, „jetzt bekommen wir wieder einen Fürstbischof". Er lebte noch in und von den Erinnerungen der alten Zeit.
Bald darauf starb er fromm und friedlich, wie er gelebt, und fein Leichenbegängnis versammelte fast die ganze Gemeinde an seinem Grabe, da er keinen Feind gehabt und bei jung und alt, bei reich und arm beliebt gewesen war.
Rommerz. Die Vorbereitungen für den christlich-nationalen Arbeilertag am 25. Juli sind im lebhaften Fluß. Und wenn das Wetter muljilft, dann verspricht diese Tagung eine machtvolle Kundgebung, ein imponierendes Bekenntnis uir chrißlichnatimralen Arberlerbewsgung zu werden, fein glänzender Festzug wird sich durchs Dorf be- wegen; hervorragende Redner werden sprechen: Abg. Steyer-Essen und der (Gauleiter des Getverkvereins chtiulicher ^Bergarbeiter Mitteldeutschlands Wilhelm Weibels-Helmstedt. Auch bat der Reick^wasabge- ordnete Höner (Ztr.) sein Erscheinen in Aussicht gestellt. Kein Arbeiterverein und keine Zahlstelle der christlichen Gewerkschaft darf fehlen.
? Ecktveisbach. Dem aus sibirischer Gefangenschaft hetmgekehrtcn Lehrer H o f von Melpertz wurde vom 1. Juli ab die Schulstelle in Elwe'sbach übertragen — Am 1. Juli waren es 2 5 Jahre, daß die hiesige Postagentur errichtet wurde. Ihrem Besteh:; vom