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Zum Rücktritt der gbg. Müller-zulva

schreibt die »Fuldaer Zeitung*:

Ein Mann ist viel wert in so teurer Zeit!" Nun gar ein Mann wie Richard Müller, ein Mann, dessen kluger Rat und führender Wille und dessen bedeutende Arbeitslast fast drei Jahrzehnte lang sich so wirksam und segensreich geltend gemacht haben.

Sein Rücktritt vom parlamentarischen Leben ist ein schwerer Verlust für die Zentrumspartei, sie verliert mit ihm eines der hervorragendsten Mit- «lieber ihrer Fraktion in der Nationalversammlung, deren Fachmann in finanztechnischen Fragen er war.

Seit 1893 hat Richard Müller ununterbrochen der Zentrumsfraktron des Reichsparlaments ange* dort. Damals wurde er vom Wahlkreise Fulda- Gersfeld-Schlüchtern in den Reichstag geschickt, 1898 eroberte er den Wahlkreis Homberg-Höchst für das Zentrum, feit 191)3 vertrat er wieder seinen Heimat- heben Wahlkreis, mit immer wachsenden Mehrheiten gewählt.

Herr Müller hatte sich schon länger mit dem Gedanken getragen, sein Mandat niederzulegen und eingeweihten Streifen kommt sein Ausscheiden aus dem Parlament mcht unerwartet. Bereits vor der Wahl von 1912 hatte er in der Vertrauensmänner- Versammlung der Zentrumspartei unfrei Reichs- tagswahlkreiseS erklärt, daß er die Zeit gekommen fühle, die parlamentarische Tätigkeit auf jüngere Schultern abzuwälzen, da körperliche Schwäche sich immer unleidlicher bemerkbar mache. Den Teil­nehmern jener Versammlung wird unvergeßlich sein, Nlit welchem tiefgeben en Bedauern die Vertrauens- nlänner diese Erklärung entgegen nahmen und wie einhellig sie Herrn Muller mit Bitten bestürmten, das Mandat nochmals zu übernehmen. Herr Müller hat schließlich dem allgemeinen Ansturm nachgeben müssen, um im voiigen Jahre bei der Wahl zur National­versammlung zu erleben, daß ihn die Wählerschaft auch dann noch nicht freigeben wollte.Der Name Müller-Fulda ist ein Programm", w hieß eS damals in der Vertrauensrnännerversammlung; das Pro- gramm, das uns to oft zum Sieg geführt hat, muß auch in dieser kritischen Zeit uns voranleuchten, die unentbehrlichen und unersetzlichen Kenntnisse und Fähigkeiten unseres bisherigen Abgeordneten sind bei den großen Aufgaben, die mit der Ueberleitung in ein neues Staatswesen verknüpft sind, nicht zu missen. Die Parteifreunde in den übrJen kurhessischen Bezirken und in Nassau, die mit uns zusammen in dem hessen-nassauschen Nationalwahlkreis vereinigt waren, stimmten mit Freude dieser Willenskundge- bung zu und sprachen den Wunsch aus, daß Herr Richard Müller an die erüe Stelle auf die Zen­trums liste geietzt werde. So geschah es.

Man Zoffte damals, daß die neue Last, die man damit auf die Schultern eines Mannes legte, der nach Jahren angestrengtester Arbeit die Muße wohl ver- dient hatte, nur eine kurze Zeit zu tragen sein würde. Wider Erwarten verlängert sich aber die Legislaturperiode der Nationalversammlung von Monat zu Monat, und es sieht aus, als ob sie noch dis in den Spätsommer hinein tagen würde. So bat sich Herr Rich. Müller infolge der sich stärker bemerkbar machenden Beschwerden endlich doch ge- "ötlgt gesehen, ohne den Schluß der Tagung abzu- Marien, dem Vorstand der Nationalversammlung die Nie der legn na seines Man d ates mitzuteilen.

Das lange Befürchtete ist also nun eingetreten.

Name Richard Müller, der so manche Jahre mit dem Namen unseres Reichstagswahlkreises verknüpft war und ihn mit hohem Glanz umwoben hat, ist von ihm gelost. So sehr man den Wunsch des bald 70- jährigen, dessen körperliche Kraft von den Strapazen des parlamentarischen Lebens hart mitgenommen ist, sodag ihm die Ausübung seines Mandats in der letz­ten Zeit oft unmöglich wurde, so sehr man den Wunsch nad) Ablösung als berechtigt anerkennen muß, so schwer wird es für uns doch fein, uns damit abzu- fmden. Das Bedauern über den Rücktritt Richard Müllers von der politischen Bühne in Berlin wird bei

Parteifreunden allgemein sein. Es gibt keinen

Ueberfluß an Persönlichkeiten wie Rich. Müller, Per­sönlichkeiten, die durch unantastbare Unabhängigkeit, große Selbstlosigkeit und unbestrittene Leistungsfähig­keit chrem Vaterlande so ausgezeichnete Dienste gelei­stet haben.

Das bevorzugte Feld seiner Betätigung war das Gebiet der R e i ch s f i n a n z e n. Hier war er ein Kenner von hohem Grade, ein Stornier von unermüd­licher Tatkraft, ein Finanzpolitik« ersten Ranges. Wenn die Finanzpolitik des Zentrums eine gute Note verdient und sie verdient sie, dann hat das Hauptoer­dienst davon der Abg. Müller-Fulda. Auch an der Lösung wirtschaftlicher Fragen war er hervorragend beteiligt, wir erinnern nur an den Zolltarif, den Han- desvertrag, das Depotgesetz, das Rsichsbankgesetz usw. Wo immer für das Reich Ersparnisse zu machen, wo Mißstände aufzudecken und zu beseitigen waren, wo es galt, Deckung zu schaffen für notwendige Aus- gaben, da konnte man sicher sein, daß der Abg. Mül- ler-Fulda mit Rat und Tat beteiligt war. Sein Name ist untrennbar mit den finanzpolitischen Maßnahmen des Reiches in den letzten Jahrzehnten verknüpft, als führendes Mitglied der Budgetkommission hat er rich­tunggebend gewirkt. Steuern zahlen ist nicht ange­nehm und Steuern schaffen ist kein dankbares Geschäft. Müller-Fulda, der an der Schaffung so mancher not­wendigen Steuer beteiligt ist, versöhnte die Steuer- gegner durch eine gerechte Verteilung der Lasten und durch Vereitelung von Steuern, die die breiten Massen übermäßig belasten. Eine seiner Großtaten war die Deckung des Finanzbedürfnisses bei der Flottenvarlage von 1900, wobei es ihm gelang, die Gesamtkosten um 300 Millionen herabzusetzen. Schon bei dem Tirpitz- schen Flottenplan von 1897-98 hatte er eine Ersparnis von 53 Millionen erreicht, ohne daß der Gesamtplan eingeschränkt zu werden brauchte. Dabei wurde auf seine Veranlassung noch festgelegt, daß keine Erhöhung oder Vermehrung der indirekten Steuern bei Aufbrin­gung der Kosten eingeführt werden dürfe. Ein be­sonderes Kapitel der Müllerschen Erfolge bieten die Kämpfe um die Finanzreform von 1909. Sie sollte ohne das Zentrum und gegen das Zentrum durch den Bülowblock gemacht werden. Der Bülowblock aber ging in Trümmer, und das ausgeschaltete Zentrum mußte wieder ausschlaggebend Mitarbeiten. Bei den ehemaligen Blockleuten weiß man natürlich recht gut, wessen zäher und überlegener Arbeit sie es vornehm- sich tu verdanken haben, daß die Blockherrsichkeit so jämmerlich verhagelte.

Wenn wir M der Erinnerung die aröelts- und er- folaretche parlamentarische Tätigkeit des Herrn Richard Müller-Fulda uns bewußt werden, wie ungeheuer viel wir durch feinen Rücktritt verlieren, so wollen wir doch auch dankbar gedenken, daß wir ungeheuer viel an ihm gehabt haben. Das soll uns damit aussöhnen, wenn wir künftig unseren Wahlkreis nicht mehr durch unseren langjährigen Abgeordneten vertreten sehen. Wir has­sen, daß der Wille und bk Arbeitskraft dieses tatkräfti­gen und unermüdlichen Mannes durch die Beschwerden, die das nahende Greisenalter mit sich bringt, nicht er­schöpft, sondern unserer Partei noch weiter zu Rutzen gereichen werden. Wenn er auch nicht mehr als Ver­treter unserer Interessen in Berlin tätig sein kann, so wird uns doch sein erfahrener Rat nicht fehlen, und als Vorsitzender unserer heimischen Wahlorganisation wird er hoffentlich noch lange Jahre für die Ideale wirken können, denen seine Lebensarbeit galt.

Herr Rich. Müller ist kein Freund von Dankesbe­zeugungen, wir respektieren das. Um so herzlicher darf der Wunsch sein, daß Gottes Gnade und Güte noch recht viele Jahre seine Dienste der Kirche und dem Va- tertonde erhalten möge, daß sein Wort und Beispiel noch recht viele befruchtend aneifere für idealen Bürger- sinn und hochherzige gemeinnützige Arbeit!

Rn die Kngehörigen ver Zenirumsparter.

Der erste Reichsparteitag der Deutschen Zentrums­partei hat seine Arbeiten vollendet. Zum ersten Mal hat er die Gefolgschaft der Partei aus allen Teilen Deutschlands auch organisatorisch vereint. In den neuen Satzungen sind der Eelamtvartei

die Wege dauernder, einheitlicher Arbeit gewiesen. Die großen Ideale, die ein halbes Jahrhundert uns Kraft und Begeisterung gaben, hat der Pattettag von neuem zum Leitstern unseres politischen Handels er­hoben.

Den religiös-gläubigen Volksteil su­chen wir unter unserer Fahne zu sammeln. Den wert­vollen und unentbehrlichen religiös-sittlichen Kräften wollen wir einen überragenden Einfluß auch im öffent­lichen Leben sichern. Sie allein können unser Volk innerlich erneuern.

Aus dem tiefen Leid und Unheil unserer Tage muß sich ein neues Geschlecht erheben, geeint in dem gleichen Ziel, das Vaterland wieder aufzu­richten und einer besseren Zukunft entgegenzufüh- ren. Das Vaterland über die Partei!

^^ ?« neunten deutschen Volkes in allen seinen Ländern und auf jedem Gebiet ist unser Streben. Wir sind und bleiben eine politische Partei. Weder Geschlecht noch Stand und Beruf, noch Konfession darf diejenigen scheiden, die von unserem Geiste erfüllt sind.

Mit Stolz hat das Zentrum stets den Namen einer echten Volkspartei getragen. Wir bleiben der treu, wenn wir uns heute ehrlich und entschlossen zu der neuen demokratischen Verfassung be­kennen.

Sozialen Geist in Gesetzgebung und Verwaltung zu verwirklichen ist alte Ueberlieferung des Zentrums. In ihm bauen wir auch die neue Ordnung. Dem nackten Individualismus und der Alleinherrschaft des privaten Gewinnstrebens stellen wir entgegen den Geist des Pflichtbewußtseins und des Dieners gegenüber dem Nächsten, der Familie, dem Stand und der Ge­sellschaft. Das Gemeinwohl sei oberstes Gesetz bei Wirtschaft. Aber auch bk Einzelpersönlichkeit hat von Gottes- und Naturwegen ihre Bedeutung und ihr Recht. Sie sollen chr bir'ben! Diebeste Sozialpolitik ist heute die nachdrücklichste Förderung unserer Suter* erzeugung. Richtige Produzentenooliük ist heute auch wirksamste Konsumentenpolitik! Darum Hebung und Belebung aller Werte schaffenden Arbeit in Wissenschaft, Ackerbau, Handel und Gewerbe! Von ihr allein kommt uns Genesung. Sie sei uns darum ernstlichste Sorge!

Jede Gesundung unserer Lage nach Innen und nach Außen, in der Wirtschaft wie im Staat, ist nur denkbar auf dem Boden der Reichseinheit. Eine starke Zentralgewalt war seit den Tagen Kettelers und Windthorsts Zentrumsprogramm. Aber das neue Reich bedarf anberer Daseinsformen als das alte. Eine Neugliederung ist ihm Lebensnotwendigkeit. Den zentralistischen Einheitsstaat nach westlichem Muster lehnen wir entschieden ab. Nach Lands­mannschaften, nach wirtschaftlichen und nach kul­turellen Gesichtspunkten ist das Reich neu zu gliedern. W»5 die Verfassung an Eigenleben den Län­dern garantiert, muß ihnen bleiben. Das Zentrum WL. und ist und bleibt ein Hort landsmännischer Eigenart. Auch das Reich muß sie in weiser Mäßi­gung und wohlverstandenem Eigeninteresse schirmen und entwickeln helfen. Reichseinheit und Stammes­eigenart sind nicht Feinde, sondern Stützen einander.

Wohlan denn Parteifreunde! Folgt unserem Ruft In Stadt und Land, in Ost und West, in Nord und Süd schließt die Reihen! Die eine Zentrums- sahne führt uns alle. In der Einheit liegt die Kraft.

Berlin, den 22. Januar 1920.

Der Vorstand der Deutschen Zentrumspartell

^' Diözese Fulda.^k

Fulda im Weltkriege. Bekanntlich sind bei der letzten Volkszählung in Fulda auch Erhebungen an- gestellt worden, um die Z a h l der F u l d a e r T e i l- nehmer am Weltkriege zu ermitteln. Die Aus­füllung der Fragebogen ist leider vielfach nicht sorg­fältig genug borgenommen worden, immerhin bieten die Zahlen, bie tn folgendem mitgeleilt werden können, ein ungefähres Bild über die Teilnahme der mänw