Einzelbild herunterladen
 

Nr. 304

Mittwoch, den 28. Dezember 1932

Sette-

Stadt Sa«a«

Tante Emmi sedt umtank»««

Tante Emmi freute sich zwar auf die Weih- mchtszeit und die vielen schönen Dinge, die sie von hrer zahlreichen Verwandtschaft geschenkt bekommt. Wer was war diese Festesstimmung gegen die Wonnen der Tage, die nun folgen. Tante Emmi lehält aus Prinzip nicht eine einzige der ihr dedi- jierten Gaben. Die schwarze Handtasche muß in nne rote Kaffeedecke, die wertvolle lila Vase in einen Bettvorleger verwandelt werden. Vom frühen Mor­zen bis zum Geschäftsschluß hat sie zu tun, ehe die Umwandlung der Geschenke zur restlosen Zufrie- lenheit geglückt ist. Jahr für Jahr ist das glatt jonftatten gegangen. In diesem Jahr aber segelt re verstört und ganz.aufgelöst" die Straße ent- ang. Ihr war etwas Schreckliches passiert und voller Freude erblickte sie ihren alten Freund, den Justiz- rat Meier XIII., auf den sie soeben zu steuerte, um Hn am obersten Mantelknopf festzuhalten.ßie= jer Justizrat, denken Sie doch, was mir . . . also aem, so etwas . ." Vor Aufregung kann sie gar richt zusammenhängend sprechen, aber allmählich »ersteht der Anwalt, daß eine böse Firma durchaus nicht die blaue Tischdecke zurücknehmen wollte. Wo »och Tante Emmi schon vier blaue Tischdecken hat! Mit einem besorgten Seitenblick auf den bedrohten Knopf erwidert der Jurist, daß ein Rechtsanspruch auf Rückgängigmachung eines Kaufes in der JuristenspracheWandlung" oder Herabsetzung des KaufpreisesMinderung" nur dann ge­geben sei, wenn sich bei der gekauften Ware ein Fehler zeige: Unter dauernder Rotation des Man- telknopfs entgegnet nicht mit Unrecht Tante Emm:, daß sie seit mehreren Jahrzehnten der Justizrat denkt schmunzelnd an die armen Verkäuferinnen ihre Weihnachtsgeschenke umzutauschen pflege und daß sich bisher noch keine Firma geweigert habe, sdie Sachen zurückzunehmen. Der Anwalt setzt ihr nun auseinander, daß es allerdings eine große Zahl von Geschäften gebe, die grundsätzlich den Umtausch noch nicht gebrauchter Artikel gestatten und von diesem Umtauschrecht nur bestimmte Dinge wie Lebensmittel. Schallplatten usw. ausneihmen. Dann ser auch ein juristisches Umtauschrecht gegeben. Wenn man das aber nicht genau wisse, sei es besser, mit dem Verkäufer ein Umtauschrecht aus­drücklich zu vereinbaren, wenn man den Geschmack des Beschenkten nicht kenne oder wenn man Grund habe, anzunehmen, daß der Empfänger die Ware hm aus Prinzip nicht behält. Tante Emmi überhörte die Spitze und benutzte die günstige Ge- legenheit, um noch eine weitere ihr sehr am Herzen liegende Frage zu klären:Wenn der Umtausch ge­stattet oder vereinbart ist, kann ich dann Rückzah­lung meines Geldes oder der Preisdifferenz ver­langen?"Nein, im allgemeinen dürfen Sie nur den Umtausch in eine andere am Lager beftnM'rhe Ware verlangen Ist diese Ware teurer, müssen Sie Mzahlen, ist sie billiger, können Sie noch etwas anderes dazunebmen oder sich einen Gutschein über den Betrag ausstellen lassen.

Manche Geschälte geben ja die Differenz bar .zu­rück, aber eine rechtliche Verpflichtung dam besteht ohne besondere Vereinbarung nicht". Mit einem bereichen Dank für die juristische Auskunft vsr- ifchmrmb Tante Emmi unter Mitnahme des in­zwischen abgerissenen Mantelknopfes, den sie im nächsten Geschäft vergeblich umzutauschen suchte.

* Tödlicher Verkehrsunfall. Gestern mittag gegen 12.30 Uhr ereignete sich auf der Lamboy- straße ein tödlicher Unglücksfall. Beim Ueberque- i ren der Straße lief die 4jährige Hildegard Sei« del in einen Personenkraftwagen hinein und ge­riet unter das Auto In schwerverletztem Zustand mußte das Kind in das St Dincenzkrankenhaus verbracht werden, wo es noch am gleichen Abend verstarb.

Weitere Veßkeruns der ^eirats- ausstchten -Sv 1933

Dersitzengebliebene Junggeselle". Männerüberschuh im Heiratsallex bis zu 25 Jahren. Don

2535 Jahre» sinkt der Frauenüberschuß.

Die Heiratsaussichten für 1933 bessern sich für die Frauen weiter, für die Männer dagegen wer­den sie ungünstiger. Während früher jedes Mäd­chen das Bestreben hatte, unter die Haube zu kom­men und den Anschluß nicht zu versäumen, werden jetzt die jungen Männer energisch darauf bedacht sein müssen, sich rechtzeitig eine Ehegefährtin zu suchen, wenn sie sie im besten Heiratsalter bis zu 25 Jahren haben wollen. Alle Junggesellen können im Jahre 1933 in diesen Altersklassen und unter diesen Bedingungen nicht mehr heiraten. An die Stelle des» sitzengebliebenen Mädchens wird der sitzengebliebene Junggeselle treten, denn von je 1000 jungen Männern im Alter bis zu 25 Jahren müssen bereits jetzt 7sitzen bleiben", oder sie müssen sich damit einverstanden erklären, eine Frau zu heiraten, die älter ist als sie. In den Altersklassen von 20 bis 25 Jahren werden nämlich in der kom­menden Zeit auf 1000 heiratsfähige Männer nur noch 993 heiratsfähige Mädchen kommen. Selbst vorausgesetzt, daß alle Mädchen in diesen Alters­klassen sich verheiraten wollen, was heute durchaus nicht selbstverständlich ist, da sich die Anschauungen und Sehnsüchte der jungen Mädchen stark gewan­delt haben können von 1000 Männern 7 keine Frau finden. Nun sind allerdings durchschnittlich wohl ebenso viel Männer heiratsscheu wie Mädchen, so daß der Ausfall an heiratsfähigen Mädchen nicht größer wird. Trotzdem wird der Prozentsatz an sitzengebliebenen Junggesellen wahrscheinlich immer noch sehr gering sein, geringer als ihr Uebevschuß es erwarten läßt, denn in den höheren Altersklassen ist auch heut noch der Frauenüberschuß vorhanden. Allerdings nimmt auch er ab, so daß auch die Frauen in den Altersklassen von 25 bis 30 Jahren die günstigsten Heiratsaussichten haben. Auf 1000 Männer in diesen Altersklassen kommen noch ca. 1003 Frauen. Wenn man also die Altersklassen von 2030 Jahren zusammennimmt, ergibt sich im Jahre 1933 bereits in diesen 10 Jahresklassen ein Männer­überschuß. da der Frauenüberschuß in den leisten 5 Jahren geringer ist, als der Mannerüberfchuß in dem ersten Altersklassenabschnitt. Es kommen näm­lich in den Altersklassen von 20 bis 30 Jahren auf Zusammen 2000 heiratsfähige Männer 1096 Frauen^ Zum ersten Mal ist im Jahre 1933 seit langer Zeit

Zum Jahreswechsel 1933

erfüllen auch Sie am besten und billigsten Ihre Pflicht dadurch, daß Sie Ihre Glückwünsche in Form einerAnzeige im Hanauer Anzeiger entbieten. Bitte, geben Sie eine solche Anzeige recht frühzeitig auf.

7 Männer von 1000 bleibensitzen".

in den besten Heiratsaltern von 20 bis 30 Jahren der Männerüberschuß vorhanden. Erst in den Alters­klassen von 30 bis 35 Jahren ist noch ein recht be­trächtlicher Frauenüberschuß da, der ungefähr das Verhältnis von 1000: 1150 ergibt. In den höheren Altersklassen von 35 bis 40 Jahren wächst die Zahl der Frauen sogar auf 1250, und in den späteren Altersklassen nimmt er wieder beträchtlich ab. Diese Altersklassen von 30 bis 50 Jahren spielen aber bei der Berechnung der Heiratsaussichten eine unter­geordnete Rolle, da die Heiraten meist im Alter bis zu 30 Jahren vollzogen werden. Je weiter die Zeit vorschreitet, freiste schwieriger wird es für die Männer in Deutschland werden, eine Frau zu fin­den. Im kommenden Jahrzehnt werden die Männer von 20 big 25 Jahren tatsächlich sich energisch ran­halten müssen, wenn sie eine gleichaltrige Frau hei­raten wollen, denn der Männerüberfchuß wächst immer mehr und steigt schließlich auf 27 an, d. h. von 1000 Männern können 27 selbst unter den günstigsten Bedingungen keine Ehefrau finden. Uebrigens werden sie auch in höheren Altersklassen vergeblich Umschau halten, denn auch in den Alters­klassen von 25 bis 30 Jahren ist der Männerüber- 'chuß schon auf 22 angewachsen und sogar in den Altersklassen von 30 bis 35 Jahren auf 20. Es kommen nämlich in den Altersklassen von 20 bis 35 Jahren auf 3000 Männer 2931 Frauen. Mit anderen Worten heißt das, daß von 3000 Männern 69 keine Frau finden werden. Diese Zahlen haben tatsächlich bereits praktische Bedeutung gewonnen und sind weit über rein theoretische Erörterungen hinaus gegangen Diese Zahlen bedeuten nämlich nicht nur eine Wandlung auf dem Heiratsgebiet, sondern auch eine wesentliche Umschichtung der Be­völkerung, die nach dem Kriege eingesetzt hat. Bor dem Krieg war in allen Altersklassen ein beträcht- 'rcher Frauenüberschuß vorhanden. Schon im Alter von 20 Jahren überwogen die Frauen die man«5 nchen Alterskollegen. Damals mußten darum stets einige Frauen sitzen bleiben. Das Gesetz der Sta­tistik war für die Frauen hart und ließ sich auf feine Weise beseitigen. Erst in der Nachkriegszeit, wo die Sterblichkeit der Knaben, die vor dem Kriege sehr groß war, stark heraba-drückt werden konnte, besserten sich die Heiratsaussichten für die Frauen.

Ausruf

zur Ablösung der Neujahrswünsche;

Wie alljährlich, so ruft auch jetzt wieder bett unterzeichnete Verband zur Ablösung der Neujahrs- wünsche durch Zeichnung von Spenden auf. Die ge­sammelten Beträge sollen für das diesjährige Wim. terhilfswerk unserer Stadt Verwendung finden. Zeichnungslisten find sowohl in der Geschäftsstelle dieser Zeitung, als auch in der Stadtsparkasse, der Stadtkasse und im städtischen Fürsorgeamt, Schirm straße 81., Zimmer 16, ausgelegt. Die vorbezeich­neten Stellen sind zur Entgegennahme der Spenden ermächtigt. Die Namen der Spender werden nach Neujahr in dieser Zeitung veröffentlicht werden.

Wir bitten herzlich, das gemeinnützige Werk durch weitgehendste Beteiligung der Einwohnerschaft zu unterstützen.

Hanau, den 22 Dezember 1932.

Verband der Hanauer Wohlfahrlsorganisatiouen

Schirnstraße 8 Fernruf 3941.

ein dvetftes Gaunerftürkchr«

Mit Personenwagen, Motorrad und Lastauto' fuhr im letzten Herbst ein 34-jähriger deutsch-russischer Adebsproß von zweifelhafter Herkunft und noch zweifelhafterer Vergangenheit, den das Schicksal vor einiger Zeit nach Hanau verlschlagen hat, im Land­kreis und in der nahen Wetterau bei zahlreichen Landwirten vor, um sich dort als Einkäufer für die I. G.-Farbenwerke anfzusprelen^und große Natural­lieferungen abzuschließen. Die Sache hatte nur in­sofern einen Haken, als das Werk mit der Ange­legenheit gar nichts zu schicken hatte und die Liefe­ranten lediglich Zahlung versprochen erhielten. In Dornassenheim, wo der größte Coup gelandet wer­den sollte, war man gtticklichevwebse so vorsichtig, daß der gerissene Schwindler nicht ans ZiK ge­langte. Dafür fiel man in Rüdigheim auf den plkim- pen Schwindel hinein, nachdem erst ein Landwirt in Sicherheit eingelullt war und unfreiwillig für den abgefeimten Betrüger gutsprach. Insgesamt 225 Zentner Kartoffel im Werte von ca. 450 RM erbeutete auf diese Art und Weise der falsche Ein­käufer, der sie noch am gleichen Tage zur Hälfte desEinkaufspreises" an einen Hanauer Händler weiterveräußerte. Wenige Tage später versuchte er das gleiche Schwindelmanöver mit fetten Schwei­nen in Marköbel, das ihm dann dank der Vorficht eines dortigen Landwirtes das Genick brechen sollte. Als man den gemeingefährlichen Betrüger glücklich hinter Schloß und Riegel hatte, kamen noch eine ganze Reihe von weiteren Betrügereien heraus, die alle nach dem gleichen Schema von ihm begangen worden waren. In ca. 78 Fällen hatte er unter Eigentumsvorbehalt Motorräder, Wäsche, Schuhe, Gardsrobestücke usw. auf Abschlagszahlung erwar­ben und sofort zu einem geringen Preis weiterver- äußert. Die Betrügereien am laufenden Band kamen dem erfinderischen Bekämpfer der Zeitnöte, der als schwerer Psychopath schon längere Zeit in einer Nervenheilanstalt untergebracht war und be­reits Bekanntschaft mit dem Zuchthaus geschlossen hat, auf 10 Monate Gefängnis zu stehen. Sein weniger beteiligter Gefährte, der das Auto zu den Landpartien gestellt hatte und an denEinkaufs- gefchäften" beteiligt war, kam mit 1 Monat Ge­fängnis davon.

Daten für 29. Dezember. 1832: Der Buch­händler Johann Friedrich Freiherr Cotta v. Cotten­dorf in Stuttgart gest., 1926: Der Dichter Rainer Maria Rilke in Paris gest., 1930: Ausbruch des Vulkans Merapi auf Java, dem gegen 1300 Men­schen mm Opfer fielen.

* Gefunden. In der Zeit vom 21. bis 27. Dez. sind als gefunden angezeigt worden: 1 neue schwarze Damenhandtasche: 1 Herrenarmbanduhr mit schwarzem Armband (Golddoublee): 1 Damen­armbanduhr mit schwarzem Armband (Silber 900); 1 weißer Stallhase; 1 brauner Pelzkragen; 1 leeres braunes Herrenportemonnaie. Die Eigentümer wollen sich im Fundbüro der Polizeidirektion in der Zeit von 8 bis 12 Uhr melden.

^eoyfiw- E M»»»"

Roman von Luise Westkirch

(Nachdruck verboten.)

5. Fortsetzung

Hans führte die weinende Kläre ins Stübchen und suchte zärtlich sie zu beruhigen.

Die Uhr in der Küche hatte längst zehn geschla­gen. Da kamen leichte Schritte die Treppe herauf. Durch die halb offene Tür des Stübchens lugte ein frisches Maüchengeficht, und rasch glitt der jugend­lich schlanke Körper nach. Mieze Mittenwald war's, eine Kollegin von Wessel, die bei Zirbelmeiers ' wohnte.

Ich sehe hier noch Licht. Guten Abend, Klär­chen. Noch immer fleißig! Kind, das ist sünd­haft. Guten Abend, Herr Wessel. Warum neh­men Sie Ihrer Braut nicht das Gestichel weg? Leiden Sie es doch noch nicht, daß sie sich zuschan­den schafft."

Guten Abend, Fräulein Mittenwald', grüßte Hans steif.Sie kommen ja spät heim."

Eine Blutwelle war chm ins Gesicht geschossen beim Anblick des Mädchens, das wie die menschge­wordene Juaend und Freude in die von verhaltener Wehmut erfüllte Stube brach, mit rosigen Wangen, mit glänzenden Augen, die niedere, breite Stirn umflattert von kurzem braunem Lockenhaar.

Unser Reisender, der Herr Schermann, hat mich mitgenommen in ein Kino. Dann haben wir noch ein Glas Bier zusammen getrunken. Das ist ein luftiger Herr."

Sie sollten auf Ihrer Hut sein, Fräulein Mittenwald. Herr Schermann erfreut sich nicht des besten Rufes in bezug auf Damen."

Das junge Geschöpf lachte hellauf.

In Sorge, Herr Wessel? Ja, ein Klostersräu- lein ist die Mieze Mittenwald nun einmal nicht. Aber was kümmert das Sie? Es sollte Ihnen doch genügen, mein' ich, daß Ihre Braut, die Kläre, solck) ein Tugendspiegel ist, wie Sie ihn sich wünschen.

Meine Warnung geschieht in guter Absicht, Fräulein Mittenwald. Und ich möchte hinzufügen: nicht nur im Verkehr mit Herren sollten Sie vor­sichtiger sein, auch in dem mit Frauen. Frau Klepke zum Beispiel, mit der Sie freundschaftlich verkehren, ist gefährlich."

Mieze» Augen blitzten zornig.

Jetzt werden Sie unverschämt. Ich will Ihnen mal was sagen, Herr Wessel. Statt sich Kopf und Herz zu zerbrechen um das Schicksal meiner Wenigkeit, sollten Sie dazutun, daß Ihre Braut, die Kläre, frohere Augen bekommt und daß sie heraus­kommt aus der Zirbelmeierei, wo sie sich wie ihre Mutter totschaffen muß für den arbeitsscheuen Saufaus, ihren Vater."

Mieze ich verbitte mir"

Kind, wir sind unter uns. Warum soll ich da die Dinge nicht bei ihrem Namen nennen? Wenn Ihnen an Ihrer Braut liegt, Herr Wessel, dann schaffen Sie ihr bald ein eigenes Heim und wenn es eine Dachkammer ist. An mir, sehen Sie läuft die Wirtschaft hier im Hause ab, wie das Wasser am Pudel. Ich bin eine gröbere Nummer. Das feine Ding da geht dran zugrunde. Und nun gute Nacht, Herr Wessel. Gute Nacht, Klärchen. Pack deinen Kram zusammen und schlaf gut."

Sie glitt aus der Stube.

Auch Hans verabschiedete sich. Doch während er die Treppe zu feiner Stube im zweiten Stock hin- aufftieg, schwebte vor seinen Augen unverscheuch­bar immer die gleiche Erscheinung; die beiden Mäd­chen, wie sie im Lampenlicht nebeneinander gestan­den hatten. Und es war ihm, als ob vor der leben­sprühenden, in ihrem Uebermaß fast beleidigend wirkenden Kraft und Gesundheit Miezes die zarte Gestalt, das feine Gesicht seiner Braut verbleiche, welke, hinschwinde, so daß sie anmutete wie ein ab- geblaßtes Bild neben blutvoller Wirklichkeit.

Erschreckend vor seiner eigenen Empfindung, öffnete er die Tür zu dem Dachgärtchen vor seiner Stube und trat hinaus, um in der kühlen Nachtluft das Gleichgewicht feiner Seele wiederzufinden.

Guten Abend", grüßte ihn da eine tiefe Stimme.Guten Abend, Hans."

Auch fein Onkel Alois Huber genoß die Abend- kühle in feinem ein Stockwerk tiefer gelegenen Garten. Es war Wessels Plan gewesen, dem Onkel von der sich chm bietenden Gelegenheit zu sprechen, ihn noch einmal dringend zu bitten, ihm die Mittel zu gewähren, den Kauf abzuschließen. Aber die Worte froren chm auf den Lippen fest. Es eilte ihm plötzlich nicht mit der Gründung eines eigenen Geschäftes.

Guten Abend, Onkel", erwiderte er gepreßt und kehrte in feine Stube zurück.

An der Ecke der Müblaasse Tag das Goldringer- sche Warenhaus. Seine stolze Front leuchtete weit

hinaus in die breitere Marktstraße.

In dem zweiten Geschoß, das Goldringer selbst bewohnte, stand sein einziger Sohn Max, ein hüb­scher Mensch mit einem etwas verlebten Gesicht. Das Hausmädchen deckte den Frühstückstisch in dem eichengetäfelten Eßzimmer, wo von Büfett und Wandbrettern schwere Silbergefäße und kostbares Porzellan durch die Dämmerung blinkten. Der junge Mann beachtete ihr Kommen und Gehen nicht, er sah nur ein überschlankes Mädchen mit weißen Wiinpern über blaßblauen Augen, hörte eine weiche Stimme flüstern:Ich liebe dich. Trotz allem ich liebe dich."

Für diese Liebe, um dieser Liebe willen würde er kämpfen. Einen harten Kampf galt es. Er wußte es, und sein Herz schlug unruhig.

Eine scharfe Stimme auf dem Flur schreckte ihn aus seinem Traum, die Stimme eines Befehlenden, eines, der sich durchgesetzt hatte in der Welt gegen Schicksal und Menschen.

Keine Krabben heut, Betti, und daß die Toaste nicht zu hart und die Eier nicht zu weich sind. Fix! Fix! Ich Habs eilig."

In das mit höchstem Luxus ausgestattete Gema ,, trat Richard Goldringer, ein hagerer Fünfziger mit eingesunkenen Schläfen in einem schmalen Gesicht und Augen, deren Blick an Adleraugen mahnte. Sein Geburtszimmer war weniger luxuriös ge­wesen, und fein Weg zu dem Großbetrieb, dem er heute vorstand, hatte mit einem Hausiererkasten mit Schnürriemen, Wichse und Stecknadeln be­gonnen. Er stutzte bei inAnblick seines Sohnes.

So früh heut, Max? Ist recht. Dann früh­stücken wir einmal Mfammen. Kommt nicht oft vor."

Er fetzte sich, begann eines von den Eiern auf­zuschlagen, die Betti samt den Toasten eben auf den Tisch setzte, und führte dann die Kafeetasse zum Munde.

Warum greifst du nicht zu, Junge? Keinen Hunger?"

,Lch möchte etwas mit dir besprechen, Vater", antwortete Mar gepreßt. .Etwas Wichtiges. Etwas, von dem das Glück meines Lebens abhängt."

Glück deines Lebens? So. Dann wirds wohl eine große Dummheit fein."

Vater, ich--"

Halt, mein lieber Junge. Jetzt frühstücke ich. Grundsätzlich besässe ich mich niemals mit zwei

Dingen gleichzeitig, besonders nicht, wenn sie wich­tig sind. Das Glück deines Lehens muß sich ge­dulden."

Max schwieg. Mit Herzklopfen wartete er, während sein Vater, ohne sich zu beeilen, zwei Eier und einige Toastschnitten, dick mit Butter bestrichen, verzehrte.

Du solltest dich auch stärken", ermahnte er über seinen Teller weg.Wer mit leerem Magen an ein Geschäft geht, kommt meist mit leeren Hän­den zurück."

Max schüttelte nur stumm den Kopf.

Endlich wischte sich Goldringer mit der Serviettâ den Mund ab, legte sie neben seinen Teller und zündete eine Zigarre an.

Also?"

Ich ich hab ein Mädchen Seb"

Konnte ich mir denken".

Ein ehrbares Mädchen, Vater. Eine ernsthafte Liebe. Glaub nicht, daß meine Leidenschaft mich blind macht. Sie ist des besten Mannes würdig."

Du willst sie heiraten? So."

Ich kann mir kein Leben mehr denken ohne sie. Vater, Lieber Vater, stell dich meinem Glück nicht entgegen. Zeitlebens will ich's dir danken"

Goldringer verzog verächtlich die Lippen.

(Sortierung migt).

Stadt - Tbeaiev Ka«a«

Mittwoch, 28. Dez., nachmittags 3 bis nach 5 Uhr- Große Kindermärchen-Vorstellung zu kleinen Preisen 0.30, 0.60, 1. RM Zum letzten Mals! Tanzeinlagen!

^Die Schneekönigin"

Text und Musik von Herbert Hildebrandt

abends 810 Uhr: 13. Vorstell, im Mittwoch- Abonnement dieDoppelgängerin"-Komödis aus der Filmwelt

Nina, die Filmdiva"

in 3 Akten von Bruno Frank

Donnerstag, 29 Dez., 8 Uhr:Die drei Musketiere^ Revueoperette von Benatzky

Freitag, 30. Dez., 8 Uhr:Nein, nein, Nanette" Operette von Ioumans.