Seife 2
Samstag, den 16. Juli 1932
Nr. 165
i)ent der Provinz Hessen-Nassau in einem] gestern veröffentlichten Aufruf sehr richtig sagt, „zu einer maßvollen und sachlichen Kampfesweise" übergehen. Möglich, daß alle diese Vorschläge keine Gegenliebe finden, daß die Verhetzung schon so weit gediehen ist, daß Mahnrufe dieser Art kaum viel bessern werden. Deshalb müssen regierungsseitig noch andere Abwehrmaßnahmen ergriffen werden, damit der blutige Kleinkrieg der Parteien auf der Straße aufhört. Wir denken dabei an die restlose Anmeldung aller Waffen, Zuwiderhandlungen müssen streng bestraft werden, ferner an ein noch schärferes Vorgehen der Polizei usw. Diese Maßnahmen müssen aber sofort ergriffen werden, die Zeit drängt, ein weiteres Schleppenlassen der Zügel, jedes weitere Hinausschieben, jedes Zögern birgt schwerste Gefahren in sich.
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Aber nicht nur die innere Gefahrenlage Deutschlands erfordert solche Abwehrmaßnahmen, sondern auch die außenpolitische Lage. Lausanne haben wir zwar hinter uns, aber das Ergebnis dieser Konferenz ist sehr zweifelhaft und wir gehen wohl nicht fehl, wenn wir sagen, daß ihr sehr bald neue Verhandlungen folgen werden. Weshalb? Sehr einfach. Das Lausanner Abkommen wird höchstwahrscheinlich nicht ratifiziert werden. Kaum, daß die einzelnen Delegationen in die Heimat zurückgekehrt waren, setzte in allen beteiligten Ländern eine lebhafte Diskussion über die Ratifikation des Lausanner Abkommens ein, mit dem Ergebnis, daß diese Ratifikation allgemein sehr in Frage gestellt ist. In Deutschland ist zur Annahme des Lausanner Vertragswertes bei den voraussichtlichen Mehrheitsverhältnissen im neuen Reichstag erforderlich, daß die Parteien der Rechten für das Abkommen eintreten. Diese haben aber sofort bei Bekanntwerden des Abkommens erklären lassen, daß das deutsche Volk mit dem Kompromiß von Lausanne sich nicht zufrieden geben werden. Ja, der Führer der Nationalsozialisten, Adolf Hitler, hat sogar er= klärt, dieser Vertrag, der eine Belastung des deutschen Volkes mit 3 Milliarden bringe, werde in sechs Monaten nicht mehr als 3 Mark wert sein. Und Dr. Goebbels hat diese Andeutung noch durch die Bemerkung ergänzt, daß, wenn die Welt Deutschland nicht vom Mäckel der Kriegsschuld frei spreche, der Versailler Vertrag für null und nichtig erklärt werde. Daraus ist die unbedingte Ablehnung des Lausanner Abkommens, das keinerlei Anerkennung der politischen Forderungen Deutschlands enthält, zu folgern. Da auch die Kommunisten im Reichstag gegen Lausanne stimmen werden, muß also mit der Ablehnung des Abkommens gerechnet werden. Aber auch die anderen beteiligten Staaten werden zu keiner Ratifizierung kommen, denn wie aus einem inzwischen veröffentlichten Gentleman-Agreements zwischen Frankreich, England, Belgien und Italien — von dem übrigens die deutsche Delegation erst nach der Unterzeichnung des Lausanner Vertrages in Kenntnis gesetzt worden ist — heroorgeht, wird die Ratifizierung des Lausanner Abkommens durch die Gläubigermächte nicht eher stattfinden, „bis zwischen ihnen und ihren eigenen Gläubigern (Amerika) eine befriedigende Lösung erzielt worden ist". Die Vereinigten Staaten stehen aber augenblicklich einer Schuldenregelung sehr zurückhaltend gegenüber, da die Schuldenfrage ein innenpolitisch wichtiges Moment bei dem Kampf um die Präsidentschaft bildet. Ehe dieser Wahlkampf nicht entschieden ist, d. h. also vor Ende November dieses Jahres, wird schwerlich eine definitive Stellungnahme Washingtons zu erwarten sein. Und was dann kommt, weiß man noch nicht. Also auch auf der Gegenseite vorläufig keine Ratifikation des Lausanner Abkommens, so daß eine neue Konferenz notwendig werden wird. Und dazu können wir keine Selbstzerfleischung des deutschen Volkes brauchen, — die allerdings den Franzosen sehr angenehm wäre —, sondern eine geschlossene innere Front, so geschlossen, wie sie die Gegner unter sich darstellen.
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Wie unsere Gegner geschlossen dastehen, zeigt der in Lausanne getätigte Abschluß des englisch-französischen Freundschaftsvertoages, der übrigens mit dem erwähnten Gentleman- Agreement nicht identisch ist. Obwohl über diesen Freundschastsvertrag, noch keine volle Klarheit besteht — in Paris wird die Bedeutung und die Tragweite des Paktes ganz anders beurteilt als in London —, so läßt sich das eine doch schon heute sagen, daß die beiden Mächte in fast allen entscheidenden Fragen der Weltpolitik, darunter auch Fragen, die Deutschland betreffen, konform marschieren? Von den vier Punkten des Vertrages heben wir nur den ersten hervor, der besagt, daß Frankreich und England einen Meinungsaustausch über alle ihnen zur Kenntnis kommenden Fragen vornehmen wollen, die einen ähnlichen Ursprung haben, wie die in Lausanne geregelten Fragen, und daß man von den anderen Regierungen erwartet, daß sie dasselbe tun. Soll damit jener Konsulativpakt wieder aufleben, den Deutschland bei einer Beteiligung angesichts des starken Druckes der anderen Mächte die Hände binden und die Entschlußfreiheit rauben würde? Inzwischen ist der Vertrag von der englischen Regierung auch der deutschen Regierung übermittelt worden mit der Einladung dem Abkommen beizutreten. Geradezu ein Hohn auf Deutschland. Ob Deutschland diesen Beitritt nach den Erfahrungen, die es in Lausanne und nachher
vom Wahlkampf
Diugelded über Lausanne
Bremen, 15. Juli. In einer großen Wahlkundgebung, die vor allem auch aus Kreisen der Jungwählerschaft stark besucht war, nahm der Führer der Deutschen Volkspartei Dingeldey, zum Ergebnis von Lausanne vor der Öffentlichkeit Stellung. Lausanne stellt, so führte er u. a. aus, eine halbe Lösung dar. Das Ergebnis kann vom deutschen Volke nicht als Bekundung des Willens angesehen werden, ein Ende zu machen mit dem alten, zusammengebrochenen System, immer wieder nur neue Leistungen aus Deutschland herauszupressen. Es muß vielmehr erkennen, daß in anderer Form und mit anderen Möglichkeiten die Gegner doch wieder bestrebt sind, sich Erträgnisse aus der deutschen Volkswirtschaft zu sichern. Verfehlt wäre es, die erzielten positiven Fortschritte zu verkennen. Doch es bleibt das beklemmende Gefühl zurück, daß die deutsche Delegation durch ihr Wechseln der Taktik sich der Argumente selbst beraubt hat, die ihre stärkste Stütze gewesen sind, daß Deutschland jetzt oder in Zukunft an keine Zahlung mehr denken kann. Vielleicht ist Lausanne eine lehrreiche Instruktion für jene, die immer davon faseln, daß Deutschland nur ein Bündnis mit Italien und England zu schließen habe, um die Ketten von Versailles zu brechen. Vielleicht erinnern sich auch diejenigen Kreise, die beim Abschluß des Poungplanes das Wort von der Versklavung des deutschen Volkes auf Generationen hinaus in die Massen hineinwarfen, jetzt das Stresemannschen Wortes: ,Jch bin nicht so kleingläubig, anzunehmen, daß dieses Vertragssystem überhaupt ein Jahrzehnt bestehen wird." Stresemann hielt es auch für falsch, gleichzeitig mehreren Zielen in der Außenpolitik nachzujagen, weil sonst die Gefahr bestand, daß gar kein befriedigender Abschluß erreicht wurde. Die jetzt be- kanntgewordenen außenpolitischen Abmachungen, der Sonderoertrag zwischen England und Frankreich, lassen die außenpolitische Situation noch dunkler werden. Die Reichsregierung muß jetzt die Gelegenheit wahrnehmen, um auch in den beiden Ehrenpunkten der Beseitigung der Kriegsschul d l ü g e und der Herstellung der deutschen W e h r h o h e i t zu einem voll befriedigenden Ergebnis zu kommen. Mit großer Besorgnis muß man heute die Frage stellen: Ist das deutsche Volk, das seine besten Kräfte im Kampf aller gegen alle verzehrt, überhaupt stark genug, den Freiheitskampf zum Erfolg zu führen? — Dingeldey wandte sich dann mit großer Schärfe gegen die Auswüchse in der politischen Agitation auf der Rechten und auf der Linken, die in der täglichen Verlustliste beredten Ausdruck finden und das deutsche Ansehen im Ausland schwer schädigen. Mit einem Appell, in der Zeit des Massenwahns und der Massenbewegungen für Wollen und Wirken der freien Persönlichkeit im Rahmen der nationalen Volksgemeinschaft zu kämpfen, schloß die wirkungsvoll verlaufene Veranstaltung.
Das Mittet: Leuteum im wahWamvf
Berlin, 15. Juli. Die Berliner Zentrumspartei begann heute den Wahlkampf mit einer großen Arbeiterkundgebung im Lehrervereinshause. Als erster Redner sprach der Landtagsabgeordnete Letterhaus über deutsche Freiheit in der Vergangenheit und Zukunft. Man werde nicht ruhen, erklärte er, bis Brüning wieder die Führung der Regierung übernehme. Herr v. Papen sei nur eine Figur in der Hand eines Stärkeren. Man verlange, daß der Kanzler ehrlich sage, was feine letzten Absichten seien. Das Zentrum sei gegen jede Diktatur einer Klassen-, Kasten- oder Parteiherrschaft. Es sei für den christlichen, den nationalen, den sozialen und den Freiheitsstaat.
Die Versammlung beschloß, ein Telegramm an den Reichspräsidenten als dem verfassungsmäßigen Garanten für Freiheit und Recht mit der Bitte zu senden, den berufenen Instanzen in Reich und Ländern für die Wiederherstellung der staatsbürgerlichen Freiheit sowie die Sicherheit von Leben und Eigentum und Gesundheit der Bürger den Rücken zu stärken. Unter dem stürmischen Beifall der Versammlung protestierte dann Abg. Krone gegen die Behauptung Dr. Goebels im „Angriff", der katho
machen mußte, vollziehen wird, möchten wir tark bezweifeln. Deutschland hat in Lausanne ür eine Reihe Fragen, die in diesem Vertrag gehandelt werden, so für die Weltwirtschaftsfragen eine gemeinsame Grundlage vorgeschlagen und auch sonst in den politischen Fragen ein gemeinsames Vorgehen aller Konferenzmächte angeregt. Die französische Delegation hat sich demgegenüber jedoch ablehnend verhalten und später hat sie all diese Fragen ein einem Sonderabkommen mit England zu lösen versucht. Das ist kein offenes Spiel und man mußt befürchten, daß unsere Gegner in einem solchen Pakt keine ehrlichen Partner sind. Dafür spricht auch das gestern veröffentlichte, bereits erwähnte Gentleman- Abkommen, das hinter dem Rücken der deutschen Delegation abgeschlossen worden ist und aus dem u. a. hervorgeht, daß die vier Gläubigerstaaten die Tributfrage nur in engster Verbindung mit der Kriegsschuldenfrage regeln bzw. das Lausanner Abkommen nur ratifizieren wollen, wenn eine befriedigende Einigung mit Amerika erzielt wird, ferner, daß bei einer Nichtratifizierung des Lausanner Abkommens die Rechtslage wieder die werden soll, die vor dem Hoover-Moratorium bestanden hat. Letztere Abmachung bedeutet die Rückkehr zum Poung- plan. Eine unerhörte Abmachung, die vollkommen in Widerspruch steht mit der Antwort Macdonals auf die Frage des Reichskanzlers v. Papen in der Schlußsitzung, v. Papen hatte gefragt, was im Falle einer Nichtratifikation geschehen werde, worauf Macdonald versicherte, daß der Joungplan nicht
lische Pfarrer in Bernau habe einem SA.-Mann noch im Sarg das braune Hemd ausziehen wollen. Die gesamte katholische Bevölkerung Berlins stelle sich vor ihre Geistlichkeit. Wolle die nationalsozialistische Partei einen neuen Kulturkampf, dann werde sie die deutsche und auch die Berliner Katholiken gerüstet finden. Die Reichsparteileitung des deutschen Zentrums habe bereits ein Protesttelegramm an den Reichspräsidenten wegen dieses Artikels im „Angriff" gerichtet. Die Versammlung schloß unter stürmischen Rufen: „Frei Volk!", dem Rufe der neuen Volksfront.
Eine Rede DieiâS
Weinheim a. d. Bergstraße, 16. Juli. In einer Wahlversammlung der Staatspartei sprach am Freitag abend hier Reichsfinanzminister a. D. Dietrich über das vergangene Kabinett, über feine eigene Politik als Finanz- und Ernährungsminister sowie über die gegenwärtige politische Lage. Er gab einen weitausholenden geschichtlichen Rückblick auf die Ursachen und Zusammenhänge der deutschen und der Weltwirtschaftskrise und umriß die Bemühungen des Kabinetts Brüning zur Beseitigung bzw. möglichsten Milderunc und Abschwächung dieser wirtschaftlichen Krise. Zur Reparationsfrage bemerkte er, daß zwar Dr. Brüning und er während der Lausanner Verhandlungen aus außenpolitischen Gründen geschwiegen hätten, jetzt aber könne er seine Meinung dahin präzisieren, daß es für die deutsche Delegation in Lausanne nur ein energisches „R e i n" hätte geben dürfen. Das wichtigste Ergebnis der Lausanner Verhandlungen sei aber daß die Reichsbahn und die Reichsban! jetzt frei geworden seien. Im übrigen machte er die gleichen Ausführungen wie vor einigen Zager in Heidelberg, betonte aber noch, daß das Kabinet Brüning die Reparationen zerstört, die Finanzen in Ordnung gebracht und die Ruhe im Lande aufrecht erhalten habe. Bei dem heutigen Wahlrech werde in absehbarer Zeit kein Parlament zu st andekommen, das eine Regie- rung bilden und arbeitsfähig erhalten könne.
Kode« Goebbels u«d Attlees
Köln, 15. Juli. Die NSDAP, veranstaltete am Donnerstagabend auf der Radrennbahn in Köln- Riehl eine Wahlkundgebung, an der etwa 3000 Personen teilnahmen Nach kurzen Begrüßungsworten des Gauleiters Grohe führte Dr. G o e b- bels u. a. aus, daß es jetzt endlich an der Zeit sei, mit dem Novombersystem Schluß zu machen, das den deutschen Mittelstand zugrundegerichtet, den Bauern von seiner Scholle getrieben und die Arbeitslosigkeit ins ungemessene gesteigert habe. Nicht nur die früheren Regierungen hätten mit falschen Mechoden gearbeitet, sondern auch das Kabinett Papen habe enttäuscht, und zwar außenpolitisch durch sein Verhalten in Lausanne. Innenpolitisch sei die Unentschlossenheit der jetzigen Regierung gegen den blutigen Terror zu tadeln. Zu dem bevorstehenden Wahlkampf übergehend, betonte Dr. Goebbels, daß der 31. Juli zwischen den beiben Fronten, den Nationalsozialisten einerseits und allen anderen Parteien andererseits, eine klare Entscheidung bringen müsse. Die Nationalsozialisten seien zur Uebernahme der Verantwortung berest, aber sie würden eine Politik ohne jedes Kompromiß und nur nach nationalen Grundsätzen machen
Tilsit, 16. Juli. Adolf Hitler sprach auf seiner Ostpreußen-Rundreise gestern hier im äußersten Norüosten des Reiches vor etwa 40 000 Zuhörern. Er führte in feiner Ansprache u. o. aus, daß man endlich die „Verbrechen" der letzten Jahre diskutieren müsse, in denen das Vaterland in Grund und Boden gewirtschaftet worden sei. In dieser Zeit sei aber auch die Bewegung der NSDAP. entstanden, von der die Gegner zwar immer geglaubt hätten, sie würde gleich wieder zerfallen. Es hätte sich aber gezeigt, wie sie einen Höhepunkt nach dem anderen erreicht habe und sich immer wieder verdoppeln konnte. Auch jetzt noch werde ein Tag kommen, an dem die NSDAP, sich verdoppeln werde. Dieses Wunder der nationalsozialistischen Bewegung sei begründet in ihrer klaren Zielsetzung der deutschen Volksgemeinschaft durch Nationalsozialismus ur b Sozialismus. — Von Tilsit aus fuhr Hitler nach Gumbinnen, wo er ebenfalls eine Rede hielt.
wieder in Kraft treten, sondern eine neue Konferenz stattfinden werde. Diese Antwort ist für uns bindend und Deutschland wird sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, den Poungplan wieder zum Leben zu erwecken. Dazu ist aber nötig, daß wir von dem jetzt eingerissenen Kampf von Bruder gegen Bruder, von der Selbstzerfleischung ablassen und die Reihen schließen für den bevorstehenden Abwehrkamps. R. H.
Sevvkot ist zufrieden
(Fortsetzung von Seite 1)
einer Pauschalsumme durchzusetzen. Gegen die von Deutschland vorgebrachten politischen Bedingungen habe Frankreich Widerstand geleistet und in keiner Hinsicht in dieser Beziehung die geringste offene oder versteckte Hoffnung aufkommen lassen. Der Pakt von Lausanne bestehe aus drei Teilen. Im ersten stehe das Finanzabkommen mit Deutschland, im zweiten das Gentleman Agreement; wenn Amerika die Lausanner Vereinbarungen nicht anerkenne, dann werde jedes Land seine eigene Handlungsfreiheit wieder gewinnen. Drittens, das englisch-französische Abkommen über eine enge, herzliche Zusammenarbeit. Man müsse mit England zu einer Berständigung in der Zolltariffrage kommen. Um in den europäischen Staaten Ordnung zu schaffen, sei die Verständigung zwischen Frankreich und England notwendig.
Schavke -Kritik der „Vakbingion Vost"
Washington, 15. Juli. Die „Washington Post" beschäftigt sich mit dem Schreiben Hoovers an Bo
rah und den englisch-französischen Abmachungen r Lausanne. Der Brief Hoovers komme in seiner Wi kung, obwohl er unformell gehalten sei, einer off: ziellen Note an die alliierten Regierungen gleit Mit der Feststellung Hoovers, daß er für den Fels einer alliierten Einheitsfront in der Schuldenfrai' sich glatt ablehnend verhalten werde, da es fi dann nicht mehr um eine Revision auf Grund bi individuellen wirtschaftlichen Lage, sondern um ein politische Forderung handeln würde, sei das Then^ Lausanne, soweit Amerika in Frage komme, eni1 gültig erledigt. Das Blatt nennt die Abmachung? zwischen Frankreich und England in Lausanne b bäuerliche D u m mH e i t e n, die der internationale - Freundschaft und dem Vertrauen sehr abträgli; seien.
Aoesch bei Aevviot
Paris, 15. Juli. Der deutsche Botschafter vo Hoesch stattete heute dem Winisterpräsidenle Herriot einen Besuch ab. In der mehr als einstün digen Unterredung soll, wie verlautet, in erste Linie der Stand der gegenwärtigen Abrüstungs Verhandlungen, die deutsche Forderung auf Recht- gleichheit und Beseitigung der Kriegsschuldlüge be handelt worden sein.
Sbeonik dev Auiammenstötzi
Berlin, 15. Juli. Zusammenstöße zwischen An Hängern extremer Richtungen forderten in der vergangenen Nacht wiederum mehrere Opfer. Bei einer Schießerei zwischen Nationalsozialisten und Kom munisten im Norden Berlins wurde ein feiner Partei angehörender Bäcker durch einen Bauchschuß schwer verletzt. Zwei Polizeibeamte wurden durck Steinwürfe leicht verletzt. In Schöneberg würd: ein Schlosser von Nationalsozialisten niederaesto- chen, er mußte in schwerverletztem Zustand" ins Krankenhaus gebracht werden.
Berlin, 15. Juli. Zu schweren Zusammenstößen zwischen Erwerbslosen und Polizei kam es heute mittag gegen 12 Uhr in dem Wohlfahrtsamt in der Blumenstraße Als dort mehreren Erwerbslosen gewisse Forderungen von den Wohlfahrtsbeamten abgelehnt werden mußten, bemächtigte sich der Menge der übrigen wartenden Unterstützungsempfänger eine ungehreue Erregung Die Leute nahmen schließlich gegen die Wohlfahrtsbeamten eine drohende Haltung ein und begannen schließlich auch tätlich gegen das Personal vorzugehen Die vom Leiter herbeigerufene Polizei nahm drei der Haupträdelsführer fest. Beim Abtransport der drei Leute sammelten sich auf dem Hofe des Amtes wieder größere Menschenmengen an, die die Polizei laut beschimpften. Zu gleicher Zeit wurden aus oen Fenstern des Gebäudes Bretter und Steine und andere Gegenstände auf die Beamten geschleudert, die sich schließlich gezwungen sahen, zu ihrer Abwehr vier Schreckschüsse abzugeben. Inzwischen hatten die bedrängten Beamten Verstärkungen ange- forbert, die dann unter Anwendung des Gummiknüppels das Wohlfahrtsamt und die drei anliegenden Höfe räumten. Gegen 13 Uhr war die Ruhe vollkommen wiederhergestellt.
Halle, 15. Juli. Vor dem Gewerkschaftshaus kam es heute abend zu einem schweren Handgemenge zwischen der Wache der Eisernen Front und etwa 70 Nationalsozialisten. Auf beiden Seiten gab es Verletzte. Die Polizei verhaftete mehrere Personen.
Wittenberg, 15. Juli. Bei einer Demonstration der kommunistischen Antifachistischen Aktion griff die Polizei, die von der Menge angegriffen wurde, zur Waffe. Ein Arbeiter erhielt einen Kopfschuß und ein zweiter wurde ebenfalls schwer verletzt. , Eine Frau erlitt vor Aufregung einen Herzschlag. '
Weimar, 15. Juli. Als heute vormittag die Wohlfahrtserwerbslosenunterstützung zum ersten Male gekürzt ausgezahlt wurde, kam es zu Unruhen. Mehrere hundert Erwerbslose zogen mit den Rufen: „Wir haben Hunger!" zum Rathaus und dann zur Wohnung des Weimarer Oberbürgermeisters Dr. Müller, der von der Menge tätlich angegriffen wurde. Schutzpolizei trieb die Demonstranten auseinander.
Görlitz, 16. Juli. Vor dem Braunen Haus in Görlitz kam es gestern abend zu schweren politischen Ausschreitungen linksradikaler Elemente. Aus der Menge heraus fielen einige Schüsse, auch wurde mit Steinen und Biergläsern geworfen, so daß die Polizei sich genötigt sah, einige Schreckschüsse abzugeben und mit dem Gummiknüppel die johlende Menge zu zerstreuen. Dabei wurden mehrere Demonstranten und zwei Polizeibeamte verletzt. Zahlreiche Personen, die im Besitze von Hieb-, Stich- unb Schußwaffen waren, wurden festgenommen. Um die Mitternachtsstunde war die Ruhe wieder hergestelt.
Hamburg, 15. Juli. Ein Streifenwagen der Polizei wurde in der vergangenen Nacht aus mehreren Häusern beschossen. Die Beamten erwiderten sofort das Feuer und nahmen eine Durchsuchung der in Frage kommenden Wohnungen vor. Die. Bewohner waren geflüchtet.
Düsseldorf, 15. Juli. In Walsum wurde gestern abend ein Demonstrationszug der Nationalsozialisten von politischen Gegnern beschossen. Mehrere Zugteilnehmer wurden verletzt.
Nie Kmgestatttmg des Rundfunks
Berlin, 15. Juli. Die Reformpläne für die Umgestaltung des Rundfunkwesens waren heute im Reichsinnenministerium Gegenstand von Besprechungen mit Vertretern der süddeutschen Länder. Der Grundgedanke der Reform geht bekanntlich auf eine schärfere zentrale Einflußnahme hinaus, wobei die Frage, den Deutschlandsender weiter aus- zubauen unB" ihn den Zielen des Reiches stärker dienstbar zu machen, eine Hauptrolle spielen dürfte.
Tbiivivse« wâdtt foi«e«
Landtag am 31. M
Weimar, 15. Juli. Der Landtag von Thüringen beschloß am Freitagnachmittag bei Stimmenthaltung der Deutsche« Volkspartei und des Staatsparteilers mit den Stimmen aller übrigen Abgeordneten seine Auflösung zum 30. Juli d. Is. und zugleich damit die Zusammenlegung der Landtagswahl für den 6. Thüringer Landtag mit der Reichstagswahl auf den 31. Juli. Die Aenderung der Wahlordnung, die eine Neuwahl in so kurzer Frist ermöglichen soll, wurde dem Innenministerium überlassen.
(Weitere politische Meldungen Seite 8)