Der Volksfreund
nr. ).
4 Beilage zum Domsatturkolen. *o:
Zulda, den 16. Mai (920.
E.was für Männer.
Vor kurzem hat eine katholische Zeitschrift Briefe >es Geschichtsschreibers Onno Klopp an den berühmten Bereifet ^er „Geschichte des deutschen Volkes" Johanies Janssen veröffentlicht. In ihnen spricht Klopp — ibrigens ein Monn, der für seine Ueberzeugung viel gelitten hat — mehrfach sich sehr kräftig aus über die Menschen seiner Zeit. ^ o sagt er von vieren Oester- reichern: „Es ist mir. als ob die Leute h'erzu'.andr keine moralische Knochen hätten — alles Schwamm." Und ein anderes Mal: „Es ekelt mich vor diesen Lchwammseelen." Und wieder: „Hier ist alles Schwamm, Schwamm, Schwamm."---
Vielen, ach allzuvielen Männern unserer Zeit kann man den Vorwurf nicht ersparen, daß sie Schlamm- seelen seien.
Der Schwamm fragt nicht, ob man ihn in reines oder in schmutziges Wasser wirft. Ihm ist alles gleich. Der Schwamm fragt nicht, wessen Hand es ist, die ihn formt, wie sie ihn braucht. Er paßt sich allen ohne Unterschied an. Der Schwamm hat keine Knochen, kein Rückgrat — ein Griff, und er ist plattgedrückt.
So ähnliche Eigenschaften wie der Schwamm haben sehr viele Männer.
Kew Rückgrat haben, keine moralische Knochen, wie Klopp sagt, das will heißen: sie haben keine Grundsätze. Sic machen in der Kirche mit und bei der kir- chenfenckuichen Sozialdemokratie. Seelische Knochenerweichung könnte man diese Krankheit nennen. Sie 'ommt bei hoch und niedrig vor. Ausschlaggebend ist olch-n Menschen nicht ihre innerste Ueberzeugung, andern üj; Nutzen, ihre Ehre, ihr Fortkommen. Dem ordnen sic alles unter.
Cchwammseeien sein, das heißt: keinen Mut besitzen . Wie viele geben im Herzen der Kirche und dem Glauben ihrer Kindheit recht. Aber wenn es einmal heißt. Fart: bekennen, zu einem kirchlichen Umzug kommen, seinen Namen für einen Aufruf oder eine Wahlliste zur Verfügung stellen, da klappen sie zusammen wie ein Taschenmesser. Ja, Gott sei es geklagt und laut sei er ausgesprochen. Vielen fehlt der Mut der Bckenntnistrcue. Wie Schwämme lassen sie sich plattdrücken von der Hand eines ungläubigen Agitators, der ihnen droht oder sie hänselt, von der Hand eines Vorgesetzten.
Schwammseelen sind solche, die glauben, zwei Herren dienen zu können. Gott und der goitfeindlichen Welt. Das sind die Halben, Unentschlossenen, die mit ihrer Ueberzeugung nicht ernst machen. Sie kommen ab und zu zur SirdK, wohl auch zu den Sukramenten. Aber aus dem Glauben leben, das fällt ihnen nicht ein. Sie machen weile- ihre Schieber- und Wuchergeschäfte, sie hätscheln treuer ihre Leidenschaften, sie brechen nicht mit ihren schlimmen Gewohnheiten. Der Glaube ist nicht der Kern ihres Lebens, sondern höchstens Zierrat, Gewohnheit.
Schwammseelen, das sind solche, die politisch und religiös in allen Farben schillern. Man weiß nie recht, woran man mit ihnen ist. Womit soll ich lmäie Seelen aufrütteln? Ich will ihnen einige Gottesworte zurufen. Was Gott sagt, dringt ja in die Seelen wie ein zweischneidiges Schwert.
Elias ruft euch zu: Wie lange hinket ihr nach beiden Seiten! <ft der Herr euer Gott, so folget ihm: ist es aber Baal, so folget diesem." (2. Kön. 18, 21.) Der weise Seiuc Suach roht: „Weh? dem doov^'^ Herzen .dem Manne, der auf zwei Wegen geht." (2, 11.)
Aken Zaghaften sagt Moses: „Seid mannhaft und tapfer' Fürchtet euch nicht, noch erschrecket ..., denn der Herr, dein Gott, ist selbst dein Führer, er laßt nicht ab von dir und verläßt dich nicht."
^? hat einmal einen Heiligen gegeben, durch dessen Beispiel die Zaghaften und Schwächlichen unserer Zeit pemaNig gemahm werden können. Seine Lebensge- m'lchle st uns erst vor kurzem geschenkt worden tvon Joh Jol. Laut, bei Herder in Freiburg). Es ist der hallige G olumban, ein ^re. Sein ganzes Leben 'st ein immerwährendes und bitteres Opfern für feine Grundsätze. Er hat beschlossen Mönch zu werden: und als er die Heimat verlassen will, legt sich die Mutter auf die Schwelle des Hauses, um ihn zu hindern. Colum- van schreitet über sie hinweg und folgt seinem Vorsätze. Ein König entzieht ihm und seinen Mönchen auf den Nat einer rachsüchtigen Frau die Einkünfte. Kolumban
geht an den Hof des Königs, droht ihm mit Gottes- Strafgerichten und zerschmettert den Tisch, der mit köstlichen Speisen gedeckt worden war, um ihn zu versöhnen. Um seinen Grundsätzen auch nicht das Mindeste zu vergeben, verläßt er von seinen Feinden ge- hetzt, das von ihm gegründete, zärtlich geliebte, blühende Kloster und geht in die Verbannung, unstet wandernd von Land zu Land.
Gewiß sind das Züge, die nicht erwähnt werden, damit wir sie so nachahmen, wie sie sich uns darbieten. Abm eines verdien Nachahmung: der Geist, der aus ihnen spricht, der Geist unentwegter, opferbereiter Mannhaftigkeit, der Geist furchtloser Grundsatzfestigkeit und Ueberzeugungötreue.
Seren wir Männer wie Columban! Möge er uns Rückgrat und moralische Knochen erbitten.
Katholik und Sozialismus.
Sozialismus, Sozialdemokratie, soziale Frage sind Worte, die auf allen Lippen schweben. Und so viele, darunter auch katholische Männer. sind von sozialistischen Ideen eingesteckt und halten es mit den Sozialisten oder Sozialdemokraten, freilich ohne deren Programm zu kennen, ohne recht zu wissen, was denn eigentlich der Sozialismus und dessen Führer im tiefsten Grunde wollen. Das bekannte selbst ein Sozia- listen-Führer, Dr. Vollmar, auf dem Parteitage zu Berlin 1892 mit den Worten: „Wenn sie als Sozialdemokraten nur diejenigen aufnehmen wollen, welche bei ihrer Aufnahme unser Programm voll und ganz verstehen, wie viele würden Sie denn zurücklassen müssen? (Zuruf: Eine ganze Masse!) Ja, vielleicht die Mehrheit." (Protokoll de» Parteitages zu Berlin 1892, S. 205.)
Darum ist es notwendig, immer und immer wie- eer die Männerwelt und vor allem auch die Jugend über das eigentliche Wesen des Sozialismus gehörig aufzuklören. Zuerst die Frage: Was will der $o- alismus?
Im November 1902 beschloß der sozialdemokra- 'ische Stadtrat von Limoges, den Gebrauch oll jener Bücher in den städtischen Schulen zu verbieten, worin der „Name des sogenannten Gottes" vorkommt. Da haben wir's: der Sozialismus will feinen Gott, keine Religion.
Die sozialistischen Führer erklären das auch zanz ausdrücklich. Als 1893 im Reichstag das sozialistische Programm grundsätzlich erörtert wurde, schloß Bebel seine erste Hauptrede vom 3. Februar mit dem bekannten Spottvers auf den Himmel, den er „den Engeln und Spatzen" überläßt und an anderer Stelle erinnerte er an die Erklärung von 1872, seine Partei erstrebe Demokratie, Sozialismus und Atheismus.
Sozialist Welker sagte auf dem Münchner Parteitage am 19. September 1902, man müsse zunächst die Grundlage des Glaubens erschüttern, dann erst sei der Boden für die sozialdemokratische Belehrung vorhanden. Am 13. Februar 1903 stellte der Abg. Albrecht im deutschen Reichstage wohl die Behauptung auf, bei den Sozialdemokraten sei Religion Privatsache, fast in demselben Atemzug widerlegte er sich selbst, indem er hinzufügte: „Freilich sagen wir den Arbeitern: Wenn ihr glaubt, daß irgendwo im Himmel oder sonstwo euch es besser gehen wird und daß euch die gebratenen Tauben in den Mund fliegen werden, dann seid ihr Toren!" Mag die Sozialdemokratie immer wieder offiziell die Religion als Prioatsache erklären, in der Praxis pflegt sie kein Hehl daraus zu machen, daß sir dem gesamten Christentum grundsätzlich als Feind gegenübcrsteht. In den Soz. Monatsheften 1911 I 40 sagt der Genosse Dr. Maurenbrecher: Marx, Engels, Losalle und auch ihre Nachfolger Liebknecht, Schweitzer usw. sind immer der Meinung gewesen, daß die Religion im geistigen Leben des Volkes ihre Rolle aus- gefpielt und für den Sozialisten gar keine Bedeutung mehr hat. Der wissenschaftliche führende Genosse Kautzky erklärte (Broschürenausgabe 2. Heft 1905), daß der wissenschaftliche Sozialismus mit den Kernpunkten jeder Religion in Widerspruch stehe. „Die Annahme eines persönlichen Gottes und einer persönlichen Unsterblichkeit ist unvereinbar mit dem heutigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis im allgemeinen, von i der der wisjenfchasillchL Sozialismus ein Teil ist, der *
sich nicht willkürlich vom Ganzen abtrennen läßt". Dal ist gewiß für jeden, der denken will und kann, deutlich genug. Der Theorie entspricht die Praxis. Wo ist ein sozialistischer Führer, der religionstreu und kirchengläubig geblieben wäre? Wo ist eine einzige sozialistische Tageszeitung, die der Verhöhnung und Verspottung der Religion in sozialistischen Blättern entgegengetreten wäre, wo ist eine solche Zeitung, die auch nur ein Jahr lang nicht selber Verunglimpfung religiöser Ueberzeugung begangen hätte?
Was will weiter der Sozialismus? Religions- losigkeit der Volksschule. Auf dem fozialdemokratischen Parteitage zu Halle (1890) wurde zu Protokoll genommen (S. 175): „Der Religion können wir bloß dadurch zu Leibe gehen, daß wir die Religion des Einzelnen ruhig Religion sein lassen, ihm aber Wissen beibringen. Die Schule muß gegen die Kirche mobilisiert, d. h. in Bewegung gesetzt werden, der Schulmeister gegen den Pfaffen: richtige Ersetzung beseitigt die Religion von selber." Kann man deutlicher reden?
Aehnlich erklärte im Jahre 1889 ein sozialdemokratischer Redakteur (Geck aus Offenburg, Baden): Die Sozialdemokraten verlangen: 1. vollständige Beseitigung des Religionsunterrichtes; 2. Zwangsschule, in der aber im sozialistischen Staat nur anerkannte Lehren der Naturwissenschaften gelehrt werden dürfen.
Fast noch verhängnisvoller ist ein drittes Ziel des Sozialismus: Er will die Auflösung der christlichen Eh« und Familie. „In der Liebeswahl", schreibt Bebel („Die Frau und der Sozialismus", S. 427), „ist die Frau gleich dem Manne frei und ungehindert. Sie freit und läßt sich freien und schließt den Bund aus keiner anderen Rücksicht als auf ihre Neigung. Dieser Bund ist Privatvertrag ohne Dazwischentreten irgend eines Funktionärs . . ." Also h traten und wieder auesinandergehen — ganz nach Belieben, noch „Neigung", wie man ein Kleid anzieht und wieder ablegt
Weiter: Das Kind gehört nicht den Eltern, sondern der Gesellschaft, die es als „Zuwachs" betrachtet. Wer der Vater ist, ist Nebensache. Der Mutter bleibt das Kind nur so lange, bis es allein laufen und essen kann, dann übernimmt die Gesellschaft seine Erziehung." Gott bewahre uns vor solchen Zuständen, vor Zuständen, die an diejenigen unter den Wilden erinnern! Und solche Zustande will also der Sozialismus! Jetzt aber höre ich einen oder den anderen Leser vielleicht rufen — „Herr Pfarrer — seien Sie nicht parteiisch, übergehen Sie nicht einen wichtigen Punkt. Der Sozialismus will ja besonders den Kampf des unterjochten Arbeiters gegen die Uebermacht des Kapitals, die Besserung der gedrückten Lage des Arbeiterstandes."
Nun, mein Freund, ich danke für deine freundliche Erinnerung: aber sie wäre nicht nötig gewesen, denn ich wollte eben gerade hiervon sprechen. Ja, ja, wenn der Sozialismus nur das wollte, nur den armen Arbeitern helfen, dann ginge ich heute noch zu ihm über. Daß er aber nur dieses wolle, wirst du nach den vielen oben zitierten Aussprüchen doch nicht im Ernste meinen. Ich weiß dir aber jemanden, der wirklich nur diest r will, und das ist die Kirche.
Sie will die sozialen Schäden heilen, wahre, wirkliche, dauernde Rettung bringen der bedrängten Menschheit. Dieses Wort der Befreiung, des Mitleidens und der Liebe hat das einstige sichtbare Oberhaupt der Kirche selber, nämlich Papst Leo XIII^ gesprochen in jener herrlichen
Kundgebung vom 17. Mai 1891, von welcher Englands großer sozialer Bischof, Kar- )inal Manning, sagte: „Seit jenem Tage, an dem die göttlichen Worte: ,Mich erbarmet des Volkes', in der Wüste gesprochen wurden, ist keine Stimme in der Christenheit erschollen, die mit so tiefer und liebender Sympathie für den arbeitenden und leidenden Teil )er Menschheit eingetreten wäre, wie die Leos Xiu." Also, mein Freund, katholischer Mann, katholischer Jüngling, willst du redlich „die Besserung der gedrück- en Lage des Arbeiterstandes", dann schließe dich nur recht enge an deine getreue Mutter, die Heilige Kirche, und ihre Vereine und Einrichtungen an und du wirst sicher in deinen lobenswerten Bestrebungen mächtig gefördert.