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Dienstag, bett 20. Dezember 1932

Nr. 298

Die Landwwttchaft im Rahmen der Rat anaLwwtMaft

Kohlrübenwinter heute unmögllch

Der Bund für Nationalwirtschaft und Werksge­meinschaft veranstaltete in Berlin einen Vortrags­abend, auf dem der Präsident des Reichslandbun­des, Graf Kalckreuth, über das ThemaDie Bedeu­tung der Landwirtschaft im Rahmen der deutschen Nationalwirtschaft" sprach. Er betonte die innige Verbundenheit der ländlichen mit der industriellen Bevölkerung, die vielfach nicht richtig erkannt werde. In weiten Kreisen der städtischen Bevölke­rung begegne man häufig einem großen Zweifel, wenn man von der Ernährung des deutschen Vol­kes durch die eigne Scholle spreche. Der Kohlrüben­winter während der Kriegszeit sei noch deutlich in der Erinnerung.

Die Zustande von damals könnten heute keinesfalls wiederkehren. Damals hätten wir noch nichts gelernt gehabt, genügend Stickstoff zu erzeu­gen. Das habe sich jetzt geändert. Der Bedarf an Kartoffeln. Fleisch, Getreide und anderen länd­lichen Erzeugnissen sei durch eigene Produktion ge­deckt.

Gefahr besteht nur bei der Erzeugung von Fett. Hier werde der Bedarf zu 60 o. 5). aus dem Aus­land gedeckt Der Fettbedarf sei gegenüber der Vor­kriegszeit um 300 000 Tonnen gestiegen. Bemer­kenswert fei der Margarineverbrauch. Während in Deutschland vor dem Kriege 100 000 Tonnen Mar­garine verbraucht worden seien, hätten wir jetzt einen Verbrauch von 500 000 Tonnen. In erster Linie müsse also eine Steigerung der Fetterzeuguna erfolgen, also der Milchproduktion, die jährlich 23 Milliarden Liter Milch betrage. Das sei aber eine Preisfrage und es stehe zu befürchten, daß deshalb in Deutschland im nächsten Jahr vielleicht noch er­hebliche Mengen mehr Getreide angebaut werden würden und die Fetterzeuqunq ins Hintertreffen komme Der Krieg habe die landwirtschaftliche Er­zeugung der Welt stark ausgedehnt. Aber die Pro­duktion werde wieder zu einem vernünftigen Ausgleich kommen Trotzdem werde die deutsche Landwirtschaft zu Weltmarktvreisen produzieren, wenn sie nicht dem Ruin entgegengehen wolle.

In Deutschland seien fraglos noch Ausichaltunas. Möglichkeiten des Zwischenhandel.; geaebsn. Der Weg vom Produzenten zum Konsumenten sei aber in der Hauptsache durch die hohen Steuerlasten verteuert.

NedenVUÄev RüBsans

-es G «Kommens in Hanau

Die Zeiten werden immer schlechter" ist heute ein geläufiger Ausspruch geworden, den man in der Unterhaltung mit Freunden und Bekannten, wenn man will, beinahe stündlich hören kann. Doch in welchem Verhältnis die Zeiten schlechter gewor­den, sind. wissen die wenigsten. Hierüber gibt eine inhaltschwere Berechnung des Statistischen Reichs- amts in Berlin Auskunft. Nüchtern und klar wird hier festgestellt: Das Volkseinkommen betrug im Jahre 1929 pro Kopf der Bevölkerung 1190 RM und sank im Jahre 1931 auf 883 RM Diese Zah­len vermitteln ein nicht ganz übersichtliches Bild. Der ganze Umfang der großen Katastrophe wird erst klar, wenn wir den Maßstab bei unserer Heimatstadt Hanau anlegen. Aus der Berech­nung ergibt sich:

Hanau hatte entsprechend dem Reichsdurchschnitt im Jahre 1929 ein Gesamteinkommen non 47 600 000 Reichsmark. Dieses Einkommen sank im vorigen Jahre auf 35 320 000 RM herab. Die Einwohner unserer Stadt haben also in ihrer Gesamtheit einen Rückgang ihres Einkommens von 12 280 000 RM zu verzeichnen.

Nun drängt sich die Frage auf: Welche Berufs­gruppen sind wohl bei dem Rückgang ihres Ein­kommens am schwersten betroffen? Auch hierauf gibt das Statistische Re'chsamt Antwort und ft Ut fest. daß am weitaus stärksten Handel und ®e= merbe in Mitleidenschaft gezogen wurden. Hier betrug nämlich der Rückgang an Einkommen 36%. Aber auch die Arbeitnehmer (Lohn- und Gehalts-

Weibnachiswovt Kinden-uvss zur Winlsvvttße

«Sie Rot mutz altes Tvenne«-e übevw5ndeu"

Um für Weihnachten die Opferwilligkeit derer, die noch helfen können, zugunsten unserer not- keidenden Volksgenossen zu wecken hat Reichs­präsident von Hindenburg der Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege als Reichszentrale der Winterhilfe das folgende Werbewort für die Winterhilfe in handschriftlicher Aufzeichnung zu- gehen lassen:

«Die Hof muß alles Trennende überwinden. Wer den Ruf der WinterhilfeWir wollen helfen" befolgt, der schafft neue Hoffnung und neuen Glauben an Volk und Vaterland!

Berlin, vor Weihnachten 1932.

von Hindenburg."

empfânger) sind erheblich geschmälert: Der Rück­gang ihrer Bezüge betrug 24%. Die Landwirt­schaft hatte einen Verlust ihrer Einnahmen um 10% zu verzeichnen.

Das sind bedenkliche Zahlen für den Zustand unseres deutschen Wirtschaftslebens, die aber noch furchtbarer wirken, wenn wir einen Einblick in die Verteilung des Einkommens gewinnen. Die Ren­ten aus privaten und öffentlichen Versicherungen sind in den letzten zwei Jahren infolge der Wirt­schaftskrise noch um 10% anaestiegen. Ueber zwei Drittel des deutschen Volkseinkommens setzte sich 1931 aus Einkommen der Arbeiter, Angestellten und Rentenemvsänger zusammen. Bevor die Wirtschaftslage für 1932 statistisch festgestellt wer­den kann, vergeben noch viele Monate, aber das eine, was wir alle wissen, kann schon getagt wer­den. besser als im normen Fahre gebt es uns beute bestimmt nicht. Der Schritt in den Abarund scheint somit nicht sehr weit zu sein und d^ch brauchen mir nicht zu vermgen. denn jedes Volk bat in der Stunde der höchsten Not immer feinen Retter ge­habt. der plötzlich emnorftieg und Hirse brachte und zu geordneten Verhältnissen zurückführte.

Kattun» fäe Unfälle Set Glatteis

Schon sehr oft ist die Frage aufgeworfen wor­den, ob die Wegeunterhaltungspflichtigen für Schadensunfälle, die infolge von Glatteis entstan­den sind, haften. Ueber diese Streifrage ist jetzt ein rechtskräftiges Urteil des Oberlandesgerichts Hamm ergangen, das weite Kreise der Landwirt­schaft und viele Gemeinde bzw. Kreise als Wege-Eigentümer interessieren dürste Der Kläger war infolge von Glatteisbildung auf der Kreisstraße mit seinem Kraftwagen ins Rutschen gekommen, wobei sein Wagen schwer beschädigt wurde. Die Schadensersatzklage des Geschädigten gegen den Landkreis wurde jedoch vom Oberlandes­gericht zurückgewiesen. In der Begründung heißt es u. a.:

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Hammerstraße

Mit Hindenburg wünschen wir, daß sein Wort Brücken von Mensch zu Mensch schlagen und helfen möge, zu Weihnachten Herzen und Hände zu öffnen. Die Winterhilfe, an die Hindenburgs Wort gerichtet ist. wird von den großen Ver­bänden der freien Wohlfahrtspflege in allen Teilen des Reiches einheitlich durchgeführt. Die Spenden, die der Sammlung an Lebensmitteln, Kleidung, Heizmaterial und Geld zufließen, verbleiben in den Bezirken bzw. Orten, in denen sie gesammelt sind und werden auch dort unter die Hilfsbedürftigen verteilt.

Der Kläger geht bei seiner Rechtsverfolgung von der Ansicht aus, daß der Beklagte ver­pflichtet gewesen sei, den vereisten Stra» ßenabschnitt, auf dem sich der Unfall abspielte, mit ab stumpfenden Mit­teln zu bestreuen oder wenigstens für die herannahenden Kraftwagen oder sonstigen Wege­benutzer durch Warnungstafeln kenntlich zu machen. Diese Ansicht des Klägers ist nicht begründet. Die privatrechtliche Fürsorgepflicht, deren schuldhafte Verletzungen bei dadurch entstandenenem Schaden zum Ersatz des Letzteren verpflichtet, kann u. a. auch bei Glatteisbildung die Pflicht umfassen, die vereisten Bürgersteige und Fahrdämme mit ab­stumpfenden Mitteln zu bestreuen. Hierbei läßt sich ledoch eine allgemein bildende Regel für Art und Maß dieser Verpflichtung nicht aufstellen; vielmehr bestimmt sich dies bei Mangel einer Sondervor­schrift nach den Verhältnißen des Einzelfalles und nach dem Maß der im Verkehr erforderlichen Sorg­falt. Was besonders das Bestreuen vereister Fahr­dämme außerhalb von Ortschaften angeht, so würde man die allgemeinen Rechtsgrundsätze über die Fürsorge für Verkehrssicherheit weit überspannen, wenn man die Streupflicht der Straßeneigentümer allgemein auch auf Fahrdämme erstrecken würde: vielmehr kann nur dort wo ein besonderes Be­dürfnis besteht, von einer Gemeinde oder einem sonstigen Kommunaloerband auch streckenweise Be­streuung des Fahrdammes verlangt werden. In der Regel aber ist bei Landstraßen eine Ver- vflichtung zum Bestreuen oder zur sonstigen Be­seitigung der Winterglätte zu verneinen Ebensowenig war der Beklagte als Eigentümer der Straße verpflichtet, die vereiste Strecke durch War­nungszeichen oder Warnungstafeln kenntlich zu machen. Demi die Verpflichtung des Eigentümers einer dem öffentlichen Verkehr dienenden Straße geht nur dahin, daß er für die Möglichkeit gefahr­loser Benutzung der Straße zu sorgen hat.

Dieses Urteil und seine Begrünbung wird viele Wegeüenutzer. die unter Straßenglätte besonders zu leiden haben, sehr enttäuschen. Gerade in letzter

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Zett ist mehrfach aus den Kreisen der Landwirt« lchaft auf die großen Glättegefahren be­sonders bei der Oüecflachenteerung bei den großen Pravinziallandstraßen Hingewiesen worden. Dagegen wurde ausdrücklich versichert, daß die Klagen sich nicht auf die mittels Jnnenträn- kung hergestellten Straßen beziehen.

* Evangelischer Arbeiterverein 1892. Im über­füllten SaaleZum Kiefen" veranstaltete am Sonn« tag der Evangelische Arbeiterverein 1892 unter star­kem Zuspruch von Freunden und Gönnern des Ver­eins seine diesjährige Kinderbescherung mit anschlie« ßend er Weihnachtsfeier Ueber der ganzen. mit viel Liebe und Mühe aufgezogenen Veranstaltung lagerte von Anfang an echte Wechnachtsst^mmung, die alle Festteilnehmer unwiderstehlich in ihren Bann zog. Bereits um 5 Uhr wurde das überaus reichhaltige Programm der Feier mit einem schneidig vorge­tragenen Musikstück der Vereinstapelle eröffnet. Rührend vorgetragene Gedichte der Kleinsten, gut. zu Gehör gebrachte Musikstücke des Mandolinen« orchefters der Vereinsjugend. mit Begeisterung ge­spielte Theaterstückchen und hübsche Reigen der Kinder wechselten in bunter Reihenfolge und legten ein beredtes Zeugn.s für die große Mühewaltung des Veranstalters ab. Re.cher Beifall wurde sämt­lichen Mitwirkenden immer wieder zu teil. Endlich war die Stunde der Kuiberüescherung herangenaht, vor der noch einmal der 1. Vorsitzende Herr Ober­postschaffner Heinrich Löffler in einer kurzen Ansprache auf die großen Schwierigkeiten hinwies, die eine derartige Bsscherungsfeier in der heutigen Krifenzeit bereite. Nur größte Sparsamkeit im gan­zen Jahr über habe im Verein mit edlen Spendern» allen voran Frau und Herrn Dr. H e i p und der unermüdlichen Tätigkeit der Frauengruppe und Iugendabteilung das schöne Wechnachtswerk reifen lasten. Unter dem Jubel der Kleinen schüttelte dann Nikolaus mit fernen Gehilfen den wohlgefüllten Gabensack aus. Die Augenpaare von 81 Kindern aber leuchteten hell auf als sie die weihnachtlichen Gaben in Empfang nehmen durften Nach einer kurzen Pause begann die eigentliche Weihnachts­feier, die aleichfalls einen prächtigen Verlaut nahm und eine Menge schöner Darbietungen bot die stür­mischen Beifall fanden. Ohne am weitere Einzel­heiten an dieser Stelle einzugehen, seien in diesem Zusammenhang die vollendeten Vorträge von Herrn Wilh. Büttner auf seiner Violimikher hervor« gehoben Auch die Herren Reinhold W i n t e' und ktugendleiter Otto Hack seien nicht vergessen di« ihre große Mühe mit der Einstudierung der lo et» folgreichen Theaterstücke gleich sämtlichen Mitwir». kende durch starken Beifall belohnt fanden. Ms Künder der frohen Weihnachtsbotschaft und Mahner für die rechten Belange des Vereins fand der 2 Vorsitzende Herr Plärrer Kurz innige. zu Her­zen gebende Worte Anschließend konnten noch fol» aende Mitglieder von dem 1. Vorsib-nden durch N»b«rre'chunq von Diplomen für lonmöbrige treue Mitgliedschaft geehrt werd-m: Frau Deuser, Börner. Hack, Frl. Grete Löffler. die Herren H Heizenröder, Paul Lölller und ^ttg Hack. Zum Ebrenmitolied wurde f^ner Herr G-ora Herold ernannt Erst aeaen Mitternachts land die schöne Feier ihr Ende, die allen Teilneh­mer einige unvergeßliche Stunden bereitet haben dürfte.

ReNgiös-AvchiWs SsvivSse A Scheig, Pfarrer

Cs soll auch in diesem Jahre eine Berichterstat­tung über die einzelnen Vorträge der religiös­kirchlichen Vortragsreihe gegeben werden. Da die ersten 3 Vorträge stattgefunden haben, wird über diese im Zusammenhang berichtet

Im 1. Vortrag behandelte Pfarrer Scheig das ThemaPersönliche Frömmigkeit und kirchliche Gemeinschaft". Redner ging von der Fragestellung aus: Gibt es in der Geschichte eine persönliche Frömmig­keit ohne das feste Rahmenwerk von Ordnungen, Formen religiösen Ein­richtungen? Wer diese Frage beantworten will, muß die Schnittpunkte innerhalb der Kirchen­geschichte bearbeiten. Im israelitischen Prophetis­mus, in der urchristlichen Bewegung des 1. Jahr­hunderts n. Chr. Geb., in der mittelalterlichen Mystik. in der frisch aufbrechenden Reformations- bewegung um nur einige Schnittpunkte zu nennen findet man persönliche Frömmigkeit mit all ihren charakteristischen Wesensmerkmalen. Da nur die Ergebnisse und Fragestellungen aufgezeigt werden können, zu denen der Dorttagende gekom­men ist, nicht die einzelnen Etappen des Weges, soll hierbei noch festgestellt werden, daß die Reli­gionswissenschaft bei der Bearbeitung dieser Fra­gen zu dem jetzt allgemein anerkannten Ergebnis gekommen ist, daß als die beiden hauptsächlichsten höheren Formen persönlicher Religion die Mystik und die vrophetische Religion bezeichnet werden müssen. Uno überall, wo in der Kirchengeschichte das Wagnis persönlicher Frömmigkeit auf sich ge­nommen wird, sind die Träger Mystiker oder pro­phetische Gestalten. Ohne aus den grundlegenden Wesensunterschied der mystischen und prophetischen Frömmigkeit hier näher einzugehen, ist für diese beiden Frömmiigkeitstypen diese zusammenge- faßt unter dem GesichtspunktPersönliche Fröm­migkeit" betrachtet zweierlei festzustellen.

1. Die Träger persönlicher Frömmigkeit wider­setzen sich der frommen Beobachtung geheiligter Regeln und Formeln.

2. Die Träger persönlicher Frömmigkeit sind entschlossen unter bewußtem Verzicht auf die tradi­tionelle Frömmigkeit als einzelne vor ihrem Gott zustehen und ihr Leben aus Selbstverantwor­tung zu führen.

Sofort muß aber dem Bearbeiter eines solchen Themas eine andere Fragestellung kommen, die ungefähr so lauten muß. Wie kommt es, daß persönliche Frömmigkeit im Laufe der Geschichte einen gesetzlichen statu- tarischen kirchlichen Charakter be­kommt? Zur Beantwortung dieser Frage muß man wieder in die Geschichte der Religion, der Frömmigkeit, der Kirche zurückgreifen. Man muß einzelne wesentliche Erscheinungen der Religions- aeschichte durchgedacht haben, um auf die obige Frage Antwort geben zu können. Man tut gut, be­vor man vorschnell Antworten gibt, zuerst einige Unterfragen zu stellen und zu beantworten.

Also: 1. Wie ist aus der provbetischen, ttâdi- tionsgegnerischen, nur Gott verantwortlichen, per­sönlichen Frömmigkeitart der Propheten das Juden­tum nach der Reform der Iosia im Jahre 621 v. Chr. Geb. geworden?

2. Wie ist aus der urchristlichen Bewegung mit ihrer Fülle von Einzelgestalten, die sich nur dem Christus verhaftet glaubten, die katholische Kirche als rechtlich-organisierte Gemeinschaft, als glau­bensmäßig geforderte Heilsanstalt, als geformtes Kultinstitut geworden, der sich jede persönliche Frömmigkeit einzugliedern und unterzuordnen hatte.

3. Wie ist in der Reformationszeit die unser Volk bewegende Kraft des Evangeliums so schnell in das stille Bett der Landeskirchen zurückgeebbt?

An solchen Punkten der Kirchengeschichte kann man man möchte sagen die inneren Gesetze aufzeigen, unter denen persönliche Frömmiakeit und kirchliche Gemeinschaft zueinander in Beziehung stehen und zugleich weltgeschichtli-tze Spannungen auslösen. Da erfährt man, wie das Problem Individuum und Gemeinschaft in der Geschichte ge­löst worden ist, man sieht, wie innerhalb eines starr und fest r^i'-henen kirchlichen Oraan'-mus h,,r* die Träger persönlicher Frömmigkeit neues Leben in die traditionsaebundene Gemeinschaft bineinge- bracht worden ist, man erlebt aber auch, wie

diese Persönlichkeiten in ihren Ideen verflacht und der Gemeinschaft angepaßt und eingegliedert wur­den, und man lieft auch, wie man sie aus der kirch­lichen Gemeinschaft ausschloß, verfemte und ver­ketzerte, wett die Gemeinschaft sie im Rahmen chres Systems, ihrer Glaubensauffassung nicht ertragen wollte und konnte. So können wir durch geschicht­liche Bettachtung feststellen, wie persönliche Fröm­migkeit und kirchliche gebundene Frömmigkeit mit­einander durch die Zeiten gehen, sich gegenseitig an­ziehen und befruchten, sich auch gegenseitig abstoßen und ablehnen, immer aber aufeinander angewiesen. Denn ein System kirchlicher Religion mit seinem starren Organismus, der das Bestreben zu immer stärkerer Verfestigung zeigt, ohne das Vorhanden­sein persönlicher Frömmigkeit wird zur toten Form. Aus der anderen Seite aber läuft persönliche Fröm­migkeit, die sich nur auf sich selbst stellen möchte, Gefahr, allzuleicht die Schwungkraft und aud) die Stetigkeit zu verlieren und zugleich überqeistlichen, spiritualistischen Tendenzen zum Opfer zu fallen, weil sie die Frömmigkeit der kirchlichen Gemein­schaft zu wenig in ihrer Bedeutung für den ein­zelnen begreift. Die Typen persönlicher Frömmig­keit betonen oft etwas allzu sehr ihr geistiges und geistliches Selbstoersorgerkum und übersehen dabei, daß in einer kirchlichen Gemeinschaft sich das Glau­bensgut von Jahrhunderten her in den Bekennt­nissen, Rechtssatzungen, Kulthandlungen sich seinen Niederschlag, seine Form geschaffen hat. Und doch muß um der Wahrhaftiokeit willen eine nur Form gewordene, eine nur Kirche gewordene Religion sich den innersten Widerspruch gefallen lassen. Das Leben und die Bewegung innerhalb der Kirchen­geschichte kommt einentlid) mehr von denKetzern" als von denFrommen". Und hät's keineKetzer" gegeben, so wär's doch aar zu still in den Kirchen, und sie würden gar zu sicher. (Fortsetzung folgt.)

o Sladtthealer. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Heute Dienstag, findet die lebte Wie­derholung des SchauspielsVor Sonnenuntergang" tn 4 Akten von Gerhart Hauptmann statt. Die dich­terische Größe des Werkes und feine Bühnenwirk­samkeit haben stets starken Eindruck auf das Pu­

blikum gemacht. Mittwoch, 21. Dezember, nach« mittags 3 Uhr, wird das diesjährige Wechnachts« MärchenDie Schneekönigin" erstmalig wiederholt. Die vollständig ausverkaufte erste Vorstellung macht eine rechtzeitige Kartenbesorgung ratsam. Die Preise sind außerordentlich niedrig Gehalten: 0.30, 0.60 und 1 RM Abends 8 Uhr ist die Erstauf­führung der neuen OperetteNein. nein. Nanette" in 3 Akten von Vincent Poumans. Im Berliner Admiralspalast konnte das Werk Serienaukkührun- gen erzielen und die anderen großen Operetten» bühnen Deutschlands bestätigten den starken CMnlg. In England und Amerika hatte die Operette be­reits vorher viele Hunderte von Vorstellungen er» lebt. Donnerstag. 22. Dezember, oeht mm letz­ten Male der große ErfolgDie endlose Straße", ein Frontstück in 4 Bildern von Grafs und Hintze in Szene und zwar zu einem Einheitspreis für alle Plätze: 0.60 RM einschl. Garderobe.

H«msv

Doppel- Skler für den Srlsenwlnler 1932/33 Halbe Kosten und doppeltes Vergnügen.