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Sturmbewegt

war das verflossene Jahr vor allem auch in religiöser Hinsicht, denn die Mächte des Umsturzes haben es immer und auch in unsern Tagen letzten Endes mehr oder weniger bewußt gerade auf die katholische Kirche als das feste Fundament der sittlichen Ordnung zwischen den einzelnen Menschen und den Völkern abgesehen. Zwar behaupten sie, etwas Besseres anstelle der Stif­tung des Gottmenschen fetzen zu können, aber wie hat die Geschichte sie immer Lügen gestraft, bis aus unsere Tage! Wir sind, Gott sei Dank, vom Schrecken des Bolschewismus, wie er in Rußland herrscht und vor­übergehend auch in Ungarn zur Macht gelangt ist, ver­schont geblieben. Es ist das ein besonderer Dankestitel, auf den Gott der Allmächtige Anspruch hat. Was wäre aus der katholischen Kirche im deutschen Vater- lande geworden, wenn Spartakus ans Ruder gelangt wäre? Die Kirchen hätte man verstaatlicht und pro­fanen Zwecken zugeführt, die Geistlichen und Ordens­leute mit allen Zwangsmitteln verfolgt. Gott hat also Deutschland trotz der drohenden Gefahr wunderbar be­schützt, und wir müssen ihm dafür von Herzen dankbar sein. Werfen wir unsere Blicke hinweg über die Gren­zen unseres Vaterlandes, so müssen wir dankbar aner­kennen, daß die Kirche vielfach an Ansehen gewonnen hat, steht sie doch nicht allein theoretisch da als die ein- zige Großmacht, die bedingungslos eintritt für Wahrheit, Gerechtigkeit und Völkerverföhnung, sondern auch prak­tisch hat sie mächtig an Ansehen und Einfluß zugenom- men, so daß selbst Staaten, die den Hl. Stuhl Jahr­hunderte lang vernachlässigt haben oder ihm sogar feind­lich gegenüberstanden, neue Beziehungen zu ihm ange­knüpft haben. Immer wieder lesen wir in den Zei­tungen, daß die und die Regierung sich entschlossen habe, zum Hl Stuhl einen Vertreter zu entsenden. Damit ist für eine segensreiche Tätigkeit der Kirche und einem neuen Aufstieg des Katholizismus der Weg ge­ebnet. Möge es ihm beschieden sein, wieder einmal der Arche gleich die Menschheit vor der Sirüflut zu retten.

Der päpstliche Himtius Paceltt

hat dieser Tage in Berlin geweilt, wahrscheinlich wegen der bevorstehenden Neuordnung des Verhältnisses in Staat und Kirche. Er wurde vom Reichspräsidenten, dem Reichskanzler und dem preußischen Kultusminister sehr liebenswürdig und entgegenkommend ausgenom- men. Die Regierung hat dem päpstlichen Vertreter er­klärt, daß ihr jede fulturtämpferifdje Absicht fern liege und sie das größte Gewicht darauf lege, in friedlicher Weise mit dem Papste die kirchlichen Verhältnisse zu ordnen. Wenn etwas, so hat auch diese Erklärung wie der amtliche Besuch des Nuntius in Berlin aufs neue den Beweis geliefert, daß das Zentrum nach jeder Seite hin, im Interesse des Vaterlandes sowohl wie der Kirche klug gehandelt hat, als es in die Koalitionsregierung eintrat und überall mitarbeitete. Der opferwilligen Arbeit wird stets ein Erfolg zuteil, mögen auch die Saatkörner nicht immer gleich aufgehen. Natürlich darf man sich durch diese Negierungsversicherungen nicht in Sicherheit wiegen lassen. Nur weil wir eine einfluß- reiche Stellung uns errungen haben, nur weil man mit uns rechnen muß, respektiert man uns. Das hört in demselben Augenblick auf, in dem das Zentrum aus­einanderfallen und feine Bedeutung verlieren würde. Das- katholische Volk hat es also selber in der Hand, dafür zu sorgen, daß auch in Zukunft seine heiligsten Inter?"en gesichert bleiben.

Mit dem Frieden

treibt die Entente ein frevelhaftes Spiel, von Woche zu Woche, von Tag zu Tag wird die Ratifikation durch Frankreich verzögert, das zur Zeit die führende Rolle in der Entente hat, Amerika und England las­sen die Clemenceau und Foch gewähren, von Wilson hort man nichts mehr. Im Herbst 1918, als der Krieg zu Ende ging, da stand er da, stolz und stark wie der Atlas, der die Erdkugel auf den breiten Schul­tern trägt, als der „Schiedsrichter der Welt". Und jetzt? In Washington sitzt ein Greis, der sich nicht zu helfen weiß, der nicht einmal mit seinen eigenen Sena- toren fertig werden kann und über den die seitherigen Bundesgenossen kalt lächelnd zur Tagesordnung über­gehen, sang- und klanglos verschwindet er in der Rum­pelkammer der Weltgeschichte. Vor Jahresfrist, um diese Zeit, hofften wir bald nach seinen berühmten 14 Punkten einen erträglichen Frieden zu bekommen, statt

dessen bot man uns noch langem Warten den Haß- und Rachefrieden Clemenceaus mit seiner unerhörten Schärfe und Grausamkeit und als wir uns trotzallsdem bereit erklärten, ins Unvermeidliche uns zu fügen und ihn anzunehmen, kam die endlose Verschleppung dZs Abschlusses und so ist Weihnachten und Neujahr wie- der vorübergegangen, ohne daß sie uns den „Weih- nachtsfrieden" oder „Silvesterfrieden" gebracht haben. Es hieß nun, „die Verhandlungen seien so weit ge­diehen", daß an Heilig 3 König die Ratifikation er­folgen könne — aber wieder ist etwas dazwischen ge­kommen, jetzt hofft man, daß „Mitte Januar alle Schwierigkeiten beseitigt sein werden". Ob's dann endlich genug ist des grausamen Spiels, wer will's sägen? Es wird einem wirklich immer schwerer im Hoffen zu verharren, und doch müssen wir hoffen und streben, um nicht ganz zu versinken.

„Ein furchtbar WÄtènd Schrecknis ist der Kri<4,

Das haben wir während vier langer Kriegsjahre und in der Folgezeit zur Genüge erfahren, aber auch in den siegreichen feindlichen Ländern spürt man die Wahrheit dieses Wortes. Trotz des Sieges sind dort die finanziellen und wirtschaftlichen Verhältnisse nicht viel besser wie bei uns. Wenn der französische Finanzminister Klotz in seiner Kammerrede am 29. De­zember die Gesamtschulden Frankreichs auf 269 Mil­liarden beziffert, und das Defizit des Jahres 1919 auf 25 Milliarden, wenn er die Umsatzsteuer, Prämien­anleihen und andere Steuern ankündigte, wer sieht da nicht ähnliche, fast gleiche Zustände, wie in Deutschland? Dann versteht man aber auch jene Friedensbedingung, welche Deutschland eine so hohe Wiedergutmachung auferlegt, daß es steuerlich nicht besser dastehen darf, wie Frankreich. Das ist schon ungewollt der Anfang einer internationalen Steuergemeinschaft. Für die Not­wendigkeit einer Finanzgesellschast der Nationen haben sich ohnehin schon viele Staaten bewußt ausgesprochen. Und wer glaubte nicht eine deutsche Mahnung zu hören und deutsche Mißstände gegeißelt zu sehen, wenn er die Worte desselben Finanzministers liest: „Zur Zeit will niemand etwas entbehren. Der Konsum in Luxus­artikeln, Pelzwaren, Parfüms und Blumen erreicht eine phantastische Zahl. Nur die Rückkehr zur Einfachheit und Arbeit kann es dahin bringen, daß die Valuta (die auch in Frankreich stark zurückgegangen ist) sich verbes­sert und die Lebensteuerung ein Ende nimmt." Wie die Finanz- und Wirtschastsoerhältnisse, so sind auch die sozialen Probleme die gleichen wie bei uns. So ist's in allen Staaten, die am Kriege sich beteiligt haben. Und selbst die Neutralen sind nicht ausgenommen. Es besteht nur ein Unterschied des Grades.

Die Goldzölle

sind an der Westgrenze seit 1. Januar wieder in Kraft gesetzt worden, d. h. auf Zollzahlungen in papietgelb wird ein Aufgeld von 900 Prozent erhoben. Zwar ist schon im Juli ein Gesetz erlassen worden, wonach die deutschen Einfuhrzölle fortab in Gold oder mit einem dem Valutaschwund« entsprechenden Aufgeld erhoben werden sollten, aber dir Entente erkannte es für das besetzte Gebiet nicht an und so eritstand der Zwitter­zustand, daß die Valutazölle nur in den Einfuhrstellen des unbesetzten Gebietes erhoben wurden, die Einfuhr über das besetzte Gebiet aber zu Papierzollsätzen er­folgte. Selbstverständlich nahm infolgedessen der Ein­fuhrhandel, erst recht der ungesetzliche, unter Umgeh­ung der natürlichen Einfuhrwegs über die deutschen Seehäfen, seinen Weg immer ausschließlicher durch das besetzte Gebiet, wo er sich aller Kontrolle und aller Einschränkung zu entziehen wußte. Schleichhan­del und unerwünschte Einfuhr nahmen überhand und die Zustände wurden immer unhaltbarer. Endlich hat die Entente nun doch eingesehen, daß es so nicht Wei­tergehen kann, daß sie sich selbst ins eigene Fleisch schneidet, und daß es auch für sie auf die Dauer nur volkswirtschaftlichen und finanziellen Schaden bringt, wenn sie Deutschland weiter einer Schar von ententi- stischen Kriegsgewinnern wehrlos zur Ausbeutung überläßt und damit die Erfüllung des Friedensvertra­ges noch unmöglicher macht, wie sie jetzt schon ist. Sie hat deshalb das Gesetz, wenn auch unter einzelnen Vorbehalten, anerkannt. Die Goldzölle haben den dop­pelten Zweck, auf der einen Seite durch den erhöhten

Betrag unseren Einnahmen etwas aufzuhelfen, auf der anderen sollen sie alle überflüssige Einfuhr, besonders von Luxusartikeln, durch Verteuerung erschweren und damit unsere^ Valuta wieder heben. Ganz wird frei- lich durch diese Maßnahme das uns so verhängnisvolle

Loch im Westen

nicht verstopft. Das Unglück an unserer Westgrenzs beruht ja in der Hauptsache auf zwei Umständen: ein­mal darauf, daß unser Zolldiensl dort durchlöchert ist und die deutsche Regierung durch die Besetzung an durchgreifenden Maßnahmen zu seiner Wiederherstel­lung gehindert wird, zum anderen aber auf der Tat­sache, daß Angehörige der Besatzungsheere in großer Zahl als Schieber in Uniform tätig sind, die sich ihre Waren als „AUlitärgut" zoll- und kontrollfrei über dis Grenze schaffen. Die deutschen Zollsätze und, was noch viel schlimmer ist, die deutschen Ein- und ^Aus­fuhrverbote werden so durch Korruption und Schie­bung in größtem Stile vereitelt. Erst wenn die En­tente auch in diesen Punkten Vernunft annimmt und die deutschen Behörden in allen ihren Maßnahmen zur Gesundung der deutschen Wirtschaft unterstützt, werden wir der Schließung des so verderblichen Loches im Westen ernsthaft näher gekommen sein.

Kaiserliche Randbemerkungen haben vor einiger Zeit die Presse beschäftigt, als unsere amtlichen Akten aus den letzten Wochen vor dem Krieg veröffentlicht wurden. Mit den Akten — meistens Telegrammen unserer Botschafter aus London, Wien, Petersburg, Paris usw. — sind nämlich auch die Randglossen und Randbemerkungen veröffentlicht worden, die der Kaiser dazu gemacht hat. Das Bild, das man daraus über den Kaiser erhält, ist leider wenig erfreulich. Gewiß handelt es sich dabei um den Ausdruck von Augenblicksstimmungen, aber ein Mann n einer so hohen verantwortungsvollen Stellung muh ich zu beherrschen wissen u. darf »richt in einen Ton ver­alten, wie er auf dem Kasernenhof vielleicht noch zu ent- chuldigen ist. Ausdrücke wie „Quatsch, Blech, Blödsinn, Hallunke, Schurke, Idiot, falscher Hund" sollten nicht zum Wortschatz eines Fürsten gehören. Sind sie schon in der Form ganz und gar unpassend, so lassen sie auch sachlich jene Ruhe und Ueberlegung völlig oer- nuffen, die man in einer so kritischen Zeit, wo es sich um das Schicksal von ganzen Völkern und Ländern, ja eines ganzen Erdteiles handelte, hätte erwarten müssen. „Mit den Serben muß aufgeräumt werden", . . . . „Die Kerle haben Agitation mit Mord getrieben und müssen geduckt werden", meinte er, ohne daran zu denken, daß aus der serbischen Geschichte ein Weltkrieg entstehen könnte. Den Vorschlag Greys, die Sache dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten, be­zeichnet er als „Blödsinn". Ueberhaupt ist sein« Stimmung gegen England herzlich schlecht: „Ungeheur, britische Unverschämtheit, ein unerhörtes Stück eng« lischen Pharisäertums", „gemein, aber echt englisch", „das gemeine Krümergefindel hat uns mit Diners und Reden • zu täuschen gesucht", „gemeiner Hundsfott", sind einige von den Liebenswürdigkeiten, mit denen er England bedenkt und er will, daß unsere Konsuln in der Türkei und Indien „die ganze mohamedanische Welle gegen dieses verhaßte, verlogene, gewissenlose Krämervolk zum wilden Aufstand entflammen. Denn wenn wir uns verbluten sollen, soll England wenig­stens Indien verlieren".

Der Veröffentlichung dieser Randbemerkungen ist nun die Veröffentlichung von

Privatbriefen des Kaisers an den Zaren Nikolaus gefolgt, aus den letzten 20 Jahren vor Ausbruch des Krieges; der Ton ist sehr freundschaftlich und herzlich, sie tragen alle die Ueber- schrift: „Lieber Niky" und sind mit „Willy" unter­zeichnet. Alle politischen Ereignisse sind darin be­sprochen; soweit die Veröffentlichungen vorliegen, ge­winnt man den Eindruck, daß es dem Kaiser darum zu tun war, den Weltfrieden zu wahren und den Zaren vor einer zu engen Verbindung mit Frankreich zu warnen, er fürchtete dadurch eine Stärkung der Republikaner in Rußland und eine Gefahr für den Thron des Zaren. „Vergiß es nicht, Faure (der da­malige Präsident) sitzt auf dem Throne des franzö­sischen Königspaares „von Gottes Gnaden", dessen Häupter französische Republikaner abgeschlagen haben. Das Blut der Majestäten liegt noch auf diesem Landes Interessant ist auch das Urteil des Kaisers üb-r Bis«