Nr. 234
Mittwoch» den 5. Oktober 1932
Sekte S
Stadt Kanan
Wie warm soll die Wohnung fein?
Die Zeit des Heizens ist gekommen, und wenn ich einige schöne warme Tage noch die Täuschung s Sommers hervorbringen. Die Nächte sind aber jon recht kühl und die geringste Wetterverschlech rung macht auch eine künstliche Erwärmung der Wohnung dringend erforderlich. Es fragt sich nun, eiche Durchschnittstemperatur die einzelnen Zim- er aufweisen müssen, wenn Gesundheit darunter cht leiden sollen. Jeder weiß, daß besonders in n ersten kühlen Tagen eine zu warme Wohnung nadezu eine Last ist. Schon die Tatsache, daß an die Fenster aufreißt oder sich ins Freie bebt, um ein wenig frische kühle Luft zu genießen, : der Beweis dafür, daß der Körper des Men- )en ebensowenig zu große Wärme wie zu große alte verträgt. Er will sich dann in der kühlen ast der freien Natur gewissermaßen gesundbaden, erade jetzt in der Uebergangszeit ist die Gefahr 's Ueberheizens der Wohnräume besonders groß, mn die Außentemperatur ist meist noch recht hoch, I daß schon bei geringer Feuerung die Innen- mperatur der Zimmer sehr beträchtlich ansteigt, ian gewöhne sich darum daran, in jedem Zimmer n Thermometer zu haben, denn, dieses Werkzeug t allein ein objektiver Maßstab für die Feststel- mg der erträglichen Wärme. Je nach der Ver- «endung, die die Zimmer haben, muß ihre Durch- znittstemperatur verschieden sein.
Das Wohnzimmer, in dem sich die Familie lgsüber aufhält, ohne durch Tätigkeit natürliche Barme dem Körper zuzuführen, muß die höchste Temperatur in der Wohnung aufweisen. Durch atistische Erhebungen der Hygieniker ist festgestellt färben, daß im Wohnzimmer eine Durchschnitts- »mperatur von 17—19 Grad Celsius vorhanden nn muß, wenn man sich wohlfühlen soll. Die Lärmeempfindlichkeit der Menschen ist verschieden, nnige fühlen sich bereits bei 17 Grad sehr wohl, ndere erst bei 19. Darum soll die Temperatur m Wohnzimmer je nach Bedarf nicht unter 17 i/ab liegen und nicht 19 Grad überschreiten. Senn man ständig in einem Zimmer mit 2 bis 25 Grad sich aufhält, wie es häufig zu eobachten ist, dann hat man stets die Möglichkeit, ich zu erkälten. Der Körper wird überwärmt nb dadurch feucht, und wenn man auf die Straße ritt, wo im allgemeinen zur Herbst- und Winters- eit Winde und Stürme herrschen, wird man sich chnell erkälten.
Das Schlafzimmer muß verhältnismäßig ühl gehalten werden. Es ist verkehrt, hier auf ebe Heizung zu verzichten, denn die künstlich er- eugte Wärme zerstört die Feuchtigkeit, die sich anst der Räume bemächtigt. Man soll das Schlaf- immer gut durchlüften, während der Ofen er- oärmt ist. Diese Durchlüftung hat aber zur Folge, iaB sich an den Wänden Feuchtigkeit niederschlägt. Venn nun das Zimmer nicht geheizt wird, dann vird den Personen, die in dem Zimmer schlafen, Wärme entzogen, die zur Verdunstung der Feuch- igkeit erforderlich ist. Die Folge davon sind allerlei Leiden und Beschwerden, die sich allmählich im Laufe der Zeit einstellen und als „Reißen" oder kkacharrhe aller Art sich bemerkbar machen. Man rtennt daraus, daß ein nicht geheiztes Schlafzim- ner sehr viele Unzuträglichkeiten mit sich bringt. Ero^bem aber darf dâs Schlafzimmer niemals ehr warm gemacht werden. Eine Durchschnitts- lemperatur von 14—15 Grad Celsius ist nach den Erfahrungen der Heilkunde ausreichend. Ueberhitzte Schlafzimmer machen den Menschen schlaff und 'ringen Neigung zu Erkältungskrankheiten. Ebensowenig wie eine Abhärtung durch nichtgeheizte Schlafzimmer gut ist, ist eine Verweichlichung durch (U warme Schlafzimmer am Platze.
Das Kinderzimmer soll ungefähr 16 Grad lelfius aufweisen, wenn es dazu benutzt wird, daß )ie Kinder darin spielen. Ist es aber ein Arbeitszimmer, wo die Schularbeiten gemacht werden, dann sind 18 Grad Celsius am Platze, also dieselbe Wärme, wie sie in den Schulräumen herrschen soll. Diese Durchschmttstemveraturen haben sich be-
Setzt iß «S Jett Wt KauSeevaeatuvenr
Der deutsche Althausbestand befindet sich zum Teil in sehr verwahrlostem Zustande. Das ist eine Tatsache, über die in der verflossenen Zeit viel geschrieben worden ist. Fachleute beziffern den zur Wiederinstandsetzung notwendigen Betrag für das ganze Reich auf fünf bis sechs Milliarden. Der frühere Reichsarbeitsminister Stegerwald hatte bereits in einem Rundschreiben an die Länderregierungen die besondere Aufmerksamkeit der Behörden auf die Gefahr des weiteren Verfalls unseres Alt- wohnungsbestandes gelenkt. In seinem Schreiben wies er auf die verpflichtenden Bestimmungen des Reichsmietengesetzes hin und betonte die Möglichkeit, Hausreparaturen mit Hilfe von Reparatur- wechseln zu finanzieren. Außerdem sollten — wo noch Hauszinssteuermittel zur Verfügung ständen — diese mit herangezogen werden.
Erfolge dieser Maßnahmen waren wohl kaum zu verzeichnen. Die Hauszinssteuermittel waren durchweg vergriffen, gegen die Inanspruchnahme von Reparaturwechseln bestand sowohl bei den Hausbesitzern als auch bei den Handwerkern ein gewisser Widerwille. Die gegenwärtige Reichsregierung versuchte dadurch einen Anreiz zu schaffen, daß sie einen Zinszuschuß in Höhe von fünf Millionen RM zur Verfügung stellte. Darüber hinaus übernimmt das Reich die Garantie für Reparaturkredite in Höhe von 100 Millionen RM.
Weitere bedeutende Maßnahmen brachte die Notverordnung vom 4. 9. 1932. Sie enthält in ihrem wirtschaftlichen Teil eine Bestimmung, nach der 50 Millionen RM für Hausreparaturen und Teilung von Wohnungen bereitgestellt werden. Die Durchführungsbestimmungen vom 17. 9. 1932 enthalten darüber nähere Angaben. Die Reichshilfe in Form verlorener Zuschüsse wird für Reparaturen an Häusern gewährt, die vor dem 1. Juli 1918 fertiggestellt wurden. Die Zuschüsse erreichen ein Fünftel der gesamten Reparaturkosten; Reparaturen mit weniger als 250 RM Kosten bleiben unberücksichtigt. Im Sinne der Verordnung gelten als Reparaturen: Erneuerung der Dachrinnen und Abflußrohre, Umbetfen des Daches, Abputz oder Anstrich des Hauses im Aeußern, Neuanstrich des Treppenhauses, Erneuerung der Heizanlagen, Beseitigung von Hausschwamm und ähnliche außerordentliche, einen größeren Kostenaufwand erfordernde Instand- setzungsarbeiten.
Für die Teilung von Großwohnungen in Althäusern und Neubauten werden ebenfalls verlorene
währt und sind geeignet, während der langen Wintermonate den Menschen gesund zu erhalten.
Im Krankenzimmer dagegen sind Temperaturen von 21—22 Grad angebracht, da Kranke erfahrungsgemäß einen größeren Wärmebedarf haben als Gesunde. Diese Temperaturen gelten, gleichgültig, ob es sich um Ofen- oder Zentralheizung handelt.
VevlKnsevuns des Slbw-ungssvM für die Hansrinssteuer
Zu der am Samstag veröffentlichten Verordnung des Reichspräsidenten, durch die die Frist für die Ablösung der Hauszinssteuer mit dem dreifachen Jahresbetrag über den 30. September 1932 hinaus bis zum 31. März 1933 durch die Länder verlängert werden kann, teilt der Roichsfinanzminister u. a. mit:
Um einen Anreiz für die Ablösung zu geben, sieht die Notverordnung vor, daß auch die für die Zeit vom 1. April bis zum 30. September 1932 erhobenen Beträge an Gebäudeentschuldungssteuer zur Hälfte auf den Ablösungsbetrag angerechnet werden. Die in der Zeit vom 1. Oktober 1932 bis zur Entrichtung des Ablösungsbetrages fällig ge-
Zuschüsse gewährt, wenn dadurch mindestens zwei neue Wohnungen entstehen. Die Zuschüsse betragen 50 o. H. der Umbaukosten, jedoch höchstens 600 RM für jede neu errichtete Wohnung. Die gleichen Zuschüsse werden gegeben bei Umbauten von gewerblichen Räumen, wenn dadurch mindestens eine neue Wohnung errichtet wird. Die Reparaturen und Umbauten müssen jedoch vor dem 1. April 1933 begonnen und spätestens vor dem 1. Januar 1934 beendet sein. Die Zuschüsse erhalten nur Hausbesitzer, die ihre Reparaturarbeiten von gewerbepolizeilich gemeldeten Unternehmern ausführen lassen
Zusammen umfassen die bisher zur Erhaltung unseres Althausbesitzes getroffenen öffentlichen Hilfsmaßnahmen: Fünf Millionen RM für Zinszu- schüsse, Kreditgewährung durch sogenannte Reparaturwechsel, Reichsbürgschaft für Kredite bis zu 100 Millionen RM und 50 Millionen RM für verlorene Zuschüsse. Hinzu kommen die auf Grund der Notverordnung vom 4. 9. 1932 den Hausbesitzern aus- zuhändigenden Steuergutscheine, die nach den Ausführungen des Vorsitzenden der Haus und Grundbesitzervereine für den Hausbesitz rund 400 Millionen RM ausmachen. Da diese zurückzugebenden Steuersummen nach der 2IbficW der Reichsregierung der Ankurbelung unserer Wirtschaft dienen sollen, darf die Oeffentlichkeit die Verwendung dieser Gelder für die Instandsetzung der reparaturbedürftigen Althäuser erwarten. Anderweitige Verwendung dieser Mittel läuft dem Sinn der Notverordnung zuwider.
Die schwierigste Frage für die Durchführung von größeren Jnstandsetzungsarbeiten — die Finanzierung — dürfte nunmehr sehr erleichtert werden. Hinsichtlich der Kosten der auszuführenden Arbeiten bietet die gegenwärtige Zeit die günstigsten Voraussetzungen; jetzt ist Bauen am billigsten. Die Baukosten sind im Verlauf der Krise anhaltend stark gesunken. Der amtliche Baukostenindex stand Ende August auf 120 (1913 — 100). Die tatsächlichen Baukosten liegen jedoch wesentlich tiefer, da infolge der katastrophalen Beschäftigungslosigkeit im Baugewerbe die Preise einen kaum jemals gekannten Tiefstand erreicht haben. Hausbesitzer, die Reparaturen an ihren Häusern vorzunehmen haben, handeln darum am besten in ihrem eigenen Interesse, wenn sie diese Arbeiten unverzüglich in Auftrag geben.
wordenen Steuerbeträge sind jedoch neben dem Ablöfungsbetrag voll zu entrichten.
Zur Frage, ob dem Hauseigentümer anzuraten ist, von der Ablösung Gebrauch zu machen, wiederholt die Reichsregierung folgendes:
Die ablösenden Eigentümer haben keinesfalls zu besorgen, daß später Maßnahmen des Reiches getroffen werden könnten, durch die ihnen die gegenwärtige Vorzugsbehandlung wieder genommen wird ober durch die sie schlechter gestellt werden als die, die nicht abgelöst haben.
* Daten für S. Oktober. 1803: Der Physiker Heinrich Wilhelm Dove in Liegnitz geb. 1870: Der Kirchenstaat wird dem Königreich Italien einoerleibt.
* Silberne Hochzeit. Am 6. Oktober feiern die Eheleute Steuerinspektor Augnst Bechtel und Frau Agnes geb. Krebs, Leipziger Straße 69, das Fest der silbernen Hochzeit. — Das gleiche Fest feiern morgen 6. Oktober Herr Schreinermeister Wilhelm Gruner und Frau geb. Reichert, Hanau, Salis- weg 9
* Sein 25 jähriges Gefchäftsjubiläum feierte dieser Tage Herr Schirmmachermeister Karl K n ö p f l e, Brückenstraße 6.
Iahiunssbeßebie in dreifacher Ausfertigung nach neuester amtlicher Vorschrift sind erhältlich in der
Waisenhaus - Dvutkevei, Hanau.
* Lockerung der Wohnungszwangswirtschafi. Nach der 8. Verordnung über die Lockerung der Wohnungszwangswirtschaft vom 15. 9. 1932 ist für den Tausch von selbständigen benutz* t e n Wohnungen innerhalb desselben Grundstückes nach Maßgabe des § 8 Wohnungsmangelgesetzes die Genehmigung des Wohnungsamtes nicht mehr e r f o r d e r« lich. Der Vermieter hat jedoch von der Durchführung des Tausches unverzüglich dem Wohnungsamt Anzeige zu erstatten.
* Gefunden. In der Zeit vom 28. 9. bis 4. 10. 1932 sind als gefunden angezeigt worden: 1 rote Kinderhandtäsche mit Taschentuch, Spiegel und Kamm, 1 Auto felge nebst Schlauch, 1 blaue Trai- ningsjacke, 1 schwarze Handtasche mit verschiedenen Weinigkeiten, 1 Schlüsselring mit 4 Schlüsseln, 1 Kordel mit 3 Schlüsseln, 2 einzelne Schlüssel. DiÄ Eigentümer wollen sich im Fundbüro der Polizei* direktion, Zimmer 199, in der Zeit von 8 bis 12 Uhr, melden.
* Zahlung einer weiteren Gehaltsrake für Oktober. Den preußischen Beamten, Ruhegehaltsempfängern und Hinterbliebenen von Beamten wird als zweite Oktoberrate ein weiteres Viertel der ihnen für den Monat Oktober zustehenden gekürzten Dienst- unb Versorgungsbezüge, und zwar, soweit die Zahlung in bar zu leisten ist, am 11. Oktober d. Js. ausgezahlt. Ueberweisungen auf ein Bank- usw. Konto, auch Zahlungen im Postscheckwege mittels Zahlungsanweisung dürfen nicht vor dem 8. Oktober d. Js. erfolgen. Beamtenschecks auf die weiteren Oktoberbezüge dürfen nicht vor dem 11. Oktober b. Js. angenommen werden.
* Ehrendenkmal für die Gefallenen des Infanterie-Regiments Nr. 81. In mühsamer, langjähriger Sammelarbeit hat der 81er Bund jetzt Mittel zusammengebracht, um den lang gehegten Plan, ein Chrendenkmal für die im Weltkriege Gefallenen des aktiven Infanterie-Regiments und aller feiner Kriegsformationen in der alten Garnisonstadt Frankfurt a. M. zu errichten, ausführen zu können. Im Frühjahr 1933 soll das Ehrenmal geweiht werden. Frankfurt hat hierzu den erbetenen Platz in der Straße der Republik, an der Einmündung der Hohenstaufenstraße vor dem Eisenbahn-Direktions- Gebäude zur Verfügung gestellt, so daß das Denkmal in unmittelbarer Nähe der alten Garnisonkirche, der Matthäuskirche zu stehen kommt. Die Einweihung des Denkmals wird mit einer Wiedersehensfeier aller 81er, ähnlich wie im Jahre 1928, verbunden werden. Die Vorbereitungen hierzu sind im Gange. Weitere Mitteilungen folgen. Auskunft in der Denkmalsfrage erteilt: Oberstleutnant a. D. Wendt, Frankfurt a. M., Cppsteiner Straße 38. In Fragen Wiedersehensfeier: Inlnektor Herm. Frank, Frankfurt a. M., Schielestraße 26.
* Okloberfest der Turngemeinde Hanau. Wieder rüstet die Turngemeinde Hanau für ihr diesjähriges Oktoberfest, welches am kommenden Samstag, 8. Oktober in sämtlichen Räumen des Vereinshauses in der Jahnstraße stattfindet. Dem Charakter des Festes wird Wander- ober Straßenanzug erwünscht. Siehe Inserat.
* Neues Fernsprechhäuschen. In der Nürnberger Straße (Ecke Waldstraße) ist heute ein Fernsprechhäuschen mit Münzfernsprecher in Betrieb genommen worden. Das Häuschen wird in den nächsten Tagen auch mit Markengebern ausgerüstet werden. Die Anlage wird dem Schutze des Publikums empfohlen.
* Preuß. Klassenlotterie. Den Spielern zur gefl. Nachricht, daß heute — Mittwoch — der letzte Er- neuerungstag für die 1. Klasse ist.
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Von Harald Baumgarten
Copyright 1928 by Georg Müller Verlag.
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Schmalow erhob sich umständlich. „Also jut, türmen wir. Ick habe die Ehre, meine Herrschaften!"
Der Bas geleitete die beiden Herren, die noch schnell einen großen Kognak auf Kosten Schmakows tranken, hinaus.
. Jack drehte sich um. „Was war denn das nun wieder für eine Bekanntschaft?"
Lia lachte. „Bin selbst her ein gefallen, hielt den Kerl für einen verkrachten Adligen. Er schreibt für ein Skandalblatt in Berlin Artikel und treibt sich auf den Rennplätzen um. Jetzt merke ich, daß es ein ganz gemeiner Gauner ist, der mit uns wohl Geschäfte machen will. Verzichte, unsere Kompagnie ist groß genug. Aber nun zu Wichtigerem. Also ich sehe zu, daß ich auf die „Tarantella" komme, und du?"
„Ich habe dir schon mehrere Male gesagt, daß ich dringend Geld brauche. Ich fahre so schnell wie möglich nach Essex."
„Einverstanden, Jack, paß auf, du nimmst Hauptquartier in Chlemsford unter dem Namen, — na sagen wir schon — Dr. Watt. Dorthin sende ich dir Funktelegramme in unserer Chiffreschrift, sowie sich das irgendwie ermöglichen läßt. Valeur begleitet dich als Diener. Alles Nähere besprechen wir zusammen. Komm jetzt!"
„Ich gehe hier nicht raus, Lia, du weißt doch, daß der verdammte Neger und der Kapitän hier herumspionieren. Habe keine Lust, ihnen in die Hände zu laufen. Der Besuch eben war unangenehm genug."
„Du bist feig geworden, Jack, in Salvador!" Ihre Stimme klang hart. „Feiglinge kann ich nicht brauchen!" Sie wandte sich zur Tür.
„Aber Lia," — Jack sprang auf, „Ich bin ein wenig nervös von all den Aufregungen, aber ohne Verkleidung laß ich mich in Hamburg nicht sehen. Was will der Pankee denn überhaupt in der Süd- see, kannst du dir einen Vers darauf machen?"
„Ich bin kein Seher und kein Prophet, aber er wird einen Grund haben, und den werde ich vielleicht morgen schon erfahren. Also setz meinet
wegen deinen Zopf auf, und zieh deine chinesischen Kleider an. — Wir treffen uns um neun Uhr im „Grünen Baum"."
Lia betrat vorsichtig die Straße. Sie sah sich aufmerksam überall um. Es war niemand zu sehen. Sie bespöttelte sich selbst. „Der Jack hat mich angesteckt mit seiner Gespensterfurcht!"
Als Lia gegangen war, wollte Jack das Fremdenblatt lesen, da bemerkte er erst, daß der Fremde die Zeitung aus Versehen eingesteckt hatte. Schnell warf er sich in seine Verkleidung und schlich durch den Kellergang zu der chinesischen Plätterei hinaus.
Zur gleichen Zeit saßen Ebersstein und Schmakow in einem Auto und fuhren nach dem Ratsweinkeller.
„Also da haben Sie die Zeitung, mein Lieber," sagte Schmalow, „die dritte Annonce auf der letzten Seite ist ausgeschnitten."
„Danke schön!" Ebersstein drückte auf den Gummiball. „Beim nächsten Zeitungsstand halten!"
Der Chauffeur nickte.
Elftes Kapitel
Am nächsten Morgen stand Lia Ly auf den Landungsbrücken. Sie hatte sich „auf solide her- gerichtet. Ein Florentiner bedeckte den roten Bubikopf, ein kleidsames, einfaches Kostüm umschloß ihre noch jugendliche Gestalt. In der Handtasche ruhten die nachts angefertigten Zeugnisse. Auch einen Paß hatte Kowalewski, der in solchen Sachen Meister war, zustande gebracht. Und nicht leicht konnte jemand an den Papieren, die auf den Namen Emmy Richter lauteten, etwas Verfängliches finden. Einer gar zu scharfen Kontrolle wâr sie wohl auf einer Privatyacht nicht ausgesetzt.
Ein alter Schiffer fuhr sie zur „Tarantella", die ein Stückchen elbabwärts vor Anker lag. Er fühlte sich verpflichtet, mit seinem jungen Fahrgast einen kleinen „Klöntsche" anzufangen. „Na, Fräulein, schmuckes Boot die „Tarantella", tjä, was so die riechen Lüt sind. Unsereins fährt mit so ner ollen Holzwanne sein Leben lang."
Ein Schlepper fuhr an ihnen vorüber. Das Boot geriet ins Schwanken. „Na, man nicht ängstlich, Fräulein, zum Ersaufen sind wir beide noch viel zu jung."
Lia hatte keine Lust, das Geschwätz des Schiffers zu beantworten. Das Herz klopfte ihr doch ein wenig, als der weiße Rumpf des Schiffes immer
höher aus dem Wasser herauswuchs. Einen Moment war sie beinahe entschlossen, dem Schiffer zu befehlen, umzukehren. Aber dann biß sie sich auf die Lippen. Sie wollte ihren Willen haben. Von all ihren Freunden war ihr Jack immer der nächste gewesen. Uneingestanden trieb sie die Begierde, Mary Hee näher kennen zu lernen; denn sie fühlte, obwohl es Jack zu verbergen suchte, daß sein Interesse für sie selbst nachgelassen hatte, wenn auch geschäftliche Rücksichten ihn zwangen, ihr die frühere Liebe vorzutäuschen.
Die Abenteuerin liebte das Leben, das glänzend im Genuß der Stunden ohne Rücksicht auf morgen ober gestern dahinfloß. Was Jack offenbar nicht gelungen war, das Herz der kleinen dummen Mary Hee zu gewinnen, ihr, der reifen, in allen Liebeskünsten erfahrenen Meisterin, konnte es glücken, diesen täppischen jungen Pankee einzufangen. Sie kannte die Macht, die von ihrer voll erblühten Schönheit ausstrahlte. Ueberall, wo sie auftrat, lagen ihr die Bewunderer zu Füßen, ohne daß sie mit anderem, als mit ihrer Schönheit und ihrer Kunst wirkte. Lia Ly, der Varietestar, bekannt als internationale Lebedame, träumte mit offenen Augen von bisher ungeahnten Möglichkeiten für ihre Zukunft, während das Boot die Elbe herunterglitt und der alte Seebär, unwillig über seinen schweigsamen Fahrgast, in seinen Bart brummte.
„Vielleicht wäre es doch ganz gut, das Leben auf Seiten derer zu versuchen, die man bis jetzt mit allen Listen bekämpft hatte. Es wäre wohl angenehmer, die Freundin des reichen Pankees zu sein, anstatt von schmierigen Agenten feilschend von einem Variete zum andern gehetzt zu werden."
Die Dampfpinasse der „Tarantella", die in zierlichen kleinen Goldbuchstaben den Namen des Mutterschiffes trug, fauste eben an ihnen vorbei. Am Heck saß ein hübsches junges Mädchen, die Wangen von Hoffnung gerötet. Sie hatte den Kopf rückwärts gewandt und schaute nach der Pacht, in ihren blauen Kinderaugen einen Glanz, als sähe sie schon die Palmen an sandiger Küste dem Stillen Ozean zuwinken.
„Dumme Pute," dachte Lia, die sofort eine Konkurrentin ahnte, „mit dir nehme ich den Kampf noch auf!" Und sie zog noch einmal schnell mit dem Stift das weiche Oval ihrer blühenden Lippen nach.
Streck stand am Fallreep, während Mary und Ralph an Deck promenierten. Aus dem Schiff herrschte bereits die Aufregung der baldigen Abfahrt. Lebensmittel wurden eingenommen. Der Schiffsingenieur überprüfte nochmals die Maschinen. Matrosen saßen auf Deck und schrieben Postkarten an ihre Angehörigen, denn wenn auch Streck eiserne Disziplin hielt, so fehlte doch aller militärische Drill, und Ralph behandelte seine Leute mehr als Sportskameraden wie als Untergebene. Es wäre auch keiner gewesen, der nicht fein Leben gern für Ralph eingesetzt hätte.
Streck hielt die Hand über die Augen. „Aha," rief er zu den auf Deck Auf- und Abgehenden, „da kommt wieder eine," setzte er kopfschüttelnd hinzu, „das Reisefieber steckt dem Deutschen im Blut; und wenn wir in der Fremde sind, dann können mirs kaum aushalten vor Heimweh nach dem nebeligen Hamburg."
„Was meinen Sie, Streck, zu der jungen Dame, die sich eben vorgestellt hat?" fragte Ralph.
„Es war ein reizendes, bescheidenes Mädel, mir gefiel sie!" fiel Mary sofort ein.
„Tjä, Streck krauelte den grauen Kopf, „es war eine schmucke Deern, aber ich meine, sie war wohl noch en bißchen unreif. Die brauchte wohl selbst noch ne Hand, die sie hier und da son bißchen zurechtstuckt. Dunnerkiel, bat is ein feines Weib!" Das Boot Lias legte eben am Fallreep an.
„Ich komme auf Ihre Annonce im Fremdenblatt, Emmy Richter." Sie reichte Ralph, Mary und Streck ungeniert die Hand. Streck schmunzelte, und plinkerte Ralph zu. Emmy Richter gefiel ihm.
„Darf ich Sie bitten, näher zu treten?"
Sie gingen auf diese Worte Ralphs der Kajüte zu. Streck nahm Mary unter dem Arm. „Dat wär wat", flüsterte er, auf die mit Ralph vorausschrei- tenbe Lia deutend.
(Fortsetzung kolgH.
Stadt -Theatev Kanau
Mittwoch, 5. Oktober, 8—10 Uhr
„Madonna! wo bist Du?"
Freitag, 7. Oktober, 8 Uhr Erstaufführung der „Doppelgängerin"-Komödie „Nina» der Filmstar" von Bruno Frank