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31* Mai
1932
Llach dem Rütiktritt des ReichsLadinetis
Dev Reichsvväftdent bet dev rKabknetisneubtlduns — Aindenbuvs evftvebt ein Kabinett aus tüKitse« vevsSnUchkekie«, die den Variete« und Gvuvven vom Zentrum bis ruv SuSevsien Rechten «abefieben - Attlee und Goevtns bst Atndenbuvs - Man rechnet mit eknev baldtsen LS-ung der Kette
Nev «üMvittsbeschluS
Wie bereits im größten Teil der Auflage der gestrigen Nummer des Anzeigers gemeldet, hat Reichspräsident v. Hindenburg gestern mittag den Reichskanzler Dr. Brüning empfangen, der ihm den Gefamlrücktritt des Kabinetts überreichte. Der Reichspräsident nahnt die Demission an und beauftragte die bisherige Regierung mit der Weiler- führung der Gcschäflc.
Ueber die Ursachen und B e g l e i t u m- st ä n d e der Kabinettskrise meldet das Conti-Nach- richtenbüro das folgende:
Die Nachricht von dem Rücktritt des Reichskabinetts kam den politischen Kreisen nicht mehr überraschend, nachdem bereits bekannt geworden war, daß sich in der Sonntagsbesprechung zwischen dem Kanzler und dem Reichspräsidenten nicht die Möglichkeit einer weiteren fruchtbaren Zusammenarbeit bot. Angesichts der politischen Stimmung, die eine stärkere Drehung der verantwortlichen Reichspolitik nach rechts wünscht, hielt der Reichspräsident eine neue Notoerordnu ng aus der Basis eines Kabinetts Brüning nicht mehr für tragbar. Diesen Eindruck von Hindenburgs Ansichten dürfte der Kanzler bereits in der Sonntags- Besprechung gewonnen haben, die ja übrigens auch nur von kurzer Dauer war. Damit hatte die Mon- tags-Kabinettssitzung, die um 11 Uhr begann, nur noch den Zweck, den offiziellen Rücktrittsbeschluß des Gesamtkabinetts herbeizuführen, den der Kanzler dem Reichspräsidenten in der Mittagsbesprechung überbringen konnte. In politischen Kreisen wird übrigens größter Wert auf die Feststellung gelegt, daß zwischen dem Reichspräsidenten und dem Kanzler keine persönlichen Differenzen bestehen und daß die großen Verdienste Dr. Brünings gerade in dem Augenblick seines Rücktritts voll gewürdigt werden. Das dürfte auch in dem Abschiedsschreiben des Reichspräsidenten an den Kanzler zum Ausdruck kommen. Auf der anderen Seite dürfte Dr. Brüning selber auf dem Standpunkt stehen, daß die Wahl für den Generalfeldmarschall v. Hindenburg unter dem Gesichtswinkel geführt worden ist, eine starke und straffe Führung an der Spitze des Reiches zu sehen. Es ist selbstverständlich, daß er sich den Entscheidungen dieser Führung sofort unterorLnet.
Die Entwicklung dieser Krise wird in unterrichteten Kreisen als unvermeidlich bezeichnet, nachdem während der Abwesenheit des Reichspräsidenten von Berlin von gewisser Seite keine Konsequenzen gezogen worden sind, die die personelle Seite der Kabinettsfrage hätten erleichtern können. In diesem Zusammenhang muß auf die Bedeutung der O st f r a g e n, die wohl den äußeren Anlaß zur Krise gaben, hingewiesen werden. Stärkster Gegner einer weiteren Unterstützung der Großgrundbesitzer und Befürworter einer Siedlungsaktion auf der Grundlage des durch die Zusammenbrüche des Großgrundbesitzes anfallenden Bodens war bekanntlich der Reichsarbeitsminister Dr. Stege r w a l d. Aus diesem Grunde strebten gewisse Kreise die Zusammenlegung des Reichswirtschaftsministeriums und Reichsarbeitsministeriums unter der Letung des Leipziger Oberbürgermeisters G o e r d e l e r an, der bekanntlich vor seiner Berufung nach Leipzig zweiter Bürgermeister in Königsberg war. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Brünings Festhalten an der Auffassung Stegerwalds einerseits und die starken Bedenken Hindenburgs gegen die Pläne des Reichsarbeitsministers anderseits einen der Hauptgründe für den Rücktritt des Reichskabinetts bilden.
In politischen Kreisen war gestern vormittag das Gerücht verbreitet, daß Reichskanzler Dr. Brüning bereits gestern nachmittag einen Urlaub an= treten werde. Wie wir von gut unterrichteter Seite erfahren, hat er wohl ursprünglich eine solche Absicht gehabt, er ist davon aber wieder abgekommen und wird dem Wunsche des Reichspräsidenten entsprechend die Geschäfte zunächst weiter führen.
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Mit Rücksicht auf die ungeklärte politische Lage erwartet man in parlamentarischen Kreisen, daß in der Sitzung des Aeltestenrates des Reichstages am Dienstagnachmittag noch kein Beschluß über die Einberufung des Reichstages selbst gefaßt werden wird. Man nimmt vielmehr, wie das Vdz-Büro hört, an, daß der Reichstag erst zu einem späteren Termin als dem bisher vorgesehenen 6. Juni wi»- feer Mammentrelen wird.
WeeteifüOcee bei Hindenburg
Berlin, 31. 2Uai. Reichspräsident von Hindenburg hat gestern nachmittag mit den angekündigten Empfängen der politischen Führer bereits begonnen. Nach einer Aussprache mit dem Reichstagspräsidenten Lobe empfing Hindenburg die Vertreter der Sozialdemokratischen Reichslagsfraktion Wels und Breitfcheid. Die Fraktion selbst wird nach einem gestern gefaßten Beschluß ihres Vorstandes Mittwoch vormittag zusammentreten; auch der Vorstand der Zentrumsfraktion hatte gestern nachmittag eine Beratung. Weiter hat der Reichspräsident in den Abendstunden die Vertreter der Nationalsozialistischen Partei empfangen, und zwar den Parteiführer Hitler und feinen politischen Beauftragten, Reichstag sabgeordneten Göring. heute werden die Führer des Zentrums, der Deutschnationalen und der anderen Parteien empfangen werden.
In Berliner politischen Kreisen verzeichnet man mit großer Genugtuung, mit welcher Energie der Reichspräsident die Verhandlungen über die Neubildung des Reichskabinetts ausgenommen hat, um die Krise so schnell wie möglich zum Abschluß zu bringen. Die Verhandlungen befinden sich augenblicklich im Stadium der Besprechungen mit den Parteiführern. Nach den Dispositionen des Reichspräsidenten werden sie bis heute abend abgeschlossen sein, so daß der Reichspräsident am Mittwoch mit den Persönlickkeiten Fühlung nehmen kann, die in erster Linie für das Kanzleramt in Frage kommen.
Als Kandidaten stehen jetzt in vorderster Linie Graf Westarp, ferner ein bekannter preußischer Politiker der Deutschnat. Volkspartei (wahr- scheinlich Freiherr von G ay l) und eine dem Zentrum nahestehende Persönlichkeit (Dr. Bracht, Oberbürgermeister von Essen?). Etwas Genaueres wird sich hierzu aber erst sagen lassen, wenn sich aus den Besprechungen mit den Parteiführern die Basis für die Fühlungnahme mit den Persönlichkeiten ergeben hat, die der Reichspräsident für geeignet hält.
Ueber die Besprechungen mit den Parteiführern wird naturgemäß Stillschweigen bewahrt. Es ist aber immerhin vielleicht bezeichnend, daß der Empfang der sozialdemokratischen Führer nur sehr kurz war, während Adolf Hitler mit dem Hauptmann Göring etwa dreiviertel Stunden im Hause des Reichspräsidenten weilte. Es würde nur feiner Haltung bei früheren Regierungskrisen entsprechen, wenn der Reichspräsident wie man sicher annehmen kann, nicht daran denkt, sich von den Fraktionen irgendwelche Bedingungen stellen zu lassen. Dabei ist es bei der Persönlichkeit Hindenburgs selbstverständlich, daß er absolut und streng verfassungsmäßig vorgeht, und daß alle Gerüchte über ein Direktorium, ein Mililärkabinett oder dergleichen vollkommen abwegig sind.
Was der Reichspräsident erstrebt, ist ein Kabinett, das aus tüchtigen Persönlichkeiten zusammengesetzt ist, die den Parteien und Gruppen vom Zentrum bis zur äußersten Rechten nahestehen, ein Kabinett, das also im Reichstage von dieser Seite her zum mindesten toleriert würde.
Auf diese Weise würde eine Reichsregierung gebildet, die der Verlagerung der politischen Willenskraft des Volkes entspricht, wie sie bei den letzten Wahlen zum Ausdruck gekommen ist. Ent
Wiev wird das neue SteiAskaNustt bilde«?
werden als Kandidaten für den Reichskanzlerposten genannt,
Freiherr Wilhelm von Gayl.
Graf Westarp.
Dr. Bracht, Oberbürgermeister von Essen.
wickeln sich die Bemühungen um die Beseitigung der Krise normal, so kann man wohl damit rechnen, daß es der Initiative des Reichspräsidenten gelingt, das neue Kabinett bis Ende der Woche zu bilden.
Ob sich die Erwartung mancher Politiker erfüllen wird, daß Dr. Brüning als Minister des A e u ß e r e n in die neue Regierung eintreten werde, bleibt abzuwarlen. Seine frühere Aeußerung, daß man in einem neuen Kabinett auf feine Person werde verzichten müssen, spricht nicht gerade für diese Annahme. Ziemlich weit verbreitet ist die Auffassung, daß General von Schleicher als eine der führenden Persönlichkeiten, die in Opposition zum Kabinett Brüning gestanden haben, in das Kabinett einbezogen werden müsse, und daß er sich sehr wohl, wenn der Ruf an ihn ergehe, dem nicht gut werde entziehen können.
Kommt es w -einer ReiKs- tassauftSsuus?
Das Conti-Nachrichtenbüro meldet: In politischen Kreisen hat man sich gestern bereits den Kopf darüber zerbrochen, ob es zu einer Auflösung des Reichstages und zu Neuwahlen kommen werde. Dagegen spricht im Augenblick zweifellos die Beunruhigung, die neue innerpolitische Kämpfe in diesem Augenblick bringen würden, wo wir vor wichtigen außen- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen stehen, für die ja die neue Reichsregierung so bald wie möglich aktiviert werden muß. Sd)on deshalb wäre es zweckmäßig, die Reichstagsauflösung gegenwärtig zu vermeiden und sie zum mindesten einem Augenblick vorzubehalten, der durch die weitere Entwicklung zu einem späteren Zeitpunkt gegeben sein könnte.
Im übrigen hat man in politischen Kreisen den Eindruck, daß auch die Regelung der Regierungsverhältnisse in Preußen durch die Aenderung im Reiche erleichtert und gefördert werden dürfte. Viel bemerkt wurde gestern übrigens auch, wie positiv die Börse, die ja immer als ein Stimmungsbarometer gilt, auf die Klärung der Regierungsfrage im Reiche reagiert hat. Man sieht darin ein Zeichen des Vertrauens, das dem Reichspräsidenten auch gerade von der wirtschaftlichen Seite her entgegengebracht wird.
Das Ende dev Sleva Bvüntns
Das Kabinett Brüning, das Ende März 1930 die Erbschaft des Kabinetts Müller antrat, ist nun ohne Mithilfe des Reichstags — übrigens in der Nachkriegszeit der erste Fall eines Kanzlersturzes, dessen Ursprung nicht in Schwierigkeiten mit dem Parlament, sondern in unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten mit dem Reichspräsidenten liegt — am Ende seiner Tätigkeit angelangt. Es ist schon längst nicht mehr das Kabinett Brüning gewesen, das von dem damaligen Fraktionsoorsitzenden des Zentrums gebildet wurde, denn es hat gar manche Wandlung in diesen mehr als zwei Jahren durchgemacht. Der Außenminister Curtius ist inzwischen gegangen, Wirth ist schon längst nicht mehr Innenminister, Moldenhauers Finanzministerherrlichkeit ist fast vergessen, von Guèrard als Verkehrsminister und Professor Bredt als Iustizminister gehören der Vergangheit an, und in den letzten Wochen ist auch das Reichswehrministerium verwaist. Geblieben ist eigentlich von den Männern aus den Märztagen vor zwei Jahren neben dem Reichspostminister lediglich der Reichskanzler Dr. Brüning. Und nun ist es soweit, daß sein „Kabinett der Frontsoldaten" völlig aus der ersten Linie des politischen Kampfes abtritt.
Für den Rücktritt des Kabinetts sind zweifellos fachliche und persönliche Gründe maßgebend gewesen. Ernsthafte sachliche Meinungsverschiedenheiten können in der Unterredung zwischen Hindenburg und Brüning am Sonntag zunächst aus der geplanten neuen Notverordnung entstanoen sein, die mit der Demission des Kabinetts natürlich in der Versenkung verschwindet. Nach der Notverordnung war beabsichtigt, den stark verschuldeten agrarischen Großgrundbesitz im Osten durch Zwangsversteigerung oder staatliche Enteignung für Siedlungszwecke freizumachen. Der Reichsarbeitsminister verlangte diese Maßnahme, um seine Siedlungspläne durchführen zu können. Das Reichskabinett hat demgemäß beschlossen, trotzdem die Minister Schlange und Schiele widersprochen zu haben scheinen. Hindenburg hat sich mit der vorgeschlagenen Lösung nicht einverstanden erklärt und Brüning hätte nun, wenn er die Notverordnung überhaupt retten wollte, den Reichsarbeitsminister preisgeben müssen. Im Anschluß an diese Frage sind dann wohl andere Personenfragen aufgetaucht. In der Presse der Linken ist der Minister Groener gewissermaßen zum Eckstein des Kabinetts Brüning gemacht worden. Seitdem er das Verbot der nationalsozialistischen Sturmabteilungen durchgesetzt hatte, war er von der Linken zu ihrem Parteigänger gestempelt worden und seine Person, sein Gehen oder Verbleiben wurde deshalb als maßgebend für die künftige Orientierung des Kabinetts Brüning betrachtet. Auch in diesem Punkt haben sich offenbar sehr erhebliche Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Reichspräsidenten und dem Kanzler ergeben.
Brüning war vielzusehr auf die bisherige Kombination im Reiche eingeschworen, um zu einer ernsthaften Kursdrehung der Reichspolitik, zu einer Loslösung von der bisherigen Regierungsgrundlage imstande zu sein. Die Blätter der Linken gaben die Parole aus: entweder Vertrauenskundgebung des Reichspräsidenten für Brüning auf lange Sicht oder Krise. Ob Brüning eine Vertrauenskundgebung des Reichspräsidenten überhaupt noch gefordert hat, ist sehr zweifelhaft. Er wird wohl aus dem Verlauf der Sonntags-Unter-
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