Nr. 28?
Mittwoch, den 7. Dezember 1932
Seite 3
Stadt Hanau
Wenn die Ovkvve wSedevk-mmt
Bestimmte Krankheiten pflegen zu bestimmten Jahreszeiten m gehäuftem Maße aufzutreten. Das HM besonders von der Grippe. Durch zweck- ! mäßiges Berhalten vermögen wir aber der Grippe viel von ihrem Schrecken zu nehmen und ihrer ââ^Erbrertung wirksam entgegenzutreten. Meist beginnt die Grippe als ein scheinbar Harm loser, wenn auch gewöhnlich mit Fieber und Frost verbundener Erkültungskatarrh. Sobald wir in der jetzigen Zeit diese Krankheitsanzeichen bemerken, sollten wir daher nicht versuchen, selbst an uns herumzukurieren, sondern zunächst ins Bell gehen und mindestens beim Auftreten von Fieber sofort den Arzt zu Rate ziehen. Der Einzelne kann sich und seine Umgebung wirksam vor einer Erkrankung an Grippe schützen, vor allem durch die Beachtung der wichtigsten Grundregeln vorbeugender ^Gesundheitspflege. Zu diesen gehört: Vermeidung allzu naher Berührung mit dem Kranken und Ab standhalten von ihm mindestens um Armlänge. Man sorge ferner dafür, daß der Kranke beim Husten und Niesen sein Gesicht abwendet ober sich sein Taschentuch vor den Mund hält. Alle vom Kranken benutzten Eß- und Trinkgeräte sind gesondert zu halten und nach erfolgter Benutzung sorgfältig zu reinigen, wenn möglich zu desinfizieren. Unnötige Besuche halte man von jedem Erkrankten möglichst fern. Der Einzelne wird auch seine persönliche Empfindlichkeit gegen die Krankheit, abgesehen von der Innehaltung der genannten Vorsichtsmaßregeln, dadurch stärken können, daß er stir ausreichenden Schlaf körperliche Bewegung im Freien in angemessener Kleidung und für eine den wirtschaftlichen Verhältnissen angepaßte zweckmäßige Ernährung Sorge trägt, denn geschwächte und übermüdete Menschen fallen jeglicher Art von Infektionskrankheiten, zu denen ja auch die Grippe . gehört, besonders leicht zum Opfer. Wer diese Ratschläge in geeigneter Weise in die Tat umzu- setzen weiß, braucht keine Grippe-Angst zu haben sondern dürfte soweit als möglich gerüstet sein, wenn die Grippe wiederkommt.
TvasSd'e einev âeiegevwUwe
Der gesunde Menschenverstand bäumte sich förmlich gegen ein von Rachsucht und Haß diktiertes Strafverfahren, mit dem sich gestern die hiesige 1 Strafkammer in längerer Verhandlung zu befassen hatte. Verleitung zum Meineid, dessen Versuch schon als vollendete Handlung vom Gesetz angesehen und mit einer Mindeststrafe von 1 Jahr Zuchthaus bedroht wird, legte die Anklage einer 44jährigen Kriegerwitwe aus Fulda zur Last. Weiberklatsch stand über der ganzen tragischen Verhandlung und bildete die einzige Grundlage zu der schwerwiegenden Anklage, die eine bisher völlig unbescholtene Frau tief ins Unglück stürzen und ihre Feinde sichtlich triumphieren ließ. Selbst das Gericht und der Vertreter der Anklage, die nun einmal an die starren Gesetzesparagraphen gebunden sind, konnten sich dieses Eindruckes nicht erwehren. Die Sachlage war denkbar einfach. Die Angeklagte, war vor einigen Jahren vom Wohnungsamt als Zwangsmieterin in eine leere Wohnung eingewiesen worden. Im Laufe der Zeit bildete sich zwischen der Mieterin und dem Hausherrn,
Die Wirtschaftslage im Äovemver im KattdelSsammerverirk
Die Wirtschaftslage hat sich im Monat November im Rahmen der allgemeinen Verhältnisse etwas zufriedenstellender entwickelt. Einzelne Geschäftszweige berichten sogar von einer Belebung ihrer Umsatztätigkeit. Der im November eintretende Saisonrückgang hat also nicht das übliche Ausmaß genommen. . Auch weiterhin liegen noch Ansätze zu einer konjunkturellen Belebung vor. Unangenehm wirken sich dagegen die Schwierigkeiten aus, mit denen der Außenhandel zu kämpfen hat. Im Eisenerzbergbau ist die Förderung gegenüber dem Vormonat gestiegen. Die Umsätze in der Landmaschinen- industrie haben sich in den engsten Grenzen gehalten, dagegen hat sich der Inlandsabsatz in Gerbereimaschinen günstig entwickelt. Im Automobil- geschäft hielt sich der Absatz einigermaßen, während lm Fahrradgeschäft ein kleiner Rückgang gegen den Vormonat zu verzeichnen ist. Im Schreibmaschinen- geschaft ist die Geschäftslage nicht so zufriedenstellend gewesen. Die Edelmetall- und Schmuck- waren-Jndustrie verzeichnet eine geringe Belebung. In der Papier- und Zellstoff-Industrie sind neue Aufträge nur in geringem Maße erteilt worden. Das Schriftgießereigewerbe verzeichnet gegenüber den Vormonaten eine leichte Belebung des Inland- geschäftes. Der Auslandsabsatz ist noch wie vor unbefriedigend. Im Vuchdruckgewerbe konnte nur zum Teil eine leichte Besserung festgestellt werden. Die Herrenkleiderfabrikation hielt sich gegenüber dem Vormonat auf gleicher Höhe. In der Damenkonfektion ließ die Nachfrage im Laufe des Monats stark noch, der Auftragseingang in der Schuhindu-
mit dem auch andere Mieter auf dem Kriegsfuße stehen, ein höchst unerquickliches Verhältnis heraus, trotzdem die Frau ihre Miete stets pünktlich zahlte und in der Nachbarschaft als höchst verträglich galt. Schließlich kam es zur Räumungsklage, mit der aber der Hausherr in vier Instanzen kein Glück hatte. Im Verlauf des Verfahrens wurde von dem Kläg • eine Witwe aus der Nachbarschaft, die frü- her mit der Beklagten befreundet und späterhin auseinandergeraten war, als Zeugin dafür angegeben, daß die Angeklagte gelegentlich eines früheren Auftrittes mit dem Hausherrn zu ihr die Aeußerung getan habe: „Heute habe ich es ihm aber einmal gesteckt, der hat ja Frühlingsgedanken im Kopfe." Daraufhin soll die Angeklagte mehrfach bei der Nachbarin und deren Töchter gewesen sein, um sie schließlich auch unter einer kleinen Drohung dazu zu bestimmen, vor Gericht nichts über diese frühere Aeußerung zu sagen, zumal sie als Witwen zusammenhalten müßten. Auf Grund der bestimmten eidlichen Aussagen der Nachbarin und ihrer beiden Töchter, die späterhin die ganze Geschichte dem feindlichen Hausherrn brühwarm aufgetischt hatten, wurde die bedauernswerte Kriegerwitwe gestern zu der gesetzlichen Mindest- strafe von 1 Jahr Zuchthaus verurteilt. Der Hausherr hatte nämlich, trotzdem die Angeklagte schon länger als 1 Jahr freiwillig die Wohnung geräumt hatte, nichts eiligeres zu tun, als Anzeige zu er
strie dagegen befriedigte. Eine durchweg leichte Verbesserung verzeichnet das Nahrungsmittelgewerbe. In Feinkostwaren wurde zwar nur der not- wendige Bedarf gedeckt, dafür kann aber in der Konservenfabrikation und in der Schaumwein- und Weinbrandindustrie eine leichte Belebung des Geschäfts festgestellt werden. Das Frankfurter Hotelgewerbe verzeichnet keine Belebung gegenüber dem Vormonat, für Wiesbaden gehört der November mit zu den schlechtesten Monaten des Jahres. Die Frachten blieben im großen und ganzen unverändert. Im Getreide-, Mühlenprodukten- und Futtermittelhandel sind gegenüber dem Oktober keine nennenswerten Veränderungen festzustellen. Die Umsätze im Kohlenhandel haben weiter nachgelassen. Im Holzhandel ist keine Veränderung im Berichtsmonat zu verzeichnen. Auf dem Häute- Felle- und Ledermarkt zeigten die Käufer große Zurückhaltung. Der Weinhandel rechnet damit, daß der diesjährige Weinlese-Ertrag hinsichtlich der Menge ein Drittel gegen das Vorjahr zurückbleibt. Für Moste wurden in diesem Jahre 100 Prozent mehr bezahlt als im letzten Jahre.
Im Berichtsmonat Novellier haben drei Stilllegungsanträge stattgefunden, zwei davon entfielen auf die Metallindustrie und einer auf das Bekleidungsgewerbe. Ende November wurden hierdurch 85 Arbeiter und sechs Angestellte entlassen, denen bis Ende Dezember weitere 1000 Arbeiter folgen sollen. Es handelt sich hierbei aber nur um Saisonarbeiter.
statten, die trotz der mehr als bedenklichen Begleiterscheinungen von der Staatsanwaltschaft aufgegriffen wurde. Dem Gericht blieb mithin nichts anderes übrig, als einstimmig ein Gnadengesuch auf Umwandlung der Zuchthaus- in eine geringe Gefängnisstrafe zu befürworten.
* Daten für 8. Dezember. 1815: Der Maler Adolf v. Menzel in Breslau geboren. 1832: Der norwegische Dichter Björnstjerne Björnson in Kwikne geboren. 1903: Der englische Philosoph Herbert Spencer in Brighton gestorben. 1914: Deutsch-englische Seeschlacht bei den Falklandinseln; Tod des Admirals Maximilian Graf v. Spee, des Siegers von Coronel.
* Das Fest der silbernen Hochzeit begehen morgen, Donnerstag, die Eheleute Heinrich Ewald und Frau, geb. Neidig, Tiefestraße 5.
* Verband der Hanauer Wohlfahrtsorganisationen. Im Rahmen des Hilfswerkes ist außer der Kleidersammlung auch eine Haus- und Straßensammlung genehmigt. Mit der Haussammlung ist heute begonnen worden. Die Straßensammlung ist für Sonntag, 11. d. M. vorgesehen. An letzterem Tage hat in hilfsbereiter Weise die Kapelle der Freiw. Feuerwehr die Veranstaltung eines Platzkonzertes auf dem Marktplatz übernommen.
* Selbstmord auf den Schienen. Dienstag vor« mittag wurde in der Gemarkung Seligenstadt auf der Strecke Babenhausen—Hanau der 26 Jahre alte verheiratete Johann Urban Gohr aus Seligenstadt vom Streckenläuser tot aufgefunden. Es liegt Selbstmord vor.
* Brille gefunden. Die Winterhilfe im Burgerverein teilt mit, daß die dort von einer älteren Frau verlorene Brille gefunden worden ist und dort abgeholt werden kann.
* Fahrraddiebstähle: In der Nacht zum 4. Dezember und zwar in der Zeit zwrschen 0.4a und 1.20 Uhr wurde in der Nürnberger Straße Ecks Leimenstraße ein Herrenfahrrad Marke „JJcove entwendet. Das Fahrrad hat schwarzen Rahmenbarl und ebensolche Schutzbleche und Felgen, graue Bereifung, Torpedofreilauf, deutsche Lenkstange, gew. Glocke und befindet sich am Vorderrad ein Gepäckträger. — Ferner wurde am Montag, 5. Dezember gegen 20,05 aus dem Garten des Grundstückes Hochstädter Landstraße 45 ein Herrenfahrrad Marks „Opel-Flitzer" mit der Nr. 1181055 entwendet. Das Fahrrad hat schwarzen Rahmenbau, mit blauem Stern, rote Bereifung, Torpedofreilauf und deutsche Lenkstange. Außerdem befindet sich am Fahrrad elektrische Beleuchtung, Dynamo und Scheinwerfer Marke „Bauer". — Sachdienliche Mitteilungen hierzu (auch vertraulicher Art) nimmt das Krim inalkommissariat, Zimmer 248c, entgegen.
* Gefunden. In der Zeit vom 30 Nov. bis 6. Dez. 1932 sind als gefunden angezeigt worden: 1 beiges Kinderhandtäschen mit gepreßtem ledernen Portemannaie; 1 Schlüsselring mit 15 kleinen Schlüsseln; 1 Schlüsselring mit 1 Schlüssel und Vierkantdrücker; 1 brauner Herren-Nappahandfchuh; 1 Dobermann, 1 grauer Schäferhund. Die Eigentümer wollen sich im Fundbüro der Polizeidirektion, Zimmer 199, in der Zeit von 8 bis 12 Uhr melden.
* Unter Ausschluß der Oeffentlichkeil fanden gestern vor der hiesigen 1. Strafkammer zwei Strafverfahren wegen Vornahme unzüchtiger Handlungen an kleinen Mädchen unter 14 Jahren statt Ein 52jähriger Friseur aus Fulda, der selbst Vater von drei Mädchen im Alter von 4—9 Jahren ist, hatte erneut an einem 13jährigen Mädchen derartige Handlungen vorgenommen, obwohl er vor 10 Jahren wegen eines ähnlichen Deliktes 1^ Jahr Gefängnis erhalten hatte. Der als schwerer Alkoholiker bekannte Angeklagte versuchte sich vergeblich auf eine Bewußtseinsstörung hinauszureden, die sich in gelegentlichen Nervenanfällen äußere. In normalem Zustand habe er sich auf jeden Fall keinerlei Verfehlungen zuschulden kommen lassen. Da das fragliche Mädchen selbst schon merkliche Frühreife erkennen ließ, blieb das Gericht weit unter dem auf 1% Jahr Zuchthaus lautenden Strafantrag und erkannte lediglich auf 9 Monate Gefängnis. Weit weniger schlimm war der zweite Fall gelagert, der einen 21jährigen Landwirtschaftsgehilfen aus Reinhards (Kreis Schlüchtern) betraf. Der junge Mann, der trotz seiner Jugend bereits feit längerer Zeit verlobt und auch schon Vater ist, hatte auf der Viehweide seiner Heimatgemeinde mit einem 13jährigen Dorfmädchen unzüchtige Dinge getrieben, auf die das sehr frühreife Mädchen scheinbar nur allzugern eingegangen war. Angesichts dieser Sachlage ließ es das Gericht bei der gesetzlichen Mindeststrafe von 6 Monaten Gefängnis bewenden und hob den seit Mitte November bestehenden Haftbefehl auf Bedingte Strafaussetzung wurde von dem Ausfall noch anzustellender Ermittlungen abhängig gemacht.
DÈ hohe Ciehtieistung, verbunden mit großer Wirtschaßtiehkeit, macht die OSRAM- Campe zum meistge- brauchten Cichtspender.
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Der yrozeß gegen Pros. Lewald
Roman von Will Amberg
Copyright 1932 by Muudus Presse- Büro München.
25 Fortletzung (Nachdruck verboten.)
So fuhr er mit bis Mosbach. Als er spät abends nach Hause kam, machte er von der 2(usrebe Gebrauch, die ihm Hella angeraten hatte. Und als er nachts im Bett lag und sein Wachtraum sich mit der blonden Schwester beschäftigte, war sein Gedanke: Wie muß ich dieses Mädchen lieb haben, daß ich ihretwegen meine Mutter anlügen konnte. Unwahrheit als Indiz für die Echtheit des Gefühls!
Dies war Ernst Lewald.
Es läßt sich nicht sagen, daß Hella Eidan innere Konflikte empfand über ihre Stellung zu den beiden Männern, von denen sie geliebt wurde. Sie empfand nicht im geringsten, daß sie eine Doppel- rolle spielte. Für sie lag die Liebe zu Anton und die Liebe zu Ernst auf zwei völlig verschiedenen Ebenen. Nicht nur zeitlich kollidierten sie nicht, auch nicht seelisch. Die Liebe zu dem Oberkellner war ein Rausch der Sinne. Viel Gefühle sprachen da nicht mit. Die Liebe zu Ernst war eine Sache des Herzens. Sie empfand mütterliche Wärme für ihn. Auch noch zu einer Zeit, da Lewald es wagte sie zu küssen und da sie empfand, daß ihm ihre Lippen höchstes Glück gewährten, hatte sie nie den Gedanken, die Geliebte Ernst Lewalds zu sein.
Einige Monate trug Lewald in sich die Erkenntnis herum, daß er das Mädchen gefunden habe, das dereinst seine Frau werden solle, bis er sich entschloß, die beiden Freunde ins Vertrauen zu ziehen. Schlereth und Westerlingk hörten interessiert und neugierig die verschüchterten, unklaren Liebesbe- kenntnisse des Freundes.
Sie verlangten Hella Eidan zu sehen, um die Wahl des Freundes zu begutachten. Und Ernst ging auf ihren Wunsch ein mit einem Gefühl des Stolzes, vergleichbar dem Gefühl eines Sammlers, der Sachverständigen interessiert das. köstlichste Stück seiner Sammlung zeigt. Die drei Freunde standen an der Bahnhofssperre und warteten auf Hellas Erscheinen, die heute ausnahmsweise schon mittags nach Mosbach fahren mußte.
Schlereth und Westerlingk sahen ein Weib, ein wunderschönes Weib, — und damals war es dann geschehen, daß Schlereth sein Urteil über Hella Eidan in die zynische Bemerkung zusammenfaßte, daß Hella Eidan bestimmt keine Heilige sei-- und daß eine fühlbare _ Entfremdung zwischen Schlereth und Lewald entstand.
Schlereth hatte sich dann bei Lewald entschuldigt und Lewald hatte ihm die Aeußerung verziehen und zu vergessen gesucht.
Die Folge aber war gewesen, daß Lewald sich noch mehr in sich selbst zurückzog und sich in seine Liebe zu Hella Eidan noch mehr einspann.
Den Kameraden Schlereth aber, den geborenen Frauenkenner, ließ das Pflichtgefühl nicht ruhen. Der Instinkt sagt ihm, daß diese Hella Eidan nicht das war, was der Freund sich von ihr erwartete. Er ging ihr heimlich nach, beobachtete sie, überwachte sie und entdeckte die heimlichen Besuche bei dem Oberkellner, deren Sinn und Zweck unzweideutig waren. Schlereth schickte dann Westerlingk bei Lewald vor und Westerlingk versuchte Lewald taktvoll m Hellas Doppelspiel einzuweihen.
Lewald hörte Westerlingks Eröffnungen mit gefaßtem Schrecken an. Er wahrte die Haltung. Als sich Westerlingk von ihm verabschiedete, glaubte er beruhigt sein zu können. Lewald schien ihm geheilt.
Lewald meinte erst, als Westerlingk gegangen war, bittere Tränen in sich hinein. Er war gesonnen, Hella Eidan nie mehr zu sehen.
Aber am nächsten Tag hatte er seinen Entschluß dahin revidiert, daß er Hella doch wenigstens hören wolle, bevor er sie aufgab.
Er traf sie auf dem Bahnsteig. „Ich muß dich sprechen."
Sie sah ihm an, daß etwas vorgefallen war. Böse Entschlossenheit lag in seinem Blick.
„Was tust du jeden Mittwoch abend in dem Haus in der Stöhrstraße?" überrumpelte sie Lewald streng und brüsk
Jetzt ist alles aus, dachte Hella erschrocken. Er weiß ja doch alles. Unb sie fürchtete die Einsamkeit der Fahrten nach Mosbach, die chr jetzt drohte.
„Was tust du jeden Mittrboch abend in dem Haus in der Stöhrstrahe?" wiederholte Lewald ungeduldig.
Die erste beste Ausrede, die Hella einfiel gebrauchte sie. Nicht weil sie hoffte, sich vor Lewald zu rechtfertigen, sondern nur um sich einen würdigen Abgang zu sichern. Faselte von einer Freun
din, die schwerkrank sei und sich heimlich unter Umgehung der Vorschriften _über Lebensmittelbezug Eier und Butter auf Schleichwegen verschaffen müßte. Für diese Freundin Hole sie bei dem Koch ihres Lazaretts jeden Mittwoch abend Butter und Eier. Es sei traurig, daß Lewald ihr die Selbstlosigkeit durch solch häßlichen Verdacht lohne.
Sie glaubte nicht recht an den Erfolg ihres Veleidigttuns. Aber das Wunder geschah. Als sie weitergehen wollte, bat sie Lewald zu bleiben. Er glaubte ihr, glaubte ihr vorbehaltlos.
Und ihr blieb nichts anderes übrig, als dieses Gemisch von Reinheit, Weltfremdheit und Liebes- Hörigkeit zu bestaunen.
1918 kam es dann doch zum Bruch zwischen Hella unb Ernst. Die äußere Ursache hierfür war, daß Anton nach Berlin versetzt wurde und Hella ihm folgte.
Natürlich jagte sie das nicht mit dürren Worten dem jungen Studenten, sondern sie erfand sehr viel Pathos in einem Abschiedsbrief, den sie an ihn richtete. Er solle chr verzeihen, sie habe sich geprüft, aber sie glaube, so groß und und tief sei ihre Liebe doch nicht, daß sie noch jahrelang auf ihn warten könne, bis er sein Examen gemacht habe; sie danke ihm für die schönen Stunden, die er ihr bereitet habe, und hoffe, daß er zuweilen etwas von sich hören lasse und stets gern an sie denke. Alles, was man in dieser Lage eben zu schreiben pflegt.
Lewald las den Brief.
Und trug ihn monatelang mit sich herum. Er glaubte alles just so, wie es dastand, und war nicht einmal böse darüber.
*
Wieso dann Hella Edan doch Ernst Lewalds Gattin wurde?
Westerlingk und Schlereth hatten Hella Eidan vom ersten Tage an in einem Punkte bitter unrecht getan. So richtig sie beurteilt hatten, daß Hella weder nach Bildungsgang noch Charakteranlage dem Bildungsgang und Charakter Ernst Lewalds entsprach, so unrecht taten sie, Hella für eine raffinierte Circe zu halten, die ihr Verhalten zu Ernst Lewald von den niedrigen Motiven der Gewinnsucht diktieren ließ.
Hella Eidan ist tot. Und sie hat ihrem Mann gewiß bittere Enttäuschung bereitet. Um so mehr gebietet die Gerechtigkeit feftzustellen, daß sie sich Sie Stellung als Gattin des berühmten Arztes nicht
raffiniert erspekuliert hat. Ja, daß sie — in ihrer Art — aufrichtig bemüht gewesen war, ihm eine gute Frau zu sein.
Es war wirklich nichts weiter als ein Impuls der Anständigkeit gewesen, der Hella Eidan im Jahre 1924 veranlaßt hatte, ein paar_ freundliche Zeilen an Ernst Lewald zu schreiben. Sie hatte in der Zeitung gelesen, daß eine Arbeit von ihm über „Bluttransfusion" preisgekrönt worden war und sprach ihm ihre Glückwünsche dazu aus. Vielleicht war im Unterbewußtsein ihr Handeln diktiert von einer gewissen Sehnsucht nach Lewalds Weltfremdheit, denn Antons schnoddrige Weltgewandheit Halls sie längst satt. Sie saß da in Berlin einsam und verlassen, kümmerte sich nicht mehr um Anton und 2(nton nicht mehr um sie, da griff sie zur Feder und schrieb dem Freunde einige herzliche Worte.
Aber für Ernst Lewald waren diese vier Zeilen mehr als irgendein freundliches Gratulationsschreiben. Er fühlte ratlosen Schmerz. An irgendeiner Narbe hatte das Messer der Erinnerung angesetzt. Die Narbe fing wieder zu bluten. Die alte Wunde öffnete sich. Wach wurde, was die Wunde geschlagen hatte.
(Fortsetzung folgt).
Stadt Tbeatev Aanau
Mittwoch, 7. Dez., 8—11 Uhr: 10. Vorstellung im Mittwoch-Abonn. Erstaufführung der großen Operettenrevue! Stärkster Serienerfolg aller Bühnen des In- und Auslandes! Verstärktes Orchester! Vollständig neue Dekorationen und Kostüme! Solotänze und Balletteinlagen!
„Die drei Musketiere"
Operettenrevue in 11 Bildern v. Ralph Benatzky Freitag, 9. Dez., 8 Uhr: Erste Wiederholung
„Die drei Musketiere"
Samstag, 10 Dez., nachm. 3 Uhr: Einheitspreis für alle Plätze (60 Pfg. einschl. Garderobe). Zum letzten Male! Der größte Schauspielerfolg der Gegenwart „Der 18. Oktober", Schauspiel in 3 Akten von Walter Schäfer
abends 8 Uhr: Einheitspreise (0.80, 1.60, 2.— RM einschl. Garderobe). Zum unwiderruflich letzten Male! «3m weißen Rößl".