Nr. 274
Dienstag, den 22. November 1932
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Stadt Aa«a«
Leb sammle, dn sammelst, er sammelt....
Reklamebilder natürlich! Es ist ja jetzt so, daß Ht nur Schokoladenerzeugnisse mit solchen Beilagen lohen sind, sondern auch Zigaretten, Margarine, »rnkaffee und alle möglichen andern Fabrikate, e Auswahl ist wirklich auch groß, und man muß ;en. daß heute allerlei geboten wird mit diesen inen bunten Bildchen. Die Bildchen sorgen für : Erweiterung unseres Anschauungskreises, brin- n uns fremde Erdteile und ihre Bewohner näher, hren uns in die deutsche Geschichte zurück usw.
Sammeln nur unsere Kinder? Bewahre! Eine lmmelwelle geht durch Deutschland man kann inahe von einer Sammelwut sprechen. Kaum hat 5 harmlose Ho-Po-Spiel etwas nachgelassen, da st das Sammeln von Reklamebildern um so hef- er ein. In allen täglichen Nichtigkeiten gibt es ie beim Meere Wellentäler und Wellenberge, ir Zeit find wir auf einem Berge. In den Geästen liegen Tauschlisten, auf, in der jeder sehen nn, was auf diesem Wege umzusetzen ist, unsere ingens sprechen in den Schulpausen nicht nur m Weltmeister im Radsport, sondern sind in der ruptiache mit dem Sammeln und Austauschen r Bilder beschäftigt.
Sieh nur, wie sie die Köpfe zusammenstecken, e sie fachmännisch den Wert der gezeigten Bilder rschen und holen neue Schätze hervor. Da wird tiutern! Nun greifen sie in ihre eigenen handelt, da wird geboten, für zwei kleine ein oßes für eine bestimmte Nummer drei andere . . ; ist wie auf der Börse. Manchmal geht es sogar >ch hitziger zu. Auch sonst helfen diese kleinen über bei manchem Geschäft. „Wenn du mir die athematikaufgaben machst bekommst du. . ." für die Nummern 11 und 45 helfe ich dir beim - ufiatz" usw.
L Und die Großen, die keine Aufsätze mehr zu «reiben brauchen? Es wurde einmal behauptet, iß d i e Menschen am glücklichsten wären, die sich aen Hang zum Kindlicken bewahrt hätten. Ich ill es beinahe glauben. Wer noch mit seinen Kin- m Purzelbäume schlagen kann, wer von Zeit zu eit wieder einmal einen alten India nerschmöker it Genuß liest, der gehört wohl auch zu den Glück- Hen. Ich z. B. nehme auch einmal die alten Brief- arkenalben vor und sitze sinnend vor den kleinen ildchen. Ich weiß noch ganz genau, wann und em ich diese bestimmte „wertvolle" Marke erhielt, inae, lange ists her!
Aber geht es uns Erwachsenen mit dem Sameln der Reklamebilder nicht ebenso? Setzen wir ts nicht auch — wie die Kinder — ein Ziel: Die erie jetzt zu vervollständigen? Jagen wir nicht ner bestimmten Nummer tage-, wochenlang nach? önnen wir allen die Freude am Sammeln, beson- ;rs unsern Buben, denn wenn sie dadurch von nigen dummen Streichen abgehalten werden, soll > uns recht sein.
Schwevev Äevkehvsrmsall
In Ler Krämerstraße trug sich gestern abend U3 nach 6 Uhr ein schwerer Verkehrsunfall zu, T eine äußerst starke Menschenansammlung im esolge hatte und begreiflicherweise große Auf- *gunq auslöste. Ein vom Kanalplatz herkommen- r Radfahrer sah seine Fahrbahn plötzlich von nem großen städtischen Omnibus der Linie anau—Steinheim und einem am Straßenrand ehenden Rollfuhrwerk in erheblicher Breite ver- lerrt. In seiner Bestürzung sprang der Radfahrer ?rart unglücklich vom Rade ab, daß er unter den usweichenden Omnibus geriet Erft nach geraumer eit gelang es durch kraftvolles Zugreifen zahl- richer Straßenpassanten unter großer Mühe den «fort anhaltenden schweren Kraftwagen soweit zu eben, daß der unglückliche Radfahrer aus seiner wangslage befreit werden konnte. Der Verun- lückte, dessen laute Schmerzensschreie weithin hör- ar waren, wurde mit erheblichen Verletzungen an eiben Ober- und Unterschenkeln in das Landesrankenhaus verbracht. Bei dem schwerverunglück-
Der DbervrüKdettt rußt zur Wintervitße auß Kundfunkanivvache des Ddevvvaßrdenien Dr. von Hütten
Der Oberpräsident der Provinz Hessen-Nassau, Dr. v. Hülsen, hielt am Sonntag im Südwestfunk eine Ansprache zugunsten der Winterhilfe. Der Oberpräsident führte u. a. aus:
„Nachdem ich vor wenigen Tagen zum Ober- träfibenten unserer Provinz ernannt worden bin, oll mein erster Schritt in die breite Oeffentlichkeit )es Rundfunks in den Dienst der Fürsorge gestellt, oll er ein Aufruf sein zur Linderung bitterer Not, ue in immer steigendem Maße alle Bevölkerungschichten befallen hat und gerade in den Wintermonaten besonders hart in Erscheinung tritt.
So rufe ich denn Euch Alle, Ihr Männer und Frauen, Ihr Knaben und Mädchen, hiermit auf zu selbstloser Mitarbeit und zu hingebender Tat für das große Notwerk der Winterhilfe, die jetzt überall in Stabt und Land in mannigfacher Weise organisiert wird.
rnd an vielen Stellen erfreulicherweise schon um= assend organisiert ist. Seit langen Jahren lebe ich mitten unter Euch. Ich kenne Euer Denken und Fühlen. Ich weiß, daß in Euren Herzen die Nächstenliebe immer noch lebendig ist und daß Ihr gewohnt seid, in Not und Gefahr zusammenzustehen und daraus schöpfe ich die feste Zuversicht, daß mein Ruf bei Euch nicht ungehört verhallen wird.
Riesengroß ist heute die Not auf deutscher Erde, riesengroß auch in unserer Provinz. Der Winter mit all seinen gesteigerten Nöten hat eingesetzt. Das Elend der Erwerbslosigkeit dauert an. Die mörderische Wirtschaftskrise hat heute fast jede deutsche Familie getroffen; bei vielen hat sie den Ernährer, ja oft alle früher im Erwerbsleben tätigen Familienmitglieder aus dem Produktionsprozeß ausgeschlossen. Zu Beginn dieses Winters find im ganzen von 19.85 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland
5,1 Millionen Personen arbeitslos
und dadurch auf öffentliche Unterstützungen angewiesen, d. h. mehr als jeder 4. erwerbsfähige Deutsche kann sich nicht mehr durch eigene Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen. Zu diesen 5,1 Millionen treten noch weitere 2 Millionen, die in den Statistiken nicht mehr als arbeitslos geführt werden, weil sie aus diesen oder jenen Gründen keine Unterstützungsansprüche haben. Insgesamt müßten wir aber mit 7,1 Millionen Stellenanwärtern rechnen, also auf zwei Arbeitsplätze entfällt heute in Deutschland mindestens ein Arbeitssuchender. Ermessen wir, welche Unsumme von Not und Elend sich hinter diesen nackten Zahlen verbirgt. Da gibt es Männer, die seit 5, 7, 8 Jahren arbeitslos sind; da sind Zwanzigjährige, die seit der Schulentlassung überhaupt noch nicht in geregelter Arbeit gestanden haben. Je länger die Arbeitslosigkeit des Einzelnen dauert, umso verzweifelter wird seine Lage. Hatte er in erster Zeit noch kleine Ersparnisse, die er aufzehren konnte, noch Freunde, die ihm beisprangen, fehlte es ihm nicht so an Kleidung, so fallen im Laufe der Zeit all diese kleinen
ten Radfahrer handelt es sich um den 33jährigen Reisevertreter einer hiesigen Lebensmittelgroßhandlung. Beim Erscheinen der inzwischen benachrichtigen Feuerwehr, die eine Hebung des Omnibusses bewerkstelligen sollte, war der Verunglückte schon aus seiner schlimmen Lage befreit. Der bedauerliche Unfall dürfte auf eine Häufung unglücklicher Momente zurückzuführen sein. Das Befinden des Patienten war heute früh den Umständen entsprechend leidlich.
Eisenbahttwasett als tVohn- bavaEen
Dor einigen Jahren, als die Wohnungsnot auf ihrem Höhepunkt zu sein schien, versuchte man an
und großen Erleichterungen der Erwerbslosigkeit weg, und immer auswegloser wird die Lage der betroffenen Familie. Die öffentlichen Mittel des Reiches, des Staates und der Gemeinden find trotz größter Anstrengung immer knapper geworden, um in hinreichendem Maße Hilfe zu bringen. Durch die katastrophale Lage der Gemeinden können häufig selbst die verkürzten Unterstützungen nur noch zu einem Bruchteil ausgezahlt werden. Erschreckend ist die Zahl derer, die hungern und frieren und die da leiden an Krankheit und Siechtum.
Die Not ist größer als im vergangenen Winker und darum bedarf es vermehrter Anstrengung aller Kräfte der freien Wohlfahrtspflege, bedarf es immer wieder opferwilligster Nächstenliebe jedes einzelnen Volksgenossen, der noch irgend etwas erübrigen kann, um in allen Orten im großen Ausmaß eine wirksame Winterhilfe zustande zu bringen und während der ganzen Wintermonate aufrecht zu erhalten.
So richte ich denn an alle Bewohner der Provinz Hessen-Nassau die herzliche
Bitte, mitzuhelfen mit Taten der Liebe, soweit ein jeder nur irgend kann.
mitzuhelfen dem einzelnen Notleidenden, mitzuhelfen vor allem aber den zu einer geordneten Durchführung der Winterhilfe in den einzelnen Orten berufenen Verbänden und geschaffenen Organisationen. Alle letzten Möglichkeiten barmherziger Fürsorge müssen in diesem Winter ausgeschöpft werden. Ihr Männer und Frauen, Jung und Alt aber in Hessen-Nassau und Ihr Hörer und Hörerinnen außerhalb dieser Provinz, zu denen mein Wort in dieser Stunde bringt, helft helfen wo und wie Ihr nur immer könnt, werbt überall für die Winterhilfe in Euren Bekanntenkreisen, Euren Behörden, Vereinen und Versammlungen. Rüttelt immer wieder die Stumpfen und Trägen auf. Denkt täglich von selbst an dieses segenspendende Hilfswerk, das allen Bedürftigen ohne Unterschied der Partei, der Religion und Konfession zu gute kommen soll, denkt daran, wenn Ihr dazu durch die Winterhilfsorganisationen, durch Sammellisten oder durch die Presse, die sich überall dankenswerter Weise in den Dienst der gutem Sache gestellt hat, gerufen werdet. Denkt auch daran bei besonderen Anlässen, wo Ihr selbst Freude erlebt, bei Familienfeiern und dergleichen, denkt vor allem daran, wenn Ihr jetzt für Euch und Eure Lieben das Weihnachtsfest vorbereitet und wenn Ihr selbst unter dem strahlenden Weihnachtsbaum steht. Laß aud den Aermsten der Armen Weihnachtsfreude zutei werden! Laßt uns zusammen mit der Bevölkerung der übrigen Provinzen und der Länder Deutschlands in der Winterhilfe eine große deutsche Notgemeinschaft bilden, die in hingebender Nächstenliebe alle deutschen Volksgenossen umschlingt und uns alle einigt in dem Glauben an das deutsche Volk, an die deutsche Heimat und an unser deutsches Vaterland."
verschiedenen Stellen aus ausrangierten Eisenbahnwagen, wenn auch keine ideale, so aber doch eine behelfsmäßige Unterkunftsmöglichkeit zu schaffen. Verlockend war vor allen Dingen der niedrigere Preis eines solchen Wagens. Was hat man nun für Erfahrungen damit gemacht? Eine vor kurzem veranstaltete Umfrage bei 29 Städten hat hier beachtenswerte Aufschlüsse gebracht.
Die Erfahrungen, die man mit Eisenbahnwagen als Wohnungen gemacht hatte. wurden von 16 Städten, also von weit über die Halste, als durchaus ungünstig bezeichnet. Nur vier Städte hatten erträgliche Erfahrungen gemacht Die Kosten des Erwerbes und der Aufstellung der Wagen bis zu ihrer Benutzbarkeit waren sehr verschieden und beliefen
sich auf insgesamt 400 bis 1700 RM st Wagen. 1 eb ereinstimmend wurde betont, daß der Schutz gegen Kälte und Nässe in diesen Wagen sehr gering ist, daß die sommerliche Hitze unerträglich ser Auch »er Heizungsaufwand im Winter sei sehr groß. Notwendig war auch die Anlage von Aborten und gemeinsamer Wasserentnahmestelle, was ebenfalls nur Kosten verbunden war. Auch der Transport und das Verbringen auf die vorgesehenen Fundamente war schwierig und teuer. Dazu kam daß es sich meistens um etwas abgenützte Wagenkasten l)an= leite, die zudem unschön wirkten. Die Instandhaltungskosten betrugen etwa 20 RM im Jahre, dazu ist die Lebensdauer der Wagen gering So mußte eine Stadt die 1926 angeschafften Wagen im nächten Jahre bereits wieder aufgeben. Die umfangreichste Verwendung von Eisenbahnwagen als Wohnbaracken hat man in Straubing vorgenommen, wo eine mit mancherlei Verbesserungen versehene Kolonie von 16 Wagen eingerichtet wurde, die ein erträgliches Wohnen ermöglichte. Allerdings betrug hier der Aufwand je 1290 RM, also ein Betrag, wofür man wahrscheinlich schon einfachere Häuschen hätte errichten können. Die Stadt Regensburg hat derartig einfache Häuschen aus Schwemmstein errichtet, die einen recht gefälligen Typ darstellen, der erweiterungsfähig ist und nicht teurer zu stehen kommt, als einigermaßen brauchbar her- gerichtete Eisenbahnwagen.
♦ Daten für 23. November. 912: Kaiser Okto L der Große geb.; 1845: Der Bildhauer Karl Begas in Berlin geb.
* Erschossen aufgefunden wurde heute morgen in einer Kleinen Laube in der Dörnigheimer Landstraße ein 24jähriger Mann Hans Krämer aus Meiningen. Ueber das Motiv der Tat ist noch nichts bekannt.
* Zugunsten der Hanauer Winterhilfe. Der Verband der Hanauer Wohlfahrtsorganisationen schreibt uns: Am kommenden Samstag, 26. November, gelangt im hiesigen Stadttheater „Die endlose Straße", ein Frontstück in 4 Akten, von Graff und Hintze, erstmals zur Aufführung. Der Reinerlös dieser Vorstellung ist von der Direktion des Stadttheaters der Hanauer Winterhilfe z u g e d a ch t. An die Hanauer Bevölkerung ergeht die herzliche Bitte, diese Wohltätigkeitsveranstaltung durch zahlreichen Besuch zu unterstützen.
* Steuerfreiheit von Jubiläumsgaben. Die außerordentlich verschiedenartige Handhabung der Vorschriften über die Steuerfreiheit von Jubiläums- gaben an Angestellte und Arbeiter hatte dem Gewerkschaftsbund der Anigestellten (GDA.) unlängst Veranlassung gegeben. an das Reichsfinanz- ministerium wegen des Erlasses einheitlicher Richtlinien heranzutreten. Erfreulicherweise hat das Reichsfinaniministerium nunmehr mit Erlaß vom 7. November 1932 diesem Wunsche Rechnung getragen. Hiernach ist zu unterscheiden zwischen einer 25jährigen, 46jährigen und 50jährigen Betriebszugehörigkeit. Im ersteren Falle bleiben Iubiläums- gaben dann steuerfrei, wenn sie den Betrag von 4000 RM und sechs Monatsgehälter nicht überschreiten, bei 40jähriger Betriebszug shörigkeit erhöht sich der steuerfreie Betrag auf 8000 RM, höchstens aber neun Monatsgehälter, bei 50jähriger Detriebs- rugehörigkeit auf 10 000 RM, höchstens aber einem Iahresgehalt. Sind diese Voraussetzungen nicht erfüllt, so ist im Rechtsmittelverfahren über die Steuerfreiheit zu entscheiden. Steuererstattungen können anläßlich dieser Neuregelung in keinem Falle verlangt werden.
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„BkÜ^HE^KHIl^"
Der Prozeß gegen Prof. Lewald
Roman von will Amberg
Copyright 1932 by Mondos Presse- Büro München.
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Das Telephonfräulein spricht die auf gegebene tummer nach. Der Anwalt hört nur halben Ohres 'U. --
Wenn ich nur wüßte, wie die Blonde geheißen Kd, die damals in Heidelberg--Hat sie Hella geheißen?--Bei Lewalds Veranlagung übrigens har nicht ausgeschlossen, daß er sie dann doch geheiratet hat--
Wieder sucht er den Verdacht niederzuringen. — Die Blonde damals sah doch ganz anders aus. Dis rug die Haare in griechischem Knoten, nicht in Nackenhöhe abgeschnitten, und die hatte um die Bippen eine gewisse Falte, — die Lasterfalte hatte ie Freund Schlereth genannt.
Aber will das besagen! Selbstverständlich trug man 1916 noch keinen Bubischnitt — und die besagte Falte braucht ein geschickter Maler einfach nicht gesehen zu haben.--Wie gebannt starrt Westerlingk das Frauenbild an.--- Blödsinnig, daß ich mir darüber den Kopf zerbreche! Und wenn sie es wirklich ist!--Das Wesentliche ist doch, daß Lewald mit chr glücklich wurde.---
Es ist auch nur, um klar zu sehen. Man will wissen, ob man richtig vermutet.
Plötzlich fällt Westerlingk ein, daß Lewald heute in der Verhandlung dem Vorsitzenden auf Vorhalt erwidert hat, seine Frau sei Rote-Kreuz-Schwester gewesen.
Also doch!
Die Szene auf dein Bahnhof in Heidelberg ersteht plötzlich wieder neu vor Westerlingks geistigem Auge, als fei das gestern gewesen. Die drei Freunde stehen neben der Perronsperre: Lewald. Schlereth, Westerlingk. In den Augen beißt der Rauch dieser vrwünschten minderwertigen Kohlen, die man zurzeit den Lokomotiven zu fressen gibt. Eine Schaffnerin steht an der Sperre und knipst. Knipst. Knipst. Meist Feldgrau. Ein paar Schüler, ein paar Bäuerinnen. Endlos geht das so weiter; ein Zug muß mehr Passagiere fassen als in Friedenszeiten
wei Züge. Die drei Freunde suchen das Heer der ünftürmenben ab, spähen nach einem weißen Schein inmitten der feldgrauen Mützen und Kleider
Endlich! Selbstverständlich! daß Lewald sie als erster entdeckt. Sie trägt Schwesterntracht. Die weiße Haube mit dem roten Kreuz liegt um das goldene Blondhaar. Sie schiebt sich zwischen dem Haufen ungeduldig Drängender in Richtung gegen die Sperre, offenbar entschlossen, sich auch am Sturm auf die Plätze im Zug zu beteiligen. Dann wird ie Lewalds gewahr; der zieht die rote Schülermütze. Sie dankt. Dabei wendet sie das Gesicht den drei Schülern zu. In chren Mundwinkeln sitzt ein leises, innliches Lächeln und daneben spannt sich nach unten kinnwärts eine dünne Falte. Sie winkt Lewald zu. Blau leuchten ihre Augen. Dann geht sie in festen erdschweren Schritten, unter denen sich ihre üppige Gestalt abwechselnd nach rechts und links wiegt, auf den erstbesten Wagen zu.
Ernst Lewald sieht ihr verzückt nach. Als sie dann feinem Gesichtskreis entschwunden ist, wendet er sich stolz an die Freunde: „Wie findet Ihr sie?" Er ist feiner Liebe so stolz wie eines scharfsinnigen Schüleraufsatzes. Er erwartet, daß die Freunde mit ihm stolz sein sollen. „Wie findet Ihr sie?" wiederholt er die Frage.
Westerlingk antwortet nicht. Er ist betroffen von so viel Schönheit und betroffen, daß gerade dem Freunde solches Glück beschieden war.
Aber Schlereth anwortet. Das Urteil Schlereths, des ältesten der drei, — Schlereth ist bereits zu dem nächsten Einrücken ausgemustert und hat schon einige Liebesabenteuer hinter sich, — wird Lewald etwas gelten. Schlereth versteht etwas. Dieser Schlereth! Weiß Gott, er wollte weder respektlos sein noch Lewald weh tun. Aber er kann halt nun mal nicht anders fein, als derb und zynisch: „Fabelhaftes Weib das! Aber Heilige ist das keine! Jede Wette, daß sie mich nicht abfahren läßt!"
Ernst Lewalds Gesicht gefriert in plötzlichem Schmerz. Eine Sekunde lang ist er fassungslos. Dann ballt er die Faust und geht zornerfüllt gegen Schlereth los: „Du bist ein Schwein, du — —1" Schluchzen löst die Wut ab.
Schlereth begreift. — Nein, begreift nicht, aber ahnt erstaunt, daß er dem Lewald unendlich weh getan hat--Nein, das wollte er nicht. Daß die Sache so tief gehe, hatte er ja nicht gewußt. „Kriegspoussage" hatte er geglaubt und fein Urteil, zu dem er übrigens inhaltlich durchaus stand.
Schweigend verlassen die drei Freunde den Bahnhof; zerknirscht gehen sie auseinander. Schlereth entschuldigt sich schrifllich bei Lewald. Aber Lewald kenne ihn nun doch einmal und seine Art.
Lewald ist nicht nachträgerisch. Aber es dauert doch lange Zeit, bis das alte Vertrauensverhältnis zwischen ihm und Schlereth wieder einigermaßen hergestellt ist. Seitdem fühlt sich Lewald mehr zu dem seelisch gleichgearteten Westerlingk hingezogen. Schlerech bekommt die Stelle des Kameraden zu- gewiesen, nicht mehr die des Freundes.
Schlereth selbst aber fühlt für Lewald noch die Verantwortung des Freundes.
Und eines Mittwochs abends kommt Schlereth zu Westerlingk auf die Bude, geheimnisvoll, Sorge des Neunzehnzährigen auf feinem runden Gesicht: „Ich muß dich sprechen Westerlingk." — „Ja, was ist denn los, Schlereth?" — „Wegen Ernst Lewald." — „Was gibts?" — „Ich kann mit ihm darüber nicht reden. Mir ist er noch gram. Du mußt es ihm beibringen." — „Was beibringen?" — „Daß dieses Mädel seiner nicht würdig ist. Sie hat ein Verhältnis mit einem Oberkellner, der zurzeit Koch beim Roten Kreuz ist." — „Woher weißt du das?" — „Ich weiß es!" — „Wie soll ich es Lewald sagen?" — „Das ist deine Sache. So bitterböse wie aus meinem Munde kommt es dir ja nicht heraus." — „Er wird Beweise verlangen" — „Natürlich wird er." — „Wie soll ich ihm die geben?" — „Komm jetzt mit. Heute abend besucht sie ihn. Mittwoch ist immer der Tag, wo sie sich mit ihm trifft."
Und Hans Westerlingk geht mit Fritz Schlereth, übernimmt aus Freundschaft für Ernst Lewald die schniähliche Rolle des Lauschers. Sie stehen in eine Nische gedrückt neben dem Hauptportal der Roten- Kreuz-Klinik, in der die hübsche Blonde Pfelegerin- nendienste tut, und warten. Es schlägt gerade Neun. Westerlingk fiebert vor Erregung. Dieses Detektiv- spielen wühlt ihn auf. Kaum ist der neunte Schlag der Glocke verhallt, verläßt eine weibliche Gestalt das Gebäude. Sie trägt jetzt keine Schwesterntracht. Aber im Scheine der nächsten Laterne verrät sie das Blond ihrer Haare. Die beiden Freunde folgen ihr. Sie geht nicht weit. Vor einem Haus in der Stöhrstraße macht sie halt. Sie pfeift die Melodie aus der „Lustigen Witwe": „Ich bin eine anständige Frau!" — „Wie findest du diesen Pfiff?" fragt Schlerech boshaft.
Oben an einem Fenster des ersten Stockes erscheint ein Männerkopf. Westerlingk sieht im Dunkel
nur die Konturen. Wie ein Mephisto-Kopf, denkt er, breit an den Schläfen, sich zum Kinn verjüngend. Der am Fenster wirft einen Schlüssel hinunter. Den hebt die Blonde auf, schließt auf und verschwindet im Hause.
Westerlingk mag es nicht glauben. „Vielleicht ein Verwandter, den sie besucht", entschuldigt er, selbst die Dürftigkeit dieser Entschuldigung fühlend. Schlereth muß schon wieder boshaft sein. „Jawohl, drum bleibt es auch im Zimmer dunkel."
Hans Westerlingk führt in den folgenden Taaen die peinliche und mühevolle Aufgabe durch, Ernst Lewald vor der blonden Circe zu warnen. Im Gegensatz zu Schlereth geht er zögernd, tastend vor. Tropfenweise bringt er dem naiven Freunde bei, daß er bei der Blonden eine schmähliche Rolle spielt — — Schwer und langsam begreift Lewald --Aber dann — so hat Westerlingk wenigstens den Eindruck — trägt er die Enttäuschung mit Fassung. Er klagt nicht, schilt nicht, spricht nicht darüber, tut, als ob das Ganze für ihn vergessen sei. Ja doch, einmal gelegentlich der Schweizer Reise 1922, erwähnt er nochmals feine Jugendliebe, andeutungsweise wenigstens: Schlereth hatte sich mit einem hübschen Mädchen im Kurhaus in Interlaken verabredet und war versetzt worden. Er schimpfte mächtig auf die Weiber, die Gott im Zorn erschaffen habe. Da erwidert Lewald gütig, ruhig, fast heiter gelassen: „Geh, Schlereth, es ist aanz gut, mal versetzt zu werden. Man lernt was daraus und man wird lebensklug dabei."
.--find Lewalds Lebensklugheit hat also damit geendigt, daß er diese gleiche Blonde später heiratete?
(Fortsetzung folgt).
Stadt Tbeaiev Aanau
Dienstag, 22. Nov., 8—10.30 Uhr 8. Vorstellung im Dienstag-Abonn. Der große Heiterkeitserfolg, die Lachstürme entfesselnde rheinische Volkskomödie:
„Schneider Wibbel"
in 5 Akten von H. Müller-Schlösier
Mittwoch, 23 Nov., 8 Uhr: Erstes Auftreten Otto Hannak „wiener Blus“, Operette v. J. Strauß