Nr. 160
Montag, den 11. Juli 1932
Selke 3
Stadt Kasrau
Reisend-, hei« mH!
^m Interesse des Reiseverkehrs und des Wohlbehagens des Reisenden selbst liegt es, wenn die Bestrebungen der Reichsbahn in den Bahnhöfen, auf den Bahnsteigen und besonders auch in den Zügen Ordnung und Sauberkeit durchzuführen, vom Publikum in jeder Richtung unterstützt werden. Leider kann man nicht selten beobachten, daß Reisende achtlos Papier, Obst- und Tabakwarenreste oder leere Behälter wegwerfen. Auf den Bahnhöfen sind Reisende wiederholt auf achtlos weggeworfenen Obstresten ausgeglitten und dabei zu Schaden gekommen. Abgesehen von diesen gefährlichen Gewohnheiten besteht vielfach Gleichgültigkeit gegenüber Bestimmungen, die ausschließlich dem Interesse der Reisenden selber dienen sollen. Man nimmt z. B. zuviel Handgepäck mit in die Abteile und belegt oft mehr Plätze, als dies der Zahl der gekauften Fahrkarten entspricht. Manche Reisende halten sich in den Seitengängen der D-Züge zu lange auf, besonders vor fremden Abteilen, und behindern damit den Durchgang. Aborte werden verunreinigt und die zurechtgelegten Handtücher werden allzu häufig zur Reinigung der Fußbekleidung benutzt. Oft genug kann man auch Reisende beobachten, die ihre Füße auf die Sitze legen, ohne wenigstens eine Unterlage zu verwenden. Fenster werden ohne Rücksicht auf die Mitreisenden geöffnet und das Rauchverbot in Nichtraucherabteilen vielfach nicht beobachtet. Wenn auch diese kleinen Rücksichtslosigkeiten nicht immer unangenehme Folgen haben, so leidet doch das allgemeine Wohlbefinden der Reisenden darunter. Daher sollte jeder dazu beitragen, Ordnung und Sauberkeit auf der Reichsbahn durchzuführen.
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Deutsche- $«6 in rvllbelmsbad
6 Begünstigt vom schönen Wetter hielt die NSDAP. am Sonntag in Wilhelmsbad einen „Deutschen Tag" ab. Schon am frühen Morgen herrschte auf dem zum Kurhaus gehörigen Gelände reges Leben. Die SA.-Standartenkapelle unter Leitung des Kapellmeisters Blum begann bereits morgens 8 Uhr mit ihren musikalischen Darbietungen. In Verbindung mit der Veranstaltung hatte die NDBO. unter Leitung des Kreisb striebszellen- leiters, Herrn Greb, im großen Saale des Kurhauses für 10 Uhr eine Versammlung einberufen, in welcher Herr Jung aus Hanau und anschließend Gaubetriebszellenleiter Herr Krebs-Frankfurt a. M. zu Worte kamen. Gegen 11 Uhr fand unter zahlreicher Beteiligung ein
Feldgottesdienst
statt. Herr Pfarrer Kaiser aus Großauheim hatte die Predigt übernommen. Eingeleitet wurde die Feier mit dem Niederländischen Dankgebet. Ausgehend von dem Bibelwort „Die Furcht des Herrn fördert das Leben" fand der Geistliche treffende Worte zu seinem Thema. Die Furcht vor dem Herren, so wurde betont, habe nichts gemein mit Knechtschaft. Laut erscholl das Bekenntnis des Geistlichen: „Wir Nationalsozialisten sind national nicht nur bis auf die Knochen, sondern bis in die innerste Seele hinein!" Die Begriffe „National" und „Sozialismus" wurden im Sinne der Kirche ausgelegt. Mit dem gemeinsamen Liede „Ich hab mich ergeben" begleitet von der SA.-Standarten- kapelle, fand die Feier ihren Abschluß.
Slandarlen-Weihe
Kaum waren die letzten Töne verklungen, als General von Westrem die mit verhüllten "Sturmsahnen angetretenen SA.- und SS.-Mannschaften im Namen des Oberführers feierlich begrüßte. Mit ernstem Hinweis auf die Bedeutung der Stunde gedachte der Redner des Heldentums der deutschen akademischen Jugend, welche im Todessturm aus Langenmarck ihren hehren Ausdruck gefunden habe. Gleich nach Enthüllung der drei Sturmfahnen senkten sich dieselben, und in kurzem tiefen Schweigen
Aufwendungen für VevuSsLeänkheiien
Dev ReichSflnanrh-f ivvicht sich für Steuevtrachlatz aus
Es ist jetzt besonders schwer geworden, etwas von dem Steuersoll, das das Reich auferlegt, herunterzuhandeln Die Einnahmen insbesondere auch der Lohn- und Gehaltsempfänger liegen offenbar vor dem Finanzamt. Aber da ist für die Lohn- und Gehaltsempfänger ein kleiner Lichtblick in der Rubrik „Werbungskosten", in der ihnen ein gewisser Bestandteil ihrer Einnahmen für steuerfrei erklärt wird, gewissermaßen das notwendige Mindestkapital für die Erhaltung der Fähigkeit, den Beruf auszuüben.
Der Reichsfinanzhof, die oberste Instanz in allen Steuerfragen, hat nun in einer Entscheidung (VI A 1216/31) den Grundsatz unterstrichen, daß die steuerfreien Werbungskosten sich dann ohne weiteres für den Arbeitnehmer auf dessen Antrag erhöhen lassen, wenn er nachweislich Ausgaben für die Heilung von Berufskrankheiten zu leisten hatte.
Fast in jedem Wirtschaftszweige,
ob es sich dabei um die Arbeit in den Fabriken, oder in den Laboratorien, oder ipt Freien oder sonstwo handelt, sind typische Berufsgefahven vorhanden, die zu Erkrankungen und Unfällen führen. Der Reichsfinanzhof hat nun dargetan, daß zwar die zur Wiederherstellung der Gesundheit gemachten Aufwendungen grundsätzlich den Kosten der Lebensführung zuzurechnen seien, daß aber Ausnahmen dort anzuerkennen sind, wo im engsten unmittelbaren Zusammenhang mit einer vom Steuerpflichtigen ausgeübten Tätigkeit Störungen der Gesundheit ein
gedachte man des erschossenen Frankfurter SA.-^ MannesHandwerk. Mit besonderem Nachdruck erklärte der General, daß die alte Flagge schwarz-weiß-rot für das Dritte Reich nicht mehr in Frage kommen könne, da dieselbe beschmutzt worden sei. Die Farben schwarz-weih-rot des Hakenkreuzbanners wurden symbolisch betrachtet. Die Farbe rot, so sagte der General, bedeute den Sozialismus und man sei stolz darauf, denselben zu vertreten. Die Farbe weiß bedeute Nationalismus, während das schwarze Hakenkreuz in der Mitte als Symbol für den arischen, schaffenden Menschen betrachtet werde. Mit dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes fand diese Feier ihr Ende. Der General trat an die Fahnenträger heran und verpflichtete jeden Einzelnen durch Handschlag
Inzwischen war es mittag geworden. In 9 Kesseln hatte man als Feldgericht „Erbsen mit Speck" gekocht, wovon etwa 1200 Portionen verabreicht wurden. In den Nachmittagsstunden wurde ein
Kinderfest
veranstaltet, bei welchem sich die Jugend in Sackhüpfen und Eierlaufen vergnügte. Das Kinderfest fand seinen Abschluß in einer Fahnenpolonaise. Der Schießstand, bei welchem man als Preisschütze einen schönen Preis erzielen konnte, wurde sehr oft benutzt.
Kundgebung
Im weiteren Lauf der Veranstaltung hielt Kreis- leiter Puth vom Balkon des Kurhauses, verstärkt durch Lautsprecher, eine von starkem Beifall begleitete Ansprache, in welcher er sich im wesentlichen mit den bestehenden Verhältnissen auseinandersetzte. Als Hauptredner des Tages trat dann General von W e ft r e m vor das Mikrophon. Seine Rede wurde eingeleitet mit dem Hinweis auf die am Vormittag stattgefundene Weihe der drei Sturmfahnen. Nach Ansicht des Redners gälbe es heute nur noch die Wahl zwischen Nationalsozialismus oder Bolschewismus. Die Tätigkeit der Brüning-Regierung, die sich in einer einzigen Kette von
traten, die ihrer Art nach gerade für die betreffende Tätigkeit typisch sind. Damit sagt der Reichsfinanzhof, daß der steuerfreie Einkommensanteil sich um die Aufwendungen erhöht, die zur Beseitigung der Folgen einer Berufserkrankung notwendig sind.
Auch die Aufwendungen als Folge von Unfällen, die sich aus den besonderen typischen Gefabren de^ betreffenden Tätigkeit ergeben, können die Werbungskosten steigern. Dabei wird in dem neuen Urteil sogar ausdrücklich betont, daß nicht die Feststellung erforderlich sei, daß gerade in dem einzelnen in Frage stehenden Betrieb häufig solche Erkrankungen vorgekommen waren.
Das Verufungsurleil
hatte nämlich im vorliegenden Falle den Steuer- nachlaß abgelehnt, weil nicht die typische Erkrankung vorgelegen habe, da in dem betreffenden Fabrikbetrieb weder unter den Arbeitern noch unter den Aufsichtspersonen diese Krankheit bisher beobachtet worden war. Der Reichsfinanzhof erklärte, daß es darauf nicht ankomme, sondern allein darauf, ob die Gefahr der Erkrankung nur oder hauptsächlich wegen der beruflichen Tätigkeit bestehe.
Der typischen Krankheit, so schließt das Urteil, versucht man, gerade weil die Gefahr bekannt ist, durch Vorbeugungsmaßregeln zu begegnen. Es wäre widersinnig, die in einem auf diesem Gebiet erfolgreichen Betrieb Tätigen, wenn trotzdem gelegentlich eine solche Krankheit auftrete, schlechter zu behandeln als die eines Betriebes, in dem solche Erkrankungen an der Tagesordnung sind.
Notverordnungen ausgewirkt hätte, wurde scharf kritisiert. Auch die Außenpolitik wurde angegriffen und dabei festgestellt, daß sie in das Schlepptau der Franzosen geraten sei. Weiter beschäftigte sich Redner mit der Abrüstungskonferenz und wies darauf hin, daß Deutschland fast wie ein Negerstaat ab- gerüstet habe. Die Aufrüstung der Polen auf Kosten der deutschen Reparation fand ebenfalls Erwähnung. Polen, so wurde betont, werde sein Ziel niemals erreichen, da die Nationalsozialisten ein wachsames Auge hätten. Die NSDAP, würde bei allen ihren Handlungen in allererster Linie die Interessen des deutschen Vaterlandes vertreten. Im weiteren Verlauf seiner, oft von Beifall unterbrochenen Ausführungen, behandelte der Redner die Zeit nach der Revolution. Das Verhalten des Generals Gröner nach Kriegsende wurde scharf kritisiert. Den Eingang in Kompromisse betrachtete Redner als Zeichen der Schwäche und betonte, daß als einziger Verbündeter unser Herrgott bzw. unser gutes Recht in Frage kommen könne. Nach einer kurzen Stellungnahme zur Regierung Papen schloß der General seine Ausführungen mit einem Appell, am 31. Juli pflichtbewußt zu handeln. In den frühen Abendstunden herrschte auf allen Plätzen des Riesengeländes ein Hochbetrieb. Gegen 6.30 Uhr fand auf der
Freilichtbühne
die Aufführung des Theaterstückes „Schlagekers Gefangennahme" statt, welches einen sehr nachhaltigen Eindruck hinterließ
Die Veranstaltung fand ihren Abschluß mit einer
Sonnwendfeier
an der Bismarcksäule. Gegen 10 Uhr loderte auf der Säule das Feuer zum nächtlichen Himmel empor. Die Hanauer SA.-Standartenkapelle spielte das niederländische Dankgebet, worauf der landwirtschaftliche Fachberater Schäfer aus Wachenbuchen die Feuerrede hielt. Er schilderte die Bedeutung des uralten germanischen Sonnwendfestes und der heutigen Freiheitsfeusr, die nicht eher wieder erlöschen würden, bis das deutsche Volk seine1
Freiheit zurückerobert habe. Er schloß mit dem Rütli-Schwur. Nach dem Choral „Eine feste Burg ist unser Gott" sprach der Gaupressewart Wowe* ries aus Frankfurt a. M., der zunächst des in Frankfurt ermordeten Kameraden Handwerk gedachte, diese Mordtat geißelte und schließlich in längeren Ausführungen an die Anwesenden apvel- lierte, bei der kommenden Reich^taawahl für einen Sieg der Nationalsozialisten zu sorgen, deren Führer alle Niederlagen des deutschen Volkes seit Jahren klar erkannt hätte und unser Volk aus dem Chaos herausführen werde. Die Feier schloß mit dem Deu+WmMiei) und dem Horst-Wessel-Lied. Den Abschluß bildete eine Burgbeleuchtung.
Die Freiwillige Sanitätskolonne vom Roten Kreuz fand leider ein reiches Betätigungsfeld und mußte ihren menschenfreundlichen Dienst in über 25 Fällen zur Anwendung bringen. Was die Besucherzahl anbelangt, so läßt sich bei ausgedehnten Anlagen und bei den großen Plätzen nur sehr schwer eine genaue Schätzung treffen. Die hiesige Ortsgruppe der NSDAP, nimmt an, daß 8—10 000 Personen anwesend waren.
* Daten für 12. 3uli. 100 v. Chr.: Der römische Feldherr und Staatsmann Casus Julius Cäsar geb.; 1868: Der Dichter Stefan George in Büdesheim geb.; 1874: Der Dichter Fritz Reuter in Eisenach gest.; 1919: Aufhebung der Blockade gegen Deutschland.
* seinen 73. Geburtstag feiert heute in voller Rüstigkeit Herr Wilhelm Holzapfel, Kassen- bote i. R.
* Fahrraddiebslahl. Am Donnerstag wurde von einem Acker an der Straße nach Dörnigheim ein Herrenfahrrad, Marke Frangold, Fabriknummer unbekannt, entwendet. Das Fahrrad hat schwarzen Rahmenbau, schwarze Schutzbleche, gelbe Felgen, graue Dunlapbereifung, engl. Lenkstange. Ferner wubde am gleichen Tag gegen 21 Uhr aus dem Hause Nllrnbergerstraße 12 ein Herrenfahrrad, Marke Stuckenbrock, Fabriknummer 227 394, entwendet. Das Fahrrad hat Dorpedofreilauf, schwarzen Rahmenbau, schwarze Felgen und Schutzbleche, Radlaufglocke und schwarze Bereifung. Personen, die hierzu irgendwelche Angaben (auch vertraulicher Art) machen können, werden gebeten, diese bei dem Kriminalkommissariat, Zimmer 248c, anzugeben.
* Vermißt wird seit gestern nachm. 1714 Uhr das Kind Alfred Gölker, geb. 22. 3. 28 zu Berten, Krs. Neustadt a. Orla, zuletzt hier Jahn- straße 9 bei Wäschereibesitzer Wilhelm Hofmann wohnhaft. Beschreibung: etwa 1—1,08 Meter groß, kräftig, dunkelblonde glatte Haare, langes, bleiches Gesicht, hohe Stirn, Augen dunkelbau, Augenbraunen schwarz, Nase gradlinig, Ohren und Mund klein, Zähne schwarz, Kinn spitz, am rechten Knie Verband. Kleidung: weiße Bluse mit dünnen blauen Streifen, beige Hose mit neuem Hinterteil, weißes Hemdhöschen, Socken mit rot-weißen Streifen oben, braune Sandalen. Sachdienliche Mitteilungen erbittet das Krim. -Kommissariat.
* hausfrauen-Nachmittag mit Modenschau in Moslers Strandbad. Am Mittwoch wird in Moslers Strandbad ein Hausfrauen-Nachmit- t a g veranstaltet, bei dem neben einer bunten Bühne eine Modenschau gezeigt wird. Der Mane- quien-Club Frankfurt wird die neuesten Modeschöpfungen Hanauer Firmen vorführen. Aber es sollen nicht nur Modesachen vorgeführt werden, sondern auch Lebensmittel und Bedarfsartikel werden gezeigt werden. (Näheres siehe Inserat.)
Nichts anderesI — Denn es //gibt wirklich keine andere Hautcreme, die i / Euzerit enthält!
worden. In Ansehung all' der Tatsachen. Aber bas Jute über einen Menschen wird nie so rasch bekannt wie das Schlechte über ihn. Der Schiffsführer Dsutscheck vom „Cormoran" bleibt verfemt. Er bleibt es, Lilo. Hier am Ort wird wohl Rocco ein wenig für mich wirken. Die Leute find hier ja füg- am wie Kinder. Sie werden mir wieder die Hand reichen oder freundlich die Tageszeit bieten. Das ist dann genug. Ich brauche ja nicht mehr von ihnen. Nein, es soll für mein Leben nur noch das Symbol fein, das ich vokn Oberseeamt erwarte: daß mir Gerechtigkeit widerfahren ist. Das Gericht wird preßen — und wird bestätigen, was ich weiß."
„Du willst die „Faustina" nicht mehr verlassen?"
„Später einmal übernehme ich sie selbst. Es wird sehr schön sein, so ganz mit der Natur zu leben. Man sät, man gräbt* man ackert, man jätet — und erntet. Die Oliven bringen das bißchen Bargeld, das der Mensch nun einmal haben muß. Und alles sonst wächst einem hier zu. Ich werde niemals Not leiden."
„Aber in den nächsten Jahren, Richard —? Wenn du in Ehren dein Kapitänspatent wiederbekommst und dich dann an diese oder jene Reederei wendest, um unten in der Stadt für sie zu wirken?" Sie lächelte. „Ich habe jetzt viel Erfahrungen gesammelt, Richard, die möchte ich doch gern für dich verwerten. Und habe Beziehungen zu hundert Firmen. Der Hafen von Syrakus ist bedeutender als der von Catania, weil er tiefer ist; die größeren Schiffe legen hier an; also wird auch der Handel hier noch wachsen. Da böte sich doch noch für eine Intelligenz, für eine gesunde Arbeitskraft eine lohnende Aufgabe. Richard, weil du doch noch so jung bist, Richard, und gewiß gern noch etwas sichtbares schaffen willst."
Er lächelte, preßte für einen Augenblick ihren Arm. „Eine Jacht, einen Soekreuzer etwa? Meinst du das?"
„Ach nein, Richard, mit Bills Forderungen ans Leben vergleiche ich die deinen nicht. Du brauchst kein Schloß, du brauchst keine festliche Umgebung, die deinem Reichtum huldigt, du brauchst auch keine Luxusjacht, die man auf dem ganzen Mittelmeer bewundert. Ich we'ß, daß es dir in Feierstunden manchmal genügen würde, so im kleinen Segelboot vor der Küste zu kreuzen. Denkst du noch an unser Lateinersegel auf dem Stechlinsee? In den Ferien vom „Kliegenden Fließ damals?"
„Gewiß denk' ich daran. An alles, Lilo, was mit Idir zusammenhängt."
Der orangefarbene Streifen über der Horizont- lime ist erloschen. Ueberall blitzen Lichter auf. Un
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von Paul Oskar Höcker
Copyright 1931 by August Scherl G. m. b. H., Berlin Schluß.
Die Sonne erhebt sich bloß noch ein paar Hände hoch über der Horizontlinie. Die Schatten oller Dinge sind gespenstig lang. Dom Jonischen Meere her streicht der Abendwind über die felsigen Berge.
„Nun bin ich glücklich, Richard," sagt Lilo leise.
Er beugt sich nieder und küßt ihre Hand. „Du hast dir dein Glück ehrlich verdient, Lilo. Ich gönne es dir. Das weißt du. Und barum,— trotz alledem — darum gönne ich es auch ihm."
Sie zieht ihn, plötzlich im Abendwind frierend, mit sich fort. „Wir müssen noch über viele Dinge reden, Richard. — Rocco meinte, es würde doch wohl vier bis fünf Monate dauern, bis die neue Verhandlung spruchfertig vorbereitet ist. Wirst du in der Wartezeit auch nicht ungeduldig werden?" . Er hat seinen Arm in den ihren gelegt. In ruhigem Schritt gehen sie jetzt die Straße weiter. Es herrscht hier längst kein Verkehr mehr. Das gewaltige Amphitheater steigt vor ihnen aus dem Felsenrund empor. Sie kommen an eine der Treppen, die den Zuschauerraum teilen, und steigen zum oberen Umgang des alten Theaters hinauf. Weit und breit kein Mensch. Ziegen grasen auf den steilen Abhängen. Vom Meere her hört man einen Sirenenruf, lang anhaltend, warnend. Sch.sfs- zeichen antworten. Der Wind rauscht in der Plantage unterhalb von Paradiso. Mächtige Blätter — woher das Aechzen eines Ziehbrunnens.
„Siehst du, Lilo, ich habe mich in der Tugend der Geduld reichlich üben müssen. Und nun bin ich so weit darin Meister geworden, daß ich nicht nur mit mir Geduld habe, sondern auch mit der Welt Heute weiß ich, daß die Welt niemals ihr Urteil über mich ändern wird."
Sie macht eine erschrockene Bewegung, aber er fährt ruhig und besonnen fort:
„Ja, einige werden es erfahren, werden es in der Zeitung lesen, daß das Oberseeamt den Spruch des Seeamts kassiert hat. Dem Steuermann auf großer Fahrt, Richard Deutscheck, ist sein Patent als Schisser auf großer Fahrt wieder zurück gegeben
ten in der Stadt Syrakus, rings um die Halbinsel, die den Großen Hafen vom Jonischen Meer trennt. Der Leuchtturm, der dem Kastell vorgelagert ist, sendet sein Blinklicht in regelmäßigen Abständen. Auf dem Wasser ziehen rote, grüne, weiße Lichter ihre Bahn. Aus den Gärten auf den Felsabhängen schimmern kleine, helle Fensterkreuze.
Weiß Bill, daß du mir geholfen hast, Lilo?" fragte Richard nach längerem Schweigen, in dem sie der Stille der werdenden Nacht lauschten.
„Ja, Richard."
„Du erwartest ihn dieser Tage? Mit seiner Jacht?^
„Er ist schon da."
„Oh, du hast ihn also gesprochen? Und Bill — er hat dir wirklich erlaubt — ich dachte, nun würde ein Fest das andere... Du hast Tränen in den Augen, Lilo. Du kamst und sagtest: „Nun bin ich glücklich!" Und jetzt meinst du?"
„Ich weine, weil ich so glücklich bin, Richard. Weil aller Kampf in mir niedergekämpft ist. — Richard ich kann nicht Bills Frau werden."
Er ruft gepreßt ihren Namen, faßt ihre beiden Hände und sucht im Halbdämmer in ihren Augen zu lesen, in denen Tränen schimmern. * '
„Um dir das zu sagen, bin ich hergekommen, Richard."
„Du hast Streit mit ihm gehabt? — Lilo, etwa um mich?! — Eifersucht?!"
„Wohl auch Eifersucht. Aber was mich von ihm wegtreibt, ist etwas, das er selbst nie wird begreifen können. Siehst bu, er glaubt, er bietet mir mehr, als je einer armen Stewardesse geboten worden ist. Glanz, Buntheit, Sport, große Geselligkeit, Rei eabenteuer, Schmuck und schöne Kleider. Und außerdem sich selbst. — Er ist gar kein schlechter Mensch nicht wahr, er muß eben so sein, wie er ist — er würde hunderttausend andere glücklich machen können, denen er verspricht, Sonne, Mond und Sterne zum Zeitvertreib vom Himmel herunterzuholen. Es wird ihm auch nicht schwer fallen, sich rasch für eine andere zu entscheiden. Vielleicht für Linda. Schon aus Trotz gegen mich. Und niemand wird verstehen, daß ich noch mehr verlange von dem Mann, dem ich für mein ganzes Leben gehören will." Ein paar lose Tränen rinnen ihr nun über die Wangen, tropfen auf ihre ineinander- gepreßten Hände. „Wenig — und doch so viel. Ein lauteres Herz."
Er neigt sich über sie, küßt wie ehrfürchtig ihren Aermel. „Arme kleine Stewardesse. So altmodisch bist du, schau' doch an, SU&" Kx jjt so tief gepackt.
Movsen neuer Roman
Einen besonders spannenden Roman mit kriminalistischem Einschlag veröffentlichen wir ab morgen. Er ist aus der Feder von E. Fraser Simson und hat den Titel
„C^^l^^^a
daß er ein bißchen spotten muß, und sie versteht ihn und schweigt. Lange stehen sie so beieinander, halten sich umfaßt und schwanken in leichtem Wiegen hin und her. Beide summen leise irgendeine Melodie, die ihnen zu gleicher Zeit eingefallen ist. Wohl eine Erinnerung an eine kindheitsfröhliche Stunde, als in der Turnhalle am Klingenden Fließ Reigen getanzt wurde nach der Harmonika und der Laute. Als (ßilo noch die Squaw war. Und er und Bill und — der' andere — waren die Indianer. Oder die Griechen. Oder die Seeräuber.
„Weißt du, Lilo". sagt er und streichelt zärtlich ihre Hände, „man soll nicht Sonne, Mond und Sterne vom Himmel herunterholen. Es ist besser, man hat noch etwas über sich, zu dem man auf- blicken kann. Das eigene Schicksal, das Einzelscbick- sal, erscheint einem dann nicht mehr so wichtig. Vor allem erscheint es einem gleichgültig, ob man in einer Luxusjacht fährt oder im Lateiner- segel."
Nun lacht sie und wischt sich die Tränen aus den Augen.
„Aber glaube ja nicht, Richard, daß ich jetzt schon in die große Stille eingehen will. O nein, ich sehe noch viel Kampf vor uns. Kampf für dich, Kampf für mich. Ja, Liebster, sie werden alle spotten: ich hätte auf die falsche Karte gesetzt. Und sie sollen später einmal erkennen, daß ich zu dir ging, weil ich eine große Aufgabe vor mir sah: für all' dein Leid dich zu entschädigen."
„Du liebst mich, Lilo, wie ich dich? Ja, wie ich dich geliebt habe, seitdem mir Kinder waren!"
„Ja, Richard. Und ich werde dir mehr fern, als ich je einem anderen Menschen hätte sein können. Freundin — Geliebte — Frau."
Kade —