Nr. 257
Dienstag, den 1. November 1932
Sette 3
Stadt Kanau
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"Nun geht das große Sterben an, die Blätter raschelnd gleiten . . Und immer näher schon heran gar harte Schritte schreiten. Der Schritt klingt hohl, der Schritt stampft schwer, als seufze bange Klage; dicht hinter jedem Schritte her der Nebel t wallt: ein graues Meer . . . Wie macht die Welt ihr öd und leer und welk: Novembertage!"
November: Das ist der Sturm-, der'Wind- und der Nebelmonat wie er im Bolksmund heißt. Die alten Deutschen nannten ihn ..Nebelung", während er bei den Römern seinen Namen davon hatte, daß er der neunte Monat des römischen Jahres war. Der November ist als der unfreundlichste, der sonnenloseste Monat des ganzen Jahres bekannt. Er ist der unbeliebteste und gefürchtestte Zeitabschnitt. Voller Melancholie düster und grämlich, meist mit Regenschauern und Nebeln, und oft auch schon mit Schnee und Kälte, zieht er heraus. Mischen sich noch einige milde, still sonnige Tage zwischen hinein, so ist das eine Ausnahme. In der Natur ist — die Feldarbeiten sind ja alle abeschlossen — eine eigenartige besinnliche Stille eingetreten. Da und dort wird sie zur Oede. Die Vögel haben längst aufgehört zu singen. Hier und da hört man nunmehr den heiseren Schrei der Krähen. Mehr und mehr löst der Spätherbst die Farbensymphonie seiner Vor- - läufer ab und die ganze Pracht der sich verfärbenden Blätter an den Bäumen wird vom zornigen und heulenden Nooemberwind, den romantische Leute besingen, grausam zerstört. Im Wald allerdings ist's nicht einsam. Dort nimmt die Jagd auf allerhand Getier ihren Fortgang. Der November zwingt die Menschen wieder mehr in die Stube um den wieder zu Ehren gekommenen Ofen. Eine eigenartige Erscheinung pflegt im November auf- zutreten, es sind die Sternschnuppenschwärme, die meist um den 10. bis 15. November herum sichtbar werden. So verzeichnet die Sternkunde, daß in der Nacht vom 12. auf den 13. November 1833 an einem Ort etwa 240 000 Sternschnuppen beobachtet wurden. Die Schwärme in den Hauptperioden pflegen aus den Sternbildern des Löwen und der Andromeda zu kommen. Die entsprechenden No- vembsrschwärme führen den Namen Leoniden und Bieliden. Die Nässe und Kälte des November scheint' dem Bauer aber gar nicht so ungelegen zu sein, denn seine uralten Wetterregeln verheißen nach einem kalten und nassen November manches Gute. So sagt er z. B.: „November trocken und klar, bringt wenig Segen fürs nächste Jahr" oder „Sonnenschein, tritt ein kalter Winter ein". „Wenn die Bäume den Schnee halten, werben sich im Frühjahr wenig Knospen entfalten". „Im November Wässerung, ist den Wiesen Besserung". „November naß, bringt jedem was". „Sperrt der Winter zu früh das Haus, hält er sicher nicht lange aus". Und schließlich: „Später Donner hat die Kraft, daß er viel Getreide schafft".
SUIeebeiliaen - aileeteeFen
Die herbstlichen Naturerscheinungen wecken mit den Gefühlen des Vergänglichen auch im Menschenleben liebe Erinnerungen an Abgeschiedene, und es gibt in diesem Schmerz der Gedanke Trost, daß doch hinter dem Sterben immer wieder sieghaft das Leben steht Die beiden Tage, Allerheiligen und Allerseelen, die heute und morgen von dem katholischen Teil unserer Bevölkerung gefeiert werden, nehmen ihren Ursprung aus einer Reihe kleiner Einzelfeiern, die die Kirche schließlich zu einem einzigen Feiertag zusammenlegte, der dem Gedächtnis der Heiligen und Märtyrer galt, das für die ersten Christen wie auch heute noch eine starke Glaubensstärkung bedeutete. In der griechischen Kirche wurde bereits im vierten Jahrhundert eine gemeinsame Feier für alle Heiligen und Märtyrer eingesetzt, die dann Papst Bonifaz V. um das Jahr 600 für die abendländische Kirche übernahm und bedeutend er- MHKSMMBanaMGBBiaHaBKaHmMn
Se M 83,8(3 Mars Verbrauchsabgaben Die rühvUche Steuer- und IoUbelaftung bet den Artikeln des täglichen VedavfS
Zu der Frage, in welchem Umfange Steuern und Zölle den Verbrauch der breiten Masse, vor allem den Nahrungsmitelverbrauch, belasten, liefert eine Untersuchung des Statistischen Reichsamts aufschlußreiches Material. Die Gesamtbelastung des Haushalts ist infolge der verschieden hohen Belastung der einzelnen Ware von der Richtung des Verbrauchs abhängig. Diese hat sich nach dem Kriege erheblich geändert. Der volkswirtschaftliche Verbrauch
pro statistische Vollperson hat bei den Feldfrüchten und ihren Produkten abgenommen, und zwar bei Roggenmehl von 89,7 Kilo im Jahre 1913 auf 62,3 im Jahre 1930. Für Weizenmehl lauten die entsprechenden Zahlen 82,6 und 59,5, für Reis 9,2 und 4,6, für Kartoffeln 911,1 und 648,9. Der Verbrauch an Schmalz ist von 4,2 auf 3,8 gesunken, der von Milch von 398,3 Liter auf 362,4. Dagegen ist der Fleischverbrauch gestiegen, und zwar bei Rindfleisch von 16,3 auf 18,1, bei Kalbfleisch von 2,9 auf 3,6 und bei Schweinefleisch von 35,9 auf 39,6 Kilogramm. Sehr stark gestiegen ist auch der Verbrauch an Südfrüchten, und zwar bei Bananen von 0,37 auf 2,25 Kg-, bei Apfelsinen und Mandarinen von 2,8 auf 6,68 Kg. Der Verbrauch von Kaffee sank von 2,65 auf 2,38 Kilogramm, während der Tee- und Kakaoverbrauch eine steigende Linie aufweist. Von sonstigen
Genuhmitteln
ist erwähnenswert das Bier, dessen Verbrauch von 132,13 Litern auf 93,3 im Jahre 1926/27 fiel, dann aber bis 1930 wieder auf 109,3 stieg. Der Brannt
weiterte. Doch erst um die Mitte des neunten Jahrhunderts fand die Feier in der ganzen Christenheit Eingang. Von da an wurde das Allerheiligeniest, nachdem es früher zum Teil am Freitag nach Diton und zum Teil am ersten Sonntag nach Pfingsten abgehalten worden war, auf Grund einer päpstlichen Verordnung am 1. November gefeiert. Das Allerseelenfest wurde im elften Jahrhundert durch den Abt des Benediktinerklosters von Clunz, Odilo, eingeführt und später vom Papste bestätigt. Ursprünglich galt es dem Gedächtnis aller der Menschen, die in treuem Glauben an die christliche Religion gestorben sind. Seine Bedeutung als hoher Feiertag hat der Allerseelentag allmählich eingebüßt. Er hat den größten Teil seines Charakters als Totengedenktag an den Allerheiligenlag abgegeben, der seinerseits eine besondere Bedeutung verallgemeinert hat.
* Daten für den 2. November. 1766: Der österreichische Feldmarschall Franz Kurt Graf Radeczky in Trzebnitz geb. 1917: Graf Hertling wird deutscher Reichskanzler. 1918: Waffenstillstand zwischen Oesterreich-Ungarn und der Entente.
* Reichstagswahl. Die Stimmbezirke und Wahllokale sind aus den Anschlägen an den Plakatsäulen zu ersehen. Eine Aenderung in den Stimmbezirken ist nicht eingetreten. (Siehe auch amtl. Bekanntmachung.)
* Der Präsident des Landesfinanzamtes 60 Jahre alt. Der Präsident des Landesfinanzamtes Kassel, Dr. Lotholz, konnte am Sonntag seinen 60. Geburtstag begehen. Präsident Dr. Lotholz hat am 4. Januar die Dienstgeschäfte in Kassel als Präsident des Landesfinanzamtes übernommen. Bis dahin hatte er die Etatsabteilung des Reichsfinanzministeriums geleitet. Präsident Dr. Lotholz hat es während seiner Tätigkeit in Kassel verstanden, durch sein liebenswürdiges Wesen und seine fachliche
weinverbrauch ist von 3,6 auf 0,9 Liter gesunken. Bei Tabakerzeugnissen hat eine Umschichtung stattgefunden; der Zigarrenverbrauch ist von 161 auf 132,8 Stück gesunken, der Zigarettenverbrauch von 222,7 auf 626,2 gestiegen.
Die Besteuerung des Verbrauchs und Aufwandes in Form von Umsatz-, Verkehrs-, Verbrauchs- und Aufwandsteuern sowie Zöllen nimmt innerhalb des deutschen Steuersystems eine überwiegende Stellung ein. Nicht weniger als 33 Prozent des Gesamtaufkommens von Reich, Ländern und Gemeinden entfielen 1929/30 auf diese Abgaben. Auf den Kopf der Bevölkerung berechnet hat sich die Belastung durch sie von 24,3 Mark im Jahre 1913/14 auf 73,8 im Jahre 1929/30 erhöht. Für die Verbrauchssteuern im engeren Sinne beträgt.die reale Steigerung 85 Prozent, für
Tabak und Tabakerzeugnisse
allein jedoch mehr als 1200 Prozent. Die Kopfbelastung bei Brotgetreide durch die Zölle ist um 35 Prozent gesunken, bei Reis um 70, bei Schmalz um 53 Prozent. Dagegen haben Mehl und Mühlenerzeugnisse sowie Kartoffeln eine Erhöhung der Belastung um 197 Prozent erfahren, desgleichen Butter um 187 Prozent, Eier um 135 Prozent usw. An dem Gesamtaufkommen der Reichs-Verbrauchssteuern im engeren Sinne ist der Tabak mit mehr als die Hälfte beteiligt. Die Belastung des Verbrauchs durch die Umsatzsteuer beträgt, am Haushaltungsverbrauch einer Arbeiterfamilie berechnet, für die Lebensmittel 19 bis 25,7 RM im Jahr, das sind 1,5 bis 2 Prozent.
Gerechtigkeit bei seinen Beamten und in der Oeffentlichkeit vollstes Vertrauen zu erwerben.
* Neue Wohlfahrksbriefmarken der Reichsposi. Heute werden die fünf neuen Wohlfahrtsbriefmarken der Reichspost ausgegeben, die mit einem Wohlfahrtsaufschlag für die deutsche Nothilfe verkauft werden. Die nach Stahlstichen hergestellten Marken zeigen Bilder deutscher Burgen. Die Erträge dienen zur Linderung der Winternot. Von den vorjährigen Wohlfahrtsbriefmarken sind 12 Millionen Stück verkauft worden.
* Saalgutanerkennung. Auf Grund der Unter- suchungsergeünisse an die Versuchsanstalt Harleshausen bei Kassel eingesandter Proben von Winter- saatgut sind aus dem Landkreis Hanau a. M. folgende Saaten anerkannt worden: „Karstens Dickkopf Nr. 5" (Winterweizen) vom Betrieb Schwarz- Baiersröder Hof. Kr. Hanau, 1. Absaat 6 Hektar. Von der Marke: „Strubes Dickkopf" vom Betrieb Hofmann-Junkershof in Niederdorfelden, 1. Absaat 7,5 Hektar.
* Eigentümer eines Damenfahrrades gesucht. Bei der Polizeidirektion wurde ein Damensabrrad Marke „Brentano" mit der Fabriknummer 115 628 sichergestellt. Der Eigentümer wird ersucht, sein Eigentumsrecht bei dem Kriminalkommissariat, Zimmer 248c, gellend zu machen.
* Fahrraddiebstähle: Am Freitag, 28. Oktober wurde in der Lanastvaße aus dem Hofe des Hauses Nr. 84 ein Herrenfahrrad Marke „Onsl" entwendet Das Fahrrad hat schwarzen Rahmenbau und ebensolche Schutzbleche, gelbe Felgen, deutsche Lenkstange, gew. Pedale, gew. Glocke und Torpedofreilauf. — Ein weiterer Fahrraddiebstahl wurde in der Zeit vom Samstag, 29. Oktober (abends 9 Uhr) bis Montag, 31. Oktober (vormittags 8 Uhr) hier in der Mainstraße ausgeführt Hierbei fiel dem Täter ebenfalls ein Herrenfahrrad Marke Bbanter" welches im Hofe des Hauses Nr. 3 unoerf-b [offen abaeftent war, in die Hände. Das Fahrrad hat
Sleuergulscheine
Antrags-Formulare
sind erhältlich in der
waNenbaus-Vuchdvuckevei
schwarzen Rahmenbau und ebensolche Schutzbleche, schwarze Felgen mit grünen Streifen, verchromte Speichen, Gummiklotzpedale, engl. Lenkstange, graue Bereifung, Torpedofreilauf, gew. Glocke und ist am Kettenrad ein schwarzer Kettenschutzkasten angebracht. Außerdem befindet sich am Fahrrad Dynamo und Scheinwerfer Auch ist das Rad vor kurzer Zeit erst neu aufgearbeitet worden. Sachdienliche Mitteilungen hierzu (auch vertraulicher Art), nimmt das hiesige Kriminalkommissariat, Zimmer 248c, entgegen.
* Das heutige China. Im überfüllten Orts- gruppenhei.m des Deutschnationalen Handlungs- gehilfen-Verbandes fand am Donnerstag abend vor Mitgliedern und Freunden des DHV. ein Zwiegespräch zwischen Dipl.-Handelslehrer Bührmann und Kaufmann S : m o n = S) o n t o n g über das heutige China statt. Herr Simon, ein gebürtiger Hanauer, weilt hier auf Heimaturlaub und geht Anfang November wieder nach China, wo er bereits seit 10 Jahren tätig ist. Die Unterhaltung bewegte sich um die verschiedenen Reisewege nach China, um Sitte und Brauchtum der Chinesen, Landschaft und Klima, staatliche Einrichtungen, tägliches Leben usw. Die Fahrt auf dem Landwege über Sibirien vermittelt vor allem einen überwältigenden Eindruck von der ungeheueren Weiträumigkeit Rußlands. Schöner ist die Fahrt über Genua durch das Rote Meer, das seinen Namen von den auf der Oberfläche schwimmenden feinen Sandteilchen erhält, die der Wind dorthin weht, und den Suezkanal Im weiteren Verlauf der Unterhaltung erfuhr man interessante Einzelheiten über die Lebensgewohnheiten der Chinesen, ihre Kochkünste, ihre Vergnügungen usw. Das Fundament der chinesischen Kultur ist die Sittenlehre des Konfizius, die Nächstenliebe und gegenseitige Hilfe, vor allem im Familien- und Sippenverband, verlangt. Auf dieser Lehre beruht auch der Ahnenkult der Chinesen und die große Ehrfurcht vor dem Alter. Der Chinese ist außerordentlich kinderlieb. Bei seiner großen Bedürfnislosigkeit finden die Kinder in der Regel Lebensmöglichkeiten. Infolge mangelnder hygienischer Einrichtungen und der fehlenden Sozialfürsorge ist natürlich die Sterblichkeit sehr groß. Auf sehr beschwerlichen Reisen in das Innere des Landes findet der Europäer noch Gastfreundschaft, an der Küste sind Haß und Abneigung gegen die Fremden allgemein. Ueberall aber hält das chinesische Volk im Grunde an seinen vieltausendsäh- rigen Einrichtungen und Anschauungen fest, wenn auch Technik und Zivilisation zum Teil ausgenutzt werden. Diese konservative Haltung des chiuesischen Volkes bezeichnete Herr Simon als die wahre „chinesische Mauer" — In mehreren selbst gedrehten Filmen zeigte .fierr Simon den Zuhörern Bilder aus dem chinesischen Volksleben in Dorf und Stadt, die eine sehr gute Erläuterung und Ergänzung seiner Ausführungen boten. Reicher Beifall der Versammelten dankte den Rednern.
Auch Herz-, Nerven-, Magen- und Gallenleidende trinken ihn nach eigenen Angaben ohne Beschwerden.
Generalvertr. u. Ausl. L».: Theodor Opitz, Frankfurt/M., Krögerstr. 10, Fernr. 29780
Preisausschreiben I Einsenden! Eilt!
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Von Harold Baumgarten
Copyright 1928 by Georg Molter Verlag.
40. Fortiekung. (Nachdruck verboten.)
Ralph nahm das Wort: „Haben Sie vielleicht auf Ihren Fahrten den Dampfer „Berlin" getroffen. der auf einer Expedition in der Südsee fährt?"
John Bartlett schüttelte den Kopf. „Hier herum fahren keine Schiffe, was sollen die hier? — Höchstens englische Spitzel!" Er sah die beiden Männer gehässig an.
Ralph seufzte. „Es ist wieder nichts, ein kleines romantisches Abenteuer ohne Folgen für uns."
„Was wird denn nun, Ralph, habt Ihr etwas erfahren?" rief Mary, der die Zeit lang wurde, aus der Pinasse herauf.
„Nichts von Bedeutung, Liebling, von der „Berlin" und Werkmeister keine Spur/
John Bartlett horchte auf. „Werkmeister?" wiederholte er Er lachte in sich hinein.
Der helle Blick Ebersstein hatte sein Erstaunen aufgefangen. Er ließ sich gemütlich neben ihm nieder. „Mister Bartlett, was kostet es, wenn Sie uns erzählen, was Sie von Dr. Werkmeister wissen?"
„Nichts weiß ich, — woher auch?"
Ebersstein erhob sich nachlässig. „Na denn nicht, wußte nicht, daß es Ihnen so gleichgültig sei, taufend Dollar zu verdienen."
Er schritt über Deck, um in die Pinasse zurück- zukehren.
Die Hand des Einarmigen legte sich auf seine Schulter. „Tausend Dollars? Wann?"
„Sofort nach Ihrem Bericht!"
„Ehrenwort?"
„Ehrenwort!"
„Nun denn, auf der Insel, von der die Kanaken stammen, habe ich zwei Weiße getroffen, von denen sich einer als Dr. Werkmeister vorstellte. Sind wohl von den Wilden gefangen worden, als sie Schiffbruch erlitten hatten."
In Eberssteins Augen trat jubelnde Freude
»Mr. Torstensen, hier tausend Dollar an den
Mann in zwölf Stunden sollen Sie Dr. Werkmeister gegenüberstehen!"
Kapitän Streck fuhr selbst zum Kutter hinüber, um den Schaden, den dieser erlitten hatte, zu besichtigen. Die Korallen hatten ein Loch in die Schiffswand gerissen. Da aber der Rumpf fast vollständig auf dem Korallenriff lag, konnte er vorläufig nicht sinken. Es galt, ihn abzuschleppen, und dann möglichst rasch zu dichten.
Die „Tarantella" kam vorsichtig näher, nachdem man vorher das Fahrwasser Meter für Meter mit dem Senkblei untersucht hatte. Eine starke Trosse verband die beiden Schiffe. Die „Tarantella" gab Volldampf und der Kutter schrammte ins Wasser. Das entstandene Loch wurde abgedichtet.
John Bartlett wurde aufgefordert, an Bord der „Tarantella" zu kommen, während der Steuermann den an die Trosse geschleppten Kutter kommandierte. Die Fahrt verzögerte sich dadurch bedeutend, aber es war notwendig, den Kapitän an Bord zu haben. Man konnte sonst die kleine Insel leicht verfehlen.
Ausführlich mußte Bartlett fein Zusammentreffen mit den Gelehrten schildern, das er allerdings in einem für ihn günstigeren Lichte erscheinen ließ, indem er behauptete, die Forscher hüten eine Mitnahme ihrerseits abgelehnt, und fühlten sich in ihrem Zusammenleben mit den Wilden wissenschaftlich außerordentlich gefördert
Wenn die Berechnungen richtig waren, mußte die Insel nachts in Sicht kommen. Es war dann geraten, bs zum Tagesanbruch zu warten, ehe man näher heranlief.
Die Erregung an Bord stieg von Stunde zu Stunde. Es war immerhin möglich, daß man an der Insel vorbeifuhr, denn die nautischen Kenntnisse John Bartletts waren außerordentlich gering. Er selbst fuhr nur nach einem kleinen Kompaß, ohne jemals eine Lage genau zu peilen. Ihm war es egal, auf welcher Insel er landete. Wenn dieselbe nur Kanaken beherbergte, die er für seine Zwecke gebrauchen konnte.
Mary dagegen tat, als sei die Schlacht so gut wie gewonnen, aber auch ihr Herz schlug in quälender Ungewißheit.
Sie kreuzten nun schon stundenlang an der Stelle, wo — wie John Bartlett schwur — die Insel liegen mußte, ohne eine Spur von Land zu sehen.
Schon huschte der Morgen mit grauen Fingern über den Himmel, einen neuen Tag ankündend, da zeigte sich im Norden ein blasser Streifen.
„Die Insel, die Insel!" — tönte es von allen Seiten.
John Bartlett verlangte nun energisch auf seinen Kutter hinüber zu gehen. Und stieß, als ihm Streck dies vorläufig kurzerhand verweigerte, eine solche Menge von Flüchen aus, daß alles sich angewidert abwandte. Nur Streck ließ die Flut ruhig über sich ergehen.
Aber als der einarmige John eine Luftpause machen mußte, tat er den Mund auf, und in allen Sprachen, die Erfahrungen eines vierzigjährigen Soemannslebens verwertend, fiel er über ihn mit einem solchen Schwall von Verwünschungen her, daß selbst John Bartlett, von dieser Suada erschüttert, ihm mit offener Munde zuhörte.
„So!" schloß Benjamin Streck diesen Ausbruch, „und nun halt bin Mul!"
Und der großmäulige John setzte sich tatsächlich still und bescheiden in eine Ecke, und schüttelte nur noch verdutzt den Kopf. Er hatte feinen Meister gefunden.
Die Insel kam näher und näher und das Freudengeheul der Kanaken, die ihre Heimat wiedersahen, bestätigte die Richtigkeit ihrer Fahrt.
Man ließ' jetzt Bartlett auf sein Schiff zurückkehren, nahm die Wilden an Bord, und im Schein der aufgehenden Sonne hielt man auf die Insel zu, während der Kutter mit größtmöglichster Eile nach Süden strebte, um die Pflanzungen zu erreichen, auf denen der einarmige John sein grausames Regiment über die Schwarzen führte
Seine Anwerbungsfahrten gab John Bartlett nach dieser mißglückten Expedition auf. Er hatte ein Haar in der Suppe gefunden.
Einundzwanzigstes Kapitel
In der qualmerfüllten Hütte lag der sterbende Luluai des Dorfes. Weiber saßen um ihn herum, faßten seine Hände und Füße an, um an ihrer langsamen Erkaltung festzustellen, wie lange noch die Auflösung auf sich warten ließe.
Geschlossenen Auges lag der alte Häuptling da.
Es war nicht eigentlich die Verwundung, die ihn zum Sterben brachte, es war die Todessehnsucht, die den Bewohnern dieser üppigen Inseln im Blute liegt. Sie haben keinen Mut zu leben, und sträuben sich nicht, die Grenze zu überschreiten.
Draußen trommelten die Karamuts, und übermittelten die Kunde, daß der Luluai im Sterben liege, und willig vernahm sein Ohr die Töne.
Werkmeister und Mechtle hatten sich vergeblich bemüht, zu dem Kranken zu gelangen. Kühle Gelassenheit ober drohende Bewegungen, wohin sie sich wandten. Es wäre für sie ein Leichtes gewesen, den Patienten zu retten, das Wundfieber herabzudrücken und das zerschmetterte Bein zu amputieren.
„Es ist klar, lieber Mechtle, die Schwarzen halten uns in ihren verwirrten Begriffen an dem Unglück, das sie betroffen, für irgendwie mitschuldig."
Sie saßen wieder in ihrem Baumhaus, das ihnen sicherer als der Aufenthalt auf ebener Erde schien.
„Wenn der Häuptling stirbt, woran bei der sinngemäßen Behandlung, den Kranken als Sterbenden zu behandeln, kaum Zweifel besteht, erscheint mit unsere Lage bedenklich. Wer weiß, was für Totenkult diese Kanaken haben."
Werkmeister wies auf eine Gruppe von Bäumen, die etwas abseits vom Dorfe lag. „Sehen Sie dort den Regenmacherhoin, dort werden die Schädel der Verstorbenen in große Muscheln gelegt, deren Geister nun eine Vermittlerrolle spielen sollen. Oder sie versenken den Toten ins Meer weil bem Verstorbenen ein Haifisch heilig war, und der Geist nun dessen Wohnung beziehen soll. Mystisches Gottsuchen überall!"
„Meinetwege könne sie mit ihm mache, was sie wolle, wenn sie uns nur dabei in Friede lasse, aber ich glaube bestimmt, daß sie diese Gelegenheit, uns ihre kannibalische Seite zu zeigen, nicht vorübergehen lassen werden."
kForttetzuna folgt).
Giadt - Theater Panait
Dienstag, 1. Nov., 8—10 Uhr 5. Vorstellung im Dienstag-Abonn. der erfolgreiche Operettenschlager
„Madonna! wo bist du?"
Mittwoch, 2. Nov., 8 Uhr die amüsante liebenswürdige Operette „Morgen gehls uns gut!"
Freitag, 4 Nov., 8 Uhr der größte Schauspielerfolg der Gegenwart „Der 18. Oktober"