Seife 6
Donnerstag, den 7. Juki 1932
Ar. 157
Gerichtliche Sühne der Bluttat von Bleichenbach.
— Gießen, 6 Juli. In der Nacht vom 18. April spielte sich in Bleichenbach (Kreis Büdingen) eine schwere Schlägerei ab, bei der Ler Schneider Strsum aus Aulendiebach von dem Ofensetzer Ludwig Josef Maith ans Bleichenbach und dem Bäcker Arnold Heck aus Aulendiebach mit einem Licken Holzknüppel so schwer am Kopf verletzt wurde, daß er noch in Ler gleichen Nacht verstarb, während der Dienstknecht Kuhn aus Aulendiebach gleichfalls ->r° hebliche Verletzungen davontrug, an denen er jetzt noch zu leiden hat. Die Tat fand jetzt vor dem Oberhessischen Schwurgericht in Gießen ihre Sühne, vor dem sich Maith und Heck in zweitägiger Verhandlung zu verantworten hatten. Das Gericht verurteilte beide Angeklagte wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung zu je 3 Jahren Gefängnis. Der Staatsanwalt hatte für jeden Angeklagten drei Jahre und neun Monate Gefängnis beantragt.
Sich selbst den hak durchschnitten
— Diez (Lahn), 6. Juli. Die in den 50er Jahren stehende Frau Christmann im benachbarten Heistenbach hat sich selbst den Hals durchschnitten. Ehe man Lie Unglückliche fand, hatte sie sich verblutet. Der Grund zu Ler Tat dürfte in langjähriger Krankheit zu suchen sein, die schließlich zu Schwermut führte.
Ein Toler und vier Verletzte bei einem Verkehrsunfall
— Udenheim (Rheinh.), 6. Juli. Als der 18jäh- bige Schmiedegeselle Philipp Grosch von hier abends mit seinem Fahrrad von Ler Pariser Straße in die Udenheimer Chaussee einbiegen wollte, wurde er von dem Personenwagen des Mühlenbesitzers Haus aus Wallertheim erfaßt und zu Boden geschleudert. Grosch erlitt so schwere äußere und innere Verletzungen, daß er nach Einlieferung ins Krankenhaus nach Alzey, ohne das Bewußtsein wieder- erlangt zu haben, starb. Die vier Insassen Les Autos erlitten ebenfalls Verletzungen und mußten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen.
Beim Spiel zwei Finger abgehackt.
— Marburg, 6. Juli. In Feudingen bei Laasphe spielten Kinder mit einem Beil. Bei dieser Gelegenheit hackte ein 4)4fähriges Mädchen seinem 2)4 jährigen Brüderchen zwei Finger ab. Man brachte >das bedauernswerte Kind in Lie Marbur- ger Klinik.
Tödlich verbrüht.
— Bischofsheim (Rhön), 6. Juli. Ein bedauerlicher Unfall ereignete sich in der Familie des Bürgermeisters Möller in Burggallbach. Der dreijährige Enkel verbrühte sich beim Spiel mit kochendheißer Seifenlauge. An den furchtbaren Verbrennungen ist das Kind gestorben.
Beim Kuraufenthalt vom Auto tolgefahren.
— Katzenelnbogen, 6. Juli. Hier wollte eine Dame, die sich zur Kur im hiesigen Sanatorium aufhielt, noch kurz vor einem herankommenden Auto die Straße überqueren. Sie wurde von dem Auto erfaßt und so schwer verletzt, daß sie bald darauf verschied. Den Wagenlenker soll keine Schuld an Lem Unglück treffen.
Aus alle« Wett GAtveves tiitweiiee in Söffen
Die Ernte restlos vernichtet
Füßen, 6. Juli. Heute nachmittag'gegen 16 Uhr brach nach einem furchtbar schwülen föhnigen Dag über die Füßener Gegend ein schweres Unwetter hernieder, wie es seit 60 Jahren nicht mehr erlebt wurde. Vom Sturmwind gepeitscht jagten schwere Hagelwolken in geringer Höhe über das Land. Der Hagelschlag dauerte mehr als 20 Minuten. Die Hagelkörner fielen in Faustgröße, so daß noch zwei Stunden nach dem Unwetter das ganze Gelände zehn bis zwanzig Zentimeter hoch mit Hagelschlossen bedeckt war. Fast sämtliche Häuser Füßens wurden durch den Hagelschlag schwer beschädigt. Die Garten-, Wiesen und Feldfrüchte sind hundertprozentig vernichtet. Der Umfang des Hagelschlags erstreckte sich auf eine Fläche von mehr als sechs Kilometer, so daß auch die Umgebung der Stadt schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Der Schaden wird auf über 1 Million RM geschätzt. Nach 18 Uhr wurden in den Straßen Füßens in großen Wagen die Hagelkörner abbefördert. Dabei wurden Schlossen mit einem Durchmesser von 6 Zentimeter gemessen. Das Unwetter zog gegen die Berge ab.
Slntvattsvsvsiu sess« Me
Der Präsident des Deutschen Anwaltsvereins, Rechtsanwall Rudolf Dix, wendet sich in einem offenen Brief an den nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Kube gegen dessen Ausführungen in der Landtagssitzung vom 22. Juni, die sich gegen die Anwälte und die Anwaltskammer richteten. „Die parlamentarische Geschichte des deutschen Volkes", so heißt es in dem offenen Brief, „kennt keinen Vorgang dieser Art. Noch niemals ist ein deutscher Stand, auch in Zeiten höchster politischer Spannung nicht, von einem deutschen Abgeordneten in dem Ausmaße beleidigt worden, wie dies mit den Worten geschehen ist: „Die Mehrzahl der heute in Deutschland noch tätigen Anwälte hat wiederholt Ehrauffassungen bekundet, die den deutschen Ehrauffassungen grundsätzlich widersprechen." Die Anwaltschaft list ein deutscher Stand, ergänzt sich aus allen sozialen und sonstigen Schichten des deutschen Volkes und zählt Anhänger aller politischen Richtungen und aller Weltanschauungen zu ihren Mitgliedern. Sie list damit ein Mikrokosmus des deutschen Volkes. Ich bedauere tief, daß es einem Mitglieds und Abgeordneten der Nationalsozialistischen Partei des deutickisn Volkes vorbehalten geblieben ist, mit dieser Beleidigung eines deutschen Standes das deutsche Wolk zu beleidigen."
Erwürgt aufgefunden
Vamberg, 7. Juli. In dem Juradörfchen Tiesen- stürmig auf Heiligenstadt wurde die 28 Jahre alte Landwirtstochter Pezold erwürgt aufgefunden. Sie war ermordet worden. Da die Ermordete ein Kind erwartete, wurde der Geliebte, der Dienstknecht Dietrich aus. Tiefenstürmig verhaftet; er leugnet je doch die Tat.
Dev amevikanèiOe welivundftus
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Berlin, 6. Juli. Die beiden amerikanischen Weltflieger ZU a t t e r n und Griffin, die gestern abend um 23,28 Uhr MEZ in Neufundland zu ihrem Ozeanflug aufgestiegen sind, sind heule nachmittag um 17,41 Uhr auf dem Zentralflughafen Tempelhof glatt gelandet. Das einmotorige Lockhead-Vega-Flugzeug, ein Hochdecker, nahte sich in außerordentlich schneller Fahrt vom Westen dem Flughafen, flog eine Ehrenrunde und ging dann, während die amerikanische Flagge am Mast hochging und die amerikanische Nationalhymne gespielt wurde, nach einem
ununterbrochenen Flug von 18^ Stunden nieder.
Die beiden Weltflieger Bennett Sriffin und Jimmy Mattern
Griffin und Mattern sind die ersten Flieger, die in unmittelbarem Flug von Amerika Berlin erreicht haben, und zwar gelang ihnen Lies in einer Gesamtflugzeit von 18^ Stunden. Sie haben damit für diese Strecke 3J4 Stunden weniger gebraucht als die beiden anderen amerikanischen Flieger Post und Gatty, die vor Jahresfrist ebenfalls einen Rekordflug um die Welt ausführten. Trotzdem haben Griffin und Mattern gegenüber Post und Gatty nur einen Gesamtvorsprung von etwa 1)4 Stunde, weil sie auf der Strecke Newyork—Neufundland Lurch schlechtes Wetter l^ Stunde verloren hatten. Den Ozean haben die beiden Flieger in der geradezu phantastischen Zeit von 11 Stunden überflogen, da sie bereits heute vormittag um 10.30 Uhr in
Kouie des amevikaulsche« welt-Mesev
Karte der Strecke, die sich die beiden amerikanischen Flieger-Offiziere Griffin und Mattern gewählt haben, um auf ihr den Rekord zu brechen, den ihre Landsleute Post und Gatty mit dem Flug um die Welt in 8 Tagen aufgestellt haben.
Wit der Ratetenturdine in die GiSMisGHLrs Ene neue ep-OaSe GeKuduns
Zahllose Berichte über das Raketenflugzeug sind durch die Presse der ganzen Welt gegangen, aber noch ist die erste bemannte Rakete nicht in die Stratosphäre aufgestiegen. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Das Raketenprinzip ist zwar genügend entwickelt, aber die Schwierigkeiten des Aufstiegs in der Atmosphäre unter Ueberwindung des Luftwiderstands waren zu beseitigen.
Es hat sich gezeigt, daß die Rakete nur in großer Höhe und bei enormen Geschwindigkeiten befriedigend arbeitet, während Start und Landung beträchtliche Gefahren in sich bergen, abgesehen davon, daß der Nutzeffekt bei geringer Geschwindigkeit sehr klein ist.
Gerade die Konstrukteure m den Raketenlaboratorien müssen immer feststellen, daß für den Flug innerhalb der Luftschicht die Bauprinzipien, welche die Brüder Wright vor 25 Jahren zum ersten Male angewandt haben, unveränderte Geltung behalten. Mit Motor und Propeller wird der größte Nutzeffekt erzielt. Die Vervollkommnung des Motorflugzeugs durch die Technik kann aber nur eine gewisse Grenze in bezug auf Geschwindigkeit und Höhenflug erreichen, die durch den Luftwiderstand einerseits und die zunehmende Verdünnung der Luft in der Höhe andererseits gezogen ist. Bei der Rakete ist es umgekehrt, da diese beiden Momente ihre Wirkung gerade steigern.
Der Unterschied in der Wirkungsweise ist leicht erklärlich. Der Propeller schraubt sich in die Luft hinein und zieht das Flugzeug, wobei er einen dichten Luftstrom unter die Tragflächen preßt. Je dichter die Luft, umso wirkungsvoller der Propeller. Bei dünner Luft, also in großer Höhe, verliert der Propeller an Wirkung. Ueber bestimmte Höhen
Rosa Penna in der Grafschaft Donegal an der Nordspitze Irlands gesichtet wurden. Damit halten Griffin und Mattern den
Rekord der Ozeanüberfliegung.
Sie müssen Lie 3200 Kilometer lange Strecke über den Ozean mit einer Durchschnittsgefchwindigkeit von 290 Km in der Stunde zurückgelegt haben. Das war wohl nur dadurch möglich, daß Lie Geschwindigkeit der Maschine die durchschnittlich 250 Kilometer in der Stunde zurücklegt, durch günstigen Rückenwind gewaltig gesteigert wurde. Der Flug Griffins und Matterns ist der zweite Ozeanflug dieses Jahres — den ersten stellte der Flug der Miß Amelia Earhart-Putnam am 21. Mai dar.
Wie Griffin unmittelbar nach der Landung berichtete, hatten sie über dem Ozean sehr schlechtes Wetter angetroffen, das sie bisweilen zwang, bis auf 5 Meter über der Wasseroberfläche herunterzugehen. Vom Ozean selbst hatten sie fast während Les ganzen Flugs nichts gesehen, da Nebel und tief- hängende Wolken ihnen die Sicht nahmen. Nach ihrer Ankunft an der westirischen Küste überflogen sie Irland und die Irische See, um dann quer durch England auf die holländische und deutsche Nordsee- küste zuzuhalten. Sie hätten jedoch nicht gewußt, welche Städte sie dabei überflogen hätten, da sie über dem Kontinent größere Höhen aufgesucht hätten. Die Flieger wurden jedoch um 14.24 Uhr über Bremen und um 15.15 Uhr über Hannover gesichtet. Zwischen Hannover und Berlin sind sie dann auf eine ausgedehnte Gewitterwand gestoßen, die sie zu einem Umweg nötigte. Damit ist auch erklärt, weshalb die Flieger so lange Zeit brauchten, bis sie von Hannover nach Berlin gelangten. Griffin war der Ansicht, daß sie schon an Berlin vorbei geflogen waren.
Inzwischen war das Flugzeug für den Weiterflug fertig gemacht worden. Die Tanks wurden mit 2000 Liter Brennstoff aufgefüllt. Zahlreiche Kanister Oel sowie Brennstoffzusatz, der in Rußland nicht zu haben ist, wurde eingeladen. An Lebensmitteln nahmen die Flieger mehrere Thermosflaschen mit Kaffee und Tee sowie Obst und belegte Brötchen mit. Griffin schickte ein Telegramm an seine in Fort Worth in Texas lebende Frau: „Hoffe zum Wochenende zurück zu sein. Berlin war großartig. Jimmy."
Abflug nach Moskau
Kurz vor 20.55 Uhr bestiegen Mattern und Griffin wieder ihre Maschine. Sie hatten mit ihrem Weiterflug ausdrücklich bis zum Eintritt der Dunkelheit gewartet, weil sie dann die Nachtbefeurung der Lufthansa-Strecke nach Königsberg zur Orientierung benutzen können. Die Progreß of Century rollte auf den Startplatz, und nach einer nochmaligen kurzen Motorprobr startete das schwer beladene Flugzeug glatt um Punkt 21 Uhr nach einem Anlauf von etwa 16 Sekunden.
kommt kein Flugzeug hinaus. Die Rakete dagegen arbeitet infolge ihres gänzlich verschiedenen Antriebs im Vacuum um 22 Prozent besser als unter gewöhnlichem Luftdruck. Man braucht zum Vergleich nur Gewehrlauf und Kugel heranziehen. Die Rakete ist der Gewehrlauf. Sie wird durch den Luftwiderstand festgehalten, sodaß die Gase teilweise wirkungslos verpuffen.
Es sprechen also eine ganze Reihe von Gründen dafür, daß eine Kombination gesucht werden muß, bei der ein Einsatz des Raketenantriebs an der Grenze der Luftschicht möglich ist. Dazu kommt, daß der Nutzeffekt bei der Dampfmaschine höchstens 22 Prozent, bei der Dieselmaschine 33 Prozent beträgt und beim Flugmotor auch nicht höher ist. Die Rakete weist bei Flugzeuggeschwindigkeit einen Effekt von nur wenigen Prozent auf, der aber bei 1000 Klm. Stundengeschwindigkeit auf 60 Prozent steigt und mit der Geschwindigkeit noch weiter wächst.
Diesen Erwägungen hat zum ersten Male ein amerikanischer Forscher Rechnung getragen. D r R. H. Goddard, Direktor des Physikalischen Instituts an der Clark Universität, hat sich eine Konstruktion patentieren lassen, welche die Prinzipien des Motorfluges mit denen des Raketenantriebs verbindet. Goddard hat ein Turbinenflugzeug konstruiert, das mit Tragflächen versehen ist, dessen Propeller aber am Schwanz angebracht sind. Die Maschine arbeitet ohne Motor. Dafür besitzt sie den Raketenantrieb, bei dem die ausströmenden Gase eine Turbine treiben, mit welcher die Propeller ge kuppelt sind. Bei gleichbleibendem Auspuffdruck der entweichenden Gase kann die Umdrehungszahl der Propeller beliebig geändert werden. Das
Flugzeug steigt also auf wie jedes andere. In be- stimmter Höhe wird dann die Turbine ausgeschaltet, und der Raketenantrieb durch die Auspuffdüse arbeitet allein. Die Propeller sind überflüssig, denn im luftleeren Raum ist ihre Schraubenwirkung gleich null.
Goddard hat ausgerechnet, daß die Geschwindigkeit seiner Rakete maximal 5000 Mm betragen wird, da dies die Geschwindigkeit der ausströmenden Gase sei und bei voller Ausnutzung der Gase deren gesamter Druck auf die vorwärtsschießende Rakete übertragen werde.
Bei dieser Kombination ist natürlich auch ein gleichzeitiger Antrieb durch Reakete und Propeller möglich, der hauptsächlich für die Grenzschicht zwischen Atmosphäre und Stratosphäre in Frage kommt. Das Wichtigste an Goddards Raketenturbine aber ist, daß der senkrechte Aufstieg bei mörderischer Anfangsgeschwindigkeit wegfällt.
Es wäre verfehlt, nun gleich an Expeditionen nach dem Mars oder nach anderen Planeten zu denken. Schließlich ist die Bewältigung der Strecke Berlin—Newyork in einer Stunde auch keine ganz zu verachtende Leistung.
âaMev M in Hefte floi!
Seine Witwe hatte nicht genug Geld. um die Leiche nach Berlin überführen zu können
Der Tod Bruno Kastners enthüllt eine erschütternde Tragödie dieses Künstlers. Gleich nach Bekanntwerden des Selbstmordes wurde auf die wirtschaftliche Not hingewiesen, in der sich der Künstler und seine Gattin zuletzt befanden.
Daß diese Not aber so groß war, wie sich jetzt herausstellt, wußte auch keiner der intimsten Freunde des Ehepaares. Am Samstag mittag hat bereits die Einäscherung Kastners in Mainz statt« gefunden. Die Ueberführung des Sarges mit der Leiche des Künstlers nach Berlin war nicht möglich, da Frau Kastner nicht das Geld besaß. um diese kostspielige Ueberführung bewerkstelligen zu können. Auf ihren Wunsch hat deshalb am Samstag die Einäscherung der Leiche ihres Mannes in Mainz stattgefunden.
Der Brief, den Kastner vor seinem Tode noch in der letzten Stunde an seine Frau richtete, war nur kurz und enthielt außer einigen Abschiedsworten nur noch die Bestimmung über die Beisetzung. Außerdem ist aus dem Briefe auch zu ersehen, daß Kastner freiwillig aus dem Leben schied, weil er vor dem Nichts stand und auch keine Aussicht für ihn vorhanden war, eine neue Beschäftigung zu erhalten. Der schwere Lebenskampf, den er in den letzten Monaten führen mußte, hatte ihn derart zermürbt, daß er zuletzt die Nerven verlor und keinen anderen Ausweg mehr sah als den Freitod. Kastner und feine Frau waren erst vor drei Monaten in ihre Wohnung am Kaiserdamm gezogen, da sie in der früheren Behausung nicht mehr bleiben konnten. Die Besitzerin jener Wohnung, wo sie drei möblierte Zimmer besaßen, hatte sie aufgeben müssen und so das Ehepaar Kastner zum Wohnungswechsel veranlaßt. Sofort nach dem Tode Kastners hatten die Bühnengenossenschaft und die Dachorganisation filmschaffender Künstler dex Witwe des Künstlers einen größeren Geldbetrag zur Verfügung gestellt, um die dringendsten Ausgaben zu bestreiten und es Frau Kastner zu ermöglichen, in Mainz eine Anzahlung für die Einäscherung ihres Mannes zu leisten.
. Trotzdem befindet sich Frau Kastner in höchster wirtschaftlicher Not, obwohl sie auch schon die meisten ihrer Sachen verpfändet hat. Zur Linderung dieser Not plant man in Kollegenkreisen eine Gedenkfeier.
polnische«! Deleskeviev als Ladsndleb
Eine wirklich merkwürdige Geschichte ^ Berlin, 6. Juli. Es ist ein wirklich merkwürdiger Fall, der den Dr. jur. Ladislaus Kusmiak aus Kattowitz vor das Berliner Schnellschöffengericht gebracht hat. Der Angeklagte war amtlich von Polen zur Reichsbahndirektion nach Frankfurt a. O. abkommandiert worden, um hier an der Aufstellung eines Gütertarifs zwischen Polen und Deutschland mitzuarbeiten.
Vor einigen Tagen fuhr er in seiner freien Zeit mit mehreren Landsleuten nach Berlin, um sich hier einige Kleinigkeiten zu besorgen. Nach seinen Angaben lag ihm besonders daran, sich mit Apfelsinen und Bananen, die auf polnischem Gebiet sehr teuer seien, zu versehen. In Berlin scheint Dr. Kusmiak Liese Absicht vergessen zu haben; — jedenfalls landete er im Warenhaus Tietz, wo sich die folgende für einen Doktor der Rechte immerhin ungewöhnliche Begebenheit abspielte:
Er will plötzlich eine Stimme vernommen haben, die ihm befehlend zurief: „Nimm, nimm!" Und der gute Dr. Kusmiak nahm. Einen Photo-Apparat und dann einen Messerschärfer. Aber da ertönte plötzlich eine andere Stimme, eine deutsche, die ihn mit einem unsanften „Halt!" wieder ins Reich der Wirklichkeit zurückrief. Das Weitere spielte sich zwangsläufig ab: Herr Dr. Kusmiak wurde von einem Kripo in Obhut genommen und hatte sich heute vor dem Schnellschöffengericht wegen seiner Extra-Tour zu verantworten.
Hier saß er nun in seinem guten Anzug ganz zerknirscht auf der Anklagebank und behauptete, daß er zur Zeit seiner Handlungen förmlich hypnotisiert gewesen sei. Er habe gar nicht gewußt, was er tue; im übrigen sei dies eine Erscheinung, an der er schon als» Student litt. Wenn man den Worten des Angeklagten glauben durfte, so war er der rauhen Stimme sogar dankbar, die ihn von weiteren .Hypnotischen" Taten bewahrt hatte.
Der Angeklagte zeigte sich ganz untröstlich und rief: „Das ist ein Fleck auf meiner makellosen Ehre! Meine Frau weiß überhaupt von nichts. — Großer Gott, was soll ich ihr nur sagen?"
Vorsitzender: „Sie können ja dann in Polen erzählen, daß Sie hier wegen Spionage festgenommen wurden. So etwas macht ja einen besseren Eindruck."
Angeklagter: „Aber die Akten, die Akten! Die verraten alles. Ich werde mich töten müssen."
Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu zehn Tagen Gefängnis.