Rückblick — Ausblick.
Es war einmal ein Jahr 1919!
Als es seinen Kreislauf beginnt, schlagen ihm die Wellen der Revolution im Deutschen Reich entgegen. Allenthalben Unsicherheit und beginnend« Auflösung aller staatlichen und sittlichen Begriffe! Nirgends eine feste Autorität, die mit Kraft und Erfolg Einhalt zu gebieten scheint. Unbekannte mit roter Armbinde regieren nach eigenem Rezept in jeder Stadt, ja sogar in manchem Dorf. Das Vaterland kämpft anscheinend den Todeskampf; — nur ein Hoffnungsstern bleibt dem armen, zu Tode gehetzten Volk, die Wahlen zur Nationalversammlung sind auf den 19. Januar ausgeschrieben. In wildem Wahlkampf beginnt das Jahr 1919. Die Agitation und der Aufmarsch der Parteien vollzieht sich mit Anspannung aller Kräfte. Geschlossen tritt das Zentrum auf den Plan mit dem eisernen Willen, entschlossen zuzugreifen und das verzweifelte Volk aus dem Elend und der Versumpfung herauszuführen. „Mag ine Partei zu Grunde gehen, wenn nur das Vaterland gerettet wird!" Der Wurf gelingt. Als starke geschlossene Partei zieht das Zentrum in die Nationalversammlung. In Weimar beginnt der Wiederaufbau und im Juli ist die groß- zügige Verfassung der neuen deutschen Republik fertig.
Ein allgemeines Aufatmen geht durch die deutschen Gaue. Man wird wieder froh ob des neuen Rechtszustandes. Die mitten Streiks werden seltener. Das Erwerbsleben beginnt sich aufzurichten, die Bevölkerung gewinnt nach unb nach Vertrauen zu den neuen Regierungen. Da tritt die allgemeine Verkehrs-, Kohlen- und Lebensmittelnot an uns heran. Aber auch sie wird mit vereinten Kräften des Volkes und der Regierung wenigstens in ihren drohenden katastrophalen Folgen überwunden. So herrscht an der Jahres- wende im großen ganzen wenigstens Ruhe, Ordnung und Arbeitslust. Hoffentlich gelingt es auch bald, das Gift am Volkskörper, das verderbliche Schiebertum, auszumerzen. Man hat sich nach und nach in die neuen Verhältnisse eingeledt, abgesehen von wenigen Eigenbrödlern, denen der heutige Staat grundsätzlich ein Dorn im politischen Auge ist. Auch wir vom Zentrum haben uns mit den neuen Verhältnissen ab. gesunken. Mr wollen aber find) die alte Zeit nicht verdammen; sie hat manches heute verloren gegangene Gute gehabt. Mit Schillers Wort gehen wir in die neue Zeit:
Das Alte, Ehrwürdige scheidet!
Es wächst ein andersdenketldes Geschlecht!
Dem neu Heranwachsenden Deutschland wollen wir unsere christlichen Ideale mit auf den Weg geben. Wahre Seelengröße, werktätige Nächstenliebe, Zucht und Ordnung müssen den neuen Staat durchdringen! Die mweränderlichen Grundfesten für einen Staat, wie sie in den 10 Geboten Gottes dem Menschen in die Seele gelegt sind, müssen wieder unser ganzes Staatsleben beherrschen. Nur auf diesem Wege kann uns Rettung sommern Drei Aufgaben werden im neuen Jahre ganz besonders dringlich bleiben: Auf fk- chenpolUifchem Gebiete die Sicherung der heilsamen Srüffe der Religion, auf secUsch-silklichem Gebiet die Aeberwindung der niedrigen und verderblichen Selbstsucht und auf wirtschaftlichem Gebiet die Wiederherstellung einer erträglichen Valuta. Kommen wir darin im Jahre 1920 ein Stück weiter, dann Heil ihm, dem neuen Jahre, auch wenn es daneben — wie es wahrscheinlich ist— viel Ungemach und Unheil in seinem dunklen Schoße trügt.
Dü§ ganze Deutschlau- soll es sein.
Der deutsche Einheitsstaat wird und muß kommen; wir sind dazu schon auf dem besten Weg — Militär, Finanzen, Post, Eisenbahnen find bereits „verreich- licht" bezw. der Uebergang ans Reich ist beschlossen — was bleibt dann eigentlich noch übrig? Der Einheitsstaat wäre von selbst gelommen — ob es deshalb gerade nötig war, daß die preußische Landesversammlung ihn verlangte? In Süddeutschland und auch in den anderen ehemaligen i&inbcsftcaten hat sich infolgedessen der Widerspruch aufs neue geregt. Unseres Erachtens ganz unberechtigterweise. Denn keine „Ver- preußung" soll der Einheitsstaat bringen, sondern gerade, das Gegenteil. Die Vormachtstellung Preußens soll gebrochen werden, in dem das ganze Reich einheitlich neu gegliedert wird. Die Folge davon würde sein, daß wir keinen Staat mehr mit 40 Millionen
und daneben zwei Dutzend Zwergstaaten haben, sondern daß wir eine kleine Anzahl etwa gleich größer Länder haben werden. Keines von diesen soll einen so überragenden Einfluß haben, wie es bisher Preußen hatte, das ja faktisch in Deutschland regiert hcü, denn die Reichsregierung war sozusagen die Gefangene der preußischen Regierung. Leder Gesetzentwurf, den die Reichsregierung im Reichstage einbrachte, mußte vorher dem Bundesrat, auf gut deutsch, der preußischen Regierung vorgelegt werden. Diese und nicht die Bundesstaaten hatten die Entscheidung. Man protestierte wohl ab und zu gegen dieses „Vasallenver- hältnis, aber geändert wurde nichts an der Sache; auch die Reichsminister (Staatssekretäre) waren meistens Preußen. Sieht man von der Kriegszeit ab, so kann man die Nichtpreußen an den Fingern einer Hand abzählen. Das würde nun auch anders, die Reichsminister, würden weder „Preußen" noch „Berliner" sein können, sie mühten Deutsche sein. Das parlamentarische System würde allen Ländern eine entsprechende Vertretung in der Reichsregierung sichern. An den Einheitsstaat hat ein Ernst Moritz Arndt und der große Görres gedacht und m den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war es das Ziel der Freiheitsbewegung, die durch das Land ging. Nachdem durch die Revolution die Fürstenhäuser ver, Hwunden sind, die seither die Hauptstützen der einzelnen Staaten waren, hat es wirklich keinen Zweck, die vielen kleinen deutschen Staatsgebilde, deren Bevölkerung weder landsmannschaftlich, noch wirtschaftlich ein abgerundetes Ganzes bilden, so aufrecht zu erhalten, wie sie durch Kriege, durch Machtsprüche des großen Napoleon, durch den Wiener Kongreß oder durch Heiraten der Fürstengeschlechter gebildet worden sind. Gewiß, altes und liebgewordeues vergißt man nur schwer und man kann es einem alten Bayern oder Württemberger, der als solcher grau geworden ist, nachfühlen, wenn er sich in die neuen Verhältnisse nicht recht einleben kann, aber bas Rad der Zeit läßt sich einmal nicht zurückdrehen. Unser Vaterland liegt am Boden, wenn aber 25 Regierungen, jede nach ihrer Art, an dem schwer kranken deutschen Volkskörper herumdoktern, sann er nicht wieder gesunken, darum wird die Not der Zeit zum Einheitsstaat führen, je schneller es geschieht, um so besser ist es für die Rettung unseres deutschen Vaterlandes. — Als 1914 unsere Soldaten ins Feld zogen, dachten sie nicht an die 25 Bundesstaaten, als teufte zogen sie alle hinaus, für Deutschland, für das ganze deutsche Volk, haben sie gekämpft und geblutet, dem ganzen deutschen Volke muß auch in Zukunft unser Leben und unsere Arbeit gelten. Aus Leid und Not wird der deutsche Einheitsstaat erstehen, das Ideal der Besten unseres Volkes soll seiner Verwirklichung entgegengeführt werden. Auch Deutschösterreich und Tirol wird gegen den Willen feiner Bewohner von der großen deutschen Volksfamilie aut die Dauer nicht fsrngehalten werden können. Das ganze Deutschland soll es sein!
wer Seifte Ain-
die Sozialdemokratie ist, haben die Weihnachtsartikel ter sozialdemokratischen Presse wieder deutlich gezeigt. Zwischen „Mehrheitssozialisten" und „Unabhängigen" ist da kein großer Unterschied, die Tendenz ist dieselbe:
( Verhöhnung des Weihnachlsglaubens.
Der „Vorwärts" verspottet die Menschheit, weil sie dies „Fest der Liebe" begeht. Von Christus wird gesprochen als dem „von Sagen umwobenen Juden von Nazareth". Die Betrachtungen des „Vorwärts" kommen zu dem Schlüsse, daß es nicht nur eine Vermessenheit, sondern vielmehr eine „notmenbige Erkenntnis" sei, „daß es mit der Liebe auf Erden nicht geht." Und dann sagt der Vorwärts": an die Stelle des Himmelreiches Und der Nirgendländer setzen mir das Helle unerbittlich wahre Bild der Erde, auf der wir leben und der Menschen, die mir sind, und an die Stelle der Liebe setzen wir „die Solidarität, die nüchterne Wahrheit vom Wohle aller durch alle." Und zum Schluß heißt es: „Nun wollen wir Menschen sein und nichts weiter und wollen es dem Jenseits überlassen, uns zu Engeln zu befördern."
Das ist derselbe Geist, der den alten Bebel das frivole Wort sprechen ließ: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen."
Die „Freiheit", das Hauptorgan der Unabhängigen spricht von der Christus-Legende, von der Legende vom
„Zünmermannsohn aus Bethlehem" und ter gl. mehr. „Der Erlöserglauben nrußte zerschellen an der realen Macht der Tatsachen", so heißt die Schlußfolgerung dieser sozialdemokrat. Richtung. Die Ueberschrift des Weihnachtsartikels lautet bezeichnenderweise: Revolution, nicht Erlösung! „Richt ter Glaube an die himmlische Erlösung tut uns not, sondern die Arbeit für die irdische Revolution." Es wird dann gehöhnt darüber, daß „das von den Pfaffen gepredigte Wohlgefallen sich noch immer nicht einstellen" wolle. Zum Schlüße heißt es: „So feiern wir dieses Weihnachtsfest nicht als gläubige Christen, die ~auf die himmlische Erlösung harren, sondern als die Soldaten der Revolution, als Kämpfer für den Sozialismus!" An anderer Stelle wird das Glaubensbekenntnis der Freiheit noch einmal zusammengefaßt in einem „Gedicht" mit dem Titel: „Kein Friede auf Erden!" dessen Schlußstrophe, eine Bevhöhnung der Engelsbot- schaft der hl. Nacht, lautet- „Ehre sei uns in ter Tiese^ und Kampf auf Erden und die Erde gehöre allen!"
Wahrlich, sie können einem leid tuen, diese armseligen Menschen, die sich nicht erfrischen und erbauen können und wollen an dem hehren Inhalt des Wech- nachtssestes und des Weihnachtsglaubens. Aber sie sollen sich auch nicht vermessen, uns den Frieden tes Christfestes, welcher der Frieden unserer Seele ist, rauben zu wollen. Daß ein Ehrist einer solchen Partei nicht angehören kann, ist selbstverständlich, wer das Gegenteil behauptet, betrügt sich selbst.
Eine neue Note Clemenceaus
hat uns das Weihnachtsfest statt bei Heimkehr der Gefangenen und des endgültigen Inkrafttretens des Friedensvertrages gebracht; sie ist im Ton wenigstens nicht mehr fo schroff wie die früheren, was bei der armseligen Lage, in der wir der Entente gegenüber uns befinden, immerhin schon etwas wert ist. Sachlich zeigt sie aber nur wenig Entgegenkommen. Die Ginfente besteht auf der Unterzeichnung des Friedens- fchlriWrotokolls, „so wie es ist". „Die Strittet des Protokolls müßen angenommen werden, so wie sie find", heißt es noch ein zweites Mal in demselben Schriltstück Erst dann will sie in eine Prüfung der deutschen Vorschläge über den Ersatz für die versenkte Flotte cintreten, wobei sie in Aussicht stellt, daß „zum Zwecke der Wahrung der wirtschaftlichen Lebensmte- ressen Deutschlands" eine Ermäßigung der 400 000 Tonnen-Forderung eintreten könne, falls sie durch stich- Hiltigs Gründe gerechtfertigt werde. Die Nachprüfung dieser Gründe soll durch Sachverständige der Entente erfolgen. Wir müssen also, auf deutsch gesagt, die Katze im Sack kaufen und sind ganz von der Gnade und" Bannherzigkeit, der Entente und ihrer Sachverständigen abhängig. Wenn man uns von den 600 000 Tonnen der verlangten Docks, Kröhne, Schlepper usw., die wir insgesamt haben, wirklich 400 000, also zwei Drittel, nehmen wul, dann beschwört die Entente damit die Gefahr herauf, daß unsere wirtschaftliche Kraft so geschädigt wird, daß wir auch beim besten Willen den Friedensvertrag gar nicht erfüllen können, was die Entente doch in ihrem eigensten Interesse verhindern muß. Hoffentlich verschließt sie sich dieser Erkenntnis nicht und macht nickst wieder neue Schwierigkeiten. Dem rachgierigen Clemenceau ist schon zuzutrauen, daß er immer wieder neue Bosheiten spielen läßt. Unsere Regierung wird gewiß bis zur äußersten Grenze ter Nachgiebigkeit gehen und als oberster Gesichtspunkt wird sie immer leiten die möglichst rasche Inkraftsetzung des Vertrages von Versailles, der uns gegenüber dem Gewalt- taumel immerhin eine Rechtssicherheit gibt und dessen Artikel 214 Hundert tausende deutscher Bürger aus einer unerträglichen Gefangenschaft befreien wird.
An dle Kriegsgefangenen
hat die Reichsregierung einen Aufruf gerichtet, der ihnen die Grüße des Vaterlandes zum Weihnachtsfest« sandte und worin es beklagt wird, daß bisher alle die zahl.eicheu Bemühungen der Regierung um ihre Rückbeförderung an dem Widerstande der Feinde scheiterten. Doch fei der Tag der Befreiung der noch Zurückgehalienen in nächste Nähe gerückt. Die ReichsregiMung werde ihre restlosen Bemühungen, alle in Europa und Uebersse noch fest- getesteten deutschem Kriegs- und Ziotilgesangemen mit möglichster Beschleunigung in die Heimat zurückzuführen, nicht eher obbrechen, als bis der letzte Mann wieder in der Heimat sei. Sie bittet alle Gefangenen, hierauf zu vertrauen, und nach allen tapfer überstandenen langen