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Samstag, den 1S. April 1932
Sette 3
Gtadt Sana«
Ssn einem letzten, allgemeinen LAatzfiabe
Von Rheinhold Braun
Es bleibt der letzte und allgemeinste Maßstab für den Wert eines Menschen, ob er auch der Andacht fähig ist, ob er seine Gedanken vom Staube des Alltags losmachen und eine Feiertags-Stille in sich erzeugen und würdig genießen kann. Paul Heyse.
Fürwahr, die Weisheit vom Maßstab ist eine MZ besonderer Art.
Eine Zeit ist das, was ihre Maßstäbe sind
Je weniger und je größere sie hat, solche, die or dem Licht der Höherwelt bestehen können, je chöpferischer ist sie.
Und die heutige Zeit? Das maßstäbelt in ihr us allen Winkeln hervor. Ja, es gibt in ihr Maß- täbe, die einer Narrenpritsche und deren Wertlosig- eit recht nahe kommen. Man könnte heute fast von iner Maßstab-Sucht reden. Jeder glaubt berechtigt u sein, an dem lieben Nächsten möglichst auffällig seinen Maßstab anzulegen", dem man allzu oft 1e Elle seines Gewordenseins auf den ersten Blick insieht und der in der Hand seines Besitzers zu- oeilen sogar zu einem Kuriosum sich auswächst. Luch soll es vorkommen, daß man dieselben Mönchen nach einiger Zeit bereits mit einem anderen Naßstab umherlaufen sieht: sogar die Farben ollen darauf gewechselt haben. . .
Ja, es ist eine sonderbare Zeit, wenn man sie beur- etli nach ihren Maßstäben und nicht zuletzt nach 'enen, die sie ihren Mitmenschen anzulegen pflegen, msere liebe Jugend nicht ausgenommen.
Es führt zweifelsohne zu der inneren aber auch iußeren Verkleinerung unseres Geschlechtes, wenn 's weiter von dieser wilden Maßstab-Sucht besessen st, in der das Gehirnliche, Politische, Sektiererische, )as Zufallsmäßige die größte Rolle spielen.
Es ist, als ob man die Maßstäbe des echt Menschlichen, Herzensvollen, der Gesinnung, der Siebe, der Treue, des wahren Frommseins, des innerlich Deutschen in die große Rumpelkammer zeschafft habe.
Nein, nein, sie müssen uns bleiben und mit Ehrfurcht betrachtet und wenn es geboten erscheint „an- zelegt" werden.
Fürwahr, die Weisheit vom Maßstab ist eine zanz besondere Art und verlangt mancherlei Einsicht, viel Erfahrung, viel ehrlichen Kampf um den ngenen Wert und nicht zuletzt das rechte Verhältnis zu dem, was nicht von dieser Erde und nicht gleich sichtbar ist.
Es ist ein treffliches Wort aus jener Weisheit, )as von dem „letzten und allgemeinsten Maßstab" rebet. Und der es sprach, war als Dichter ein Menschenkenner. Ich persönlich erfahre genug die Wahrheit dieses Wortes auf meinen Redefahrten durchs deutsche Land, gerade als Verkünder des Innerlichen.
Wie bunt gewürfelt sitzen die Menschen an meinem Abend oft vor mir! Eines bindet sie dann alle, welcher „Richtung" sie auch sonst angehören mögen und welchem sogenannten Wissensgrade: daß sie Suchende sind, daß sie das Verlangen haben: Einmal heraus aus dem Alltag, einmal etwas hören, daraus ein Herzenston klingt!
Und dann erlebte ich es, daß alle sonstigen Maßstäbe und -Stäbchen fröhlich miteinander versinken und daß die Menschen da — mit seltenen Ausnahmen — vor dem „letzten und allgemeinsten", dem der Andacht, wunderbar bestehen. Dann geschieht es wohl, daß sich Menschen mit den Augen der Andacht auf einmal anblicken, die im gewöhnlichen Leben meist keinen Blick für einander haben. Und ich sehe auch, wie in den Gesichtern viel Gutes aufsteht, viel Jnnenlicht sichtbar wird, so schon, daß solches Erleben den eigenen Glauben an den Kern
Dank an die Hindenburgwähler!
Hindenburg ist durch die Wahl vom 10. April der erste deutsche Reichspräsident geworden, der sein hohes Amt auf die absolute Mehrheit der Wähler stützen kann.
Möge die opferbereite, glühende Vaterlandsliebe, die ihn bestimmt hat, die Wahl anzunehmen, jeden Deutschen erfüllen. Dann wird unter seiner ruhigen, festen und zielbewußten Führung das deutsche Volk langsam aber sicher wieder gesunden und die wirtschaftliche Rot überwinden, dann wird Deutschland im Innern wieder einiger und fester und Außen angesehener und freier werden.
Dieser Erfolg wird der Dank und die Anerkennung und eine Genugtuung für alle diejenigen sein, die durch Arbeit und Opfer, die durch ihr mannhaftes Eintreten und ihre Stimme zu dem Siege Hindenburgs am 10. April beigelragen haben.
Hanau, den 14. April 1932.
Der Hindenburg-Ausschuß Hanau
unseres Volkes immer wieder wundersam stärkt! Ja, es ist ein Großes, mit Gesichtern der Andacht beschenkt zu werden! Und wenn ich außerhalb solcher Hochstunden in Menschen-Angesichter blicke, frage ich mich meist: ist dieser Mensch da vor mir oder der, dem ich jetzt begegne, wirklich einer Andacht fähig?
Zuweilen, besonders in den großen Städten kommt ein Schrecken über mich, wenn ich meinen muß, es werden derer immer weniger . . .
Und es ist doch so, daß gerade für den deutschen Menschen die Andacht wirklich „ber letzte und allgemeinste Maßstab" für feine innere Gesundheit, Kraft und Schönheit, für seinen wahren Wert ist.
Ein beeistes EvpvessevstüEchen
Genügend Stoff für einen der sattsam bekannten Groschen-Detektivromane bot eine Berufungs- Verhandlung, mit der sich gestern die hiesige Große Strafkammer zu befassen hatte. In dem kleinen Rhönörtchen Lütters (Kreis Gersfeld) lebt still und bescheiden ein 49jähriger Maler und Anstreicher, der nebenher noch eine kleine Landwirtschaft betreibt. Kein Mensch sieht es ihm an, daß er sich hin und wieder als Erpresser betätigt und seinen Mitmenschen durch schlimme Drohungen einen panischen Schrecken einzujagen versteht.
Bereits vor 20 Jahren beging er den ersten übelen Erpressungsoersuch an dem neuen Verwalter eines Gersfelder Gutsbesitzers, der zwar nicht von Erfolg begleitet war, dem Drohbriefschreiber aber 1 Jahr 3 Monate Gefängnis eintrug. Die Kleinigkeit von 4000 Mk. verlangte er damals von dem Verwalter, anderenfalls er eine Bombe gegen dessen Auto schleudern würde. Zwischen zwei Grenzsteinen an einer näher bezeichneten Stelle der Umgebung sollte das Geld in einem dort verscharrten Holzkästchen niedergelegt werden. Acht Tage Frist setzte er dem Verwalter, dessen Leben bei einer Weigerung verwirkt sein sollte. Sollte man chm aber selbst auf die Spur kommen, dann werde ein guter Freund das Rachewerk vollenden. Der Derwaller ließ sich glücklicherweise durch den Erpresserbrief nicht ein- schüchtern und setzte die Polizei in Bewegung, die den anonymen Drohbriefschreiber dann bald gefaßt hatte. Das im Brief erwähnte Kästchen aber fand sich damals wie auch in dem heutigen Falle an der näher bezeichneten Stelle vor. Zehn Jahre später beging der „biedere" Rhönbewohner dann den zweiten Erpressungsoersuch in ähnlicher Weise, bei dem er mit 1 Monat Gefängnis recht billig wegkam.
Abermals waren 10 Jahre ins Land gegangen, als im Dezember v. I. ein 21 jähriger Maler und Anstreicher im nahen Schmalnau (Kreis Gersfeld) einen anonymen Brief erhielt, in dem der Schreiber mit Anzeige bei der Staatsanwaltschaft wegen Abtreibung drohte. Nur ein Schweigegeld in Höhe
von mindestens 2000 Mark, das bei Nacht und Nebel unter einem Kreuze im Walde bei Weyhers an einer genau bezeichneten Stelle niedergelegt werden müsse, könne die bevorstehende Anzeige noch abwenden. Der Empfänger des Briefes hatte in der Tat ein Liebesverhältnis mit seiner 40jährigen Tante, die inzwischen Mutter von ihm geworden ist und vor Jahren einmal eine Strafe wegen Abtreibung erhalten hat. Weit schwerer aber schien der Umstand ins Gewicht zu fallen, daß die ledige Tante kurz vorher eine amerikanische Erbschaft in Höhe von rund 20 000 Mark gemacht hatte, die dem Drohbriefschreiüer anscheinend sehr in die Augen stachen. Klar lag es von Anfang an auf der Hand, daß als Briefschreiber nur eine Person in Frage kommen konnte, die mit den Familien- und Lebensverhältnissen des Adressaten ganz genau Bescheid wußte. Man brauchte auch nicht lange im Dunkeln zu tappen, bis man den Briefschreiber in Gestatt des Angeklagten -ermittelt hatte, der vorübergehend auch längere Zeit bei dem Vater des Briefempfängers beruflich beschäftigt war. Nach einigen Umschweifen gab er denn auch zu, den Erpresserbrief geschrieben zu haben, da er angeblich durch ein Brandunglück in finanzielle Bedrängnis geraten war und sich auf diese etwas ungewöhnliche Art und Weiss sanieren wollte» Das Schöffengericht Fulda hatte wenig Verständnis für derart übele Scherze und erkannte auf 6 Monate Gefängnis, welche Strafe jetzt auch die hiesige Große Strafkammer auf die Berufung des Angeklagten hin bestätigte, da der auf einmal schützend ins Treffen geführte § 51 bei dem sonst durchaus vernünftigen Angeklagten nie und nimmer Anwendung finden dann.
* Daten für 17. April. 1774: Der Erfinder der Buchdruckschnellpresse Friedrich Koenig in Eisleben geb.; 1790: Der nordamerikanische Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin in Philadelphia gest. 18 April: 1521: Lucher auf dem Reichstag in Worms; 1873: Der Chemiker Iustus v. Liebig in München gest.; 1892: Der Dichter Friedrich v. Bodenftedt in Wiesbaden gest.
* Ihren 82. Geburtstag feiert am Montag Frau Auguste Sell Wttwe geb. Nöting, Alt- ftraße 18a.
* Sein Sojâhriges Kaufmannsjubiläum begeht am 17. April Herr Fritz Hoffmann, Hochstädter Landstraße 3, zurzeit in Firma Jean Schlingloff, Kohlenhandlung. 42 Jahre war er vom Lehrling bis zum Prokuristen in der Firma Franz Lang u. Co. (Gold engros) tätig, bis diese Firma der Wirtschaftskrise zum Opfer fiel. Aber nicht nur durch seine hervorragende Fachkenntnis im Jn- und Auslands bekannt und hochgeschätzt, erfreut sich der Jubilar vor allem in seiner engeren Heimat allgemeiner Beliebtheit durch sein aufrichtiges und akurates Wesen sowie als Naturfreund und Hüter des Vogelschutzes.
* Ausnahme der Gemeindepolizei von der <0ch Haftskürzung. Durch einen gemeinsamen Rund- erlaß des Preußischen Innenministers • und des Preußischen Finanzministers an die Gemeindebehörden und deren Aufsichtsbehörden ist folgendes bestimmt worden: Abweichend von den früheren Gc- Haltskürzungsverordnungen sind im Siebenten Teil der Vierten Notverordnung des Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen usw. vom 8. Dezember 1931 die Soldaten der Wehrmacht nicht genannt. Sie sind also der Gehaltskürzungsverordnung um 9 o. H. nicht unterworfen. Nach § 8 Abs. 1 a. a. O. gelten die §§ 1 bis 7 entsprechend für die Länder, Gemeinden und Ge- meinbenerbänbe Es bestand beim Erlaß der Notverordnung Einigkeit innerhalb der Reichsregierung und zwischen der Reichsregierung und der Preußischen Staatsregierung darüber, daß unter entsprechender Geltung für die Länder und Gemeinden u. a. gemeint sei, daß, wie im Reiche die Soldaten der Wehrmacht, so bei den Ländern und Gemeinden die Pol.-Exekutive der Kürzung nicht unterliege. Es ist also der Wille des Gesetzgebers, daß die Pol.- Exekutive (das sind die Beamten des Pol. -Bollzugsdienstes) von dieser letzten Besoldungskürzung nicht betroffen wird. Diese Rechtslage ist bereits durch den Runderlaß des Ministers des Innern an die Regierungspräsidenten vom 21. Dezember 1931 bekanntgegeben worden. Die Gemeindeaufsichtsbehör- den werden ersucht, mit allem Nachdruck darauf zu halten, daß auch die Gemeinden und Gemeindeverbände hinsichtlich ihrer von der Aufsichtsbehörde bestätigten Pol.-Vollzugsbeamten entsprechend verfahren.
* Eisenbahner als Erfinder. Etwa 3800 RM Erfinderprämien sind im letzten Jahr im Reichs- bahndirektionsbezirk Frankfurt a. M., etwa 4000 RM im Bezirk Kassel und eine kleinere Summe im Bezirk Mainz ausbezahlt worden. Die 125 000 RM, die von der Reichsbahn insgesamt zur Auszahlung gelangt sind, sind ein Zeichen dafür, wieviel erfinderische Intelligenz in den Eisenbahnern steckt. So war es ein Beamter der bas Schloß bei den V-Zug- türen erfunden hat, das automatisch schließt und das Herausfallen aus halbverschl offenen Türen unmöglich macht Ein anderer hat das Schnellzugfenster erfunden, das sich in jeder beliebigen Höhe ohne Riemen und Stecklöcher feststellen läßt. Die Erfindung eines praktischen Eisenbahners ist auch die „Wanne", der offene Holzverschlag an der Bahnsteigsperre, der eine Bedienung des Publikums nach beiden Seifen zu ermöglicht. Es gibt da Erfinder sozusagen am laufenden Band. Von einem Eisenbahner stammt die Erfindung der elektrischen Fahrsperre, der es zu danken ist, daß ein Zug ein Haltesignal nicht überfahren kann Ein Werkmeister hat den Hemmschuh-Prellbock ausgedacht, der, an den Schienen angebracht, den heranrollenden Wagen einfach auffängt, einen Pufferheber, durch den einige Zentner schwere Puffer von einem Mann abmontiert und repariert werden können u. a. m.
o Stadlkhealer Hanau. Aus dem Theaterbüro wird uns geschrieben: Zu ermäßigten Preisen zum vorletzten Male wird heute Samstag, abends 8 Uhr, der größte Operettenerfolg des Jahrhunderts „Im weißen Röß'l" Revueoperette in 3 Akten von Ralph Benatzky wiederholt. — Morgen Sonntag, abends 7% Uhr, gelangt der stürmische Heitsrkellserfolg „Der Raub der Sabinerinnen" Schwank in 4 Akten von Franz und Paul von Schönthan zur Aufführung. Der Besuch dieser Vorstellung bedeutet .Lachen ohne Ende", denn dieser Schwank mit seiner köstlichen Situationskomik hat keine Konkurrenz, er ist das beste Werk der gesamten Schwankliteratur.
MM in M!
Unterstützt das Sandwevki Geteilt HttMeäae an das saadwevkt
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do» Gina Kaus.
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51. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Sie haben vorzüglich operiert, Kollege!" Dozent Krieglacher steht hinter ihm, ebenfalls im weißen Kittel und mit Gummihandschuhen an den Händen. „Ich hätte natürlich beim kleinsten Versagen eingegriffen — Sie sehen, ich war darauf vorbereitet — aber es war alles vollkommen! mustergültig!"
, Tomas möchte etwas sagen, er möchte wenigstens Frau Weber fragen, wie sie sich fühlt, aber beim ersten Versuch, ein Wort hervorzubringen, fühlt er den Krampf der Tränen in feiner Kehle. Die Ansoannung dieser Stunde war zu groß ge= wesen. Seine Hände zittern, er hat Schweiß auf der Stirn, ein dunkles Entsetzen ist noch m chm und gleichzeitig schon die Erlösung — als wäre er selbst von schwerster Lebensgefahr befreit.
„Rauchen Sie!" sagt Krieglacher und zündet sich gleichfalls eine Zigarre an (die Kranke ist bereits ins Hospitalzimmer geschoben worden). „Da, nehmen Sie Feuer und schämen Sie sich Ihrer Tränen nicht. Ich kenne den Schauer über die eigene Vermessenheit, den man nach einer großen Operation empfindet. Wie ein geprügelter Hund! Aber glauben Sie mir — Sie sind der geborene Chirurg. Ich wünschte mir einen solchen Assistenten."
Tomas nimmt eine Zigarre, er kann noch immer nicht sprechen. Alles in ihm ist gelöst in eine heiße leidenschaftliche Ergriffenheit, die nicht nur das Ereignis dieser letzten Stunden umfaßt, sondern sein ganzes Leben, vergangenes und künftiges. „Ich danke Ihnen . . .'" stottert er schließlich, aber das gilt gar nicht dèm Mann mit dem ausgemergelten ' Gesicht im weißen Aerztekittel, es gilt einer unsichtbaren, unbekannten Adresse. „Ich danke Ihnen."
Sie gehen ins Krankenzimmer. Mutter Weber st in erschöpften Schlummer gefallen, sie atmet chwach und ungleichmäßig, aber ihr aschfahles Ge° icht ist ruhiger geworden und hat eine sonderbare chmerzstille Schönheit, und als Tomas ihre Hand nimmt, um nach dem Puls zu sehen, tut er es nicht
mit dem Interesse des Arztes, sondern mit inniger, tief besorgter Liebe. Sie wird mir doch jetzt nicht sterben! denkt er, als wäre es seine eigene Mutter. Wäre er allein im Zimmer, er drückte vielleicht einen zarten Kuß auf diese trockene, knöcherne Greisinnenhand.
Krieglacher legt seinen Kittel ab, Tomas begleitet ihn auf den Korridor, es ist eigentlich nichts mehr zu sagen, aber Krieglacher steht wie angewachsen und starrt an Tomas vorbei — und Tomas versteht: Die Szene vom Nachmittag, jenes Bör- fengefpräch belastet ihn, er schämt sich. Nein, er soll sich nicht schämen, er ist kein niedriger Charakter, ein niedriger Charakter hätte sich in dieser Stunde für die erlittene Zurechtweisung gerächt, er aber... „Sie haben mich aufgerichtet", sagt Tomas, „Sie haben mir neuen Lebensmut gegeben, ein neues Ziel . .
Als er zurück ins Krankenzimmer kommt, sitzt Schwester Martha am Bett, auch ihr Gesicht ist von der Aufregung dieser Stunde gerötet und freudig bewegt.
„Ich habe doch gewußt . . /, sagt sie und bricht ab. Noch immer sind chre Augen dunkler als sonst und strahlen von Kraft und Zuversicht. Und von einer reinen, tiefen Freude, die vielleicht nicht allein Mutter Webers kümmerlich verlängerten Lebens- stunden gilt.
Sie zieht einen Zettel aus der Tasche. „Sehen Sie, was ich da habe. Das ist die Adresse vom Franz — nämlich von Mutter Webers Sohn. Mir ist eingefallen — Sie könnten dem Jungen ein Radiogramm schicken, damit er in Brooklyn aufs Schiff kommt. Ich meine — vielleicht ist sie doch zu schwach, um den Transport ans Land . . ."
„Natürlich, und es wird sie ungeheuer beruhigen!" Tomas ist begeistert. Er ist Schwester Martha dankbar, als hätte sie ihm mit diesem Dienst, den er Mutter Weber erweisen darf, ein Geschenk gemacht.
„ . . . und bis dahin wird sie uns schon nicht sterben!" sagt sie.
Dieses kleine Wörtchen „uns" schafft plötzlich eine tiefe Zusammengehörigkeit. Tomas nimmt sie bei den Händen — bei diesen guten Schwesterhänden, die während der Operation immer zur richtigen Stelle waren, und trintt mit unersättlichem Durst die unverhüllte Bewunderung ihres Blickes. Ein Mann, denkt er, kann unendlich viel leisten, wenn neben ihm eine Frau steht, dis leidenschaftlich
seine Ziele verfolgt. Und es geht ihiy weiter durch den Kopf, daß dies vor allem andern der Sinn einer Ehe ist; die gemeinsame Hingabe an ein Drittes, Wesentliches. Und zum erstenmal kommt ihm der Gedanke, daß seine eigene Ehe von allem Anfang an verfehlt gewesen war. Dann steigt er langsam die Treppe wieder hinauf und geht nach dem Ballsaal. Es ist Mei Uhr vorbei, er weiß, das Fest ist längst zu Ende und Sybil ist längst anderswo und es ist gar nicht um Sybils willen, daß er noch einmal die Glastür hinter der Estrade öffnet und in den leeren, halbüunklen Ballsaal steht.
Dumpfer, säuerlicher Geruch von kaltem Zigarrenqualm, Weindunst und Menschenschweiß, Flaschen auf den Tischen und unter den Tischen, leere und halbvolle Gläser, quer über das Barkett Koriandolistreifen wie tote, verknäuelle Schlangen. Das ist der Bodensatz des verklungenen Festes. Eine ganze Welle steht er in der Tür und atmet mit der schlechten säuerlichen Lust die triste Melancholie aller abgetanen Freuden.
„Es ist vorüber," sagt er halblaut vor sich hin. Aber er weiß gar nicht, was er damit meint: das Fest oder sonst etwas, das nur ihn allein angeht.
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Am nächsten Morgen, Mischen sieben und halb acht, stieg ein Mann in grauer Joppe vom 8-Deck über die Hintertreppe hinab. Unterm Arm trug er ein unscheinbares Holzkästchen. Keiner ahnte, daß in diesem Kästchen ein Unheil beschlossen war, von dem er selbst im Laufe dieses Tages betroffen werden sollte.
Der Kammerdiener Stephansons klopfte, wie jeden Morgen, an der Tür mit der Aufschrift „Arzt". Schwester Marcha öffnete und nahm chm das Kästchen ab.
„Ich mache noch schnell die Analyse für Stephan- fon," sagte sie zu Tomas, „dann gehen wir zu Frau Weber."
Zum erstenmal wollte ihr Tomas diese Arbeit abnehmen, aber sie ließ es nicht zu. Er setzte sich auf das weißledernbespannte Kanapee und sah mit einer Art aufmerksamer Zerstreutheit zu, wie sie Probier- und Meßgläser handhabte. Er hatte heute endlich einmal ein paar Stunden tief und ruhevoll geschlafen. Gleich nach dem Erwachen hatte er einen Gedanken gesucht, der ihm während des Einschlafens gekommen war, aber er konnte ihn nicht
mehr finden. Er wußte nur, daß es ein überraschend einfacher, unbezweifelbar richtiger und entscheidender Gedanke gewesen war. Auch jetzt, während er den mageren, geschickten Händen Marthas zusah, suchte er nach diesem Gedanken.
„Aber das ist doch — sonderbar!" rief sie plötzlich. Er kam zu chr. „Jeden Morgen bisher hat dieser Stephanson zwischen eineinhalb und eindreiviertel Prozent Zucker gehabt. Und heute soll er beinahe drei Prozent haben!?"
„Unmöglich!" Tomas überprüfte den Versuch. Einmal. Zweimal. Aber das Polarisations-Mikroskop zeiAe immer wieder zwei Ganze, neun Zehntel.
„Ich muß sofort zu ihm gehen," sagte Tomas. „Bitte sagen Sie Krieglacher, er möge bei Frau Weber warten, bis ich komme. Es kann nur zehn Minuten dauern."
Als er schon in der Tür war, hatte er das unklare Gefühl, etwas vergessen zu haben. Hatte er nicht Schwester Martha etwas sagen wollen? Er wandte sich um. Aber sie stand noch immer über das Mikroskop gebeugt und sah nicht nach chm hin. Der Ausdruck chres Gesichtes war streng und verschlossen, wie gewöhnlich. Er empfand eine kleine Enttäuschung darüber.
Stenbanfon war nicht mehr in seiner Kabine. „Seit sieben Uhr ist er auf den Beinen," erzählte Miß Fielding. Eine völlig verweinte, verzweifelte Miß Fielding. Sie zitterte so sehr, daß der wilde Schmuck in ihren Ohren und auf ihrem Busen leise klirrte.
„Hat sich Herr Stephanson heute morgen nicht wohlgefühlt?" fragte Tomas.
(Fortsetzung kol(M.
Stadt - Tbeatev Sana«
Samstag, 16. April, 8—11 Uhr, ermäßigte Preiss, zum vorletzten Male:
„Im weißen Rößl"
Sonntag, 17. April, 7.30—10 Uhr, Lachen ohne Ende:
„Der Raub der Sabinerinnen"