Seife 6
Donnerstag, den 8. September 1932
Nr. 2«
Lustmord an einer Sprachlehre rin?
Berlin, 7. Sept. Die 56 Jahre alte Sprachlehrerin Carl-Bruscato wurde heute abend in ihrer Wohnung tot aufgefunden. Frau Carl lebte feit einiger Zeit von ihrem Mann geschieden und betätigte sich als Sprachlehrerin. Als heute abend die erwachsene Tochter bei ihrer Mutter erschien, wurde auf ihr Klopfen nicht geöffnet.,, so daß sie das Ueberfallkom- mando herbeirief. Dfc' Beamten öffneten die Wohnung und fanden Frau Carl tot auf dem Fußboden liegend. Der Tatbestand läßt die Vermutung zu, daß an der Frau ein Sittlichkeitsverbrechen verübt worden ist. Die Mordkommission wurde benachrichtigt.
Ehemalige«? Abgeoedneiev ««tev Kindesmoedvevdacht vevhaftet
Berlin, 7. Sept. Die Waldenburger Kriminalpolizei hat Blättermeldungen zufolge den früheren kommunistischen Landtagsabgeordneten Schulz unter Mordverdacht an seinem zehnjährigen Sohn verhaftet. Schulz, der als brutaler Mensch bekannt ist, mißhandelte seine beiden 10 und 11jährigen Kinder schwer. Die Polizeibeamten fanden den Elfjährigen in der Wohnung mit erheblichen Verletzungen am ganzen Körper vor. Auf die Frage nach seinem zehnjährigen Sohn gab Schulz an, er hätte ihn einer unbekannten Frau mit nach Rußland gegeben. Da die Polizei den Verdacht hat, daß er das Kind zu Tode mißhandelt und dann beseitigt hat, verhaftete sie ihn. Schulz lebt in zweiter Ehe von seiner Frau getrennt mit den Kindern allein. Seine erste Frau hatte sich wegen der dauernden Mißhandlungen von ihm scheiden lassen. Seine zweite Frau lebt aus demselben Grunde getrennt von ihm. Schulz wurde vor kurzem aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Er gilt als überaus brutaler Mensch. Als er einmal eine sozialdemokratische Abgeordnete beleidigt hatte, wurde er von ihren Söhnen vor dem Parlament mit einer Hundepeitsche verprügelt. Seither führt er den Spitznahmen „Hundepeitschen-Schulz".
Durch Lbikagoev GvvveNee
ruiniert
Berlin, 7. Sept. Mit der Unterschlagung von Geldern, die auf dem deutschen Generalkonsulat in Chikago geschehen war, hatte sich heute die Dritte Strafkammer des. Landgerichts I zu befassen. Der Täter, der Konsu-lfekretär Willi Strehlow, gab die Schuld an seinen Verfehlungen einem Erpresser aus der Chrkagoer Unterwelt, der ihn ruiniert und seiner Konfulatslaufbahn ein vorzeitiges Ende bereitet habe. Strehlow hatte in Chikago eines Abends nach Beendigung seiner Tätigkeit auf dem Konsulat eine sogenannte Speak-Easy-Bar besucht, in der geschmuggelter Alkohol ausgeschenki wurde. Nachdem er sich dort an Whisky betrunken hatte, wachte er am nächsten Morgen zu seiner Ueberraschung in dem Zimmer eines jungen Mädchens auf. In dieses Zimmer trat dann ein Mann, der s i ch als Kriminalbeamter vorstellte und nur gegen die Zahlung einer hohen Kaution von einer Verhaftung Strehlow Ab- stand nahm. Von diesem „Kriminalbeamten", einem Angehörigen der Ehikagoer Unterwelt, will nun Strehlow fortgesetzt erpreßt worden sein. Als er die geforderten Beträge nicht mehr von seinem Gehalt bezahlen konnte, vergriff er sich an Geldern, die auf dem Konsulat für die unehelichen deutschen Kinder von Amerikanern hinterlegt waren. Kurze Zeit darauf wurde Strehlow nach Rotterdam versetzt. Um seine Verfehlungen zu vertuschen, nahm er die Akten über diese Konten mit. In Rotterdam fand man eines Tages die Ehikagoer Papiere und entließ den ungetreuen Konsulatsekretär, der bald in Berlin verhaftet wurde. Der Staatsanwalt beantragte gegen den Angeklagten zwei Jahre Zuchthaus. Das Gericht verurteilte ihn wegen Amtsunterschlagung und Urkundenbeseitigung zu einem I a h r ü r e i M o n a t e n Gefängnis.
Dev GieviliKsv««gsikanda>
Men, 7. Sept. Die Polizei stellte einen weiteren Operationsraum für Sterilisierungen in Wien fest, in dem an manchen Tagen bis zu 30 Operationen vorgenommen wurden. Auch^ diese Stätte stand unter förmlicher Leitung des Schriftstellers Großmann (Pierre Ramus). Die Haupt- schlepper waren hier drei Arbeiter, von denen einer mit der Frau verheiratet ist, die auf der Ramus- schen Zeitschrift „Erkenntnis und Befreiung" als Herausgeberin genannt ist. Ramus hat einen Bund für internationale Kontingentierung der Geburten gegründet, dessen Generalsekretariat sich in Stockholm befindet. Die unter Leitung von Ramus stehende „Propaganda-Liga für das Recht der Unfruchtbarmachung" soll auch in Deutschland (Mannheim) eine Zweigstelle haben. Die deutschen und schwedischen Sicherheitsbehörden werden sich mit der Uitersuchung befassen, ob auch in diesen Ländern Sterilisierungsoperationen wie in Oesterreich vorgenommen worden sind.
Lmmev «och vevbovse«e Schätze in Rutziand
Dor kurzem wurde in Leningrad im ehemaligen Palais des Zuckerkönigs Bobrinsky ein verborgener Schatz entdeckt. Kostbare Gemälde, Gold, Silber und Juwelen waren in einem Kellerraum versteckt. Das Geheimnis wurde von einem Arbeiter preisgegeben, der seinerzeit an der Vergrabung des Schatzes teilgenommen hatte. Kurz darauf wurde in einem Sanatorium in der Krim durch Zufall ein Juwelenschatz zutage gefördert. Auf einer Veranda des Sanatoriums,' das in einem ehemaligen Sommerpalais des Zaren eingerichtet ist, stand eine Marmorstatue. Eine Patientin des Sanatoriums lehnte sich eines Tages an die Statue; diese fiel herunter und zerbrach. Im Kopfe der griechischen Göttin waren Juwelen von hohem Werte versteckt gewesen! — Ein russischer Großindustrieller, der zurzeit als russischer Emigrant ein elendes Dasein in Berlin fristet, erzählt, daß er mehrere Flaschen mit 500 Rubel-Noten und Schmucksachen gefüllt und an verschiedenen Stellen seines Gutes vergraben habe. Er weiß heute aber nicht rr^r -..... mo Forschen liegen. Die Rub ln"' > " i
Wert verloren. Dennoch hatte sich der Finder der
Dov dev Ei«weihu«s des Mussolini-Stadions
Blick auf das fast vollendete Sportforum „Mussolini" in der italienischen Hauptstadt, das am Jahrestag des Marsches auf Rom als neue Zentralstätte für den immer mehr empor- kommenden italienischen Sport feierlich eingeweiht werden wird. Die Marmorstatuen auf der Umfassungsmauer des Stadions find über 4 Meter hoch und von den einzelnen italienischen Provinzen gestiftet.
Wie VismavE MinMev wurde
Ein schicksalsschweres Ereignis vor 70 Jahren
Vor 70 Jahren waren im September in Preußen fchickfalssc^vere und gewitterfchwangere Zeiten. König Wilhelm I. hatte bereits als Regent in einem Erlaß an das liberale Ministerium Hohen- zollern am 8. November 1858 von der notwendigen Heeresreform in Preußen gesprochen. Am 17. März 18-62 trat dieses Ministerium zurück, weil es die gesetzliche Genehmigung der Heeresreorganisation durch das Parlament nicht erlangen konnte. Es kam zu schweren Konflikten mit dem Parlament. Der Marburger Historiker Emont Zechlin hat in seinem Werk „Bismarck und die Grundlegung der deutschen Großmacht" über die bedeutsamen Tage interessante Mitteilungen gemacht. Im September 1862 spitzte sich der Konflikt zu. Eine gesetzliche Abschaffung der dreijährigen Dienstzeit wurde von Roon zwar nicht für bald, aber für «das Jahr 1864 in Aussicht genommen. König Wilhelm war damit nicht einverstanden. Er erhob sich und ergriff die Glocke, um den in Thüringen befindlichen Kronprinzen nach Berlin rufen zu lassen. Wenn er nicht regieren könnte, wie er nach seiner festen Ueberzeugung und nach seinem Pflichtgefühl es für richtig halte, so wolle er abdanken. Zur Entrüstung der Abgeordneten nahm Roon am 18. September 1862 in der Budget-Kommissiön die Zugeständnisse zurück, soweit sie die Herabsetzung der Dienstzeit betrafen. Am selben Tage fuhr er nach Babelsberg zu König Wilhelm, um den König noch für die zweijährige Dienstzeit zu gewinnen. Hier erfuhr er, daß das Telegramm an den Kronprinzen bereits ab gegangen war, und daß dieser sich schon auf der Fahrt nach Berlin befinde. Eine Regierung des Kronprinzen wurde von Roon gefürchtet und er sah jetzt nur noch einen einzigen Ausweg, den er mit aller Leidenschaftlichkeit schon länger als ein Jahr erstrebte, nämlich ein Ministerium Bismarck. Bismarck war für ihn schon damals der eiserne Mann, der allein imstande war, die Konflikte zu beseitigen, von denen augenblicklich Preußen erschüttert wurde. Er sandte an den Gesandten Otto von Bismarck nach Paris telegraphisch einen Alarmruf, der teils lateinisch, teils französisch abgefaßt war und in deutscher Ueber« setzung lautet: „Gefahr in Verzug! Beeilen Sie sich!" Inzwischen war am 19. September der Kronprinz in Babelsberg eingetroffen.
Als Roon im Parlament von der Entrüstung der Abgeordneten umtobt wurde, trug die Eisenbahn den Retter der deutschen Grenze zu. Bismarck befand sich auf der Fahrt nach Berlin. Aber es schien beinahe zu spät zu sein. An dem Tage, an dem Roon an Bismarck telegraphiert hatte, hatte König Wilhelm die Urkunde über seine Abdankung aufgesetzt. Der König empfing den Kronprinzen im Park von Babelsberg und teilte ihm mit, daß er ab danken wolle, falls die Minister darauf beständen, daß er der Angelegenheit der zweijährigen Dienstzeit nachgäbe. Der König war nicht sehr geneigt, wie Zechlin berichtet, Bismarck ein
Flaschen gefreut, da er durch den Juweleninhalt für die Entwertung des Zarengeldes reich entschädigt gewesen wäre. — Während der Revolution gelang es zahlreichen russischen Aristokraten, ihre Iuwelen- schätze zu verbergen. Ein weit verbreiteter Trick wurde allgemein benutzt, wodurch den Agenten des Tscheka stets ein Schnippchen geschlagen wurde. Bei Haussuchungen wurden Schmucksachen ins Wasser geworfen, das durch Tinte geschwärzt war. Nach Beendigung der Haussuchung sorgte man dafür, daß die Juwelen an einem sicheren Ort vergraben wurden; oft wurden dazu Eisenbahnböschungen benutzt.
Die längste Rohrleitung dev Velt
wie die Pelroleumfelder des Irak erschlossen werden
Englisches, amerikanisches und französisches Kapital ist an dem mit Beschleunigung durchgeführten Bau der längsten Erdälröhrenleitnng beteiligt, die jemals angelegt wurde. Es ist die Röhrenleitung im Irak, die sich von Kirkuk, dem Petroleumgebiet von Mosul, nach dem Mittelmeer über rund 1860 Kilometer erstreckt. Den großen neuen Hafen von Haifa und der schmalen Bucht I von El Mina, dem Meereszugang von Tripolis
Ministerium zu übertragen, denn er hatte damals für diesen energischen und rücksichtslosen Mann noch nicht die Liebe, die ihn später mit dem Schmied der deutschen Einheit während länger als ein viertel Jahrhundert verband. Am 23. September 1862 wurde Bismarck vom Könige empfangen. Diese Begegnung im Park von Babelsberg führte zu einer vollständigen Veränderung des Verhältnisses zwischen dem Könige und Bismarck. Das erste Schriftstück, das der König dem neuen Ratgeber zeigte, war feine Abdankung zu Gunsten des Kronprinzen. Aber Bismarck setzte dem Könige in kurzen Worten seine Ansicht über die Lage und seine Maßnahmen auseinander, trat für die Heeresneuordnung ein auch gegen den Willen des Parlaments und bat den König, den Gedanken an einen Rücktritt fallen zu lassen. Bismarck äußerte sich später über diese bedeutsame Begegnung, die den Bund zwischen dem Könige und seinem großen Ratgeber für das ganze Leben begründen sollte, mit folgenden Worten: „War des Königs Haltung vor der Unterredung die eines tiefgebeugten Mannes gewesen, so schritt er jetzt nach der Unterredung aufrecht fest und straff von dannen." Bismarck war Minister geworden. Er hatte die Lenkung des Staatsschiffes übernommen. Es war das schicksalsschwerste Ereignis in der neueren Geschichte Deutschlands. Bismarck führte seine Aufgabe mit großer Energie durch. Am 30. September 1862 hielt er eine berühmt gewordene Rede, in der er auf die Notwendigkeit eines starken preußischen Heeres hinwies. Es ist die berühmte „Blut und Eifen"- Rede, deren Hauptsatz folgender maßen lautet: Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden — das ist der Fehler von 1848/49 gewesen — sondern durch Eisen und Blut!" Dieser Ausdruck wurde bald zum geflügelten Wort. Schon in den ersten Wochen merkte die Welt, daß mit Bismarck ein neuer Geist in die Geschichte getreten sei. Das Parlament sah in ihm allerdings nur das gefügige Werkzeug der Reaktion und bekämpfte die Politik Bismarcks, der bald auf jeden Derföhnungsversuch verzichtete und ohne Etat weiter regierte. Er wollte die angekün- digte deutsche Politik ohne Unterstützung des Parlaments verwirklichen. Es wurden auf ihn Spottverse gesungen wie z. B. nach dem Bibelwort „mene. tekel, upharsin"
„Mene, mene, mene, Steuern zahlen wir keene. Mene, mene, tekel, Wir halten fest zu den Säckel. Mene, tekel, upharsin.
Zu beugen Euren Starrsin!"
Bismarck hat sich darum nicht gekümmert, sondern er ist rücksichtlos seinen graben Weg gegangen, um die Lösung der deutschen Frage idurchzuführen. Die Geschichte hat ihm recht gegeben, und spätere Parlamente haben ihn als den größten Staatsmann Deutschlands gefeiert.
zum Libanon, eröffnet sich, wenn die Anlage erst fertiggestellt sein wird, eine große Zukunft. In Haifa sind große Terrains für die Magazine und die zu errichtenden Sammel- und Reinigungsbecken bestimmt worden, in die sich der Strom des Rohöls von den Petroleumfeldern Mofuls ergießen soll. Das raffinierte Oel soll dann durch unterirdische Röhrenleitungen zu den Hafentanks geführt werden. Die Kosten der Gemmtausführung sind auf 10 Millionen Pfund Sterling berechnet. Ingenieure und Facharbeiter sind ausschließlich Engländer, Amerikaner und Franzosen. Außerdem aber werden auch Tau'ende von heimischen ungelernten Arbeitern als Tagelöhner eingestellt. Die Flüsse Tigris und Euphrat werden von zwei hochgeführten Drahtseilbahnen überspannt, um die Transporte des Materials und der Lebensmittel zu erleichtern. Das Felfenbett der beiden Flüsse wird mit großen Kosten gesprengt für die Anlage der Tunnels, in denen die Röhren der Leitung eingebettet werden. Diese Röhrenleitung selbst durchläuft das britische Mandatsgebiet Irak, Transsor- banien und Palästina in einer Länge von rund 560 Kilometer. An einem Punkt 10 Kilometer westlich des Eupbrat gabelt sich die Doppelleitung, eine Abteilung führ( von dort über Palmyra nach Tripolis in Syrien, die andere über Rutba nach Haifa In
Palästina. Es sind 13 bis 15 Pumpstationen auf der Strecke vorgesehen. An einer Stelle im Jordans tal senkt sich die Röhrenleitung bis zu 280 Meter unter den Meeresspiegel, während sie sich an einer andern auf dem Hochplateau von Transjordanien big zu rund 900 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Die erforderlichen Pumpstationen, denen die Aufgabe zusällt, den Druck aufzubringen, um das Oel durch die Röhren bis zu solchen Höhen emporzuheben, haben selbstverständlich eine ungewöhnliche Leistungsfähigkeit zu betätigen. Nach den Verträgen mit dem Irak muß die Petroleumgesellschaft das gewaltige Werk bis Ende des Jahres 1935 zu Ende geführt haben. Wenn erst, wie man annehmen darf, die Bagdad—Haifa-Eisenbahn längs der Petroleumröhrenleitung erbaut fein wird, wird sie dem Zweck dienen, ein ausgedehntes jungfräuliches Hinterland, das feit ungezählten Jahrhunderten von ■ der Welt abgeschnitten war, dem Handel und Verkehr zu erschließen.
Svvengstoffauschla» aus eteett litauischen Sugfühve«
Eydtkuhnen, 8. Sept. Auf den litauischen Zugführer des zwischen Kowno und Eydtkuhnen verkehrenden Personenzuges 24 ist gestern ein Anschlag verübt worden. Es wurde ihm in Kowno ein an seine Adresse gerichtetes Paket überreicht; als er es öffnete, explodierte der Inhalt. Der Zugführer wurde vom Zugpersonal in lebensgefährlich verletztem Zustande aufgefunden. Der Wagen wurde ebenfalls beschädigt. Ueber die Gründe zu dem Anschlag ist näheres noch nichts bekannt.
„Ms lange brüten die Kühner?"
Berlin, 7. Sept. In dem langwierigen Karo- Petschek-Prozeß kam es am Dienstag zu längeren Erörterungen, wie weit die Beweisaufnahme noch ausgedehnt werden soll. Dabei erklärte Iustizrat Drucker, der Vertreter des Nebenklägers Dr. Ernst Petschek, daß die Verteidigung Karos zur Formulierung ihrer Beweisanträge ebenso viel Zeit brauche, wie ein Huhn zum Eierausbrüten. Auf die Frage Prof. Dr. Alsbergs, des Verteidigers von Geheimrat Karo, wie lange denn ein Huhn zum Eierausbrüten brauche, erwiderte der Vorsitzende. Landgerichtsdirektor Ohnesorgen, ein bekannter Ornithologe, daß ein Huhn dazu 28 Tage benötige. Nach der Mittagspause stellte dann Prof. Dr. Alsberg fest, der Vorsitzende habe die Hühner mit den Enten verwechselt. Während Enten. 28 Tage zu ihrem Gierausbrüten brauchten, benötige ein Huhn nur 21 Tage.
Auch die Verhandlung am Mittwoch begann mit einer Erklärung Landgerichtsdirektors Ohnesorge, der den Parteien mitteilte, er habe zu Hause fest- gestellt, daß Prof. Dr. Alsberg mit seiner Annahme, daß ein Huhn nur 21 Tage zum Gierausbrüten brauche, Recht habe. — Darauf wurde wieder in die eigentliche Prozeßmaterie gestiegen.
Dev wvk.sk« - ei« Opfer dev Steuevn
Die schottischen Whiskybrennereien haben sich wohl oder übel dazu entschließen müssen, ihre Betriebe stillzulogen, weil die überhohen Steuern, mit denen der „Scotch Whisky" belastet ist, die Fabrikation nicht mehr rentabel erscheinen lassen. Der Verband der Destillerien des schottischen Whyskis, der 78 von 91 Betrieben kontrolliert, hat deshalb in einer Generalversammlung die allgemeine Schließung der dem Verband angoschlossenen Betriebe angeordnet. Don der Entscheidung werden Tausende von Arbeitern betroffen, nicht nur solche, Re in den Dostillerien selbst arbeiten, sondern auch solche, die in verwandten Industrien beschäftigt sind. Man wird also in der Brennsaison 1932/33 keinen Whisky mehr herstellen, und auch die dem Verbände nicht angehörigen Destillerien werden Kurzarbeit einführen. Bei der Fülle der Lagerbestände und dem Rückgang des Absatzes erwies sich die Maßnahme der Schließung als unabwendbar. „Es ist das die größte Krise, die wir bisher erlebt haben", erklärte ein Mitglied des Verbandes. „Wir haben viele Millionen Liter Whisky auf Lager, in einem so kleinen Ort wie Morayfhire lagern allein mindestens acht Millionen Liter. Die Herstellung des Whisky stellt sich für je vier Liter auf rund 3^ Schilling, aber die Regierung erhebt eine Steuer von 3 Pfund Sterling 12 Schilling. Unter diesen Umständen ist selbstverständlich ein Weiterarbeiten nicht mehr möglich."
Die Verleidigerbeschwerde im Felseneckprozeß verworfen
Berlin, 7. Sept. Die im Felseneckprozeß von sechs Verteidigern gegen die Anordnung des Ausscheidens zweier Richter durch das Schwurgericht des Landgerichts III eingelegte Beschwerde ist vom Dritten Fericnstraffenat als unzulässig verworfen worden. In der Begründung betont das Kammergericht, daß an der Ernstlichkeit des Beschlusses des Schwurgerichtes kein Zweifel bestehen und keine Rede davon sein könne, daß dieser Beschluß einen Vorwand für eine Vertagung bilden sollte. Der neue Felseneckprozeß wird voraussichtlich in drei Wochen vor dem ordentlichen Schwurgericht be- ginneft.
Ulis einem Maschinengewehr nach Deutschland desertiert
Prag, 6. Sept. Mit einem Urteile aus sechs Jahre schweren Kerker endete vor dem Prager Obersten Militärgerichte eine Tragödie, deren Anfang bereits im Jahre 1930 lag. Am 7. März dieses Jahres desertierten die beiden deutschen, im tschechischen Heere dienenden Sonaten Rudolf Richter und Willibald Schindler über die deutsche Grenze, als sie an einem im Riesengebirge ab gehaltenen Militär-Skikurs teilnahmen. Vorher hatten sie ein tschechoslowakisches leichtes Maschinengewehr, damals den neuesten Typ darstellend, ent« wendet. Diese Waffe führten sie einer interessierten Stelle in Deutschland vor, erhielten aber dafür nicht den erwarteten hohen Geldbetrag, sondern lediglich 70 RM. Einige Zeit später erschoß sich Richter in Deutschland, um seiner Notlage ein Ende zu machen. Schindler kehrte freiwillig nach der Tschechoslowakei zurück und stellte sich den Militärgerichten. Nach Durchlaufung verschiedener Instanzen wurde er nunmehr, wie erwähnt, endgültig zu sechs Jahren schweren, verschärften Kerkers verurteilt.