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reichische 5kundgebung, die alle von Clemenceau ausgestellten Behauptungen als niedrige Verleumdungen zu- rückwies, diesen schönen Plan nach außen hin zu durchkreuzen, ohne daß indessen die Öffentlichkeit sich klar werden konnte, was eigentlich Tatsächliches an der gan- zen Geschichte, die natürlich unmöglich erfunden sein konnte, wer. Die nunmehr veröffentlichten „Dokumente", vorausgesetzt, daß sie echt und ohne tendenziöse Beimischung sind, lassen die Rolle, die damals Kaiser Karl und in seinem Auftrag sein Schwager Sixtus spielten, keineswegs so harmlos erscheinen, als wie es seinerzeit von Wien aus bar gestellt worden war. Aus diesen Dokumenten würde sich nämlich ergeben, daß die Vermittlung des Prinzen Sixtus sich auf einen längeren Zeitraum erstreckte und — vor allem auch auf Veranlassung seines kaiserlichen Schwagers in Wien — den Zweck verfolgte, für Oesterreich-Ungarn einen Sonderfrieden mit der Entente herauszuschlagen, falls die Bemühungen der öster.-ung. Regierung Deutschland zu teilweiser oder völliger Preisgabe Elsaß-Lothringens an Frankreich scheitern sollten. Warum schließlich das Geschäft, das schon ziemlich weit gediehen zu sein schien, sich zerschlug, ist aus den bisher veröffentlichten „Dokumenten^ nicht ohne weiteres ersichtlich. Sie besagen nur, daß der letzte Brief Kaiser Karls und eine beiliegende Note des Grafen Czernins, die gegen garantierte Zusicherung der Unversehrtheit der österreichisch- ungarischen Monarchie einen Sonderfrieden anboten, von der Entente nicht mehr beantwortet wurden. Die Mission des Prinzen Sixtus umfaßte den Zeitraum von Mitte Februar bis Ende Mai 1917.
Ehe man ein abschließendes Urteil über diese Angelegenheit sich bilden kann, müßte man auch die zunächst Beteiligten vor allem Kaiser Karl und Cyernin zu den Enthüllungen hören. Wenn aber wirklich die veröffentlichten Dokumente echt sind, dann erscheint die österr.- ungarische Politik in einem recht unschönen Licht. Mag man auch alle mildernden Umstände für Kaiser Karl als Oberhaupt eines national gemischten Staats würdigen, der am Ende seiner Straft war und vor dem Zusammenbruch stand, so war er doch auch der Herrscher eines deutschen Volksstammes; als solcher hat er Untreue gegen die deutsche Nation geübt. Bei der Wahl zwischen Treue u. Vorteil durfte er nicht schwanken. Uebrigens ist doch auch eine harmlosere Erklärung.der Sache nicht unmöglich. Da man nämlich in Berlin damals überzeugt war, daß der Friede nur über Wien kommen könne, ist gar nicht aus= geschlossen, daß maßgebende Berliner Kreise von den Friedensbemühungen des Kaisers Karl wußten und dieser nicht ohne Grund annehmen zu können glaubte, in gewissem Sinn und bis zu einem gewissen Grade auch den Absichten jener Berliner Stellen mit seinen Friedensversuchen zu entsprechen. Bei dieser Gelegenheit ist übrigens eine geschichtliche Erinnerung nicht ohne Interesse. Vor mehr als 100 Jahren hat Preußen ebenso gehandelt wie jetzt Oestereich, mit dem immerhin nicht unwesentlichen Unterschied, daß Oesterreich 1917 sich in einer gewissen Notlage befand, während der preußische Verrat nur aus nacktester Länder gier geboren war. Es handelt sich dabei um das Verhalten Preußens im ersten Koalitionskrieg gegen Frankreich. Obwohl gerade Preußen diesen Krieg hauptsächlich bewirkt hatte, schloß es, um die Beute aus der zweiten Teilung Polens besorgt, hinter dem Rücken Oesterreichs mit Rußland eine ge- ijeime Konvention und seiner Pflicht gegen Deutschland nicht eingedenk, mit den Franzosen, (dem Nationalkonvent) den traurigen Sonderfrieden zu Basel (5. April 1795). Preußen überließ darin das linke Rheinufer zunächst militärisch den Franzosen und versprach in Geheimartikeln seine Zustimmung zur künftigen Abtretung dieses Gebietes mit Einschluß seiner eigenen linksrheinischen Länder beim allgemeinen Frieden, vorausgesetzt, daß es für den Verlust durch säkularisierte geistliche Güter (namentlich Münster) Entschädigung erhalte. Eine Demarkationslinie, die von Osifriesland bis an den Kocher, von da um Franken bis nach Schlesien sich zog, schied den süddeutschen Kriegsschauplatz und das neutrale Norddeutschland, sodaß tatsächlich Deutschland gespalten und Oesterreich und das südwestliche Deutschland im Stich gelassen war. Diese unselige Sonderpolitik fand bald Nachahmung bei anderen deutschen Staaten und machte Deutschland zur Beute Frankreichs — durch die Schuld Preußens. — Man kam sicy übrigens auf weitere Enthüllungen gefaßt machen, denn eine Clemenceau nahestehende Pariser Zeitung berichtet, daß in den Pariser Geheimarchiven auch Briefe des Königs von Bayern, des Großherzogs ven Mecklenburg und des Herzogs von Braunschweig sich befinden.
Aufgeräumt
hat mit einem Vorwurf ge en Erzberger die Veröffentlichung der Dokumente über den Friedensschritt des Kaisers Karl und die Mission des Prinzen Sirius. Man hat in deutschnationalen Kreisen Erz
berger den Vorwurf gemacht, die Entente habe durch ihn von dem Geheimbericht des Grafen Czernin an Kaiser Karl Kenntnis erhalten, in dem bekanntlich dargelegt war, daß Oesterreich am Ende seiner Krafi stehe und noch vor dem Winter Frieden machen müsse. Dabei vergißt man, daß schon anfangs 1917 Prinz Sixtus im Auftrag des Kaisers Karl zweimal Briefe desselben nach Paris übermittelte. Auch in der Schweiz pfiffen cs die Spatzen von den Dächern, wie es in Oesterreich aussah.
Traurige Aussichten.
Wiederaufbauminister Dr. Geßler erklärte in einer Versammlung, in Kempten, daß nach seiner Ansicht auch Deutschland in der ersten Hälfte des neuen Jahres das Schicksal Oesterreichs nicht erspart bleiben werde.
Reichsschatzminister Dr. Mayer sagte auf einer Ver- fammlung der Bayerischen Volkspartei für Schwaben, die Krisis im Wirtschaftsleben sei noch nicht erreicht, sie werde erst im Sommer eintreten.
Zur Vermeidung derartiger Zustände hofft man auf die Zufuhren aus Amerika; wie wir diese aber bezahlen sollen bei einem derartigen Stand der Valuta, da die Mark im Ausland nur den 10. Teil ihres früheren Wertes hat, ist undenkbar, falls Amerika uns nicht borgt. Diese Möglichkeit besteht allerdings. Nach Zeitungsmitteilungen soll Amerika gewillt sein, für die bedrängten europäischen Staaten, wozu auch die Sieger gehören, eine Riesenanleihe von 13 Milliarden Dollars auszubringen. Andere amerikanische Stimmen stellen das wieder in Abrede und meinen, Europa solle sich nicht auf Amerika verlassen, sondern arbeiten.
Nur durch zwei Pferde, sagte Abg. Leicht in einer Zentrumsversammlung in München, könne der Staats- wagen wieder aus dem. Dreck herausgezogen werden, das eine ist ein langfristiger Kredit des Auslandes zur Ausgleichung der Schwierigkeiten unserer Valuta und zur Beschaffung von Rohstoffen, das andere Pferd heißt Arbeit; wenn die zwei Pferde nicht zusammentreten, sammt der Wagen nicht aus dem Dreck heraus. Zu der wirUchaUl. Not gesellt sich noch das moralische Defizit des deutschen 13o!tes. Treue, Pflicht, Gewissen scheinen heutzutage vielfach unbekannte Begriffe geworden zu sein. Auflösung des Familienlebens, Zunahinc der Ehescheidungen, Verwilderung der Jugend machen sich immer mehr geltend. Dadurch wird der Ernst der Lage noch verschlimmert. Ungezählte wollen das aber nicht erfassen und tollen weiter, es fehlt ihnen die Selbstzucht. Da heißt es arbeiten an der inneren Erneuerung, am Gewissen, an der Seele, sonst ist Deutschland für lange Zeit verloren. Es ist verloren, wenn es seine Seele nicht finbei und nicht auf sie hört.
Eine verantwortungsvolle Entscheidung
hat die bayerische Volkspartei (die bayerische Grupp? der Zentrumspartei) auf ihrem Parteitag in München getroffen, nämlich die Aufhebung der JkbeHëgemein» schäft mit dem Reichstagszentrum. Die treibende Kraft dabei ist in erster Linie der Abg. Dr. Heim, ohne Zweifel ein hervorragend begabter und verdienstvoller Mann ein Organisatior ersten Ranges, aber wie alle derartiger Leute auch ein Mann von stark entwickelten! Selbstbewußtsein, der starr an seiner einmal gefaßten Meinung festhält und für die Gedanken und Ansichten Andersdenkender nicht leicht zugänglich ist. Es handelte sich vor allem um die Frage des deutschen Einheitsstaates, aber auch die Frage des Zusammenschlusses der Baue, norgani- iationen spielte eine große Rolle. Die Abneigung aegen den Einheitsstaat,für den sich in der preußischen Nationalversammlung neben den Demokraten und Sozialdemokraten auch das Zentrum ausgespiochen hat, ist in Bayern allerdings sehr groß. Die Bayern sind von jeher ängstlich darauf bedacht, ihre Selbständigkeit zu wahren, der „Partikularismus", die Pflege" der politischen Sonderart ist dort stärker ausgebaut als irgend in einem, anderem Bundesstaat. Von Preußen wollte man nie etwas wissen, besonders in Altbayern ist diese Abneigung so groß, daß man lieber „bayerisch sterben als preußisch verderben" will. Derartige Stimmungen und Gefühle sitzen fest im Volk und sind oft stärker als alle Vernunft- gründe, und ein Mann, der diese Stimmung geschickt âuszunützen versteht, wird immer die Masse hinter sich haben. Daraus erklärt es sich, daß Heim mit seinem Antrag auf sofortige Trennung durchdrang. Das Zentrum, so sagte er, sei seit Windthorsts Zeiten fö deralistisch (d. h. für die Selbstäw digkeit der Einzelstaaten) gewesen, durch seine Zustimmung tut Reichsverfaffung und voraus-
sichtlich auch zu dem preußischen Antrag habe es diesen Standpunkt verlassen. Deshalb könne eine Partei, welche in ihrem Programm sich für den Föderalismus an erster Stelle eingesetzt habe, wie die Bayerische Volkspater, nicht mehr in einem en« cereu Verhältnis zur Zentrumspartei bleiben, ohne für deren Fehler verantwortlich gemacht zu werden. Es ist richtig, daß Windthorst gegen den Einheitsstaat war, aber die Zelten ändern sich und die Men« schen in ihnen —- und wenn vor 50 Jahren Windhorst ein Anhänger des Föveralismus war, so ist damit noch lange nicht gesagt, daß er, heute, nach den gewaltigen Erschütterungen durch die Revolution, noch derselben Ansicht wäre. Uebrigens ist ja auch schon oft gesagt worden, daß bei dem Verlangen nach dem Einheitsstaat, dec schon aus Lparsamkeitsrückfichtcn anzustreben ist, das Zentrum keinerlei Bestrebungen verfolge, die es Bayern innerhalb der von der Reichsverfassung gezogenen Grenzen nicht gestatteten, seine Selbständigkeit zu wahren. Im Gegenteil wird, wenn die Bestrebungen der Zentrumsfraktion in die Wirklichkeit umgeießt würden, die Stellung Bayerns im Reiche eine Stärkung erfahren. Preußen würde in seiner hentigen Gestalt in Zukunft nicht mehr weiter bestehen und damit die Möglichkeit eines preußischen Uebergewichts ein fü. allemal beseitigt werden. So und nicht anders ist auch Erzbergers Eintreten für den Einheitsstaat be'onders auf einer Versammlung in Stuttgart zu verstehen, die von Heim und seincrr Anhängern weidlich ausgeschlachtet wurde. Zwar wurden auch Stimmen" laut, die gegen die Trennung sich aus- 'pracheu, oder wenigstens erst die Stellung des Reichsparteitags abwarten sollte, sie drangen aber nicht durch. Sie wiesen darauf hin, daß für die Selbständigkeit Bayerns bei einer Trennung vom Reichszentrum nichls gewonnen werde, dagegen toer» höre die Partei von 17 Leuten allen Einfluß, selbst wenn sich ihr in irgend einer Form die 4 Bauern» bündler anschließen. Noch größer sei der Schaden für das Reichstagszentrum, das bisher als einziger Vertreter der katholischen Interessen und der gleich- berechtigung des katholischen Bolkstciies in Deutschland in seiner Zahl und damit in seiner Geltung im Reiche geschwächt werde, hingewiesen wurde auch aiifdiebevorstehei deFestlegung einesReichsjchulgesetzeS und der Grundsätze für die Trennung von Kirche und Staat, welchedie Erhaltung eines starken einheitlichen Zentrums erfordern. Ein Zusammengehen der Bayer. Voltsparte! in kulmreüen Fragen mit dem Zentrum habe nie die Wucht, wie sie einer einzigen, geschloffenen Partei zustehe. Alle diese Gründe verfehlten zwar uicht ihren Eindruck bei denen, welche über die Grenzen Bayerns auf das Reich hinausschaueu, aber sie bekehrien diejenigen nicht, beten Blicke durch Dr. Heim, Justizral Reiset, bei Verteidiger- Heims in vielen Prozessen und des Parwioorsitzcndeu Held nur auf Bayern hingelenkt wurden. Bei Ablehnung des Amragrs Heim war nämlich eine Sprengung der Bayerischen Volispartei in Bayern zu fürchten, zumal angesichts der Bestrebungen der Bauernorganijationeu (Bauernverein und Bauernbund) sich zu gemeinsamer petit. Arbeit zusommenzuschließen. Heim würde aus der Partei ausgetreten sein und sicher einen großen Teil seiner Anhänger mit sich gezogen haben, der ZuPnunenbruch der Bayer. Volkspartei wäre die Folge gewesen. Um das zu verhüten, um die Einigkeit der Partei in Bayern selbst zu erhalten, ihrZusammenwirken auf der bisherigen Grundlage der Stände entschied sich die Mehrheit für den Antrag Heim — „da das bayerische Hemd ihr näher lag als der deutsche Rock". Auch die Hoffnung auf eine mögliche Vereinigung mit dem Bauernbund, so« fern sich dieser auf den Boden der Kulturaufgaben mit der Bayer. Volkspartei stellt, mag dabei mitge» wirkt haben. Eine solche Zusammenarbeit würde unstreitig ein starker Hort für die Erhaltung der Ordnung in Bay-rn werden und auch wieder auss Reich befruchtend wirken. Eine Folge der Trennung ist auch die Nichlbeschickung des am Samstag in Berlin beginnenden Reichsparteitages der Zentrumspartei durch die Bayern. Erfreulich ist diese Entwickelung der Dinge in Bayern jedenfalls nicht und wir möchten der Hoffnung Ausdruck geben, daß es doch noch gelingt, die Arbeitsgemeinschaft, die im beiderseitigen Interesse liegst, wiederherzustellen, zumal sich die Differenzen ja eigentlich nur auf die Stellung zum Einheitsstaat beziehen, während in andren, besonders in kulturellen Fragen keine Meinungsverschiedenheiten bestehen. Der Reichsparteitag und die Besprechungen in der Zentrumsfraktion der Nationalversammlung werden dazu vielleicht die Wege ebnen. Wie immer in solchen Fällen freuen sich natürlich die Gegner über den „Riß im Zentrum" und die extreme deutsch-