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Der bevorstehenöe Wahlkampf
wird für das Zentrum überaus schwer werden, es wird nicht nur gegen links, sondern auch nach rechis sich wehren müssen. Was von rechts zu erwarten ist, zeigt u. a. das deutschnationale „Wahlhandbuch für Jedermann" von einem gewissen Dr. Neumann. Darin werden alle Parteien geschildert, auch das Zentrum, das natürlich sehr schlecht wegkommt und dessen Schilderung bezeichnend ist für die in diesen Kreisen herrschende Auffassung und Beurteilung der Zentrumspar- Lei. Es kehren darin die altbekannten Phrasen wieder, wie man sie aus evangelischen Bundesblättern kennt. Das Zentrum habe „undeutsche Grundsätze", habe die „Monarchie verraten" (als ob der Kaiser nicht selbst durch seine Flucht die Krone verscherzt hätte) nur um seine ultramontanen Sonderinteressen zu fördern". Das Zentrum sei stets bereit, „den nationalen Staat zu schädigen, wenn es der römisch-katholischen Kirche dabei besser geht." „Die demokratisch-klerikal-sozialistische Mehrheit hat von der Reichsgründung an bis zum Weltkrieg, und erst recht nach dem Weltkriege als regierende Gruppe die Lebensinteresfen des Reiches immer vernachlässigt und geschädigt, insbesondere aber die nationale Abwehrrüstung bekämpft". (Und dabei hat das Zentrum die deutsche Flotte schaffen helfen und für das Heer getan, was möglich war.) Besonders kräftig geht's natürlich her über „Erzberger, den Organisator des deutschen Ruurs" und schließlich versteigt ^ich der Verfasser zu der Behauptung „Der beutfdje Zähler, erst recht der deutsche Katholik, handelt wider Ehre und Gewissen, wenn er für das Zentrum stimmt." t b wohl auch nur ein Zentrumswähler auf diesen ■ rutschnationalen Leim gehen wird? Für heute sei nur so wel oef^h E'-o Bartel. an deren Rockschöße
4 für ewige Zeiten Putschmacher wie ein Kapp, ein ■'■"raub, ein g^-ai-gi haben, hätte allen Anlaß,
* schamlos- Hetze ce^sn das Zentrum und seine Führer einzustellen. Am Sonntag nach dem Putsch (14. ::urz) predigte in Berlin in der Kaiser-Wilhelm-Ee- t ächtniskirche der „Hof"prediger Döring und sprach es £ len aus, der Kampf müsse gegen Allramonlamsmus mb Sozialdemokratie" geführt werden. „Gegen Ultra- montanismus imb Socialdemokratie", diese geistige Lösung der Berliner Marzrevolvüon mag auch Herrn ■ eneral Ludendorff auf den Leib zugeschnitten sein. In katholischen Kreisen ist folgendes nicht unbekannt - blieben. Den um die Soldatenseelsorge im Krieg verdienten Kaplan Venn in Düsseldorf, der auch die Gründung der katholischen Soldatenheime in der Hand katte, herrschte der damals noch Allgewaltige an mit den Worten: „Was wollen Sie denn eigentlich mit hrer religiösen Beeinflussung in unseren Soldatenhei- men? Das ist Humbug (Schwindel)! Ich wünsche keine religiöse Beeinflussung der Soldaten im Krieg noch nach dem Krieg." Diese Worte erklären unendlich viel und geben den letzten Schlüssel für das Unglück, in das Ludendorff das deutsche Volk nicht nur einmal, sondern zweimal hineingestoßen hat. Ein Ludendorff erklärt die religiöse Beeinflussung für Humbug. Kein Wunder, daß ein Militärdiktator mit solchen Anschauungen der „ultramontanen" Friedenspolitik des Heiligen Vaters, des Vaters der katholischen Christenheit, mit höchstem Mißtrauen gegenüberstand und sie zum Scheitern brachte. Kein Wunder, daß er auch der „ultramontanen" Friedenspolitik der deutschen Zentrumspartei mit absolutem Mißverstehen und Mißtrauen gegenübertrat, in der gefügigen alldeutschen und vaterlandsparteilichen Hetzpresse diese „ultramontane" Friedenspolitik als ein Unglück für Deutschland erklären, und Erzberger, den Vater der Friedensresolution, als Reichsverderber verfolgen ließ, und so die ganze Friedenspolitik des Reichstags hintertrieb. Aber Hochmut kommt vor dem Fall. Der militaristische, über religiöse Beeinflussung erhabene Hochmut eines Ludendorff wollte von einem Papstfrieden und von einem Erzbergerfrieden nichts wissen, und so führte er das deutsche Volk nicht zu dem verbrochenen Sieg, sondern in die Niederlage und in das Unglück.
Ueber San Rems
ist viel geschrieben worden. Was dort verhandelt wurde, scheint für Deutschland recht wenig erfreulich zu werden: ganz klar sieht man allerdings noch nicht. Cs hat fast den Anschein, als ob Lloyd George bei seinem Einspruch gegen den französischen Einmarsch in den Maingau nicht aus Gerechtigkeit und Friedensliebe gehandelt, sondern einfach aus Aerger über die dreiste Eigenmächtigkeit der Franzosen. Er hielt deshalb einen Denkzettel für angebracht, beeilte sich aber, die üblen Neben- und Nachwlrkmigen dieser Maß-
nafjme wieder zu verwischen durch ein von ihm vor- geschlagenes gemeinsames Zwangsverfahren. Wenn die fr-mzösifche Eitelkeit etwas geduckt werden mußte, so wird damit doch die französische Gehässigkeit hoffentlich befriedigt, indem England und Italien anscheinend solidarisch eintreten für die Quälereien und Forderungen, die von Paris her schon längst erhoben worden sind. Die Hauptsache dabei ist, die im Friedensvertrag Dorgcfdniebene
Entwaffnung
Deutschlands. Die betreffende Note, die in der Konferenz in San Remo vereinbart wird, soll den Charakter eines Ultimatums haben, wenn es nach den triumphierenden Ankündigungen der Franzosen geht, d. h. bei Widerstreben Deutschlands soll die gesamte Lebensmittelversorgung eingestellt werden. Also in der Zeit des sog. Friedens soll die Kriegsblockade in ihrer verderblichsten Form wiederholt werden. Warum unb wozu? „Um vor den Augen der Welt die Solidarität der Entente zu unterstreichen", sagt der Pariser „Malin". Einer, sachlichen Grund gibt es ja auch nicht. Denn das bißchen Truppe, was Deutschland noch hat, braucht es dringendst zur mühs^igen Aufrechrerhal-- tung der inneren Ordnung, und von einer Bedrohung der mach'ig gerüsteten Nachbarn kann nur ein Narr oder ein Lügenbold phantasieren, nicht einmal mit den Pulen oder Tjcy'chen könnten wir den Kampf aufnehmen. Wir können nur protestieren und an Recht und Gerechtigkeit appellieren gegenüber diesen ran von narftefür Interessenpolilik bestimmten Beschlüssen, wobei bei Frankreich noch der unchristliche Geist der Unversöhnlichkeit, des Hasses und der Rache hinzukammt.
Don dem neuen Zwangsverfahren, das uns von teil drei Bütteln, Lloyd George, Millerand und Nitti — Amerika steht zur Zeit abseits — gleichzeitig beschert werden soll, haben wir schon ein paar Kostproben erhalten: die bciresfende Kommission besteht auf der sofortigen Auslieferung der deutschen Hundels- schßfe, obschon unsere Regierung überzeugend nachae- wiesen har, daß wir dann die nötigsten Rohstoffe für unsere Industrie nicht >.rhr beziehen können, aF> lei- stungsunfähig werden müßten. Ferner drangen tre unerbittlichen Feinde auf die Auflösung der Ei uvoh- nerwehreu, obschon wir keinen Ersatz für diese schwachen, aber unentbehrlichen Ordnungskräste haben. Diese Forderung wirkt nicht nur beunruhigend, sondern sogar zerfeijtrb in D.vtjchland wegen der Verschiedenheit der Ansichten und Interessen im Süden und im Norden, zwischen Stadt und ßanb, sowie wegen des Vorschubes, der dadurch den Linksradikalen bei ihrem Streben nach einseitigen Arbeilerbataillonen gemährt wird. Nun soll der Druck auch noch auf die Reichswehr ausgedehnt werden, die sowieso schon dem Umfange nach zu klein, in ihrer inneren Verfassung zu schwach und mit der systematisch geschürte" Abnei^u^g großer Teile der Arbeiterschaft belastet ist. Reichswehr und Einwo^ierwehr bilden zur Zeit ben
einzigen Schutzwall gegen den Bolschewismus, vor den, Deutschland kaum gerettet werden kann, wenn ta'sâchlich die Einwohnerwehren entwaffnet und die Reichswehr auf 100 000 Mann zurückgebracht werden muß entgegen dem drängenden Verlangen der Regierung an dis Entente uns wenigstens 200 000 Mann zu gestatten. Jedenfalls würde das was die feinbL Machthaber als Entwaffnung bezeichnen, Deutschland zum Spielball von kleinen und großen Revolutionsund Räuberbanden machen, und das körmen, abgesehen von den tollen Franzosen, auch die Engländer und Italiener nicht ernstlich wollen. Darum kann man immer noch hoffen, daß die Suppe nicht so heiß gegeßen wird, wie man sie in San Remo kocht.
Im übrigen scheinen diejenigen wieder einmal recht zu bekommen, die der Ansicht waren, daß die englische Mißbilligung des franz. Vorgehens (Besetzung von Frankfurt) nichts anderes als ein Gsschäftstrik sei, den cs gegen entsprechende Bezahlung aufgeben werde. Der Preis dürfte das umstrittene Cilicien in Kleinasien st in. Demnach hätte Lloyd George die Obstruktion des französischen Vormarsches in Deutschland nur markiert, um den Preis für die spätere englische Zustimmung um so höher stellen zu können. Die englische offizielle Voliük war nicht immer so kurzsichtig wie heute, sonst hätte sich England nicht zur Weltmacht emporschwingen können. Diese Kurzsichtigkeit wird sich an England, wenn man dort nicht noch im letzten Augenblick Vernunft annimmt, einstmals noch bit!er rächen. Die Weltgeschichte bliebt Wiederholungen. Anzunehmen, die jetzt anscheinend wieder verkleisterte „Einheitsfront" gegen Deutschland sei für die Ewigkeit gefügt, wäre barer Unsinn. Im Gegenteil: „Es wird kommen der Tag . . . „ an dem England und Frankreich sich wieder in den Haaren liegen werden, wie schon so oft in der Geschichte und der Brite gewohn
heitsmäßig sich nach — der Festlandsmacht umsehen w'rd, die ihm die Kastanien aus dem Feuer holen hilft. Was dann, wenn er an der Stätte, an der er gewohnt war, in solchen Fällen nicht vergebens anzu- klopsen, einen Trümmerhaufen vorfindet?
Auch in Frankreich wird man sicher noch in die Lage kommen, neue „Freundschaften" knüpfen zu. müssen. Ist es da nicht töricht, gerade jenen Nachbar, mit dem eigentlich Natur und wirtschaftliche Interessen das festeste Band der polit. Freundschaft knüpfen sollten, durch blinden Haß und kindische Angst zum unversöhnlichen Feinde zu machen oder durch eine Politik der Gewalt einfach umzubringen — in der sicheren Aussicht, dann der nächste Todeskandidat zu sein?
Um den „preußischen Militarismus" zu zerschmet» tern, sind angeblich die Alliierten 1914 bezw. 1915 ins Feld gezogen. Was wir heute in Frankreich sehen, läßt diesen preußischen Militarismus und den Imperia- lismus der Alldeutschen weit Hücker sich. Es ist zu einer ständigen Bedrohung auch der Alliierten geworden.
In Italien sieht man das zweifellos auch ein. Dis Anstrengungen, dem französischen Militarismus und Imperialismus entgegen zu wirken und in der Wie- deraufrichtung Deutschlands ein gewisses Gegengewicht zu schaffen, sind in Italien zweifellos echt und ernst gemeint, weil sie vitalsten italienischen Interessen enr- sprechen. Wie weit diese Bemühungen aber Erfolg haben werden, ist bei der zweideutigen Politik Lloyd Georges ganz unbestimmbar. Vielleicht auch suchen die Franzosen Italien das ersehnte Fiume als Köder hinzuhalten, auf den man in Rom ebenso cmbeißen würde, wie in London auf Cillicien?
Alles in Allem genommen ist die Sage für Deutschland wie oben schon gesagt, recht wenig tröstliche Deutschland muß Halt immer die Zeche bezahlen. Zum Optimismus hat man jedenfalls keine Veranlassung; wenn man auch gerade nicht in Pessimismus zu verfallen und an dem Vordringen des versöhnlichen Gedankens überhaupt zu zweifeln braucht. Dazu liegt trotz augenblicklicher Schwierigkeiten und Gefahren noch kein ausreichender Grund vor. Die psychologische und politische Entwicklung geht nicht immer auf ebener Bahn und hi geraden Linien vor sich. Namentlich nicht bei einem so komplizierten Gebilde, wie es d'e Entente ist. Da muß man auf Seitensprünge und Rückschläge gefaßt sein und jedenfalls besteht die Möglichkeit weiter, daß die in einflußreichen Kreisen Englands gewonnene Erkenntnis, daß der wirtschaftliche Unter» gang Deutschlands und des deutschen Volkes auch jenen Europas zur Folge haben wird, schließlich in der eng- lischen Politik doch noch die Oberhand gewinnt.
ZBeieller Matz
ist es, wenn man von uns die Erfüllung alles dessen, was uns der Versailler Friedensoertrag auferlegt, bis aufs Tüpfelchen verlangt, selbst aber sich kühlen Herzens darüber hinwegsetzt, wie das
die Polen
tun. Bekanntlich haben die Polen durch den Friedensvertrag einen Zugang (Korridor) zum Meer bekommen, wodurch Ostpreußen vom übrigen Preußen abgeschnitten ist. Nach § 89 ist Polen aber verpflichtet, „den Personen, Waren, Schiffen, Kähnen, Waggons und Postsendungen im Verkehr zwischen Ostpreußen und dem übrigen Deutschland Verkehrsfreiheit durch das polnische Gebiet, einschließlich seiner Gemäßer zu gewähren, und sie ebenso zu behandeln wie die polnischen. In ihrem Großmachtdünkel kümmern sich die Polen aber darum gar nicht u. chikanieren uns, wo sie 'önnen« Wir hatten mit ihnen auch ein Wirtschaftsabkommen getroffen, aber auch hier versagen die Polen. Von 7 Vs Millionen Zentnern Kartoffeln sind sie mit 5 Millionen im Rückstand, von 72 000 Tonnen Mineralöl sind erst 10 000 geliefert, von 20 000 Zentnern Melasse und 100 000 Gänsen hat es noch nichts geliefert, die dazu gestellten Transportmittel hält es zurück. Deutschland dagegen ist Polen gegenüber nur mit 30 000 Tonnen Kohlen im Rückstand. Jetzt hat Polen auch eine ganze Reihe von deutschen Beamten gegen die Abmachungen ausgewiesen. Ein Gesübl der Erbitterung überkommt einen angesichts dieses Gebührens der Polen gegenüber Deutschland und allem, was deutsch ist, wenn man an die Ströme deutschen Blutes denkt, die in Russisch- Polen gefloßen sind, an die Heldentaten deutscher Waffen, die das Land von der Knute des Zarismus befreit haben. Hätte Rußland gesiegt, wäre an ein freies Polen nicht zu denken gewesen. Aber hat wohl ein Pole dafür ein dankbares Gedenken, daß es nur die deutschen Siege sind, denen er die Befreiung des größten Teiles seines Landes zuzuschreiben hat? Er erin-