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Montag, den 5. Dezember 1932
Nr. 285
Die Lase des Aebettsmavktes
K» Bezirk des Arbeitsamtes Hanau für die Zeil vom 15.—30. November
In der zweiten Novemberhälfte zeigte der Arbeitsmarkt des Bezirkes kein wesentlich anderes Bild als bisher. Bemerkenswerte Abgänge in Arbeit find nur in sehr wenigen Berufsgruppen zu verzeichnen gewesen. Bei den Einstellungen wurden namentlich Jugendliche bevorzugt. Die Zahl der Arbeitssuchenden ist von 14150 auf 13 860, also um 290 gesunken, die relativen Zugänge waren nur gering, die Aussteuerungen erheblich.
t In Unterstützung der Reichsanstalt befanden sich am BL 10. 32 am 30. 1L 32 m. w. tnsge». m. w. tnsg. Ind.ArbeitsI.Der». 1005 346 1351 1042 261 1301 In d. Krisenfüriorge 2333 316 2549 1991 246 2237
Zusammen 3238 662 3900 3033 507 3540
Auf die einzelnen Arbeitsamtsbezirke verteilen sich die Zahle» wie folgt:
Wohlf.-Erw. Arbeitsanerkannt) suchende Mu Kru (überh.) m. w. in. w. m. w. Hanau-Stadt 247 95 655 114 2219 298 4995 Hanau-Land 375 95 747 59 2660 84 5117 Gelnhausen 251 60 442 71 875 18 2543 Schlüchtern 169 11 147 2 312 3 1205
1042 261 1991 246 6066 403 13860
Die Lage in den einzelnen Berufgruppen
Die Lage zeigte in den Saisonberufen die ge= Wohnte Zunahme der Arbeitslosigkeit. In den Forstbetrieben erfolgten weitere Einstellungen von Wall)- orb eitern. Die Metallindustrie zeigte nur vereinzelt Aufnahmefähigkeit, eine Belebung durch das Weibnachtsfest ist nur in wenigen Betrieben festzu- stellen gewesen. Die Gescmntlage des Metallgewerbes ist wie bisher äußerst schlecht geblieben.
In der Bereifungsbranche der Gummiindustrie konnten 21 männliche Arbeitskräfte durch Rückruf und 30 weibliche Arbeitskräfte durch Vermittlung des Arbettsamtes eingestellt werden. Die Gummi- schulnudustrie erwies sich nicht als aufnahmefähig. Daaeaen konnten in der Holzindustrie einige jugendliche Kräfte unterkommen.
In Aushilfestellen wurden weibliche Verkäuferinnen zurückgerufen.
Lerche« eines Gntwannnns auf dem eanfmânniichen
GteUenmavSt
Nach den Beobachtungen der Kaufmännischen Stellenvermittlung des Deutschnationalen Hand- lungsgehiffen-Derbandes zeigte der Stellenmarkt für Kaufmannsgehilfen im November Merkmale einer leichten Befestigung Die Besserung beruht hauptsächlich auf dem relativ geringeren Zugang von Bewerbern. Trotz des Quartalskündigungs- termins der erfahrungsgemäß immer eine etwas stärkere Belastung mit sich bringt, bleibt der Andrang um 13 o. H. hinter dem des Oktober und sogar 54 v H. hinter dem des November 1931 zurück. Habet entlässt ein Ten des Zuganges auf Stellungslose, die wegen der Ungunst der Zeit ihre Bewerbung schon einmal hatten verfallen lassen und nun Hoffnung schöpfend. ihre Papiere neu eingereicht haben. Massenkündigungen — das Kennzeichen der, wie es scheint, ihren Tiefpunkt durchschrittenen Krise — sind nirgendwo beobachtet worden. Das Vermittlungsgeschäft weist gegenüber dem bereits leicht belebten Vormonatsgeschäft wiederum eine wenn auch nur geringfügige Besserung auf. Der Rücktritt des Reichskabinetts hat den Stellenmarkt verhältnismäßig wenig berührt. Nur hier und da wurden Aufträge zurückgezogen oder die Entscheidung über die Besetzung offen gemeldeter Posten vertagt. Umgekehrt hat in den Außenhandelsbetrieben. einschließlich der für sie arbeitenden Industrie, die politische Lage sogar eine gewisse Entspannung
Not im NÄhrfian-r
Heshfi-Genevawevfammrutts des ^versbauev«5Ga-t &««««
In der Turnhalle hielt die Kreisbauernschaft Hanau e. B. unter der Leitung von Herrn Bürgermeister Köppel- Mittelbuchen am Samstag mittag eine überaus stark besuchte Tagung (Herbst- Generalversammlung) ab, die in starkem Maße den außerordentlichen Notstand der Landwirtschaft erkennen Ließ. In der Begrüßungsansprache gab Herr Bürgermeister Köppel einen kurzen Ueber- blick über die derzeitige Lage im deutschen Nährstand und sonderlich dem des Hanauer Landes. Hohe Steuern und stark geminderte Preise für die bäuerlichen Erzeugnisse machen den Landwirten das Leben schwerer, als sich ahnen läßt und besonders in den Arbeiterwohnsitzgemeinden haben die Belastungen Formen angenommen, die kaum mehr als erträglich zu bezeichnen sind. Alle Kämpfe, eine Besserung der Lage zu erreichen, haben wenig genützt. Man hoffe, daß der Reichslandbund wenigstens die Steuervorbelastungen vermeiden lassen könne. Wie die Dinge heute liegen, seien die Gemeinden immerfort die Leidtragenden gewesen.
Geschäftsführer Schmitt erstattete sodann den fälligen Geschäftsbericht, der von zäher, umfassender und wertvoller Arbeit für die Oganisationange- hörigen zeugt und sich in seinem ersten Teile auf den Steuernachlaß und -Niederschlag für die Unwettergeschädigten bezieht, der zahlenmäßig immerhin mit 70—75 000 RM zu beziffern war. Auf den verschiedensten Gebieten — Milchgesetz, Einheitsbewertung (bei der 21 Betriebe neu ermittelt wurden), Versammlnngstätigkett, Do-rstandssachen usw. — ist rege vorwärts gearbeitet worden; auch eine Reihe Zwangsversteigerungen wurden angefochten. Betont wurde noch, daß nur mit äußerster Sparsamkeit die Geschäftsstelle aufrecht erhalten werden konnte, zumal die Beiträge in diesen Nottagen sehr schleppend eingehen. — Don verschiedenen Ortsgruppen lagen eine Reihe Anträge vor, die teils recht einschneidenden Charakter trugen, zum Ausdruck brachten, daß die Landwirte nicht mehr in der Lage seien, ihre Abgaben und Zinsen zu leisten und fordern, daß bie Beiträge Mr Landwirtschaft!. Berussgenossenschast um 50 o. H. gesenkt und der Beitrag zum Vieh- seuchenfonds ausgehoben werden sollten. Aus diesen Anträgen ergaben sich eine Reihe wichter Entschließungen, die sich gegen die staatl. Grundvermögenssteuer, die Belastung der Gemeinden durch die M hohen Zuschläge, weiter gegen die Berufs- genossenschaftsboiträge, die Höhe von Kraft- und Lichtstromgeld, wie Wassergeld und der Derwal- tungstoften richteten, von den maßgeblichen Stellen Abhilfe fordern und am Schlüsse der Tagung eingehend Behandlung erfuhren.
Als Hauptredner sprach das frühere Mitglied des Preuß. Landtages, Landwirt Keller- Röllshausen über den „Kamps des Landbundes" und führte aus, daß nach dem Zusammenbruch der Landwirtschaft des deutschen Ostens auch der des Westens nicht M verhindern gewesen sei trotz aller Hilfsmittel wie Rationalisierung, Standardisierung
e mgeleitet. Das beachtlichste Zeichen der Entwicklung im November ist. daß der kaufmännische Stellenmarkt sich erstmalig feit langem wieder von der jahreszeitlichen Verschlechterung des allgemeinen Arbettsmarktes loslSsen und seinen eigenen Bedingtheiten folgen tonnte.
* Preuß. Klassenlotterie. Wir möchten die Spieler darauf aufmerksam machen, daß am nächsten Mittwoch, den 7. Dezember der letzte Erneuerungstag für die 3. Klasse ist.
* An übertragbaren Krankheiten wurden in der Woche vom 27. November bis 3. Dez. amtlich gemeldet: Diphtherie 1 Fall aus Oberrodenbach und Tuberkulose 3 Todesfälle aus Hanau.
u. a. m. Es habe am durchgreifenden Schutz für die Veredölungserzeugnisse der Landwirtschaft" und am guten Willen, wie der Erkenntnis gefehlt, daß erst das Landvolk und ein gesunder Bauernstand die Grundlage eines gedeihlichen Staats- und Volkslebens bildet. Im hohen Grade verderblich sei gewesen, daß der Reichslandbund mit all seinem wertvollen Streben immer wieder vor den Türen der hohen Politik habe Halt machen müssen. Wenn man gesagt habe, Deutschland könne ohne eigene Landwirtschaft auskommen, so stimmte dies nur für so lange, als man gepumpt bekam. In diesem Zusammenhänge geißelte der Redner die Ausgabenwirtschaft des Staates, auf die der Landbund immer wieder warnend hingewiesen habe, und gab ein klares Bild der Entwicklung und des Kampfes des Landbundes seit dem Jahre 1919. Heute werde der Bauernfleiß bedauerlicher Weise ausgenutzt von Nutzniesern, die ehrliche Arbett scheuten. In interessanten Ausführungen setzte sich Herr Keller weiterhin mit den letzten Maßnahmen der Reichs- regierung — Kontingentierurng, Steuergutscheine. Vollstreckungsschutz usw. — auseinander und forderte vor allem einen völligen Neuausbau, Rückkehr zum Agrarstaat, einmütige Zusammenarbeit aller berufenen Kräfte und Heranziehung und enge Mitarbeit der Jugend zum Kampfe um das Vätererbe und die Freiheit Deutschlands. Der Vortrag fand starken Beifall.
Ihm schlossen sich bemerkenswerte Ausführungen vor- Junglandwirt Wilhelm Schäfer- Wachenbuchen an, der entschiedene alsbaldige Schritte für eine durchgreifende Hebung der Lage der Landwirtschaft verlangte, in beherzigenswerter Weise die Wege der Abkehr von der seitherigen Lauheit und Entschlußlosigkeit aufzeigte und ein begeistert aufgenommenes Bekenntnis zur Hsimatscholle und MM deutschen Vaterlands ablegte. In der weitereren Aussprache, die von den Versammelten mit lebhaftem Interesse geführt wurde und Mr Klärung mancher wichtigen Frage beitrug, wurden die Fragen der Steuergutscheine, die Stellung der Landwirtschaft des Kreises Hanau a. M. zum Reichsmilchgesetz und den hiermit gemachten Erfayrungen eingehend erörtert und die bereits vorerwähnten, bedeutsamen Resoluttonen bihandelt, die dem Kur- hessischen Landbund Mr Westergabe an die maßgeblichen Stellen Mgeleitet werden sollen und ein getreuer Niederschlag der Verhältnisse sind, in denen die Landwirtschaft ohne ihr Verschulden steht.
Es steht außer Frage, daß diese Entschließungen aus einer Situation und Notlage heraus geboren sind, deren Ernst in dieser überaus harten Zeit kein Sin sichtiger mehr bezweifeln wird. Wenn der Landwirtschaft und sonderlich der des Kreises Hanau, überhaupt geholfen werden kann, muß diese Hilfe alsbald und durchgreifend kommen. Die „Schwarze Fahne" der Hoffnungslosigkeit, die über der Versammlung wehte, mag hierfür mehr als ein stummes Mahnzeichen gewesen sein!
Mestevbevschi
Ein Ausläufer des skandinavischen Wirbels überquerte am Samstag Westdeutschland. Er brachte uns dabei in der Nacht zum Sonntag verbreitete Niederschläge. An der Rückseite dieser Störung dringt jetzt unter verbreitetem Druckanstieg kältere Luft auf das Festland. Hierbei geht die Bewölkung wieder Mrück und stellenweise kommt es auch wieder zum Aufheitern, doch sind noch einzelne kürzere Niederschläge (im Gebirge Schnee- und Graupelfälle) wahrscheinlich. Da das Hochdruckgebiet bei den Azoren sehr abgeschwächt ist, dürste sich die milde Südwestströmung nicht gleich wiederherstellen. Kälteres, aber noch nicht beständiges Wetter ist also wahrscheinlich. — Vorhersage bis Montag abend: Noch meist bewölkt, zeitweise auch aufheitèrnd, aber noch kürzere schauerartige Nieder schlüge (Schnee- und Graupelfälle), kälter, mehr nach Nordwest und Nord drehende Winde. — Witte
rungsaussichten für Dienstag: Kälteres, aber uo nicht beständiges Wetter wahrfchsinlich.
LaKdkvetS Donati
1 Großkrotzenburg, 3. Dez. Goldene Hoch zeit. Herr Ludwig Bonewitz, Invalide und dessi Ehestau Eva, geb Wehrheim, können am Dien tag, den 6 Dezember, das seltene Fest der goldene Hochzett feiern. Das Jubelpaar — 77 und 70 Iahi alt — erstellt sich noch körperlicher Rüstigkeit ur geistiger Frische.
Dörnigheim, 3. Nov. Unterhaltungs abend. Am Mittwoch, 7. Dezember, abends 8 Uh veranstaltet der hiesige evangelische Frauonvrvri zum Besten der Dörmgheimer Winterhilfe ante Mitwirkung des hiesigen Musikvereins im Sia des Gasthauses zur Mainlust einen Unterhaltung! abend. In Anbetracht des gemeinnützigen Zweck« und der gut zusammengestellten Dortragsfolge ten der Besuch dieser Veranstaltung aufs wärmst empfohlen werden.
Ostheim, 5. Dez. Winterhilfe. Wie in m deren Orten des Kreises hat sich auch hier unfi dem Vorsitze des Bürgermeisters ein Ausschuß fi die Winterhilfe gebildet. Die erste Sammlung, d von einigen Mitgliedern der Freiwilligen Feuei wehr vorgenommen wurde, hatte folgendes Ergel nis: 25 Zentner Kartoffeln, 19 Laib Brot, Weis kraut, Lebensmittel (Fett und Wurst), Hülse» früchte, 2 Zentner Briketts, Kleider und Wäsch ebenso 47 RM in bar.
Rüdigheim, 5. Dez. Hohes Alter. Heut 5 Dezember, feiert der Landwirt Jakob Tugen in körperlicher und geistiger Frische seinen 90. Gk burtstag.
âveis Nüdlnaeu
i Büdingen, 3. Dez. Gemeinderats sitzung. Der Gemeinderat nimmt die Auslosun der Ablosungsanleihe mit Auslosungsrechten de Gemeinde Büdingen für das Jahr 1932 vor E werden 16 Stück gezogen und zwar 7 Stück je 5 RM, 4 Stück je 25 RM und 5 Stück je 12.50 RM Die Besitzer der gezogenen Auslosungsscheine soll« nunmehr die am 31. Dezember 1932 zahllnrren Ern lösungsbeträge gegen Rückgabe der Auslosungs scheine und eines gleichen Nennbetrags in Schuld Verschreibungen der Anleihsablösungsschuld de Stadt Büdingen bei der Stadtkasse erheben. 11. c beschließt der Gemeinderat die Erhebung der Bier steuer in der seitherigen Höhe wieder vorMnehmen Ebenso wird beschlossen, die ©emerbefteuer fü 1932 nach den Besteuerungsarundlagen des Jahre 1931 zu erheben und mit Rücksicht auf den starke» Rückgang der Gewerbeeinkommen auf Antrag den jenigen Gewerbetreibenden, die nachweisen, daß »hi Gewerbeeinkommen mehr als 25 Prozen gegen das Vorjahr zurückgegangen ist, einet Erlaß von der Gewerbeertragssteuer in den gleichen Maße zu gewähren, wie ihn das Finanz^ amt für die staatliche Gewerbesteuer gewährt. Dar Finanzamt wird in solchen Fällen ermächtigt, be Entscheidung der Anträge die Erläße für die Ge meindeumlagen mit zu erledigen. — Sine Besitz Veränderung hat die hiesige Wirtschaft „Zum Post horn^ erfahren. Ab 1. Dezember ist dieselbe iin der Besitz von Joh. Keiling aus Frankfurt a. M. über gegangen.
v Düdelsheim, 5. Dez. Die Holzhauerei im Riesigen Gemeindewald beginnt anfangs dieser Woche Es finb etwa 40 Leitte für diese Arbett angenonv men worden. Man rechnet mit einer Arbeitsdaue» von vielleicht 8 Wochen. — Der Vorstand der stet willigen Feuerwehr zu Düdelsheim ist zur Zeb eifrig damit beschäftigt, eine Weihnachtsfeier vor- zuberetten Eine größere Anzahl Kinder von Feuer- wehrl-uten übt Weihnachtsspiele ein — Das Wer! der Winterhilfe wird m aller Mrze auch hier in Düd"lsheim in Anariff genommen. Unter den Vorsitze des Herrn Bürgermeisters Albrecht hat sich eine Kommission gebildet, deren einzelne Mitglieder durch Umfragen in den einzelnen Familien Spenden aller Art in vorgelegte Listen eintragen. Diese Spenden werden dann später eingesammelt.
SvStev Stvmottevlws
Müde Tage sinken nieder.
Sterbend schwebt von kahlen Zweigen Letzter Blätter goldner Reigen, Fern verklingen holde Lieder.
Seinen breitet dunkle Schwingen, Lockt in ungeahnte Weiten-- Letzte Sonnenstrahlen gleiten, Wollen letzte Freude bringen.
Sieh, im leergewordnen Garten Um die bleichen Chrysanthemen Gaukelt ein anmutig Schemen, Den Gespielen zu erwarten.
Er, dem einst die' goldne Sonne Seligschöne Farben gab, Taumelt nun in letzter Wärme Ueber seinem späten Grab.
Sophie Fleischhauer.
GtadiGsasev Sanau
^MLdâen in IlEovm"
Schauspiel von Christa Winsloe
Wir sind in Potsdam. Man spürt es, auch wenn man nicht wie im gleichnamigen Film das Glockenspiel hört und die langen Kerls sieht. Es zieht einem auch so die scharfe Luft der Disziplin des unbedingten Gehorsams entgegen. Die scharfe Luft, bat wohl manchen zur wetterfesten, rücksichtlosen oder starken Persönlichkeit erzogen. Andere zur denkunfähigen Masse breitgeschlagen und endlich die Zarten, die Sennblen, zerzaust, zertreten und vernichtet.
Dieser Geist von Potsdam, oder eigentlich nur die negative Seite dieses Geistes, anzugreifen gilt es Christa Winsloe in chrem „Mädchen in Uni= form". Als Milieu wählt sie das Mädchenpensionat m Potsdam. Regiert wird die Anstatt von Frl. o. Nordeck, die zwar ausschaut wie ein General, aber doch nur ein weiblicher Feldwebel ist, der die Kinder hungern läßt und nur die Strenge kennt.
Devise chres Instituts ist: Für die Frau darf es nur eines geben Kirche, Küche und Kinder, und ihre Erzieherinnen sind die Unteroffiziere, die die Kin- >er M drillen haben. Eine weibliche Kadettenanftalt ur adlige Fräuleins das ist das Milieu Es geistert in diesen Räumen von Schemen aus längst überwundenen Tagen, aber die Geister sind lebendige Menschen. Eine alte Schachtel wie aus dem Wachs- figurenfaibtnett exerziert Hostänze ein. Die Mädchen nüssen zum Appell antreten wie die Soldaten, sie haben Schrankrevision und Briefkontrolle.
Und doch die meisten hatten es schon aus in dieser modrigen, muffigen Lust, die wie abgeschlossen ist von heute. Sie knüpfen Freundschaften, schwärmen, lesen heimlich verbotene Bücher und warten mit Sehnsucht auf den Tag der Befrei"nq, da alles hinter ihnen liegen wird, wie ein Albtraum, dem sie glücklich entronnen. Sie alle schaffens, nur Manuela die zarte Schwärmerin, sie zerbricht. *
Manuela, das mutterlose Kind, sie sehnt sich nach Liebe, sie braucht diese Liebe wie der Vogel die Luft, es ist ihr Element. Sie zerschellt gang einfach wenn sie nicht lieben darf. Das Stickige der Institutsluft bedroht ihr Sein, aber als sie weiß, daß die Erzicherin Frl. v. Bernburg ihr zugetan ist, da trägt sie alles fröhlich und leicht, da blüht die kleine Knospe auf. Da wird sie übermütig und im Rausch schreit sie chre Liebe hinaus, diesen Zweig des Eros, den die Menschen nicht verstehen und den sie Sünde nennen. Das Strafgericht kommt, sie soll getrennt werden von ihren Gefährtinnen und von ihrer Erzieherin, damit ist das Leben zu Ende, sie stürzt zum Fenster uni nur die Rettung im letzten Augenblick hindert die Katastrophe. Der Geist der Dilüvlin hätte um ein Haar ein Menschenleben ausgelöscht.
Die Aufführung des Stückes, das ganz auf Stimmungen gestellt ist, litt durch die vielen Vorhänge (man lasse das Theater in den kurzen Pausen wenigstens verdunkelt), hatte aber in Erich Munk einen Regisseur gefunden, der mit zarter Hand an das Werk ging und dem besonders zum Schluß hin große Wirkungen gelangen. Ruth Walther als Manuela von schmiegsamer Kindlichkeit, durch die eine erotische Schwärmerei leuch
tete, gab dieser diffizielen Figur die rechte Deutung, und war hinreißend in ihrem Bekenntnis. Maria Hölterhoff gab als Fräulein v. Bernburg einen geschlossenen Charakter. Als Bertreterin des modernen Erziehungssystems kehrte sie das Herbe dieser Figur vielleicht etwas M sehr hervor. Alide Ballin als Oberin füllte diese Figur ganz mit vorkrieglicher Hofwürde. Maria Hoffmann als Erzieherin war ganz Unterm ürfigteit. Bon den Zöglingen fielen besonders auf Hertha Feth als kindliche Edelgard, Ruth Lehnberg als vorlaute Ilse uni Ellen Dartsch als Marga. Alls übrigen Rollen, die nur Chargen blieben, waren mit ausreichenden Kräften besetzt.
*
Starke Wirkung ging von dem Stück auf das Publikum aus, das allerdings nur in sehr bescheidener Zahl erschienen war. Schade, dieser Theaterabend hatte mehr Anteilnahme verdient. Rü.
o Lladttheaker Hanau. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Heute, Montag, 5. Dezember, wird das Fronfftück „Die endlose Straße" in vier Blldern von Graff und Hintze wiederholt. — Dienstag, 6. Dezember, „Die endlose Sraße". — Mittwoch, 7. Dezember, findet die Erstaufführung der großen Operettenrevue „Die drei Musketiere" in 11 Bildern von Ralph Benatzky statt. Wenn der Erfolg des „Weißen Rößl" übertroffen werden kann, so 'ist es dem Komponisten hier gelungen. Der Musketiermarsch ist auf der ganzen Welt populär geworden. Die wechselvollen Schauplätze (teils am Hole des Königs von Frankreich, teils im Lager und in den Straßen der Stadt Paris, an der Mahle und im Schloßgarten), ermöglichen eine überraschende Ausstattung — bei der großen Zahl der Mitwirkenden ist kostümlich Gelegenheit zu besonderen Effekten — Balletteinlagen, Solotänze, Gesangsduette (die die Vorstellung auf Opernniveau heben), alles wetteifert, den Abend zu einem ungewöhnlichen Eindruck zu gestalten. Unter der Spielleitung von Emmerich Noseda und der musikalischen Leitung von Eugen Neff finb als die „drei Musketiere" beschäftigt die Herren Hannak, Schien unb Starè, als „Kanzler" Herr Hoffmann, als „Zuckerbäcker Caramel" Herr No- feda. — Die weiblichen Hauptrollen haben inne die Damen Bube-Sörensen (Manon), Fech (König
Ludwig), Hoffmann (Königin Anna), Kuhl (Leona de Castro) unb Lehnberg (Miotte).
o Städtische Konzerte. Zu dem hertte abenb 8 Uhr im Kammermusiksaal der Stadthalle statt- findenden Kammermufikabend des Pfalzorchefters Ënb noch Karten in beschränkter Anzahl an der bendkasse erhältlich. Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß es sich hier um eine einmalige Veranstaltung dieser Art handell, so daß wir den Besuch allen Musikfreunden Hanau empfehlen können. Der Vorverkauf findet nur in Zimmer 2 des Rathauses, Erdgeschoß, statt.
o Gustav Meyrink f. Der Schriftsteller Gustav Meyrink ist gestern im 65. Lebensjahr in seiner Wohnung in Starnberg gestorben. Er war schon seit längerer Zett leidend. Meyrink, der am 19. Januar 1868 in Wien geboren wurde, ist besonders durch seinen Roman „Der Golem" bekannt geworden.
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„Ich möchte Herrn Lemke persönlich sprechen?*
„Tut mir leid . . . Herr Lemke ist nicht M sprechen... er hat kein Geld!"