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„Ein ungeheurer verbrechen

am deutschen Volke ist bi diesen Tagen begangen worden. Wehe den Menschen, auf denen die Verantwortung für die Fre- veltat dieser Revolution lastet!" Das war der Leitge- danke der Ansprache, mit der Zentrumsabg. Fehren­bach, der Präsident der Deutschen Nationalversamm­lung, deren

St-,ltzarier Tagung einleitete. Treffender konnte das, was Jedermann bei dieser unseligen Tat der Leute um Kapp und Lüttwitz fühlte, nicht ausgesprochen werden. Der weitere Ver­lauf der Sitzung glich einem gewaltigen Gewitter mit rollendem Donner und immer neu aufflnmmenden Blitzen. Das deutsche Volk hat durch seine Volksver­tretung ein vernichtendes Urteil über die Anstifter und Schuldigen ausgesprochen, die die volle Verantwortung für das Staatsverbrechen zu tragen haben, dessen sie sich an unserem armen Volke schuldig gemacht haben. Reichskanzler Dauer geißel e in kräftiger Sprache das Verbrechen der Revolutionäre, wies auf die bedauer­lichen äußeren und innerpolitischen Folgen des geplan­ten Umsturzes hin, bas plötzliche Erstarken der kom- munislifcheu Welle im Innern bekundete aber auf den festen Willen der Regierung, die Verbrecher unnach- sichtlich und mit der ganzen Strenge des Gesetzes ihrer Bestrafung zuzuführen. Die Hochverräter, die ihre Partei und ihre Koste über das Vaterland gestellt ha­ben. „Jeder Tropfen Blut kommt einzig und allein auf die Häupter von Kapp und Lüttwitz — und ihre nationalen Helfershelfer werden in Gegenwart und Zu­kunft mit Abscheu genannt werden!" Sehr interes­sant waren verschiedene Einzelheiten, die er über die Macher mitteilte, so daß General von Lüttwitz dafür eingetreten sei entgegen dem Frie- Lensvertrag, statt der Herabsetzung des Heeresbestan­des eine Verstärkung herbeizuführen, um so aufs neue zum Rcvonchekrieg zu rüsten. Dieselben Abenteurer, die uns in ihrem Starrsinn und Größenwahn den Krieg haben verlieren lassen, schämten sich nicht, die Reichsregierung zum Mitschuldigen ihrer verbrecheri­schen Pläne machen und sie zum Bruche ihres Ver­sprechens verleiten zu wollen. Derselbe Herr Kapp, der im November 1918 als elender Ueberläuser in fei­ger Furcht sich hinter die aus der Revolution hervor­gegangene Regierung versteifte und Herrn Ebert, auch im Namen seiner konservativen Freunde, seiner Er­gebenheit versicherte, wobei er sich in abfälliger Weise über den Kaiser äußerte, der sich feige gedrückt habe, das sei der Mann, so sagte der Reichskanzler, der die Geschicke des deutschen Volkes in die Hand zu nehmen entschlossen war und vor dem schlimmsten Staatsstreich nicht zurückschreckte, seine Pläne zu verwirklichen. Hin­ter Herrn Kapp und seinen Mitverschworenen stelzen die Alldeutschen, die Valerlandsparteiler, steht ein großer Teil der Deutschnationalen und steht Herr Ludendorff, der in voller Uniform in der Reichskanzlei erschien und damit dem Pseudokanzler seine Reverenz erwies undseine Zustimmung zum Ausdruck brachte.

Zenlrumscedner war der Abg. Reichsgerichtsrat Burlaoe. Er sprach von der Freveltat der aufrüheri- schen Truppen und von dem meineidigen General an ihrer Spitze und dem abstoßenden Bild der schwankenden Gestalten derjenigen militärischen Füh­rer, die eine abwartende Stellung einnahmen, um dann rechtzeitig ihren Militörmantel nach dem Winde zu drehen. Er verlangte Milde gegenüber den ver­führten Mannschaften, aber eiserne Strenge gegen die Verführer und Rädelsführer. Mit Entrüstung wies Durlage die Pressemeldungen zurück, daß er mit Dernburg und Heine und General Märker von Gene­ral Ludendorff zu Verhandlungen nach Stutgart ent» sandl worden lein soll. „Ich lehne jede solche Gemein» l/ast ob. Jb höbe auch schon mit Verbrechern zu in gel abt, aber nur so, daß ich sie mit meinen Kol» lepen ins Zuchthaus schickte." Und dieselbe Entschlaf» nheit und Einmüdigkeit in der Verurteilung des Ver­brechens der Ostelbier habe in der ganzen Zenèrums- rüktton ohne Schwanken und unentwegt bis zur 'unbe geherrscht. Von den Mehrheiissozialdemo- aten sprach Scheidemann, von den Demokraten ayer in schärfster Weise gegen den Hochverrat des app und Lüttwitz. Gegen diese erdrückenden An- rgen konnte der Sprecher der paar anwesenden ^utfchnaiionalen, Abg. Kraut, — das Gros soll die -erkehrssperre" ferngehaUen haben — nicht aufkom­

men. Seine Ausführungen erstickten fast in dem all­seitigen Widerspruch . Danach waschen die Deutschna­tionalen ihre Hände in Unschuld, sie wollen durch die Vorgänge in Berlin vollständig überrascht worden sein und ihnen durchaus ferne stehen. Aber so „ferne* ste­hen sie ihnen auf alle Fälle, daß Herr Kraut auch nicht ein Wort der Verurteilung gegen die Meuterer und Hochverräter übrig halte, wie Reichsminister Koch treffend erwiderte. Nicht viel besser erging es dem deutschen Volksparteiter Dr. Becker (Hessen), der gar nur als einziger (!) feiner Fraktion anwesend sein konnte. Zwar ,.verurteilte er aufs schärfste den Putsch der Kapp und Genossen", indessen mußte er sich vom Unabhängigen Henke mit Recht sagen lassen, daß er heute, wäre der Pu sch geglückt, mit den Putschisten vielleicht Champagner trinken würde.

So konnte Präsident Fehrenbach in seinem Schluß­wort als Ergebnis der Verhandlung das Verdam­mungsurteil feststellen: „Wir alle verurteilen mit aller $rap und Entschiedenheit diesen revolutionären Putsch unverantwortlicher, skrupelloser Elemente, die an das Wohl des Vaterlandes nicht zu denken ver­mochten, sondern n seiner kritischsten Stunde die Brandfackel in unser Heim geworfen haben. Wir be­klagen die Toten, die ein Opfer der Kämpfe geworden sind. Das Blut der Gefallenen schreit zum Himmel gegen diejenigen, die schuld sind an diesem vergossenen Blut".

Die „Nappenickiade"

ist zu Ende; die Macher sind aus Berlin geflohen, die alte Reichsregierung ist dorthin zurückgekehrt. So jämmerlich und so schnell ist wohl noch keine revolutio­näre Bewegung zusammengebrochen. Sie ging an ihrer inneren Unmöglichkeit zugrunde; sie glaubte, das Volk würde ihr in Massen folgen, das war eine schwere Täuschung. Die übergroße Mehrzahl des Volkes hat jede Gemeinschaft mit den Berliner Abenteurern ab­gelehnt. Daß diese selbst eher alles sind als Helden, erweist die Tatsache, daß sie zum Rücktritt schon nach viertägiger Herrlichkeit bereit waren, wenn man ihnen nur schnell eine — Amnestie (Straflosigkeit) verspräche.

Daß die Dinge so schnell der Entscheidung entgegen­gereist sind, ist in erster Linie der Treue der Bevölke­rung zur verfassungsmäßigen Regierung zu verdanken. Dann aber auch dem klaren und zielsicheren Verhalten der Regierung selbst, die von vornherein jedes Pak­tieren und Verhandeln mit den Gegenrevolutionären ablehnte, obgleich diese geflissentlich das Gerücht ver­breiteten, daß Verhandlungen im Gange seien oder doch wenigstens bevorstünden. Die Stimmungsmache nützte ihnen nichts, zumal als schließlich der General­streik ihnen den Willen der Bevölkerung bekundete, sich nicht unter das Joch der Kapp und Konsorten zu beugen.

Als Kapp und Lüttwitz am Samstag mit feld­marschmäßigen Truppen ihren Einzug in Berlin hiel­ten, hatten sie sich wohl nicht gedacht, daß ihr unbe­sonnenes Abenteuer einen solchen unrühml. Ausgang nehmen würde. Was die Leute wohl veranlaßt haben mag zu ihrem Vorgehen? Nur als eine Wahnsinns- lat läßt sie sich einigermaßen verstehen. Sonst müßte man sie als einen Schurkenstreich ohne Gleichen bezeich­nen. Die Berliner Spartakisten, welche seinerzeit einen' verwundeten Soldaten, der sich mit unendlicher Mühe und den letzten Kräften ans Ufer hinaufziehen wollte, rücksichtslos wieder ins tiefe Wasser zurückstießen, haben nicht erbärmlicher gehandelt, wie die Kapp-Ge­sellschaft gegen das ganze deutsche Volk, das eben im Begriffe war, aus dem Kriegs- und Revolutionssumpf sich langsam wieder auf festen Boden zu ziehen. Da man eine solche Absicht nur den Bolschewisten zutrauen kann, welche ousgesprochenermaßen erst alles zerschla­gen wollen, um aus dem Trümmerfeld das neue Glücksgebäude zu errichten, muß man bei den Kap­pisten wirklich schon — als einzige Entschuldigung — eine Wahnsinnstat annehmen. Denn Wahnsinn ist's, zu meinen: das ganze deutsche Volk sei gewillt, sich jeweils von einem unzufriedenen Soldatenhaufen be­herrschen/- von einer Unruhe in die andere schleudern und dabei Milliardenwerte vernichten zu lassen. — Was den jetzigen Baliikumssoldalen recht ist, das ist jeder bewaffneten Bande billig. Damit sinken wir auf die Kulturstufe Mexikos zurück, oder kommen zu Zu­ständen wie beim Zerfall des Römerreiches, wo Sol­

datenheere die Kaiser aufstellten, welch« dann gegen­einander marschierten und ihre Herrschaft in blutigen Bürgerkriegen durchzudrücken suchten.

Wahnsinn ist's auch, zu meinen, in einem Lande mit so hoch entwickelter Industrie und einem so hochgebil­deten, selbständig denkenden und schaffenden Arbeiter­stand sei es möglich, dauernd gegen die Arbeiterschaft regieren zu können. Selbstverständlich wäre es zu verur­teilen, wenn die Arbeiter allein regieren wollten. Aber ebenso verdammungswürdig ist das Bestreben irgend einer anderen Klique, sich allein oder in hervorragen­dem Maße das Recht der Regierung aneignen zu wol­len, wie es die preußische Militärkaste und die ost- elbischen Junker jetzt wieder angestrebt haben. Nur bei der Gleichberechtigung aller Stände auf wirklich demokratischer Grundlage kann ine Wohlfahrt des Lan­des gedeihe^. Sirbeiter, Bürger und Bauer — Hoch und Nieder — die Gebildeten und die breite Masse des Volkes — sie alle gehören zusammen, sie alle wüsten im Staat zu ihrem Recht kommen. Uebrigens haben die meisten der Arbeiterführer durch ihre praktische Mitarbeit an der Regierung des Landes bewiesen, daß sie den Sinn für die Wirklichkeit gefunden haben. In ruhiger, friedlicher Weise auf dem Boden der Verfas­sung und bei den nächsten Wahlen hätten sich die Ver­hältnisse gewiß so gestaltet, daß man mit ihnen hätte zufrieden sein können, Der Sonne wäre es gewiß viel eher gelungen, des deutschen Wanderers zur 2lb- legung des roten Mantel zu veranlassen, als den blind wütenden Sturm. Nun ist diese gesunde friedliche Ent­wicklung gestört und manches, was als Ziel derselben vorgeschwebt hat, vielleicht für immer vernichtet. Den Unabhängigen, Spartakisten und Kommunisten hat die Berliner Wahnsinnstat Wasser auf ihre Mühlen ge­trieben und es wird der größten Anstrengungen be­dürfen, diese für unser politisches Leben verhängnis­volle Linksentwicklung nicht zu entscheidendem Ein­fluß kommen zu lassen.

Ein Wahnsinn war es auch, gerade im jetzigen Augenblick eine solche Tat zu unternehmen, jetzt, wo ♦r größte Rohstoffmangel und die drückendste Nah- rungsnot uns bevorsteht! Glaubt denn nur ein ver­nünftiger Mensch, daß eine andere Regierung in den nächsten acht Wochen hier abhelfsn und die Teuerung beseitigen, oder gar, wie manche heimlich hoffen, die Steuern überflüssig machen könnte? Unmögliches würde sie ebenso wenig leisten können, wie die jetzige. Man mag den Streich auffassen, von welcher Seit! man auch will, er war taktisch, wirtschaftlich, inner­politisch und außenpolitisch eine unverzeihliche Dumm­heit.

Soweit aber politisch Geschulte und gesellschaftlich höherstehende Leute daran beteiligt sind, bleibt die Tat, wie Fehrenbach in der Nationalversammlung richtig gesagt hat, ein großes Verbrechen an Volk und Va­terland.

Wenn die Macher zu ihrer Entschuldigung auf die Vorgänge bei der Revolution im Jahre 1918 Hinwei­sen, so trifft das nicht. Denn sie selbst haben durch ihren Wahlzettel am 19. und 26. Januar 1919 ihren Willen dahin kundgegeben, daß die vom ganzen Volke gewählte Nationalversammlung die neue Verfassung macht und daß in Zukunft nur auf dieser Grundlage die Regierung gebildet wird. Alle Wünsche und Be­schwerden des Volkes aber kommen bei den Wahlen genau in dem Verhältnis zum Ausdruck, als sie wirk­lich vorhanden sind, und finden genau die ihnen ent­sprechende Zahl Vertreter und Verfechter im Parla­ment und Negierung. Damit muß man sich eben auch absinden, wenn es einem auch schwer fällt. So wenig die Sozialdemokraten davon entzückt sind, daß sie in der Regierung des Landes aus uns angewiesen sind, ebensowenig haben wir natürlich Veranlassung, Jubel- lieder darüber anmstimmen, daß die Sozialdemokraten zahlenmäßig so stark sind und ohne sie nicht regiert werden kann. So lange sich aber daran nichts ändert, so lange durch die Wahlen kein anderes Bild entsteht, verlangt die Vernunft, daß diesen Verhältnissen Rech­nung getragen wird. Gerechlgksll über alles — auch gegenüber dem Gegner, das muß da die Richtschnur sein.__

Eine traurige Helfe

des unverantwortlichen Militärputsches in Berlin ist es, daß in vielen Großstädten, im Tudustriegebiel, in