— 66 —-
ergangen, bi der die Forderung wiederholt, der Kaller ein „Verbrecher" ßenannt und als der verantwortliche Urheber des Krieges bezeichnet wird, all die Toten, Verwundeten und Verstümmelten des Weltkrieges, all die Milliarden Schulden soll er aus dem Gewissen haben und darum müsse Holland im Namen „der Gerechtigkeit und Menschlichkeit" sich mit den 26 allnerten und asso- Sierten Mächten vereinigen in der „exemplarischen Be- iraluna" des Kaisers, sonst stelle es sich „außerhalb er Gemeinschaft der Welt". Schließlich sucht Re Entente Holland auch einzuschüchtern, indem sie ihm die Verantwortung dafür zuschieben will, wenn der Kaiser seinen Ausenthatt in der Nähe der deutschen Grenze dazu benützen würde, die Wiedererrichtung seiner Macht zu" betreiben, wodurch der Friede Europas aufs neue gefährdet würde. Allem Anschein nach wäre die Entente aber schon zufrieden, wenn Holland den Kaiser auf eine holl. Jnfel bringen ließe oder ihn an Ort und Stelle internieren würde. Ob Holland das tut, steht dahin. Daß der alte, vom Unglück gebrochene Mann eine Gefahr für den Frieden Europas ist und bte Sicherheit der Alliierten bedrohe, glauben diese wohl selbst nicht. Es ist ihnen nur um Befriedigung ihrer Rache und um einen Sündenbock zu tun. Gegen die Art und Weise, wie man Wilhelm II. allein für alles verant- wörtlich machen will, müssen wir uns übrigens ganz entschieden verwahren.
Die Schuldsrage
ist eine unendlich schwer zu lösende Frage, eine ganze Menge von Einzelheiten, Personen, Parteien, Zuständen kommen da in Betracht. Ist dieser schuld, ist jener schuld? Hier ein Stein des Anstoßes, dort ein Stein des Anstoßes, Hunderte von Steinen, Tausende von Steinen, ein ganzes Steinmeer von Schuld und Fehler huben und drüben, bei Freund und Feind, liegt vor uns. Ein Felssturz, ein Bergsturz — so ist das Unheil über uns hereingsfallen, über ganz Europa hereingefallen. Ein Verhängnis mit viel Schuld und vielen Schuldigen! Aber wo ist der Richler?
In der Ku§!ièftrunßsfrage
hat, wie schon mitgeteilt, die Entente eingelenft; sie hat den deutschen Vorschlag angenommen, die beschuldigten Personen durch das Reichsgericht in Leipzig ab- zurteilen, mit dem schwerwiegenden Vorbehalt freilich, daß sie sich an diesem Verfahren nicht beteiligt, sondern sich das Recht der Nachprüfung und event, der Meder- Holung desselben vor einem Gerichtshof der Entente ausdrücklich wahrt. Im Prinzip ist also die Entente fest geblieben, das Damoklesschwert der Lluslieferung bleibt über dem deutschen Volke hängen und man wird wohl versuchen, mit dessen Hilfe noch manches aus dem deutschen Volke herauszupressen und ihm noch manche Demütigung zu versetzen. Jedenfalls darf man nicht glauben, daß nunmehr alle Schwierigkeiten bereits überwunden seien; für den Augenblick ist eine Entspan- nung eingetreten, im allgemeinen aber ist die Situation für DeutschlcnH kaum erleichtert worden. Das Versah- ren in Leipzig wir unter dem gewaltigen Druck der Entente vor sich gehen, wenn diese es auch ablehnt, sich daran zu „beteiligen", es wird in jedem Fall eine Verurteilung des Angeklagten angestrebt werden müssen, will die Regierung und das deutsche Volk nicht — im Falle der Freisprechung oder eines in den Augen unserer Feinde zu milden Urteils — riskieren, die Frage der Auslieferung abermals aufgeworfen zu sehen; so kann dieses Entgegenkommen zum reinsten Folterwerkzeug für das deutsche Nationalgefühl werden. Es wird ich wohl nicht leugnen lassen, daß auch von den Deut- chen Verstöße und Verbrechen gegen die Kriegsgesetze legangen worden sind, aber ron den Alliierten ganz sicher auch; in einem mehr als vierjährigen Kriege ist das weiter nicht verwunderlich, es ist in allen Kriegen so gewesen. Wenn man aber die Gerechtigkeit anruft unb ein warnendes Exempel für die späteren Zeiten statuieren will, dann wäre es u. E. der einzig richtige Weg, wenn die Kriegsverbrecher beider Parteien einem unparteiischen, aus Richtern neutraler Länder zusammengesetzten Gerichtshöfe überantwortet würden, der in jedem einzelnen Falle militärische, wirtschaftliche, rechts- und volkerrechtskundige Sachverständige nach eigenem (Ermessen und auf Antrag des Klägers sowohl wie des Verteidigers zu hören hätte, und wenn die von einem solchen neutralen Gerichtshöfe verfügten Strafen auch in neutralen Ländern verbüßt und überwacht würden. Wodurch übrigens das Einlenken der Entente veranlaßt worden ist, darüber gehen die Ansichten auseinander; einesteils sagt man, sei es erfolgt auf die Berichte der englischen Militärmission in Berlin hin über die Zustände in Deutschland, andernteils sei es zurückzusühren auf eine State Wilsons, die sehr deutlich darauf hingewiefen habe, daß neue Unruhen in Deutsch
land, als Jâ des Auslieferungsbegehrens, map im Interesse der Welt lägen.
Mstlmmigketten
herrschen ohne Zweifel in der Entente, wie die Entscheidung in der Auslieferungsfrage gezeigt hat, die sicher den französischen Wünschen nicht entspricht. Es ringen in der Entente miteinander der hartnäckige Vcr- nichtungswille Frankreichs auf der einen Seite — die sich allmählich bemerkbar machende Vernunft auf der andern Seite. Auch die Entente leidet an den Mängeln jeder Koalition — Unklarheit und Widersprüchen. Diese Unstimmigkeiten bezogen sich nicht allein aus ’ote brutale Auslieferunasliste, sondern greifen auch hin- über aus die Politik gegenüber Sowjet-Rußland, mit dem England nach dem Fiasko der militärischen Angriffe den Handelsverkehr wieder auknüpsen möchte, während Frankreich auch von der indirekten Anerkennung des tatsächlich regierenden Bolschewismus nichts wissen will. Ja, die Meinungsverschiedenheiten treffen sogar das Fundament der ganzen politischen Lage, den Versailler Friedensvertrag, dessen Revision in England amtlich besprochen wird, während die französische Regierung auf der schärfsten Ausführung aller erpreßten Paragraphen besteht. Bemerkenswert ist es zum mindesten, daß Lord Curzon, der Außenminister, im Oberhause erklären konnte, er sehe den Friedensvertrag nicht als etwas Untastbares an, vieles daran werde mit der Zeit revidiert merben müssen und in einem von dieser Seite schon lange nicht mehr gewöhnten versöhnlichen Ton fügt er zu: Wenn Deutschland aufrichtig bereit sei, den Friedensvertrag zu erfüllen, so würden die Engländer das Beste tun, ihm dabei zu helfen und ihm seinen Platz im Kreise der zivilisierten Nationen wieder zu verschaffen. Sind) das Verhältnis Ame-- rikas bezw. Wilsons zu den Alliierten ist nicht mehr das alte, besonders in der Adriafrage ist es zu einschneidenden Meinungsverschiedenheiten gekommen. Gelegenheit dazu gibt auch die Abgrenzung des 3m teresfenkreifes in Kleinasien bezw. in der Türkei, besonders zwischen England und Frankreich. Diesem Um- stand verdankt es die Türkei, daß sie Konstantinopel behält. Jedenfalls darf man von einer gewissen Gehrung im Bottich der Ententepoliük sprechen. Was bei diesem Prozeß schließlich herauskommt ,müssen wir freilich erst abwarten, da sich bisher an den feindlichen Mächten nur zu oft das Sprichwort bewährt hat, „von ben Leuten, die sich schlagen, und bann doch wirrer vertragen". Ein Dämpfer für die Optimisten, wie überhaupt für alle, die in der allmählichen Anbahnung eines besseren Verhältnisses zwischen Frankreich unb Deutschland die einzige Rettung Europas sehen, ist bereits wieder erfolgt durch die Ernennung des seitherigen Präsidenten Poincare zum Vertreter Frankreichs in der Wiedergukmachungskommission. Von ihm ist keinerlei Entgegenkommen zu erwarten. England, Japan und in einem Fall auch Belgien waren wiederholt dazu bereit, die Verpflichtungen Deutschlands zu mildern. Von Poincare erwarten die Franzosen mehr „Festigkeit" als von seinem Vorgänger Jornart, keinerlei Gründe der Rücksicht und Billigkeit soll es mehr für uns geben.
Von der „Adriafrage"
ist eben in den Zeitungen viel die Reds. Man teer» steht darunter die Regelung der Verhältnisse an der Ostküste des Adriatischen Meeres. England, Frankreich und Italien hatten sich darüber verständigt; Wilson hat aber seine Zustimmung nicht gegeben. Nach dem Abkommen sollte Fiume selbständiger Staat werden und an Italien grenzen. Zara soll Freistaat werden. Nordalbanien mit Skutari oll an Jugoslawien fallen und für das übrige Albanien Italien das internationale Mandat der Aufsicht erhalten. Valö na soll italienisch werden, während für die dalmatinischen Inseln eine Aufteilung nach der Nationalität vorgesehen ist. Durch diese Lösung fühlen sich die Jugoslawen stark benachteiligt, da sie Gebiete mit überwiegend slawischer Bevölkerung an Italien augliefere. Wilson, ter allen Nationen, nur nicht der deutschen, das Selbübestim- mungsrecht zubilligt, unterstützt sie in ihrem Widerstände.
Zwischen Wilson und Lansing
ist es zum Bruch getommen. Sansing harmonierte schon längst nicht mehr mit Wilson, dessen Zusammengehen mit der Entente durch Dick und Dünn ihm zur Ämerika gefährlich dünkte und daher ein Greuel war. Wenn er nicht schon früher zurücktrat, so lag das wohl an der Erkrankung des Präsidenten. Lansing ist kein Freund Deutschlands, aber ein gerecht denkender mi-
Üänblget Scann, der stets das Beste seines £cmbe| wollte und auch dem Gegner Gerechtigkeit widerfahren lieh. Auch mit seinem alten Freund und Vertrauensmann House hat Wilson sich schon längst überworfen und auf den Kongreß kann er sich auch nicht mehr in allen Fragen stützen, da seine Parteifreunde dort jetzt in der Minde heit gegenüber den Republikanern find, infolgedessen ist auch der Versailler Frieden —/ Wilsons ureigenstes Werk, in den VereinigterüStaawn immer noch nicht ratifiziert.
Es wird immer schöner.
Nach Zeitungsberichten werden im Ischechosiöwa. kischen Ministerium des Aeuhercn Erhebungen zur Fest, stellungen der Schäden durchgeführt, die der tschecho : stowakisu en Republik durch die deutsche Kriegführung \ erwachsen sind. Die Ansprüche sollen sich auf den Art. « 231 und die folgenden Artikel des FrieoenSvertrageSJ von Versailles stützen. — Jetzt fehlt nur noch, daß auch unsere ehemaligen österreichiichcn, ungarischen, bukga- rischen und türkischen Bundesgenossen Entschädigungsansprüche an uns stellen. Daß die Polen zu deren Befreiung wir doch den Anstoß gegeben, jetzt 21 u§liefe* rungSforberungen stellen, steht auf demselben Brett.
Zur „Erdolchung der Hrm$e“
Aus bär Feder eines Frontsoldaten veröffentlicht die „Bayer. Volksparteikorrespondenz" folgendes:
Immer wieder wird behauptet daß nur die gewiss fenlose Hetze an der Front uni in der Heimat den Zu«! sammenbruch herbeigeführt habe. Wer diese Lehre ver^ kündet, spricht entweder gegen seine Ueberzeugung odey miß Unkenntnis. Leider waren es auch Hindenburg und LiDendorff, die vor dem U ntersrrchungsaus schütz erklärten, die Niederlage Deutschlands rühre daher, daß die Armee von rückwärts her erdolcht worden fei. Das vewerg, daß ihnen lewer aucg Die Kühlung mit der Psyche wie mit der körperlichen Verfassung Deß Frontsoldaten fehlte. Denn sonst hätten sie wissen müssen, daß nur Die erdrückende Ueberleaen- heit der Masse auf der gegnerischen Seite den Siegl davvnitrug, Der gegenüber auch die heldenmütigste Opferwilligkeit unserer Leute auf die Dauer nutzlos gewesen wäre.
Es war einfach der Sieg des Mechanismus über deq Organismus. All den riesigen immer wachsenden Hilf^ mitteln und Materialien der Entente gegenüber mußtet schließlich einmal die doch immerhin materiell und personell beschränkte Leistungsfähigkeit Deuitschlands, selbst! bei äußerster Anspannung, ja Ueberanspannung bet Kräfte, versagen» Und eine Ueberanspannung deS Menschenkraft ja ein Raubbau an derselben, lag auf unserer Seite beständig vor, das dürfte jeder zuge^ stehen der an der Front mitkämpfte und Gelegeuheili hatte, die feindlichen Gefangenen über ihre Lebens«, und KmupfeSiveise zu befragen. Nicht nur daß sie ungleich besser ernährt wurden als mir „Kohldanipfschie«! her", sie tourben auch nur selten und in beträchtlichen! Abständen und auch sann nur für ganz kurze Zeit ml Großkampffronten eingesetzt. Wie ganz anders bei ims! Da kam eine müde, abgekämpfte Truppe nach mächtigen Verlusten aus dem Großkampf für einige! Wochen an einen ruhigeren Kampfabschnitt, wurde dort schlechter ernährt, dafür mit jungen Rekruten aufgM füllt und neu eingeübt, um nach kurzer P-ruse wieder in den Höllenbreugel eine Großkampfabschnittes geworfen und dort neuerdings zu Lava anSgcbrannt zu weroen. Die Franzosen Du e en Heroen zur Eugmua in Friedensgerenisouen vierteljahrelang gelegt, Um sie sich wieder für die kommenden Strapaze kräftigen! tonn seit Dieser furchtbare Mißbrauch mit der Menschenkraft deutscherseis. die gar vielen den Tod und selbst die schwerste Verwundung als den größten Glücks- fatt erscheinen lieh, mußte sich über kurz oder lang einmal rächen Der überspannte Bogen mußte reihen — die Katastrophe konnte nicht ausbleiben. Daran waren aber nicht die deutschen Soldaten schuld — si« haben wahrhaft Nebermenschliches geleistet trotz ager sogen. Verhetzung — und die frisch gefangenen Fran- zosen, die unsere Leistungen bewunderten, sagten oft, unter solchen Umständen und bei einer derartigen Behandlung und Verpflegung würde jede zivilisierte En- tentetruppe nach 3 Tagen meutern. ^— Schuld daran, ist die Macht der Verhältnisse, das feindliche Ueber 8ö- micht an Material und Personal, der wir über kurz oder lang erliegen mußten. .
Dies festzustellen erschien von WichtiAert, um - immer wieder auftauchsnden Vorstellungen von eine« Verletzung der Fronttruvpen auf ihre wahre Bedeutung zurückzuführen-. Besonders schinsrzlich berührt mußte jeder alte Soldat fein, als selbst unser Hinden. bnrg in Die gleiche Kerbe hieb. Sein Ausspruch von der Erdolchung der gnmtarm.ee durch die Heimat der. wechselt Ursache und Wirkuiig und offenbart eine Den. artig erstaunliche Weltfremdheit mit den Verhältnissen des deutschen Infanteristen, daß es 8" dessen t-brerv» rettung notwendig erschien, solchen Auflassungen ent« gegenzutreten. Richtig ist allerdings, daß mir 's'neu Degeren trieben erhalten Hatten, wenn tu in we Devolution mit ihren Auflösungs« unb gerfe^ungsers chei, nungen dazwischen gekouimen wäre. - Was hier g*',ngi vond, stimmt überein mit dem, was auch uns hunderte wir Fr-hntsoldaten "efchri^-n unb erzählt baben.