23. Juli
„Illustrierte Beilage zum Hanauer Anzeiger
1935
Unser Auge hat sehr feine, sehr geringfügige, oft kaum unterschiedliche Eigenarten, deren Erkenntnis
aber manchmal hinreichen kann, recht gewichtige Schlüsse auf die seelischen Verhältnisse eines Menschen zu ziehen. Allerdings hat die Tatsache dieser feinsten und dem Laien wirklich oft unzugängigen Beobachtungsfeinheiten dazu verführt, oft blind und kritiklos
manchmal recht alberne Theorien anzunehmen und zu glauben, die von „Kundigen" verbreitet werden. Wenn ein Weißenberg und viele andere „Seher" einem nur in die Augen zu schauen brauchen, um genau zu wissen, an welcher Krankheit ein Mensch leiden soll, so ist eine solche unkontrollierbare Methode einer Augendiagnose natürlich wissen- ichaftlich wertlos und nur im- tande, unter den Massen oft chweren Schaden anzurichten.
Erst die neuere medizinische Forschung hat den zahllosen Phanta- fierereien über den Augenausdruck ein Ende gesetzt. Heute weiß man, daß beispielsweise bestimmte Augenformen Âât ganz bestimmten Krankheiten Zusammenhängen.
Am bekanntesten dürfte wohl sein der stark nach außen gedrängte Augapfel mit dem ängstlichen, erschreckten Ausdruck bei der Basedowschen Krankheit, einer der bedenklichsten Störungen der Schilddrüse.
Aber auch gewisse Herzkrankheiten lassen einen vom Arzt deutlich bestimmbaren Augenausdruck aufkommen, genau so, wie Krankheiten mit allgemeinen Ernährungsstörungen des Organismus dem Auge und seiner Hautumge- Lung, vor allem dem unteren Lid, »einen ganz genau festzustellenden Charakter aufprägen. Auffallend tiefliegende Augen, häufig in Begleitung von faltiger, dünnhäutiger Umgebung, kennzeichnet charakterlich Menschen mit geringem Selbstvertrauen, leicht störbarem seelischen Gleichgewicht. Dagegen find Augen mit auffallender Fleischigkeit der Lider, des oberen Augenrandes, oft ausgesprochene Choleriker. Leichte schlitzförmige Verengung des Auges hat bei uns Nordländern nur scheinbar und zu Unrecht einen verkniffenen, unehrlichen Augenausdruck zur Folge, denn die häufigste Ursache dafür ist eine lästige, Unsicherheit erzeugende Form der Kurzsichtigkeit, oder ein Lidleiden, bei dem die normale Oeffnung des Auges nicht gewährleistet werden kann.
Doch von ganz anderer Bedeutung ist die Augen stellung. Schräg nach außen oben gestellte Augen deuten bei unseren abend
ländischen Rasten aus eine dekadente Eesamtart hin, die sich in Formen leichten Blödsinns, allgemeiner charakterlicher und körperlicher Minderwertigkeit äußern kann. Augen mit einer besonders geraden, wagerechten Haltung, zu denen noch ein ausgesprochen starrer Zug dazukommt, gehen häufig mit sehr fanatischen, sonderbaren, gewalttätigen
<7/ Menschentypen überein.
Leichtes, aber wieder verschwindendes und gelegentlich neu auftauchendes Schielen kennzeichnet starke Erregbarkeit, Ueberempfindlichkeit und Unbeständigkeit. Diese Augeneigenart ist bei Männern viel seltener als bei Frauen anzutreffen.
Ausgesprochene Verbrecheraugen gibt es nicht, nur eines läßt sich sagen, daß nämlich Kapitalverbrecher, besonders Mörder, Erau- samkeits- und Sittlichkeitsverbrecher einen unverkennbar gemeinsamen, erschreckend kalten und leeren Augenausdruck besitzen, zu
dem noch eine gewiste Starre der Augenstellung hinzukommt, die allerdings wissenschaftlich schwer zu beschreiben wäre und nur dem erfahrenen Beobachter geläufig bleibt.
Sehr weit aufgeristene, leer blickende Augen mit einer besonderen Neigung in der angenom- menen Blickrichtung zu verharren, sind typisch für starke Gewöhn- heitstrinker, Menschen, die einem narkotischen Rauschgift verfallen sind.
Bei viel denkenden, geistig sehr intensiven Menschen, Gelehrtentypen, hat das Auge einmal einen sehr auffallenden Glanz, aber außerdem ist der Blick manchmal sehr starr, einseitig festgehalten, verloren, ohne bestimmbare Zielrichtung, es ist so, als ob sie das Auge vergäßen und einfach irgendwo stehen ließen, bis es wieder zu irgendeiner Beobachtung gebraucht wird. H. V.
Von Liliom
Gibt es sie überhaupt noch? Gibt es heute auch nur eine Mark, nur fünfzig Pfennige, nur zehn Pfennige, die überflüssig sind?
Ja. Es gibt sie, es darf sie geben, es soll sie geben. Es kommt nur darauf an, was man unter „überflüssig" versteht. Ueberflüssig ist alles, was nicht dringend zum Leben notwendig ist. Esten, Wohnung, ein gewisses Maß von Kleidung sind nicht überflüssig. Aber alles, was das Leben schon macht, alles, was ein bißchen Glanz gibt, was über das nackte tierische Dasein hinausgeht, ist „überflüssig".
Oder ist es vielmehr nicht, es kommt nur darauf an, wie man es nimmt. Denn dieses Ueberflüssige ist ganz eigentlich das, was uns das Leben lieb macht. Wenn wir
arbeiten, wenn wir streben, wenn wir versuchen, immer höher und immer weiter zu gelangen, so ist es um der sogenannten überflüssigen Dinge willen: Um der Freuden, die uns das Leben geben kann und soll. Denn nur um kleine Freuden, nicht um Luxus geht es hier.
In unserer linken Westentasche, dicht über dem Herzen, in einer kleinen Ecke unseres Handtäschchens, sollten wir diese überflüssige Mark (es kann auch weniger sein) immer bei uns tragen.
Ein kleines Kapital, das in lauter einzelnen verschiedenen Freuden angelegt wird. Aus dem wir uns plötzliche kleine Wünsche erfüllen, das uns erlaubt, einer albernen und doch so herrlichen Laune nachzugeben, über die straffen Stränge unseres Sparprogramms zu schlagen, mitten in der Woche ein bißchen Sonntag zu spielen.
Diese eine überflüssige Mark ist uns wichtiger als all das andere Geld, das wir ja doch nur bekommen, um es sofort wieder in lauter langweilige Dinge zu stecken. Schulden bezahlen, Steuer und Lebensmittel, Miete und Reparaturen . . . wir haben das Geld kaum gesehen, und schon ist es fort.
Aber die kleine Mark drehen wir lange in der Hand um. Solange sie da in der Westentasche dicht über unserem Herzen sitzt, haben wir ein sicheres und ange- nehmes Gefühl. Und dann kommt der Augenblick, da wir die Spannung nicht länger aushalten, und die kleine blanke Mark angebrochen wird. Eine Eiswaffel. Und neun gelbe Zehner bleiben.
Kirschen lachen auf einem Wagen. Ein Arbeitsloser kommt vorbei und bittet um unsere Hilfe. Ein Drehorgelmann. Frische Rosen in einem Korb, die man einem kranken Freund mitbringen kann. Ein kleines, billiges Kino mit einem Abend voll toller moderner Märchen. Schwimmen fahren an einen sommerlichen See vor der Stadt. Ein Gürtel, ein Mützchen, ein Buch, eine neue Grammophon- platte . . .
Lauter überflüssige Dinge. Lauter wunderbare Dinge, lauter kleine Freuden, die uns helfen, den so streng gewordenen Alltag zu ertragen. In dieser einen überflüssigen Mark steckt die Prise Leichtsinn, ohne die ein Mensch langsam abstumpft, ohne die er seine innere Schwungkraft verliert. Diese Mark ist ein Symbol, ein Symbol der Hoffnung, der Lebensfreude, des Sich-nicht-unterkriegen- lastens, sie ist für jeden von uns der Beweis, daß auch wir ein bißchen Recht auf die überflüssigen Schönheiten und schönen Ueber- flüssigkeiten des Lebens haben.
Es gibt Menschen, die würden lieber auf eine Mahlzeit am Tage verzichten, als sich diese kleinen bunten Dinge zu versagen. Essen ist nicht so notwendig wie Freude, sagen sie.