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des Mannes Abwesenheit aus- und eingehe. Hörte er, daß in einem Hause die Magd stark auf- und ablief, oder daß die Lichter helle brannten, oder die Vorhänge zugezogen waren oder stark geredet wurde, so wurde Kaspar abgeschickt, um zu erfahren, was da passiere. War es am Tage, so mußte er gemeiniglich etwas aus dem Hause borgen oder sich nach etwas erkundigen, war es aber Abend, so mußte er unter dem Fenster horchen, oder, wenn es möglich war, wohl gar hineinlauschen.

Anfänglich erzählte Kaspar alles treulich wieder, was er gesehen und gehört hatte.

Da er aber in der Folge merkte, daß sein Vater vorzüglich neugierig war, daß er zehnmal fragte, wie? wer? wirklich? daß sein ganzes Gesicht sich aufheiterte, wann er von den Leuten recht viel Uebles redete, so ließ er es sich sehr angelegen fein, sich in seinen Erzählungen nach des lieben Vaters Geschmacke zu richten.

Sagte er, daß eine Frau in ihres Mannes Abwe­senheit Besuch von einer anderen Frau gehabt habe, so erfolgte nichts, als ein trockenes So, so! Erzählte er aber, daß eine Mannsperson zu ihr gegangen wäre, daß sie mit ihm gelacht und gescherzt habe, da spitzte er die Ohren und wollte immer mehr wissen.

Nichts hörte er lieber, als wenn sich ein paar Ehe­leute entzweit hatten oder sonst eine Unordnung bei ihnen vorgefallen war.

Kinder haben ihsgemein eine Begierde, anderen gefällig zu werden. Kaspar hatte sie auch, und da er sah, daß er sich durch nichts bei seinem Vater beliebter machen konnte, als baburd), daß er anderen Uebles Nachredete, so brachte er es in dieser Kunst in kurzem sehr weit. Sein Vater bekam aus allen Häusern durch ihn die schlimmsten Nachrichten; kein Nachbar und keine Nachbarin behielten vor diesem Buben ihren ehrlichen Namen.

Das Verleumden ist ihm nach und nach so geläufig 'geworden, daß er cs noch jetzt nicht lassen kann. Von niemanden spricht er Gutes, von allen will er Böses ge­sehen oder gehört haben. Es vergeht so leicht keine Woche, da er nicht ein paar Nachbarn, Freunde oder Eheleute durch seine Verleumdungen zusammenhetzt. Bisweilen wird nun seine Tücke entdeckt. Er hat auch schon einige Mal Strafe entlegen müssen, hat auch paarmal von seinen Kameraden Schläge bekommen. Aber jung gewohnt, alt aetan. Er ist und bleibt noch immer in seinem zwanzigsten Lahre der B der er in seinem zehnten war.

Von niemanden spricht er mehr Böses, als von sei­nem eigenen Vater. Der ist, nach seiner Aussage, ein Erzknauser, ein Erbsenzähler, ein dummer, einfältiger Mann.

Meister Jörge soll unter der Hand etwas davon er­fahren und ihm deswegen den Kopf tüchtig gewaschen haben. Ist das der Lohn, soll er unter anberm gesagt haben, für die Erziehung, die ich dir gegeben habe, mich alten Mann so in Schimpf und Schande zu bringen? Du Range! wart wart in deinem Leben kann es dir nicht wohl gehen, du Lästermaul! Hast du nicht im Sirach (5, 17) gelesen: Ein Dieb ist ein schändlich Ding, aber ein Verleumder ist noch viel schändlicher?

Mittel, die Kinder rachgierig zu machen.

Wenn sie unwillig sind, so gib ihnen allemal etwas, woran sie ihren Unwillen auslassen können.

Wenn der kleine Gustav fiel oder sich stieß, so fing er allemal ein solch Zetergeschrei an, daß das ganze Haus dadurch alarmiert wurde. Seine Eltern spran­gen bei, waren ängstlich und suchten ihn zu besänftigen und zwar auf folgende Art. Sie fragten ihn, worauf er gefallen sei? woran er sich gestoßen habe? Dann holten sie eine Peitsche oder die Nute herbei, schlugen da­mit auf die Sache, die, wie er glaubte, ihn beleidigt hatte. Du garstiger Stein! denkst das Gustävchen um= zuwerfen! ich will dir lehren artig sein! Du infamer Stuhl! hast du mir nicht einmal das arme Kind vor den Kopf gestoßen? Ich will dich prügeln, daß du daran denken sollst! Sa sagten sie, gaben alsdann die Peitsche Eastavchen in die Hand, daß er auch drein- huuen mußte, und so wurde er besänftigt.

Niemals stellte er sich unbändiger an, als wann ihm die Mutter das Gesicht waschen wollte. Anstatt nun, daß sie seinen Willen hätte brechen und ihm zeigen sollen, wie er selbst durch seinen Leichtsinn sein Gesicht beschmutzt habe, so schob sie die Schuld allemal auf den armen Phylax. Da ist, sagte sie, der infame Hund einmal wieder dagewesen und hat dein Gesicht verun­reinigt. Aber wart! wir werden es ihm schon anstrei- chen. Da schielte Gustav immer nach dem Hunde hin. Und kaum war das Handtuch vom Gesichte weg, so ging das Prügeln an, auf den armen Hund los.

So wurde er nach und nach gewöhnt, so oft ihm etwas Widriges begegnete, über das Nächste, was da war, herzufallen und feinen Unwillen auszulafsen.

Ta nun die Magd am gewöhnlichsten um ihn war, !o mußte diese auch gemeiniglich seinen Zorn empfinden.

Er schlug nach ihr, kratzte und biß sie. Seine Mutter sah es oft und fand hierin nichts Unschickliches.

Als er einmal die Magd in das Gesicht kratzte und diese dadurch so aufgebracht wurde, daß sie ihn auf die Hände schlug, so entstand darüber ein gewaltiges Lär­men. Die Eltern schimpften und schmähten. Was müßt ihr euch wohl einbilden, sagten sie, daß ihr euch an unserem Kinde vergreift? Ihr seht ja, daß es ein kleines Kind ist. Es wird das dicke Bauernfell nicht gleich zerrissen haben.

Und sogleich mußte die Magd das Haus räumen.

So wurde der Gustav gebildet, der, da er größer wurde, einige Mal seine alten Eltern geschlagen und sie mit den abscheulichsten Reden gepeinigt hat; der auf jedermann wütend losging, wer ihn beleidigt hatte, und der, wenn er an Menschen sich nicht rächen konnte, die Stühle zertrat und die Krüge auf die Erde warf.

Luch dir ein Geheimnis.

In der Nachfolge Christi steht irgendwo das köst- liche Wortpetc secretum tibi" Such' dir ein Ge- heimnis. Ich las das Wort einmal draußen in einer kleinenNachfolge Christi", die ein Feldgeistlicher mir geschenkt hatte. In ist Zerstreuung des Krieges, in dem Trommelfeuer vor Verdun, während der schwieri­gen Gebirgsmärsche in den Wäldern der transsylvani- schen Alpen, auf dem Marsche in den öden, verbrannten Gegenden ging mir die Bedeutung dès Wortes auf. Schaff' dir eine ruhige Viertelstunde, eine Viertel­stunde, die dir gehört, in der du dir und deinem Herr­gott gehörst," so lautete meine Uebersetzung. Und wenn ich den ganzen Tag über auf der einsamen Beobach­tungsstelle ^ und Befehls und Meldungen und an­strengender Beobachtungsdienst mich oft niederdrückten, dann freute mich der Gedanke an den Abend, da ich im Unterstände wieder ein Viertelstündchen mir gehören werde.Pete secretum tibi"schaff' dir ein Heim", so übersetzte ich, wenn ich auf der Landstraße lebte, heute auf dem nassen Boden im Zelt mich niederlegen mußte, morgen auf der Pritsche eines rumänischen Bauernhauses liegen werde und übermorgen im Schloß eines Bojaren Nachtquartier beziehe. Und ich sehnte mich- am Biwackfeuer nach der Zeit, da das Wander­leben aushören und in einem stillen Heim nach des Ta­ges Arbeit ein Viertelstündchen mir gehören würde.

Pete secretum tibi"Schaff dir eine Zufluchts­stätte deiner Seele". Und wenn jetzt des Tages Mühen und Sorgen meine Seele bestürmen, und wenn mich bitterer Groll erfaßt über all den Schimpf, den erbar­mungslose Feinde unserem zertretenen Vaterland zu­fügen, dann freue ich mich auf den Abend, da ein Vier­telstündchen mir gehört und ich im Buch der Bücher ewige, kraftvolle Worte lese von dem allgerechten, all­waltenden Vater der Unterdrückten, von dem mensch­gewordenen Gottessohn und den hehren Propheten, die das Volk Gottes in schweren Stunden trösteten und verheißungsvoll in die Zukunst schauten.

Da§ Aind.

Draußen flattern die grauen!, feuchten Nebel. Gelbe, betropfte Blätter gleiten müde zur Erde. Vom graubraunen Geäst der Bäume perlt es wie Tränen.

In dieses trübe Spätherbstbild vertiefen sich zwei schwermütig blickende Frauenaugen. Ein beängstigend wirrer Ausdruck liegt in ihnen. Und der Mann, der neben der Trauerräen steht, bemerkt ihn, tief er­schreckend.

Komm', Luise", sagt er weich und faßt die blei­chen Hände seines Weibes, die wie todmüde im Schoße ruhen;komm', mit mir, allein will's mir gar nicht schmecken!"

Widerstandslos folgte sie ihm zum Tische, aber wie geistesabwesend starrt sie hier auf den leeren Tel­ler. Kein Bitten des Gatten vermag sie zum Essen zu bewegen. Mild steht sie wieder am Fenster und blickt in die wallenden Nebel.Dort liegt er", sagt sie mit tonloser Stimme,und die Erde ist so naß und kalt." Dabei schüttelt sie ein Schaudern.

Hans ist ja im Himmel," hörte sie die Stimme ihres Mannes sagen. Dann schließt er sie in die Arme.Kind, weine «doch einmal, dieser stumme Schmerz ängstigt mich so."

Sie sieht ihn an mit brennenden, todwehen Blicken.

Nach einer Weile legt er seufzend den blauen Dienstrock an er ist ein Eisenbahnbeamter packt den Handkoffer und verabschiedet sich von seiner Frau. Soll ich Mutter ober die Schwester benachrichtigen, daß sie bis etwas Gesellschaft leisten?" fragt er.

Da streckt sie abwehrend die Hände aus:Nein, niemand, niemand, ich muß allein sein!" Wie er aber einen Abschiedkuß auf ihre Stirne drückt und dabei ihre Wange die Messingknöpse seiner Uniform streift, fährt sie mit leisem Schrei zurück.Damit, mit den

Knöpfen, spielte er, wenn du ihn auf dem Schoße hieltest," stöhnt sie.

Schweren Herzens wandelte der ernste Mann sei­ner Berufspflicht zu.Gott, wie soll das enden!?" spricht er halblau» vor sich hin.

In der vorigen Woche wurde sein Söhnchen be­erdigt. Sein einziges Kind, sein hübschsr, sinnet Jungs. Ein dahinrasendes Automobil hatte ihn über­fahren. Es war schrecklich anzusehen gewesen, oas blutüberströmte Kino und seine unglückliche, verzwei­felnde Mutter. Nach dem ersten Schmerzensausbruch aber waren ihre Tränen versiegt; eine starre, beängsti­gende Schwermut war über sie gekommen. Und heute hatte der wirre Ausdruck ihrer Augen ihn erschreckt. Wo nur hatte er diesen Blick schon gesehen? Er sinnt und eine plötzliche Angst kommt über ihn. In der Familie seiner Frau war ja der Irrsinn. Ihre Mut­ter marin geistiger Umnachtung gestorben.Gott, nur das nicht !" stöhnte der Mann. Schweiß tritt auf seine Stirne. Und wie er das pfauchende Dampf­roß führt, wie er mit ihm durch öde Strecken und belebte Städte eilt, immer sieht er die todeswehcn, wirren Blicke seines Weibes, durch Rauch und Nebel alühen sie ihn an. Pläne über Pläne zu ihrer Er­heiterung macht er und verwirft sie.

Währenddem steht die junge Frau daheim am Spieltischchen ihres Kindes. Ueber ein Holzpferdchen gleitet liebkosend ihre Hand. Durch ihren Sinn ziehen immer wieder die Bilder der letzten Tage. Der Kopf schmerzt sie beim Denkern Ein lahmender Druck liegt auf ihrem Hirn. Fort will sie, fort zu Hänschens Grab. Mechanisch kleidet sie sich an.

Draußen aus der Strgße tummeln sich fröhliche Kinder, aber das Kinderlachen tut der trauernden Mut­ter weh. Schnell will sie vorbeischreilen. Da sicht sie an der Hausecke ein blasses, frierendes Kind stehen. Sie weiß. es ist der Sohn eines Gewohnheitstrinkers, der es mißhandelt und es hungern läßt.

Ihre gequälte Seele hadert gegen Gott voll Bitter­keit:Warum nahmst Du nicht dieses verwahrloste Geschöpf statt meines wohl behüteten Knaben?"

Auf der andern Straßenseite spielen einige halb­wüchsige Jungen mit einem großen Hunde. Plötzlich scheint ihnen etwas einzusallen, denn sie steiften tu­schelnd die Köpfe zusammen. Dann hetzen sie den Hund auf das verschüchterte Kind. Dessen Antlitz wird erdfahl vor Angst und sprachlos vor Schreck streckt es die Händchen nach der schwarzgekleideten Frau aus. Aber im Fliehen stolpert es und schlägt mit dem Kopf auf den Randstein des Bürgersteiges.

Aus einer Stirnwunde rieselte Blut, bei besten An­blick die Züge der Frau sich verzerren in qualvollem Erinnern. Einen Augenblick steht sie da wie erstarrt. Dann siegt die Mütterlichkeit des Weibes über Schmerz und Harm. Behutsam hebt sie den Knaben auf und trägt ihn in ihre Wohnung.

Schaudernd, entfernt sie die von Blut und Schmutz starrenden Kleider des Kindes. Dann holt sie, nach kurzem Kampfe, ein weißes Kinderhemdchen aus der Schublade und kleidet den abgezehrten, mißhandelten kleinen Körper darein. Die Zeit vergeht ihr bei der Sorge um das Kind im Fluge. Der lastende Druck auf Hirn und Herz läßt langsam nach. Und wie ihr Gatts heimkommt und ihrs sanfte Stimme und zagrs Kindersprechen vernimmt, meint er an ein Wunder glauben zu müssen. Sein erster Blick gilt ihren Augen. Die blicken tieftraurig, aber ruhig und verständig

Sie führt ihn an das Kinderbettchen und bittet ihn, zu sorgen, daß sie das Kind behalten dürfe.Ich muß etwas haben, für das ich sorgen kann", schließt sie.

Er geht hinüber in die Wohnung des Trunkenbol­des. Der liegt im Delirium am schinutzstarrenden Boden. Schon Ull der Besucher unverrichteter Sache wieder gehen, als ein Polizeibeamter mit einem Haft­befehl eintritt.

,',Diesmal wird er eine geraume Zeit abzusitzen haben, der rückfällige Dieb," erzählt er dem Manne, nachdem dieser ihm mitgeteilt hatte, was ihn hierher führte.Die Erziehung des armen, mutterlosen Kindes werden Sie übernehmen können, da ohnehin der Fürsorgeverein dafür sich verwenden wird."

Mit gemischten Gefühlen geht der Eisenbahnbeamte heim. Dieses unschöne, vielleicht erblich belastete Kind eines Diebes ist doch ein schlechter Tausch für seines herzigen Buben. Aber, und dieser Gedanke versöhnt ihn, dieses Kind wird das Heilmittel für das kranke Gemüt seines Weibes sein. Die Heilung, b:e er ver­geblich auf weiter Fahrt erdacht, war schon daheim: es war die erbarmende Liebe der Frauenseele.

Unb wie er ihr mitteilt, daß sie das Kind behalten dürfe, sinkt sie an seine Brust und weint die ersten er* lösenden Tränen.