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Ueber den Parteitag

des Zentrums, den ersten, den unsere Partei nach 19- jährigem Wirken abgehalten hat, werden unsere Leser gewiß einen längeren Bericht erwartet haben, aber da geht es uns wie s. Z. bei den Katholrkenversammlun^ gen, wo soll man anfangen und wo anshören, wenn man all die großen Reden und alles, was in der Aussprache erörtert wurde, auch nur im AwsZug brin­gen wollte, zumal bei dem beschränkten Raum unseres Blattes. Alle Berichte stimmen da überein, daß man mit dem Verlauf vollauf zufrieden sein kann, auch die gegnerische Presse gibt das zu.

Es war die Aufgabe des Parteitages, das Partei- leben neu anzufachen, Spannungen auszugleichen, neue Richtlinien zu geben, Porteifreudigkeit unb Parteidiszi­plin zu heben und zur Kräftigung und zum Ausbau der Drganfation eins neue Grundlage zu schaffen. Das ist erreicht, die eingehende, sachlich vollkommen unge­hemmte Aussprache hat gezeigt, daß die Zenrtumsfrak- tion das Vertrauen der Wähler besitzt, dgß Wähler und Gewählte einig fmb in dem Bestreben, daß das Zen- trum eine echte, wahre, deutsche, christliche Volkspartei bleibt, bie nicht nur nach den bewährten Grundsätzen der arrsgleichenden Gerechtigkeit das materielle und so­ziale Wohl aller Volksklassen zu fördern berufen und befähigt ist, sondern auch der Hort einer überzeugten christlichen Weltans^auung und Vertreterin einer ziel­bewußten, dem Wohle und der Ehre des Vaterlandes nach Kräften dienenden praktischen nationalen Politik

Die Politik, die wir in unserem Blatt immer ver­fochten haben, die alte Zentrmnspolitik, und ihre prak­tische Anwendung auf die neue Zeit und die neuen Ver­hältnisse, ist auch vom Parteitag gebilligt worden. Das gilt vor allem auch in der Koulitionkpolièik, d. h. dem Zusammengehen mit der Sozialdemokratie. Daß nie­mand in unseren Reihen besonders entzückt ist und Iu- belliâr anstimmt über die Arbeitsgemeinschaft mit einer Partei, die, wie die Sozialdemokratie, von uns durch unüberbrückbare Gegensätze getrennt ist, ist klar. Aber niemand konnte sogen, wie wir an dem Zusam­mengehen mit der Sozialdemokratie im neuen Deutsch­land hätten vorbeikommen können, niemand konnte sagen, wie es hätte besser gemacht werden können. Ein­stimmig, auch von den Vertretern des Adels, die er­freulicher Weise zahlreich am Parteitag teilnahmen, wurde die Koalitionspolitik gebilligt. Daraus ergibt sich, daß jetzt jeder, der den Anspruch auf den Namen eines Zentrumsmannes erhebt, aus Achtung vor dem Beschluß der obersten Instanz unserer Partei sich auf den Boden des gefaßten Beschlusses stellt und nichts tut ober” sagt, was ihm widerspricht.

Neben der Gesamtpolitik wurden auf dem Parteitag auch die Einzelfragen — Wirtschaftspolitik, Sozialpoli­tik, Kulturpolitik — eingehend besprochen. Gegensätze auf wirtschaftlichem Gebiete wird es immer geben, hier bleibt nichts anderes übrig, als einen gerechten Ausgleich der verschiedenen Interessen anzustreben, die mittlere Linie zu sichern, bis auch der Staat für die Gesamtheit des Volkes innehalten muß.

Man hat ja auch schon früher versucht, den Wirt­schaftlichen Zankapfel in die Zentrumsportei zu wer­fen, um sie zu sprengen. So wenig das früher gelungen ist, so wenig wird es heute der Fall sein, dafür bürgt die Aussprache auf dem Parteitag. Ganz besonders wurde auch, wie die Annahme eines diesbezüglichen Eintrages zeiat, die mmenüaenbe Vertretung der Land­wirtschaft in den Parlamenten anerkannt mrd Abhülfe in Aussicht gestellt. Von besonderer Wichtigkeit war die Aussprache über die Kulturpolitik. Gegenüber der immer mehr zunehmerrden Entchristlichung unseres öffentlichen Lebens hat das Zentrum mit allen Kräften und mit gutem Erfolg seins Grundsätze vertreten und in der Gestaltung des Verhältnisies von Staat und Kirche, Kirche und Schule durchgesetzt, was nur immer möglich war. Mit einer Alles- oder Nichtsvolitik wäre gar nichts erreicht, dagegen unserer christlichen Welt- anschauung der größte Schaden zugefügt worden; über unsere Proteste wäre man einsach zur Tagesordnung übergegangen. Darüber ist in Berlin alle nur wün­schenswerte Klarheit geschaffen worden. Gezwungen, taktisch mit der Sozialdemokratie zusammenzuarbellen, bleiben wir doch grundsätzlich die schärfsten (Segnet der Sozialdemokratie. Das darf kein taktisches Zu- sammengehen verwischen, und die Genoßen im Lande Mit ihrer verbohrten Hetze gegen das Zentrum sorgen ja dafür, daß unseren PMeiangehörigen diese Wahr­

heit nicht aus dem Gedächtnis schwindet. Das Zen- trum bleibt, was es war, ein Bollwerk der christlichen Weltanschauung.

Auch eine âcheitliche Organisation der Partei im ganzen Reich wurde auf dem Parteitag t^sprochsn und ein entsprechendes Statut angenommen. Ihrs Durch­führung muß mm überall, auch bei uns, energisch in die Hand genommen werden. Hoffentlich gcht es dabei nach dem alten Spruch: „Spät gesattelt und scharf ge­ritten!", sodaß bis zu den Neuwahlen überall die Or­ganisation unter Nrch untz Fach ist. Von dem Partei­tag der Zentrumsportei wird nory manches ^schrieben und gesprochen werden. Es ist aus ihm eine reiche Saat gesät worden, bis aber nur dann reiche Früchte bringen kann, wenn eifrige Arbeit geleistet wird. Für die Parteiorganisattsn und dis Presse bietet sich da ein reiches Arbeitsfeld. Befestigt wurde auf dem Partei­tag aufs neue die wigldt Auch das berechtigt zu mancherlei Hoffnungen für die Zukunft. Nicht nör­geln und kritisieren, wenn Zweifel über die Richtigkeit der FraktionspolM auftauchen, Lkrkehrt wäre es, zu sagen: Die Haltung in dieser oder jener Frage ver­stehe ich nicht, also ist sie falsch. Die alte Zentrumsart lautet so: Die Männer, die wir nach Berlin geschickt haben, sind lauter erprobte Zentrumskämpen. Wenn ich ihre Entschließungen nicht ohne weiteres verstehe, dann sind sie darum nicht falsch, vielmehr ist mir nur der eine oder andere entscheidende Punkt unbekannt; ich muß mich besser unterrichten. Mit anderen Wor­ten: Das Band des Dsriranens. das Wähler unb Ge­wählte umschlingt, muß von beiden Seiten dauernd gepflegt werden. Es muß dem politischen Gegner un­möglich gemacht werden, es durch die erste beste Be­hauptung zu erffüttern. Wenn wir das immer fest- halten, brauchen wir keine Sorge zu haben, daß die Zentrumspartei nicht auch über dis ungewöhnlich schwierige Zeit von heute mit der Festigkeit und Cin- mütgkeit hinwegtssnnsn wrd, die zur Geltendmachung ihrer Grundsätze im öffentlichen Leben erforderlich sind. In der Einheit liegt unsere Stärke. Zersplittert, lose Reiser, vereinigt, GckMN gleich.

Ein Attentat auf Erzherger.

So weit ist es durch die seit Jahr und Tag in Wort und Schrift und Bild betrieben« Hetze der rechtsstehrndcn beutf(^nationalen Presse gekommen; die böse Saat beginnt aufzugehen. Ein zwanzigjäh­riger Gymnasiast Oltwig von Hirschfeld, der im Krieg Fähnrich war, und jetzt auf das Abitur sich vor­bereitet, hat auf de« Minister beim Verlassen des GerichtsgebäudeS, wo zur Zeit der Prozeß Helfferich- Erzberger staitfindetz ein Revolveraltentai verübt und ihn an der Schulter verletzt, nachdem die erste Kugel an der Uhrkette des Minister- abgeprallt war. Wenn auch eine direkte Leben-gefahr nicht vorliegt, so er- heischt der Zustand deS Ministers doch die größte Schonung, eine Entfernung der Kugel ist zur Zeit nicht möglich. Der Attentäter wurde zunächst von den Umstehenden verprügelt und dann von einem Polizejbeamten verhaftet. Bet der Untersuchung zeigte er nrcht die geringste Neue, sondern bezeichnete seinen verbrecherischen Anschlag als eine patriotische Tat, er hätte erreichen wollen, daß Erzberger endgültig aus der Regierung ausscheide, Werl er ihn für einen Gemein- schadling halte, der beseitigt werden müsse. Mit furchtbarer Deutlichkeit zeigt sich hier wieder die Verwirrung aller Begriffe. Ein junger, unerfahrener Mensch gebärdet sich als Netter des deutschen Volkes und gibt sich die Pose eines Nationalheros. Em eigenes Urteil über Erzbergers politische Handlungen kann dieser junge Mann noch nicht haben. Er ist wie schon gesagt das Opfer der verhetzenden Pro­paganda geworden, mit der seit Jahr und Tag unter Vernachlässigung rein sachlicher Kritik Erz­berger verfolgt wird. An den Urhebern dieser Hetze bleibt die sinnlose Tat des verblendeten Bur­schen hängen. ,Deutsche Zeitungtz .Tägliche Rund­schautz »Lokalanzeigertz ,voff u. dgl. werden ver­geblich versuchen, von der Mitschuld sich reinzuwaschen.

Am 20. Januar schrieb die ^Tägliche Rundschau" zum Erzbergerprozetz : „Der kugelrunde, aber nicht kugelfeste Herr Erzberger, der auf einem Um­wege an die VerhandlungSstelle gekommen rst, hat das auch nur in Begleitung von zwei Leibwächtern gewagt " Gelegentlich der Stuttgarter Rede Erzbergers hatte sie mit besonderer Genugtung über einen Fall berichtet, bei dem ihm ein Mann aus der Versammlung einen Strick gezeigt und aus den nächsten Laternenpfahl ge­wiesen habe, und dies eine „verständliche Geste" genannt.

Der «Hannoversche Kurier" schrieb am 8. Januar über die Stuttgarter Rede Erzbergers. „Wahrscheinliche weil Erzberger es nicht wagen darf, sich in Berti« unb anderen Großstädten deS Nordens äffentliS zu zeigen, ist er nach Stuttgart gegangen, um dort fern vom Schusse sein Werk von dem Alpdruck, der auf ihn gehäuften Vorwürfe zu hefteten.'

Die «Post" schreibt: «Statt der Matrosen, die i« Schlöffe deS Großherzogs von Sachsen den schlafende« Erzberger bewachten, hat der Minister zwei Geheim­polizisten hinter sich, deren Lebensaufgabe darin bestes dafür zu sorgen, daß der Buttenhausener dem deutsche« Volk nicht gestohlen werde. Die deutsche Zeitung hatt« von der «Stunde der Abrechnung" geschrieben:

Wahrlich, man braucht sich eigentlich nicht z« wundern, daß es jetzt so weit gekommen ist.

Die ÄMiefermg des Kaisers

ist von Holland erfreulicher Weise in würdiger und enth schiedener Weise abgelehnt worden Die Holländisch« Negierung stellte sich auf den klaren Boden des Rechte-. „Weder die Staatsgesetze des Königreiches, die auf den allgemein anerkannten Rechtsgruntsätzen beruhen, noch die a-merlnnnten, Jahrhunderte alten Traditionen (Ueberlieferungen). Sie Holland zu einem Zufluchtsort für die Besiegten bei internationalen Konflikten ge- macht haben, gestatten der Regierang der Nied erlauf den Wunsch der Dtächte zu bewilligen, indem sie der« früheren Kaiser den Vorteèl ihrer Gesetze und, ihrer Traditionen entzieht. DaS Recht und die national« Ehre, die als heilige Pflichten berücksichtigt ive eben müf* sen, sprechen dagegen. Das holländische Volk, den Ge» fühlen gehorchend Ne die Weltgeschichte immer gewür- oigi hat. darf den Glauben derjenigen, die sich seines freien Einrichtungen anvertrauten, nicht täuschen." Do- ist derselbe Standpunkt, den der vâpstliche „Osser davor« Romano" schon vor Wochen vertreten hat, indem er erklärte, bei dem verlangten Kaiserprozeß handele eS sich um einen „ohne Beispiel in der Geschichte des^ Rechts t und ter Diplomatie dastehenden Fall " Es wäre ein unerhörtes Vorgehen eine Strafe verhängen zu ivolleu, die nickst von einem Gesetz vorgesehen ist. Es gibt aber kein Gesetz, das eine Strafe für einen am Kriege schul- bigen Souverän Vorsicht, womit natürlich nicht gefaßt sein soll, daß Wilhelm II. überhaupt am Krieg „schuld* ist. Noch unerhörter ist das Verlangen der Emteuis, selber die Richter zu ernennen, die Kläger sollen also den Gerichtshof aufstellen, der über den Angeklagten richten soll, sie will Klager und Richter in einer Per» son fein. Daß das den gewöhnlichsten Rechts gründ sätzen geradezu ins Gesicht schlägt sieht wohl jedermann ein Um das Recht ist's ja den Alliierten auch gar nicht zu tun, trotz ihrer großen Sprüche, sie wollen nur ihr« Rache befriedigen. Daß das steine Holland den Mut hat ilmen einen Strich durch ihre Rechnurrg zu inanem herbsten! wirklich alle Anerkennung. Ob man sich mit der ereen Abfuhr zufrieden gibt?

Der VrièfGechsel Zwi chen öem Kaiser Md dem Baren

der kürzlich veröffentlicht wurde unb aus dem wir einige Proben mitgeteilt haben, bringt im allgemeinen nichts neues. Es handelt sich nur um eine Auffrischung meistens schon bekannter Dinge. Die Briefs Zeigen, welch geradezu unheimliches Vec- rrauen der Kaiser auf seinen „liebsten Nicky" setzten in alles hat er ihn eingsweiht, selbst die geheimen Pläne unserer neuesten Schiffe hat er in übergroßem Vertrauen auf die Verschwiegenheit und Freundschaft des Zaren ihm und seiner Marirrebehörde anver­traut. Ohne Zweifel hat aber England davon ebenso rechtzeitig Kenntnis befommen, wie es von andern vertraulichen Meinungsäußerungen des Kaisers an den Zaren feststeht. Man sieht daraus, welch un­geheure Schädigung das ^persönliche Regiment“ des Exkaisers — trotz seines, wie anerkannt werden muß, besten Willens seinem Lande zu nützen — diesem gebracht hat. Jedenfalls hat „Nicky" sich des Ver- trauens feines lieben Willy nicht würdig gezeigt, wie sein Verhalten im Weltkrieg gezeigt hat, wo er für eine völlige Zerstückelung Deutschlands eintrat. , Die Briefe offenbaren übrigens auch ein so außerordent­liches Maß von SelbfthsrrlichkeU, daß man sie, auch da, wo die guten und friedlichen'Absichten Wilhelms II. nur Zustimmung finden können, nur mit großer Selbstüberwindung lesen kann, so wenn er sich z. B. bei seiner Unterschrift des von einer ganz übertriebe­nen Ausfüffung' der wirklichen Muchilage zeugende Prädikat „Admiral des atlantischen Ozeans" beilegt. Mit welchen Gefühlen mag er jetzt in seiner Einsam­keit in Amerongen an die vergangene Herrlichkeit .^urückdenken.