Spätre Seh«.
find plötzlich mied« über unser armes vârland ge« kommen; ein neuer Uwstsrz ist in Berlin versucht wor- den und vorläufig leider gelungen. Für die weitesten Kreise ist die Sache ganz unerwartet und überraschend getsmmen. Noch am Freitag nachmittaz und abend hatte es den Anschein, als ob die plötzlich bekannt gewordenen Verschwörungspläue gegen die Regierung im Keime erstickt werden könnten. Es war aber, wi« sich bald heraussteLt«, zu spät. Eine kleine Gruppe militärischer und reaktionärer Umstürzler hat mit Unterstützung der in Däberitz einquartierten, zur Entlassung bestimmten BäkumkZmpssr (die uns schon so viele Ungelegen feiten bereitet haben) und anderer Truppenteile sich in Berlin der Herrschaft bemächtigt. Um Blutvergießen M vermeiden, hat die Reichsregie- rung Berlin verlaffen und sich zunächst nach Dresden begeben. An der Spitze der Gegenrevolution steht der Eenerallandschaftsdirektor Kspp und der General von Löltwitz. Die neuen Gewalthaber haben die Rogie- rung für abgesetzt und die Nationalversammlung und die preußische Landesversammlung für ausgelöst erklärt. Kapp hat sich höchstselbst zum Reichskanzler und preußischen Ministerpräsidenten ernannt und eine neue „Regierung" aus Leuten seines Schlages gebildet, die sich auf die Bajonette und Maschinengewehre der eidbrüchigen Soldaten stützt. Die Neichsregirrung hat von Dresden aus einen Aufruf erlassen, in der alle Anordnungen der Berliner Umstürzler für null und nichtig erklärt und das Volk aufgefordert wird, der verfassungsmäßigen Regierung die Treue zu bewahren. Die RaLkovalsersammlmrg wird in Stuttgart zu- sammentreten und zu der Lage Stellung nehmen. Selbstverständlich stehen die Koalitionsparteien treu zur alten.Regierung; auch die Veulschnatberurl«» stellen sich so, als ob der Umsturz nicht ihre Billigung fünde, aber eine furchtbare Mitschuld lient doch auf ihnen und besonders auf ihrer Presse. Die ungeheure, kein Mittel verschmähende Verhetzung, die von dieser Seite seit Jahr und Tag gegen alle anders Denkenden betrieben worden ist, zuletzt noch im Fall Erzberger, hat den Boden bereuet für den Treubruch in der Truppe, für den Staatsstreich der Extremsten. Diese moralische Mitverantwortung für das Elend, das jetzt nach allem Früheren wieder über uns gekommen ist, werden sie niemals von sich abwälzen können. Wir alle wissen, daß wir in den nächsten Monaten wirtschaftlich von den schwersten Gefahren bedroht sind, daß Millionen von deutschen Menschen n. die deutsche Wirtschaft mit ihnen zu Grunde gehen wird, wenn wir nicht ooni Auslande Hilfe mit Nahrungsmitteln, mit Rohstoffen, mit Krediten erhalten. Gerade jetzt schien im Auslande die vernünftige Einsicht in diese Notwendigkeit langsam gegen Haß und Chauvinismus den Sieg erringen zu fallen; die Erkenntnis von der wirtschaftlichen Verbundenheit Europas war im Vordringen; die deutsche Ba- luta begann sich nach langem furchtbarem Tiefstand wieder etwas zu erholen, die Ruhe war langsam ein« gekehrt, die Arbeitslust hob sich. Nun ist das alles in Frage gestellt. Verderben und Elend.statt Aufstieg und Frühlingshoffnung. Wochen und Monate können nicht wieder ausbauen, was der wahnsinnige Streich in Berlin in verhängnisvoller Stund« eingerisien hat.
Geradezu verheerend muß der Berliner Staatsstreich für die
Sfefissg Deuffchlands in der WsÜ
wirken. In Frankreich frohlockt man: dies sei der Anfang des Zerfalls des Deutschen Reiches, der Beginn vsm Ende der Reichseinheit, und Frankreich, das uns schon im Friedensschluß nur zu gern das Reich zertrümmert hätte, müsse jetzt energisch wieder auf dieses Ziel seiner Politik hinarbeiten, auf das es in Der- festes nur infolge des Widerspruchs feiner Vrrbünde- tm verzichtet hatte. Englisch« Blätter aber erklären trocken, daß einem militaristisch-reaktionär regierten Deutschland von England niemals Lebensmittel oder Kredite gegeben werden wurden. Vrijon hat, Zeitungsnachrichten zufolge, darauf hingewiesen, daß Amerika sich noch immer im Kriegszustand mit Deutsch, land sich befind« und am Rhein amerikanische Truppen ständen, mit einem Hohmzollern werde er niemals verhandeln. Was diese auswärtig« Lage für uns besagen würde, wenn sie anhielte, ist klar. Nicht wellt- ger verhängnisvoll würde sich
He Lsgr im Innern gestatten. Hier kommt es vor allem auf das Verhalten der Reichswehr an. Erfreulicherweise hat sich der größte Teil derselben hinter die alte Kenterung ge« l^llt, in Berlin hat sie aber versagt und auch in manchen anderen Gegenden des Reiches, auch in Märchen ist ihre Haltung zweifelhaft. Wenn das böse Berliner und Münchener Beispiel weiter Schule macht und Ein- sicht und BeraniwortungLbewußlsein nicht Lon Sieg dasonträgt, dann xohen wir nach allem Gum«, dieser Jahre tem Fürchterlichsten, dem
Birgetfrkg
entgelten. Und was dann, bei unserer H«ÄHM «rß«n- politischm und wirtschaftlichen Lage aus Deutschland Würde, mag man sich ausmalen. Die Dinge sind noch in ter Erckwickluns, bis zum Zerreiße» gespannt ist die Lag», wâhrerÄ wir dies schreiben. Der West« steht anscheinend geschlossen hinter der etten Nehrung ebenso Badm, Hessen und Württemberg, in Bayern ist infolge ter zweifelhaften Haltung der Militärs fr« ReBermq zurück geirrten wtb der Landtag einberufen morden, euch in Weimar, Gera, Hamburg, Leipzig ist die Lase bedenklich aus dem Osten liege« keine zuverlässige Nachrichten vor. Kein Mensch kcmn sagen, was die nächste Stunde bringen wird. In Berlin herrscht als Protest gegen die Reaktion der Generalstreik, selbst in den lebenswichtigen Betrieben, — für bas gante N«ch haben dir Eisenbahner zum Generatstreik auf« gerufen, andere Organisationen werden folgen — ohne bis Zustimmung der Arbeiterschaft kann sich heutzutag« keine Regierung aus die Dauer Halts«; auch wo« sie sich auf Bajonett« stützt.
Dir Rettung aus all dem Mond, das so plötzlich nber uns gekommen ist, kann nur der schleunige Sturz der Berliner Gewaltpolitiker bringen, He unbedingte Wiedrroufrichtung einer verfassungsmäßigen, auf die Mehrheit des Parlaments gestützten Regierung. Daß in dieser Krise die drei Stegierunflsparwen Zentrum, DevlchDemokralen und rNehrheNssazlatlste« treu zusammen halten, ist die beste Stütze hierfür und be- rechtigt zur Hoffnung, daß es mit der Kappschen Herrlichkeit bald wieder zu Ende sein wird. Noch einmal hat die alte preußische Junker- und Militärkaste den Der- such gemacht, wieder zur HerrsLaft zu konMum. Diese Seuse, die Jahrhunderte lang in Preußen allein den
Waben. können es nicht begreifen, daß ihr ein« sluß gebrochen ist und auch andere Leute dieselben Rechte wie sie beanspruchen. Der Kerger darüber hat sie verblendet und zu diesem wahnsinnigen Unternehmen getrieben, durch das sie Sand und Volk tu die größten Gefahren gestürzt h^ben.
Auch als Katholiken können wir eint Biebtrmif. nchtung der ostelbischen Junkerherrschaft in Preußen und im Reich nicht wünschen. Mit der Freiheki der kakhol scheu Kirche, mit der endlich errungenen Bari-
Kare es dann wieder für lange Zeit vorbei.
Möge recht bald milder Ruhe und Ordnung in unser Vaterland einkehren und nicht wie schon einmal, im Jahre 1848, der MZrzmonat der Anfang schwerer innerer Kämpfe werden. Das deutsche Volk hat im Januar vorigen Jahres durch die Wahlen seinen Willen kundgegeben. Dieser Willenskundgebung ent- sprechend wurde durch die Nationalversammlung eine Regierung aus drei Parteien gebildet, hinter denen vier Fünftel der Wähler stehe«. Die Verfassung der neuen deutschen Republik ist von diesen Mehrheit». Parteien, die fast das ganze Volk hinter sich haben, gegen eine verschwindende Mehrheit angenomme» worden. Leider hat diese Minderheit den Verfassung», mäßigen Weg verlassen und den der Gewalt beschritten. Die Kreise, die in ihrer Verbohrtheit f. Zt. alle Friedenrbestrebungen verdächtigt und hintertrieben, die den Zusammenbruch verschuldet und an unserem Elend schuld sind, haben uns auch das Neueste bescheert, sie sind die wahren Vaterland»verrater und Rerchrver- berber. Was sie taten ist ein Verbrechen am deutschen Volke und widerspricht dem offenkundigen Willen der gewaltigen Mehrheit desselben.
Es kann für uns vom Zruttmo keine ««bete Parole geben als:
Treue der Verfassung und der versass tmgsm^geu Reglerungl
Das ZchaAspiel von Msadit
— der Prozeß Erzberger-Hrlserich — inszeniert von den Deutschnationalen, ist in der vorigen Woche zu Ende gegangen. Dos gegen Helfferich wegen formaler Beleidigung Erzbergers ergangene Urteil mit 300 Ji Geldstrafe u. der Auferlegung der Gericht»kosten kommt in ferner Wirkung einem gegen hohe Gebühren erfolgten Freispruch des Angeklagten Helfferich gleich. Grrichts- urteile sind «icht tsnft^st, eine zweite und dritte In- stanz hat schon oft völlig umZestoßen, was die erste cis reckst erkannt hatte. Auch die Moabiter Strafkammer wird nicht bei letzte Wort in dem Kampfe Helfferich gegen Erzberger gesprochen hoben. Erzber- ger hot in seiner Schlußrede deutlich durchblicken lassen, Loß für ihn das Urteil nicht He letzte Entscheidung darstellt, und daß er um seine Ehrs weiterkompfen wird. Mit einem großen Teil der drill scheu Presse holten euch wir das Urteil an sich wie in feisten einzelnen „Feststelllmoen" für außerorbontkch anfechtbar. Wie sollen mich 5 Krirmnaljuristen, He sonst mir nach den Paragrophen des Strosgelchlmchs und der Strafprozeßordnung leichte und schwere Verbrech«! ankla- gen n richten, über die schwierigsten politischen Fragen ein Urteil hoben «. die schwierigsten ßrfchichttichen Fefv< stellemHes treffen. Wie soll denn einer und wäre er der fchakfsinrch str Denker- über Dinge urteilen, die er mir ober lachSch und nur aus der Lh-Ans kennt, wie es bei d esen Staatsanwälten und Stipern der Fall wor. Mit einem acht wöchigen Kursus in der hohen PotMt, wie er dramatisch in Moabit in Szene ging, wird such Ler scharssinmgsk Jurist noch lange nicht gu einem geeiWeteo Richter in diesen Dingen. Wenn ein politische Prozeß in solchen fänden liegt, braucht man sich über Verlauf und Erg«brck» nk^ zu wundern. So wenig ein Kamel durch ein Nod«L»j^ geht, ebenso« womch kommt ein Jurist aus seiner Haut heraus; auch der Jurist ist Stootsbürger, pH seit« politische Weit- «nsch«tmmg mrd gehört irgend einer Partei an. Welcher Partei aber und welchem System die Moabiter Juristen, besonder» die Staatsanwalt«, He aus Vertretern der öffentlichen Anklage fast zu Verteidigern des Angeklagten geworden sind, nahestsh«, kann nie- niimb zweifelhaft sein. ohn« daß mit dieser Feststellung ihre subjektire xslichtgemeße u. unbefangene Amts- führrmg irgendwie in Zu>«isel gezogen würde. Es ist ein höchst merkwürdiges Ergebnis des Prozesses, daß die polltischrn Aohänger und die genauen Kemrer Erzbergers in ihr«, Zeugenaussagen mit aller Bestimmtheit Eigennutz und Geldmacher« verneinten, während fast durch die Bank seine politischen Gegner ihm das Grg«üeil nachsaßisn und selbstsÄhtige Verknüpfung »»n poßiit und Geschäft verwarfen. Mr wollen kei- ireowrgst alle» entschuldigen, was vorgekommen ist ui-d machen seinen Hehl daran, daß wir an Erzberger» Stelle in manchen Füllen anders gehandelt Hatton, als er es getan. Erzberger hat in seiner Schlußrede selbst ^u gesehen, Unoorsichtigkelten begrmgm und zu große Vertrauensseligkeit bewiesen zu haben. Er hat es auch dann tmb w«nu an dem richtigen Takt fehlen lassen. Für einen Auând son Schlechtigkeit und Korruption, als den feine Legner ihn hmsteLe« mä^Kt, halten wir chn darum aber teinesweg». Wenn in einer Weise, wie es ia Moabit geschehen ist, in alle Ecken und Winkel eines Menschenlebens Hinvingeleuchtrt wirb, dürfte wohl kaum einer ohne einige „Spritzer" baren tommtti.
Anekeln muß es einem wirklich, wenn Sense, wie die He »fteWfchrv Innker, sich jetzt als Tugendhelden auf« spiele« und dem Abg. Erzberger den Borwurf machen, daß er auf ®rimb seiner Tätigkeit als Abgeord. auch für sich Geschäfte gernarht habe. Leute, die zu Gunsten ihre, Geldbeutel» bei jeder Braiiufr^dnvertege die Gesetzgebung zu beeinflussen suchten, die zum Nachteil SWdeutschlanbs die Staffeltarife knirchbrachten, damit sie für ihr GÄreide besseren Absatz fanden, die ent- schloffen waren, das nach einer Riesenarbeit von 34 Jahren endlich zustande gekommene Bürgerliche Gesetzbuch in die Versenkung verschwinden zu lassen, wenn die Bestimmung über den Ersatz bt< râfchâns durch Hafen, A<^a«eu baratts nicht entfernt würde, Leute, die, so lange sie die Macht hatten, dir Gesetzgebung in Preuße« in einer Weise beeinflußten, daß nicht nur ihr Stand, sondern jeder Einzelne von ihnen unmittelbaren Nutzen hatte. Dr» Vorwurf hat man dem Abgeordneten Erzberger im ganzen Prozeß nicht beweisen können, daß «r sich bei seiner Abstimmung ober in fei-