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Endlich Frieden!

Am 10. Januar ist wirklich und wahrhaftig der Friedenszustand zwischen Deutschland und den alliierten Mächten Tatsache geworden: fünfviertel Jahre, nach­dem wir den Antrag auf Waffenstillstand bei unsern Feinden gestellt, sieben Monate, nach dem wir den uns aufgezwungenen Friedensvertrag angenommen haberr. Dieallierten und assoziierten Mächte" haben sich wahr­lich recht viel Zeit gelassen, um alle die Formalitäten zu erfüllen, die nach ihrer Ansicht nötig waren, bis die Welt der Frieden im vollsten Sinn des Wortes er­hielt. Tag des Friedens? Im Kriege hatten wir ge­hofft, daß es ein Tag der Freude werden solle; wie sehr haben wir uns getäuscht. Niemals haben wohl Menschen einen Tag, der ein Tag des Jubels, zum mindesten ein Tag der Erlösung sein sollte, mit solchem Gram, mit solcher Bitterkeit begangen, wie wir heute; wir haben wirklich keine Veranlassung, die Friedens- glocken in Freude zu läuten, denn uns bringt dieser Friede nach dem schrecklichen Opfer des Krieges, noch der fünfjährigen Hungerblockade

nur Lasten, nichts als Lasten.

Das Wetter, das hier zu Lande am ersten Friedens­tag herrschte, war ein richtiges Bild diese-? Friedens. Grau wie der Himmel liegt vor uns die Welt." Wenn er wirklich rücksichtslos durchgeführt wird, dann werden Millionen und Abermillionen von Teut­schen auf dem Boden, der ihnen gelassen ist, und unter den Lebensbedingungen, die ihnen auferlegt sind, nicht mehr die Möglichkeit des Daseins finden. Dieser Frie­densschluß nimmt uns lebenswichtige Teile unserer in­dustriellen Rohstofsgrundlage, Eisenerze, Kohle, Kali; er nimmt uns im Osten lebenswichtige lmrdwirtschaft- liche Gebietsteile, die unentbehrlich waren zur Ernäh- rung unserer Städte und Industriegebiete; er nimmt uns die entscheidenden Stützpunkte unseres Außenhandels, durch die Auslieferung unserer Schiffe, durch die Be­schlagnahme und Liquidation unserer Allslandsunter­nehmungen, durch die Wegnahme der Kolonien rmd der Ueberseekabel, durch die Versagung der handelspoliti­schen Gleichberechtigung. Und er läßt so eine auf un­genügendem Raum eng zusammengepreßte Bevölkerung mit ungenügenden natürlichen Hilfsquellen übrig, eine überdichte Bevölkerung, die schon vor dem Krieg auf die kunstvolle Daseinsform angewiesen war, sich durch Arbeit, vor allem auch durch Verarbeitung und Wieder­ausfuhr frenider Rohstoffe, die Mittel zum Leben vom Ausland zu beschaffen, die auf solchen Tausch mit dem Ausland künftig noch mehr als bisher angewiesen sein wird, weil ja soviel rings herum Ausland geworden ist, und die doch nicht weiß, was sie künftig noch tauschen kann und soll, weil man ihr ja allen Uebersluß, und in Wahrheit noch viel mehr als das, unentgeltlich fort­nehmen will als Entschädigung für die anderen: 43 Millionen Tonnen Kohle (ungefähr die Hälfte der heu­tigen Jahresproduktion des Ruhrgebiets!), Chemikalien, Waren und Arbeiter für den Wiederaufbau, endlich die ganze Last der baren Kriegsentschädigung, die ja auch nur durch Arbeit geleistet werden sonnte.

Jetzt erst wird uns zum Bewußtsein kommen, was eigentlich das Unterliegen in diesem größten aller Kriege für uns und unsere Zukunft bedeutet, jetzt, da all die Verpflichtungen beginnen, die man uns im Versailler Vertrag auferlegt hat. Jetzt heißt es für unsMe- dergnlmachsn", jetzt l)eißt es arbeiten, um unseren Fein­den den Preis zu zahlen, um dessentwillen sie auf die Fortsetzung des Krieges verzichteten, als unsere Schlacht­reihen ins Wanken gekommen waren und der feindliche Vormarsch nach menschlichem Ermeßen nicht mehr dau­ernd hätte aufgehalten werden können. Jetzt müssen mir auch

Abschied nehmen von den vielen deutschen MUörüdern in jenen Rand­gebieten, die Deutschland durch den Friedensvertrag verlittt. Sie werden nicht nur losgetrennt vom gro­ßen Stamm der deutschen Dolksgesamthsit leben müs­sen, sie werden wahrscheinlich auch bitter und schwer zu kämpfen haben um ihre Anerkennung und Gleich­berechtigung in den fremden Staaten, denen sie gegen ihren Willen angegliedert werden.

Nur einen einzigen Lichtblick bietet, wenn man so sagen darf, das endliche Inkrafttreten des Friedens, das ist

die Rückkehr unserer Ufangensn Brüder aus Frankreich. Dieser Gedanke allein kann in unserem Herzen einige wärmere Empfindungen auslösen. Den endlich Heimkebrenden rufen wir von ganzem Herzen

unser Willkommen zu, ihnen danken wir aufrichtig für alles, was sie für das Vaterland haben tragen müssen, nicht zuletzt über den Zeitpunkt hdraus, an den, der Krieg tatsächlich aufgehört hat und in dem nach Men- schenrecht sie schon hätten ihren Müttern, Frauen und Kindern wiedergegeben werden müssen.

Furchtbar ist das Schicksal des deutschen Volkes, kaum je ist ein großes Volk, das in glänzendem Aufstieg war, innerhalb weniger Jahre so elend geworden, wie jetzt das deutsche. Der Traum, daß Deutschland ein Weltreich werde, den der letzte Hohenzollernkaiser ge­träumt hatte ist für absehbare Zett erledigt. Aber so hätte es docy nicht zu kommen brauchen doch wir wollen heute, am ersten Tag des Friedens, die Vergangenheit ruhen lasten und an den alten Spruch denkernGlücklich ist, wer vergißt, was einmal nicht zu andern ist." Es heißt jetzt die Zähne aufeinander beißen und sich ins Unvermeidliche fügen. Wir haben nun zunächst die Pflicht, die Ver­tragsbedingungen, die wir unterschrieben haben, ehrlich und nach besten Kräften zu erfüllen. Dazu wird es nötig fein, daß das gesamte deutsche Volk sich in seinen Ansprüchen an das Leben aufs äußerste beschränkt und noch mehr als vor dem Krieg arbeitet, derm nur unsere redliche Arbett wird Deutschland die Vorbedingungen für die Revision des Friedens, die wir alle mit der Zeit erhoffen, schaffen. Arbeit und Opfermut verbunden mit Gottvertrauen, sind die Tugenden, auf denen Deutsch­lands Zukunft beruht. _______

Äriegchündniffe statt der Völkerbünde?, das ist das Ergebnis des Jahres 1919. Bündnisse werde es keine mehr geben, ebenso keine Kriegsrüstun­gen mehr, dafür der Völkerbund da, so versicherte man anfangs 1919. Und am Ende des Jahres reisten die Staatsmämier der Entente von der einen Haupt­stadt in die andere wie weil. König Eduard VII. um wieder neue Kriegsbündniffe zu schmieden. Eng­land und Frankreich haben bereits ein Bündnis ge­schlossen, natürlich gegen Deutschland. Ob auch Italien beitritt, ist noch nicht klar; es wird sich wohl seinen Beitritt teuer bezahlen lasten durch Zugeständnisse sei­ner Verbürrdeten in Dalmatien, Asien und Afrika. Und wenn es dabei keinen Anklang findet, wird es kaum beitreten, sondern sich im stillen mit Deutschland an- freunden. Daß Italien dieses Eisen, nämlich ein Zu- iammengehen mit Deutschland, mindestens im Feuer hat, ersieht man daraus, daß es fortwährend ètimnumg macht für einen Anschluß Deutsch-Oesterreichs an Deutschland, damit es so dessen Nachbar würde; daß es immerfort erklärt, der Deutschland auferlegte Friede sei zu hart usw. Wie wenig Spaß man aber in England solcher Gelüsten gegenüber versteht, geht aus dem Um- ffanbe hervor, daß England in den nächsten Wochen im Mittelmeer, also just gerade vor der Nase Italiens, große Flottenmanöver abzuhalten gedenkt. Das ist ein Wink mit dem Zaunpfahl und heißt zu deutsch, Italien probiere keinen Extratanz, sonst zeigen wir dir was. Man kann gespannt sein, wie sich die Dinge weiter ent­wickeln. Vorläufig sind einmal Frankreich und England die Herren von Europa. Letzteres bemüht sich aber sehr angestrengt, auch die anderen europäischen Staaten dem neuen Bunde einzufügen. Warum das? England hat bekanntlich viel zu tun auf der weiten Welt. Es könnte daher einmal eine Heit kommen, wo es nicht in der Lage wäre, sich ausgiebig um europäische Angelegen­heiten zu kümmern. Für diesen Fall sollten die an­deren Frankreich stützen oder behindern, je nachdem man es in England für gut hält. In England sowohl als in Frankreich fürchtet man immer, früher oder später werde es einmal zu einem rustisch-deutschen Bünd­nisse kommen; dann konnten aber sie beide um die Früchte ihres dermoligen Sieges kommen. Um das möglichst zu verhüten, hat man im Friedensvertrag von Versailles Deutschland und Oesterreich sämtliche polnische Gebiete abgenommen und hat das selbständige polnische Reich geschaffen, das für immer ein Keil oder Scheidewand zwischen Deutschland und Rußland sein soll. Aus dem gleichen Grunde hat man die Deut­schen gezwungen, ihre Truppen aus den nördlichen ehemaligen russischen Gebieten, aus Lettland, Estland und Kurland Knall und Fall zurückzuziehen, auch auf die Gefathr hin, daß diese Länder den vordrängendcn Bolschewiki nicht standhalten können, nur um zu ver­hindern, daß Deutschland und Rußland miteinander in Beziehung kommen.

Was Amerika befrist, so will es vomVölkerbund" nichts wissen; man befürchtet dort nämlich, es könne sich

eines schönen Tage» auch einmal in die amerikanischE Hmislichtett einnnschen wollen, wie es die Amerikaner in den letzten Jahren in Europa getan. Das paßt aber den Amerikanern schon gar nicht und sie verlang^ allerlei Aenderungen. Um nicht noch weiterhin in die unangenehmen europäischen Händel verwickelt 311 wer­den, haben sich die Amerifaner einfach von der Frie­denskonferenz zurückgezogen. Das heißt mit anderen Worten: macht eure Handel in Europa selbst aus, wir werden uns weiter nicht darum fümmern. Damit ist der von Wilson geplante Völkiibund zum Tode ver­urteilt, ehe er noch ins Leben getreten ist; er ist ein totgebornes Kind. Daß daraus nie etwas Richtiges werden könne, war jedem Einsichtigen von selbst klar, Es war ein

zweiter babylonischer Turmbau, der zunichte wurde, weil die Menschen einander mcht in christlicher Liebe verstehen wollten.Wenn der Herr das Haus nicht baut, arbeiten die Bauleute umsonst"; dieses Wort der Heiligen Schrift trifft nirgends so zu als in diesem Falle. Eine Völkerbundsversöhnung ohne Gott gibt cs nicht, noch weniger einen Weltfrieden auf der Grundlage eines religionslosen Völkerbundes.

Schwere Arbeit

wird es noch kosten bis derFrieden" auf der ganzen Welt hergestellt ist. Ungarn soll jetzt an die Reche kommen. Die Delegation ist bereits nach Paris ab# gereist, wo ja jetzt der Mittelpunkt der Welt ist. iür die Türkei sind die Frirdensbedintzungen in Vorbereitung. Danach soll zwar Konstantinopel als Hauptstadt des Islam fortbestehen, aber unter Kon­trolle der Verbündeten; die türkische Regierung da­gegen soll nach Kleinasien verlegt werden. Durch Selbständigmachung einzelner Teile Kleinasiens soll die Macht der Türkei für alle Zeit unschädlich ge- macht werden. Ferner sind noch die Verhältnisse mit Bulgarien und Rumänien zu ordnen. Und nun gar erst Rußland, das einstweilen nur einen Waffen- stillstand mit Estland und Finnland abgeschlossen hat, mit dem aber unter der jetzigen Sowjetregierung Elemenceau nicht verhandeln will. Es bleibt also noch viel zu tun, bis der Friedenszustand in der Welt wieder eintritt, obwohl seit dem letzten Schutz schon 16 Monate verflossen sind. Und wie lange wird's dauern, bis der neue große Kampf um die Welloberherrschaft beginnt. Im Mittelmeer ist er einst au§gefod}ten worden zwischen Rom und Grie- chenlanb, bann zwischen Rom und Karthago nm die Herrschaft über die Völker, die am Mittelmeerbecken liegen. Der ledige Krieg ist zu einem Kampfe ge­worden um die -Herrschaft am Atlantischen Ozean. Noch hat England den Sieg davongetragen. Der nächste Weltkrieg wird entbrennen um die Herrschaft über den großen Ozean, und damit um die ganze Welt. Er wird auf dem Wasser ausgetragen Werben zwischen den Seemächten England, Japan uns. Nord- amerika. Darum verwenden die jetzigen Kiiegsge« winnlerstaaien ihren ganzenGewinnzurSchosfung einer möglichst großen Kriegsflotte. Wir scheiden aus. Unsere Zukunft liegt nicht mehr auf dem Wasser, wie Kaiser Wilhelm einst meinte sie liegt allein in angestrengter Arbeit.

Die Enthüllungen

jagen einander. Nun fangen auch die Euientler an zu enthüllen, aber nicht ihre eigenen Angelegen­heiten so dumm sind sie nicht sondern die Ab­sichten ihrer Gegner von gestern. Französische und eng- lische Blätter haben mit der Veröffentlichung der Do­kumente begonnen, die sich auf die geheime Vermitt­lungsaktion des Prinzen Sixtus von Parma-Bourbon beziehen, über die bisher noch vielfach geheimnisvolles Dunkel herrschte. Man wußte sicher bisher nur, daß dieser Schwager

des Kaisers Kar! von Oesterreich

der Träger eines österreichischen Friedensvermittlungs- planes war, der ihn bis ins Arbeitszimmer des fran­zösischen Republik-Präsidenten Poincare führte, wobei ein Brief des Kaisers von Oesterreich eine bedeutsame Rolle spielte. Clemenceau halte bereits seinerzeit diesen Brief und die dem Prinzen Sixtus übertragene Rolle ausgespielt, um Deutschland und Oesterreich-Ungarn von einander zu trennen. Es war damals indessen noch ge­lungen, durch allerlei mehr oder minder gezwungene Auslegungen hauptsächlich durch eine offizielle öfter-