Nr. 238
Monkag, den 10. Oktober 1932
Seite 2
Stadt Kauau
Ävbettsbeicha-kuns und ^lmstedMns
In einer Sitzung der Reichsarbeitsgemeinschaft ;r deutschen Landesplanungen, die vor einigen Wochen in Kassel stattfand, wurde zur einheitlichen earbeitung der Arbeitsbeschaffungs- und Umsied- ngsfragen ein besonderer Ausschuß gebildet. Die- m Ausschuß gehören an die Herren Landesober- t lurat Dr.-Jng Prager-Düsseldorf, Oberregierungs- ad Baurat Lindemann-Merseburg, Oberregierungs- ad Baurat Rohleder-Chemnitz, Oberbaurat Dr. troebel-Stuttgart, Regierungsrat Dr. Müller- acculus, Berlin, Stadtrat Niemeyer-Frankfurt, um Vorsitzenden wurde Stadtrat Niemeyer ge- 'ählt. Dieser Ausschuß hat in den letzten Tagen t Frankfurt a. M. eingehend über die Fragen der Arbeitsbeschaffung und Umsiedlung verhandelt. Es at sich dabei übereinstimmend ergeben, daß viel- ich die Arbeitsbeschaffungsprogramme in den ein- rlnen Landesteilen nicht in die genügende Verbin- ung miteinander gebracht werden, zumal die jetzi- en Verwaltungsbezirke keineswegs immer mit den atürlichen Wirtschaftsgebieten übereinstimmen. Der lusschuß wird bei den Zentralinstanzen mit Nachruck auf die Tatsache Hinweisen und den Wunsch um Ausdruck bringen, daß in Zukunft auch die lrbeitsbeschaffungsprogramme nach regional-wirt- chaftlichen Gesichtspunkten aufgestellt und durch- leführt werden.
Anbvrnsuns von LVahUnschvifien stvafbav
Dom Amtsgericht in Diez war im April ein Angeklagter, der zur Nachtzeit auf den Straßen in Freiendiez Hakenkreuze und Wahlaufrufe angebracht hatte, von der Anschuldigung des groben Unfugs freigesprochen worden Auf die eingelegte Revision hat das Oberlandesgericht in Frankfurt das Urteil aufgehoben und nunmehr auf Bestrafung erkannt. Das Oberlandesgericht führt in der Urteilsbegründung u. a. aus: Grober Unfug ist jede Handlung, welche den äußeren Bestand der öffentlichen Ordnung dadurch verletzt, daß sie das Publikum als solches unmittelbar gefährdet oder ungebührlich belästigt. Dies liegt hier vor, Das Publikum als solches muß belästigt oder gefährdet fein, d. h. das Publikum in feiner unbestimmten Allgemeinheit. Maßgebend hierbei ist nicht die Ansicht der an der Tol Beteiligten oder der politischen Gruppe, der sie angehören, auch nicht die ihrer Gegner, sondern das Urteil der verständigen, auf Ruhe und Ordnung bedachten Staatsbürger. Diese aber empfinden es als eine Belästigung, wenn die zum Allgemeingebrauch bestimmten Gegenstände (dazu gehören auch Straßen und Brücken) durch Bemalen mit Aufrufen und Zeichen verunziert oder beschädigt werden. Dabei kommt es nicht auf den Inhalt der angebrachten Aufrufe, sondern auf die Art und Weise der Anbringung an. Daß in der heutigen Zeit, noch dazu während den Wahlen, jedermann an derartige Malereien, wie sie der Angeklagte gemacht hat, ge= fährst sei und sich dadurch nicht mehr belästigt 1 suhle, kann dem Vordorrichter nicht zugegeben werden. Das Bemalen von Gegnständen des öffentlichen Gebrauchs mit Wahlaufrufen stellt einen Auswuchs politischer Propaganda dar, der vor der Beschädigung öffentlichen und privaten Eigentums nicht Halt macht und der von allen vernünftigen Staatsbür- . gern, auch den vernünftigen politischen Gosinnungs- genossen des Angeklagten, verurteilt wird.
Die Avbeiismavkilage in Hessen und Hessen-Kassau
600 Personen während drei Tagen eingestellt
Ueber die Arbeitsmarktlage in Hessen und Hessen- Nassau berichtet das Landesarbeitsamt Hessen in Frankfurt a. M.: Nach den vorläufigen Meldungen
Met hundertste Deutsche wird vevurteitt
595 956 rechtskräftig verurteilte in einem Jahr. — Darunter 81860 Frauen. — Von diese« verurteilten sind 212 029 vorbestraft. — 1176 Morden und Totschlagsdelikten stehen nur 417 sühnende Verurteilungen gegenüber!
Eine vor einiger Zeit herausgekommene Statistik des Statistischen Reichsamts veröffentlicht verschiedene bemerkenswerte Zahlen aus der Kriminal- statistik des Deutschen Reiches innerhalb eines Jahres. Es wurden allerdings nur die Fälle gezählt, die von der Justiz erfaßt werden konnten; eine andere Erhebung, beispielsweise über alle vorgekommenen Verbrechen eines Jchres müßte naturgemäß lückenhaft bleiben.
Aber auch so sind die Zahlen sehr interessant. Sie zeigen, daß fast jeder hundertste Deutsche jährlich nicht nur mit den Reichsgesetzen in Konflikt gerät, sondern auch erfaßt und verurteilt wird. Daraus erhellt, daß die Verstöße gegen Gesetze überhaupt noch weitaus häufiger sind, und daß vielleicht sogar jeder fünfzigste Deutsche sich mehr oder weniger harmlos und heimlich kriminell schuldig macht.
595 656 Personen wurden insgesamt rechtskräftig verurteilt wegen Vergehen und Verbrechen gegen Reichsgesetze überhaupt. Darunter fallen sowohl die Strafgesetze, wie die Militärstrafgesetze und besonderen Reichsgesetze, nämlich das Gesetz zum Schutze der Republik, über den Verrat militärischer Geheimnisse, das Gesetz über Schußwaffen und Munition, das Kraftfahrzeuggesetz und verschiedene Sonderverfügungen aus der Gewerbeordnung usw.
Das am wenigsten zur Verurteilung gekommene Delikt ist der Landesverat. Hier wurden nur fünf Personen verurteilt, und zwar befanden sich darunter weder Frauen noch Vorbestrafte. Das häufigste Vergehen ist dagegen der einfache Diebstahl, der mit nicht weniger als 74 946 Verurteilungen, darunter 15 833 Frauen und 32 904 Vorbestraften gesühnt werden konnte. Es folgt in der Kategorie aber sogleich der Betrug, eine allgemeine Zeitkvankheit offenbar, mit 52 626 Verurteilungen, darunter 5913 Frauen und 32 583 Vorbestraften!
Schnell fertig ist der Mensch auch mit dem bösen Wort, und daher nimmt es nicht wunder zu lesen, daß wegen Beleidigung sich 41517 Menschen, darunter 11561 Frauen und 10 456 Vorbestrafte, zu verantworten hatten. Interessant ist in dieser Rubrik, daß die Frauen prozentual an den Beleidigungsvergehen am höchsten beteiligt sind, wahrscheinlich, weil bei vielen van ihnen die Zunge sehr locker sitzt.
Die gefährliche Körperverletzung ist weitaus häufiger als die leichte! Wenn einmal die Hand ausrutscht, dann läßt sie sich wahrscheinlich schwer aufhalten. Es stehen daher 34 950 gefährlichen Körperverletzungen nur 13 663 leichte gegenüber, und es erstaunt zu hören, daß sich an den gefährlichen sogar 1626 Frauen beteiligten! Auch sind die Vorbestraften der gefährlichen Verletzung zahlreicher, als bei der leichten, nämlich 12 493 gegen 4287. Sehr beliebt sind bei den Gesetzesübertretern auch die Unterschlagungen. Für sie müssen 38 705 Personen büßen, darunter 4491 Frauen. Vorbestraft sind aber auch hier sehr viele, nämlich nicht weniger als 20 839. Aehnlich liegt die Sache beim schweren Diebstahl, den nachweisbar 16163 Personen, darunter naturgemäß wenig Frauen: 782 an der Zahl, aber 9557 Vorbestrafte begingen. Ueber zehntausend deutsche Zeitgenossen hatten sich wegen Sachbeschädigung zu
der Arbeitsämter betrug die Zahl der Arbeitsuchenden am 30. September rund 308100 (gegen rund 271 600 im Vorjahr). Seit Monatsmitte hat sie also um rund 2800 ab genommen (Vorjahr 1200). Sowohl gebietlich als beruflich war die Tendenz des Arbeitsmarktes nicht einheitlich. Die Zunahme, die sieben Arbeitsämter zu verzeichnen hatten, beruht zum größten Teil (besonders in den Arbeitsamtsbezirken
verantworten, darunter 342 Frauen. (Was mögen die demoliert haben?)
Die schwereren Verbrechen weisen natürlich geringere Ziffern auf, Aber es ist erschütternd zu lesen, daß (übrigens nach einer besonderen Statistik über „gewaltsame Todesfälle") in dem gleichen Jahr, in dem 69 Personen wegen Mordes (5 Frauen) und 348 Menschen (44 Frauen) wegen Totschlags verurteilt wurden, nicht weniger als insgesamt 707 Morde und TotschlagsÄelvkte an männlichen und 469 Morde und Totschlagsdelrkte an weiblichen Personen entdeckt wurden, also zusammen 1176!
Meineidig wurden 2202. darunter 636 Frauen. Vorbestraft von diesen waren 888. Raub und Erpressung fanden durch 811 Verurteilungen chre Sühne, und es ist auch hier interessant zu hören, daß sich darunter 21 Frauen befanden; die Zahl der Vorbestraften ist sogar 541, ein sehr hoher Prozentsatz. Das Verbrechen der Brandstiftung konnte mit 466 Verurteilungen, darunter 68 Frauen, gemaßregelt werden. Hausfriedensbruch zählt 9063 Verurteilte mit 644 Frauen. Unter 20 verurteilten Hochverrätern befand sich keine Frau, wohl aber waren von ihnen allein 13 vorbestrafte Individuen. Unzucht wurde an 5365 Männern und nur 29 Frauen zur Bestrafung gebracht, dagegen ist die Zahl der Frauen bei verurteilten Abtreibungen mit 2508 gegenüber 1089 erklärlicherweise höher.
Vergehen und Verbrechen gegen das Militär- strafgesetzbuch wurden 487 gerichtlich erledigt. Es befanden sich darunter keine Frauen, wobl aber 45 Vorbestrafte. Von den Vergehen gegen andere Reichsgesetze interessiert die große Zahl derer, die wegen Verstoßes gegen das Kraftfahrzeugesetz verurteilt werden mußten; es sind nicht weniger als 33 766, darunter 1056 Frauen.
Auch das Gesetz über Schußwaffen und Munition erforderte seine Opfer: 5862, darunter 105 Frauen. Diese Zahlen dürften, wenn erst die Statistik über 1931/32 herausgebracht sein wird, noch ganz besonders hoch anschwellen, denn die Vergehen und Verbrechen dieser Art in den letzten bewegten politischen Zeiten sind außerordentlich angewachsen.
Wegen Verrats militärischer Geheimnisse, das ein besonderes Reichsgesetz neben dem Hochverrat und Landesverrat bars teilt, wurden 98 Personen, 8 Frauen- und 45 Vorbestrafte, verurteilt. Die Republik schützte sich mit 261 Bestrafungen, wobei sich 3 Frauen befanden.
Ein Verbrechen ist ganz besonders geartet und wird auf gerichtlichem Wege seinem Charakter gemäß nicht gesühnt: das Verbrechen gegen das eigene Leben, der Selbstmord. Während die letzte genaue Ziffer aus dem Jahre 1929 im ganzen 16 665 Selbstmorde, 11 836 männliche und 4829 weibliche betrat, wurde sie für das kommende Jahr und auch für 1931 schon auf rund 18 000 geschätzt.
Das Anwachsen dieser traurigen Zahl erklärt sich vielfach aus den schlechten wirtschaftlichen Verbäls- nissen. Ueber Selbstmordversuche besagt feine Statistik etwas; aber die Zahl derer, die ihrem Leben willkürlich ein Ende zu bereiten gedachten, aber gerettet wurden, dürfte weit über der Ziffer der vollendeten Selbstmorde liegen.
Darmstadt und Limburg) auf Neuzugängen von Arbeitslosen, die längere Zeit dem Arbeitsmarkt fern= geblieben waren, und mir in geringem Umfang auf einer weiteren Schrumpfung der Beschäftigung in den Außenberufen, die besonders in den Bezirken Marburg und Treysa festzustellen war. Umgekehrt war das Sinken der Arbeitsloseuziffern in den übrigen Arbeitsamtsbezirken, z. B. in Hersfeld um
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in dreifacher Ausfertigung nach neuester amtlicher
Vorschrift sind erhältlich in der
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über 1000, überwiegend durch das Fortbleibon ausgesteuerter Arbeitsloser und zum kleineren Teil durch bessere Aufnahmefähigkeit einzelner Wirtschaftszweige verursacht, wie durch Einstellungen, die die Portefeuille- und Schuhindustrie im Bezirk Offenbach und die Metallindustrie im Bezirk Dillenburg, vornahmen. Die saisonmäßige Belebung im Bekleidungsgewerbe hielt allgemein an. Etwas zahlreicher war auch für Baufacharbeiter — besonders in den größeren Städten — Beschäftigung vorhanden, während in ländlichen Bezirken die Entlassun- gen überwogen. Durch das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Reichsregierung und die Maßnahmen zur Belebung der Wirtschaft kamen nach den Mel- gungen der Arbeitsämter während der letzten drei Tage der Berichtszeit schätzungsweise etwa 600 Personen in Arbeit. Von den am 30. September gezählten 308 095 Arbeitsuchenden erhielten 32 492 = 10,5 Prozent Arbeitslosenunterstützung und 120 159 = 39 Prozent waren von den Arbeitsämtern anerkannte Wohlfahrtserwerbslose. Die Zahl der im freiwilligen Arbeitsdienst beschäftigten Personen betrug Ende September schätzungsweise rund 26 600.
* Daten für 11. Oktober. 1531: Der schweizerische Reformator Ulrich Zwingli fällt bei Kappel. 1616: Der Dichter Andreas Gryphius in Glogau geb. 1825: Der Dichter Konrad Ferdinand Meyer in Zürich geb. 1870: General v. d. Tann erobert Orleans. 1907: Der Archäologe Adolf Furtwängler in Athen gest.
* seinen 70. Geburtstag feiert morgen in voller Rüstigkeit Herr Wilhelm Groß, Fallbachstraße 8.
* Personalnachrichlen. Herr Dr. med. Otto Meyer aus Hanau, leitender Arzt in Bad Salzhausen (Oberhessen), ist zum Kreisarzt in Bensheim (Bergstraße) ernannt worden.
* Freiwillige Sanilälskolonne Hanau. Wie alljährlich hält auch in diesem Winterhalbjahre die Freiw. Sanitätskolonne einen Kursus in der „Ersten Hilfe" bei Unglücksfällen und plötzlichen Erkrankungen ab, dessen Beginn auf Donnerstag. 13. Oktober, abends 8 Uhr festgesetzt ist Der Kursus findet in der gewerblichen Fortbildungsschule am Johanneskirch- platz statt. Der theoretische Teil liegt in den Händen der beiden Kolonnenärzte Herren Dr. Grißhammer und Dr. Paulus, während der praktische Unterricht von den Führern der Kolonne erteilt wird. Interessenten sind zum Kursus willkommen. Nach Beendigung des Unterrichtes, der 12 Doppelstunden umfaßt, können sich diejenigen Herren, die gewillt sind, der Kolonne beizutreten, der erforderlichen Prüfung unterziehen.
* Das Gericht sagt: Zeikungslesen ist Pflicht! Ein Kaufmann in Calbe, der Maschinen im Ausland vertrieb, wurde wegen formaler Verstöße gegen die Devisengesetzgebung zu 300 RM Geldstrafe verurteilt. Die Berufungsinstanz erhöhte die Strafe auf einen Monat Gefängnis und 800 RM Geldstrafe mit der Begründung, daß ein Mann, der im öffentlichen Leben stehe, sich nicht auf mangelnde Informiertheit berufen kann, sondern Zeitungen zu lesen habe.
* Vortrag. Einen öffentlichen Vortrag über das Rätsel der Zuckerkrankheit veranstaltet morgen, Dienstag, 8^ Uhr, im Hotel Riesen der Bund für Heil- und Lebensreform. (Näheres siehe Inserat).
* An übertragbare« Krankheiten wurden in der Woche vom 2.—8. Oktober amtlich gemeldet: Diph-- therie je 1 Fall aus Langendiebach und Rückingen, Scharlach 2 Fälle aus Großauheim, Typhus 1 Fall aus Bischofsheim und Paratyphus 1 Fall aus Lan- gendiebach.
„$W4M MtMtw“
Von Harald Baumgarten Copyright 1928 by Georg Müller Verlag.
(Nachdruck verboten.)
21. Fortsetzung.
Werkmeister lachte. Der Preuße und der Schwabe lagen sich gern ein wenig in den Haaren.
„Die Insel scheint unbewohnt," sagte er dann, . an die Reeling tretend, „wir würden doch zum mindesten Rauch 'aufsteigen sehen. Außerdem wäre anzunehmen, daß sie an der Küste ihr Dorf errichtet hätten."
„Können auch in den Bergen wohnen, ich traue der Insel da nicht. Wenn sie uns gesehen haben, ziehen sie sich ins Innere zurück, und warten, bis wir gelandet sind."
„Hurra!" schrie Mechtle und stimmte an: „Auf in den Kampf, Torero!"
Aber in der Begeisterung hatte er zu hoch angefangen und konnte' nun nicht mehr weiter.
„Vergessen Sie nie, lieber Mechtle, daß unsere Expedition eine friedlich-wissenschaftliche ist, und daß wir alle Zusammenstöße mit Eingeborenen vermeiden müssen", meinte lächelnd Werkmeister. „Uebrigens irren Sie, wenn Sie in jedem Südsee- Jnsulaner einen Menschenfresser erblicken. Weiße sind jedenfalls noch nie verspeist worden, das verbietet sich schon aus religiösen, ober wir wollen bei diesen unentwickelten Begriffen lieber sagen, magischen Gründen."
„Zu Tisch bitte!" rief der bedienende Steward. Man setzte sich unter das Sonnensegel. Es gab Taro, geröstete Brotfrucht, die man unterwegs eingenommen hatte, und ein appetitlich aussehendes Fischgericht. Schultze war sparsam mit den Vorräten, da er bei dem bevorstehenden Herumkreuzen nie wußte, wann er wieder Lebensmittel einnehmen konnte.
Mechtle hatte seinen echt schwäbischen Hunger mitgebracht. Er kaute bereits mächtig. „Was ischt denn das für ei Fisch?" fragte er.
„Haifisch-Rücken!" sagte ruhig Kapitän Schultze und schob ein mächtiges Stück hinter dis Zähne.
Mechtle blieb der Bissen im Halse stecken. Auch Werkmeister sah den Kapitän mißtrauisch von der Seite an.
„Haifisch, richtig zubereitet, schmeckt tadellos!" erklärte Schultze. „Die Eingeborenen essen jhn mit Vorliebe. Ich habe gestern nachmittag, wähtend die Herren im Laboratorium arbeiteten, so'n ollen Onkel geangelt, und der chinesische Koch hat ihn zubereitet. Na, schmeckt et nich?" wandte er sich zu Mechtle. Der sprang mit einem entsetzten Satz an die Reeling.
„Das war die Rache für die Eisbeine," meinte Schultze zu Werkmeister, „das ist Seebarsch, Herr Doktor. Wir haben sie gestern mit roten Lappen, die wir hinter dem Schiff schleppen ließen, gefangen."
Bleich kehrte Mechtle an den Tifch zurück. Er hatte die letzten Worte gehört. „Rache ischt Blutwurst, Kapitän!" verkündete er drohend und machte sich über die Seebarsche her.
Nachmittags sollte eine Expedition nach der Insel unternommen werden. Auch Kapitän Schultze wollte sich anschließen. Es lag kein Grund vor, dem Wetter zu mißtrauen. Der Stille Ozean lag wie ein Binnensee so friedlich.
„Wir nehmen das große Boot," entschied der Kaiptän, „die Haifische umkreisen das Schiff. Mit der kleinen Jolle können wir direkt von ihnen angegriffen werden. Ich habe einmal erlebt, wie so ein Biest ein kleines Ruderboot einfach umgerissen hat."
Werkmeister wollte gerne mit Mechtle allein fahren. Er wußte, der Kapitän war nicht gerne lange vom Schiff weg, und drängte immer zur Rückfahrt. Schultze dagegen traute den beiden Forschern nicht zu, den richtigen Moment der Rückkehr einzuhalten. Auch hatte er schlechte Erfahrungen mit den Kanaken gemacht, und es schien ihm absolut fraglich, ob die Insel nicht doch Eingeborene berge.
Durch die Riffe hindurch, die auch bei starkem Seegang die Wellen brachen, liefen sie in eine Art Binnensee.
An der Küste standen Palmen. Schwerfällig erhoben die großen Schildkröten, die am Strande sonnten, die Köpfe und stürzten sich ins Meer, als sie landeten. Gewaltige Scharen von Vögeln flogen mit grellem Geschrei in die Höhe.
„Die Insel ist bewohnt," sagte Schultze, „die Tiere kennen die Menschen, sie fliehen vor ihnen."
Wo der Strand aufhörte, begann der Urwald, undurchdringlich, durch Lianen gesperrt. Die Insel
stieg dann in die Höhe. Ein klarer Fluß, von den Bergen kommend, mündete im Meer.
„Ein idealer Ansiedlungsplatz I" Werkmeister sah sich entzückt um. Sie zogen das Boot an Land. Die vier Matrosen lagerten im Sand. Sie wollten versuchen, Schildkröten zu fangen und in dem Fluß ein Bad nehmen, der so nahe der Küste krokodilfre: war.
Die drei schlugen sich mit ihren Messern ein Stückchen in den Urwald. Wie eine lebende Mauer schloß sich das Grün hinter ihnen.
Die runden weißen Wölkchen am Horizont nahmen einen champagnerfarbenen Ton an, es ging gegen Abend. Sie hatten kleine Sirenen bei sich, mit denen sie sich von Zeit zu Zeit verständigten. Auf einer kleinen Lichtung, die einen Ausblick auf das Meer bot, trafen sie sich.
Die „Berlin", in der Entfernung klein geworden, lag ruhig vor Anker. Der Rauch wehte, von der schweren Luft gedrückt, in dünnen Schwaden landeinwärts.
Werkmeister und Mechtle hatten ihre Botanisiertrommeln gefüllt. Eine kleine Rast, dann wollte man zurückkehren.
Schultze richtete das Glas aufs Meer. Der mettertuhbige Seemann hatte den ganzen Tag das unheimliche Gefühl nicht loswerden können, als ob irgend etwas Gefahrdrohendes in der Luft läge. Da sieht er am Horizont einen Wasserberg emporwachsen.
Er macht seine Begleiter darauf aufmerksam.
„Eine Luftspiegelung!" Werkmeister betrachtete interessiert das Naturwunder.
Aber die Schwellung erhebt sich höher und höher, und kommt, wie von magischer Gewalt getrieben, auf die Insel zu. Durchs Glas scheu sie den Steuermann auf die Kommandobrücke laufen. Auch er hat also die Erscheinung bemerkt. Der Schlot der „Berlin" stößt mächtige Rauchwolken aus, die Dampfsirene heult unheilverkündend zu ihnen herüber.
Die drei Männer sehen sich an. Eine ungeheure Kraft scheint Himmel und Wasser zu vereinen.
Plötzlich wird der Kapitän leichenblaß. „Ein Seebeben! Das Schiff ist verloren, wenn sie nicht sofort losmachen!"
Man sieht, wie in rasender Eile der Anker eingenommen 'm erben soll. Ab er er hat sich in dem verästelten Korallengestein verfangen. Sie wollen ihn
kappen. Doch die eiserne Kette spottet ihren Bemühungen.
Und schon ist der gewaltige Wasserberg — wie eine steile, kristallene Wand — herangerollt. Er packt die „Berlin", reißt die Ankerkette wie einen Bindfaden durch, hebt sie hoch über den ersten Korallengürtel, und schmettert sie mit furchtbarer Wucht auf den zweiten, daß der eiserne Rumpf wie eine Nuß zusammenbricht.
Mit dem Vorderschiff hängt sie auf dem Gestein, das Achterteil sackt ab.
Die „Berlin", vor wenigen Minuten ein festes Schiff, ist ein hilfloses Wrack geworden.
Und schon kommen die Wasser an die Insel heran.
Die Matrosen sind an das Boot gesprungen, und erwarten die Flut, die sich auf die zuwälzt.
„Wir müssen höher hinauf," schrie Schultze, „die Flut kommt bis hierher!"
Sie klettern in die Höhe, rutschen auf dem schlüpfrigen Lehmboden aus, helfen einander hoch, streben weiter.
Die Flut hatte den ersten Saum des Waldes überrannt, Blöcke von Korallen gegen die Bäume geschleudert, daß die Urwaldriesen wie Streichhölzer zufammenknickten.
Dann war sie zum Stillstand gekommen.
Das Boot der Matrosen war von ihr weit hinaufgetragen worden. Nun ebbten die Wasser ab, so rasch, wie sie gekommen.
Mit zerbrochenen Masten, der Schornstein wie mit dem Rasiermesser abgeschnitten, sank der Rumpf der „Berlin" immer tiefer.
(Fortsetzung folgt).
Giadt - Theaiev Kana«
Montag, 10. Oktober, 8 bis nach 10.30 Uhr
„Die Journalisten"
Dienstag, 11. Okt., 8 Uhr 2. Vorst, im Dienstag- Abonnement Erstaufführung der populärsten Operette von Granichstaedten „Der Orlow"
Mittwoch, 12. Okt., 8 Uhr 2. Vorst. im Mittwoch- Abonnement Erstaufführung des Krimnal-, Jlütiz- und Gesellschaftsstückes „Kopf in der Schlinge" von John von Bradley