Nr. 66
Arelkag. den 18. März 1932
Sette 3
Stadt Kanau
Die Lase des Ävbeitsmavktes
im Bezirk des Arbeitsamtes Hanau für die Zeit vom 1. bis 15. März
Unter den Auswirkungen der durch die Mahlzeit och erhöhten allgemeinen Unsicherheit der Lage tif wirtschaftlichem Gebier wurde der Arbeitsmarkt leiterhin ungünstig beeinflußt Es ist keinerlei »esentliche Belebung mi ganzen Bezirk fest, zustellen ewesen. Die Zahle». der Arbeitssuchenden blieben 1 allen Berufsgruppen fast unveränderlich hoch. He Abgänge in Arbeit waren, wie im Februar, hr aer-na und die Ziffern in der Arbeitslosenver- cherung sanken hauptsächlich nur infolge Aus» euerung. während die der Knsenfürsorge dadurch »stiegen. Es wurden 15 674 Arbeitsuchende 3 ezählt.
Unterstützt wurden: am 29. 2. 32 am 15. 3. 32 m. w. tnsge). m. w. tnsg. ind.Arbetlsl. Deri. 3267 1071 4338 3014 1061 4075 in d. Krisenfürsorge 357? 438 4015 3680 4 8 4108 uifammen 6844 1509 8353 6694 1489 8183 Auf die einzelnen Bezirke verteUen sich die Zah- m der Arbeitsuchenden wie folgt: Hanau-Stadt 4 877 Hanau-Land 5186 Gelnhausen 4131 Schlüchtern 1480
15 674.
Die Lage in den einzelnen Berufsgruppen
Land- vnd Forstwirtschaft: Auch in der ersten Narzhälfte zeigte die Gruppe noch keine Aufnahme- âhigekit für Arbeitskräfte. Die Nachfrage nach !lrbeitsstellen ist äußerst lebhaft.
Industrie der Steine und Erden: In der Ziegel- ndustrie besteht in einigen Betrieben auch die teil- veise Räumung der Läger in Verbindung mit der m vergangenen Jahre stark eingeschränkten Pro- mktion die Möglichkeit der Wiederaufnahme der ürbeit Im Kreise Gelnhausen wurden ca. 30 Steingutarbeiter wieder eingestellt. Die Stein - »rüchè des Bezirks erwiesen sich auch weiterhin aufrahmefähig. In der Diamantindustrie blieb die Zage uneinheitlich. starken Zugängen stehen eben- olche Abgänge gegenüber.
In den übrigen' Beruf-gruppen ließ die Ungunst »er Lage keine Veränderung von irgendwelcher Bedeutung eintreten. Die Zugänge waren verhält- msmäßig sehr gering.
Sie DvenftetiMI
In einem Runderlaß des preußischen Innenministers wird einleitend auf den Beschluß des Ständigen Ausschusses des Landtages Bezug genommen durch den als Tag für die Neuwahl des Preußischen Landtages der 24 April festgesetzt wird. In dem Runderlaß heißt es dann u. a. weiter:
Die Wahlzeit dauert von 8 Uhr vormittags bis 5 Uhr nachmittags. Es fei nicht beabsichtigt, eine Verkürzung der Wahlzeit, wie sie für den ersten Wahlgang der Reichspräsidentenwahl zugelassen war. auch bei der Landtagswahl vorzunehmen.
Die Wählerlisten sind in der Zeit vom 30. März bis 3. April zur allgemeinen Einsicht öffentlich aufzulegen Bei der Kürze der bis zum Beginn der Auslegungsfrist zur Verfügung stehenden Zeit sind dieselben Wählerverzeichnisse zu benutzen, die der Reichspräsidentenwahl am 13. d. Mts. zu- grundelggen.
Mit Rücksicht darauf, daß die Frist für die Aus- fegung der Wählerverzeichnisse in die Haupt- umzugszeit fällt. sind Wahlberechtigte, die bis zum Schluß der Auslegunaszeit ihren Wohnort wechseln^ im Wählerverzeichnis oer Abzugsgemeinde zu streichen und in dem der Zuzugsgemeinde aufzunehmen. Wahlberechtigte die erst nach Ablauf der Auslegunasfrist ihren Wohnort verlegen, können nur auf Grund eines Wahlscheines wählen.
Dem Stimmzettel wird das Muster zugrundegelegt, das bereits bei der Landtagswahl 1928 Verwendung gefunden hat
Sie Geschichte der GchulzeusEe wie alt sind die Schulzeugnisse - Sie Re sevvüsuug einst und heute - wie seühev die Schulzeugnisse auSsaheu
In kurzer Zeit fällt die Entscheidung über das Schicksal von vielen zehntausend Schüler und Schülerinnen. Der Ostertermin bringt entweder „Versetzung" oder „Sitzenbleiben". Darum sieht man ihm vielfach mit Bangen entgegen, denn von dem Spruch der Lehrer hängt es ab, ob der Schüler einen schönen Teil seiner Jugendjahre vergeblich in einer Klasse zugebracht hat, oder ob er das Ziel des Unterrichtes erreicht hat und versetzt worden ist. Das höchste Ideal ist die Erlangung des Reifezeugnisses das nicht nur den Zutritt zu den Universitäten ermöglicht, sondern auch im praktischen Leben eine Rolle spielt. Die Reifeprüfung ist noch nicht 150 Jahre alt. Früher haben die Universitäten die Zulassung von Studenten zum akademischen Bürgertum selbst durch Prüfungen bestimmt Im Jahre 1788 wurde in Preußen die Abhaltung einer Reifeprüfung angeordnet, da die verschiedenen Universitäten ihr Recht verschiedenartig ausübten und ein einheitliches Bildungsniveau erzielt werden sollte. Diese Vorschrift wurde zur allgemeinen Einführung gebracht am 12. Oktober 1812. Seit dieser Zeit »st die Reifeprüfung als Bedingung der akademischen Immatrikulation für Inländer vorgeschrieben. Sie befreit zugleich seit dieser Zeit von der akademischen Aufnahmeprüfung der Universität. Manche Abweichungen wurden später zugelassen Einige Studienarten wie Zahnarzt, Tierarzt, Chemiker, Apotbeker machten früher während längerer Zeit nicht die Erlangung des Reifezeugnisses zur Vorbedingung. So konnte man Tierarzt oder Zahnarzt schon mit dem Primanerzeugnis werden. Chemie konnt» man sogar als Hospiant mit dem Einjährigenzeugnis studieren. Die Zeugnisse bemühten sich, in umfangreicher Weise die Fähigkeiten des zukünftigen akademischen Bürgers genau zu beschreiben. Auch in den anderen Klassen bürgerten sich die Zeugnisse immer mehr ein, da man dadurch einen schnellen Einblick in die Fähigkeiten des Schülers erlangte. Die Zensuren sind heute meist sehr eintönig und kurz, wenn man vom Reifezeugnis absiebt Im Reifezeugnis werden im allgemeinen umfangreichere Auskünfte erteilt. Wenn aber ein Schüler von der Untertertia in die Ober-
paBHM^MmmMMMMMKaNama
Svühe Ofieett
Seit 11 Jahren ist Ostern nicht mehr auf einen so frühen Kalendertermin gefallen wie in diesem Jahre. Ein Zufall hat es gefügt, daß der 27. März setzt gleich mehrfach in relativ rascher Aufeinanderfolge der Ostersonntag gewesen ist, nämlich 1910, 1921 und 1932. Es zeigt sich bei der Wiederkehr sehr früher Ostertermine häufig, daß Ostern verhältnismäßig oft auf das gleiche Datum fällt, um dann einige Generationen lang nicht wieder mit diesem Kalendertag zusammenzutreffen. So geht es auch jetzt mit dem 27. März. Nachdem dieses Datum in nur 22 Jahren dreimal Ostern gebracht hat, wird im ganzen weiteren 20. Jahrhundert der Ostersonntag nie wieder auf diesen Tag fallen!
Im Lauf der nächsten 30 Jahre, also der nächsten Generation, wird auch nur zweimal ein frühe- rer Ostertermin als in diesem Jahre zu verzeichnen sein, nämlich 1940 am 24. März und 1951 am 25. März. In dem letzten Menschenaller von 30 Jahren gab es sogar nur ein einziges Mal einen »ruberen Ostertermin. nämlich 1913 am 23. März. Am Rande sei bemerkt, daß man sich sehr leicht ausrechnen kann, welche Jahre vor allen anderen durch besonders stühzeitige Ostertermine ausgezeichnet zu sein pflegen. Wenn man nämlich die jeweilige Jahreszahl durch 19 dividiert und den verbleibenden Rest betrachtet, so sind alle diejenigen Jahre mit einem sehr frühzeitigen Ostertermin ausgestattet, die einen Rest von 2 oder 13 ergeben. 1932: 19 gibt 101, Rest 13. Es gehört also zu den eben gekennzeichneten Jahren mit einem sehr frühen Ostertermin, die im regelmäßigen Wechsel von 8 und 11 wiederkehren. Diese Regel ist durch die gesamte
tertia versetzt wird, dann heißt es kurz und schlicht, sehr gut, gut, genügend oder ungenügend. Früher waren die Zeugnisse sehr redselig. Der Besuch der Schulen war gering, die Lehrer waren nicht überarbeitet und konnten sich gewisiermaßen mit den Eltern über das Gedeihen ihrer Zöglinge unterhalten. Besonders in Mädchenschulen waren die Zeugnisse blumenreich und fast zärtlich zu nennen. Als unsere Urgroßmütter zur Schule gingen, wurden sie mit seidenen Handschuhen angefaßt, denn damals war es mehr ein Zeitvertreib als eine harte Notwendigkeit, daß die jungen Mädchen sich mit der Wissenschaft beschäftigten. Sie kannten nicht den Kampf ums Dasein und lebten ein ruhiges, friedliches Leben in dem Schoße der Familie. Da waren die Studien der Musik, der Sprachen, des Schreibens und Rechnens erfreuliche Abwechslungen, durch die die lange Weile gebannt wurde. Damals sahen alte Schulzeugnisse folgendermaßen aus:
Französisch: Die Schülerin verstand es, trotz ihrer geringen Begabung für Sprachen in erfreulicher Weise das Wesen der französi'chen Sprache zu erfassen. Möge sie weiterhin bemüht sein, diesen Fleiß und diese Aufmerksamkeit sich zu bewahren und bewußtem Gegenstände entgegen- ,zubringen, dann wird der Lobn auch nicht ausbleiben. Wir wünschen ihr das Allerbeste.
Deutsch: Else B. hat für ihre Muttersprache viel Sinn, und besonders das Edle und Schöne, das in unseren Dichtern gepflegt wird, findet in ihrer reinen Seele einen guten Boden. Möge sie auch weiterhin sich diesen braven Sinn für alle Tugenden bewahren, dann wird es ihr an nichts fehlen.
Schreiben »und Rechnen: Nicht immer hat die Schülerin den Anforderungen genügt, die ein ernster und vorsorglicher Lehrer an sie stellen muß. Ist es doch nicht nur der kurze Aufenthalt auf der Schule, der zu beobachten ist. sondern viele und hoffentlich glückliche Iabre des Lebens, die sie als Hausfrau und Mutter führen wird, sollen noch von den Stunden Vorteil haben, in denen sich der Lebrer bemühte, die Schülerin mit den hauptsächlichsten Aufgaben des Rechnens und Schreibens bekanntzumachen.
Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit zu verfolgen.
Ostern ist das Auferstehungsfest, das Fest der erwartenden Natur bei den heidnischen alten Germanen. Man sollte daher meinen, daß bei den unberechenbaren Launen der Frühlingswitterung gerade die sehr frühen Ostertermine oft recht wenig "inen Eindruck machen, der dieser kulturgeschichtlichen Bedeutung des schönen Festes entspricht. Gewiß kommt dergleichen vor. In der Generation unserer Großellern war das Osterfest 1853 besonders berüchtigt, das genau, wie im gegenwärtigen Jahre, auf den 27. März fiel und dabei strengen Frost und in Berlin bis 12^ Grad Kälte, auf dem Lande noch wesentlich niedrigere Temperaturen brachte. Aber dennoch darf man feststellen, daß es im Allgemeinen für den Wettercharakter des Osterfestes nicht viel ausmacht, ob es auf einen frühen oder [nisten Termin fällt. Wir haben ertrem spät liegende Ostersonntage gehabt, wie. z. B. 1905 am 23. April, an denen noch dicke Schneeflocken fielen, während andererseits gerade die frühen Ostertermine uns in den letzten Jahrzehnten zumeist wundervoll mildes und sonniges Früblinoswetter bessert *aben, so insbesondere die zeitigsten Ostertermine der letzten vier Jahrzehnte: 1894, am 25., 1910 am 27. und 1919 am 23. März, deren Witterung den Höchstge- fteigerten Erwartunaen durchaus entsprach. Möge Ostern 1932 nicht anders fein!
* Daten für 19. März. 1813: Der Afrikaforscher David Livingstone in Blautyre geb. — 1849: Der Großadmiral Alfred v. Tirpitz in Küstrin geb. —
1873: Der Komponist Max Reger zu Brand in der Oberpfalz geb. — 1930: Der englische Staatsmann Lord Arthur Balfour in London gestorben.
• Ihren 77. Geburtstag feiert heute in voller Rüstigkeit Frau Johanna Happel W w e., Hospitalstraße 4.
* Gemeinsame Passiousandachk der Marien-, Johannes- und Ehristusgemeinde findet morgen Samstag abend 8 Uhr in der Marienkirche durch Pfarrer Göckel statt.
* Kommt das Steuerbuch? Durch den Fortfall der Lohnsteuererstattungen sind für diejenigen Lohnsteuerpflichtigen. deren Jahreseinkommen dis steuerfreie Grenze nicht überschreitet bzw. deren tatsächlich gezahlter Lohnsteuer nicht entspricht, große Härten entstanden. Das Reich überweist zwar den auf 60 Mill. RM geschätzten Betrag, den die Erstattungen in früheren Jahren etwa ausmachten, als Sonderzuweisung für Zwecke der Erwerbslosenfürsorge, doch hat davon der einzelne Arbeitnehmer keinen unmittelbaren Vorteil mehr. Da das Reichs- finanzministerium die Wiedereinführung der Lohn- steuererstattungen ablehnt und auch der Erstattung von Lohnsteuern aus BilligkeUsgründen, wie dies bei den Veranlagungssteuern möglich ist, ziemlich ablehnend gegenübersteht, haben die Spitzengewerk- schaften der Arbeitnehmer die allgemeine Einführung von Steuerbüchern im ganzen Reichsgebiet beantragt Das Steuerbuchverfahren ist eine Abart des Lohnabzugsverfahrens und ist bisher nur in den großen Hafenstädten üblich gewesen. Bei seiner Anwendung wird die Zuvielzahlung von Lohnsteuer und damit auch Anträge auf Erstattungen vermieden. weil d-e Lohnsteuer erst dann abgezogen wird, wenn innerhalb einer Woche die Freigrenze überschritten wird. Wie mir hören, steht eine entgegenkommende Regelung in naher Aussicht.
* Keine Meldevflichk für gewerbsmäßige Ausübung der Tierheilkunde in Preußen. Wenn § 1, der auf Grund des preuß. Ministerialerlasses voM 28. Juni 1902, betr. die Bekämpfung der Kurpfuscherei, von den preußischen Regierungspräsidenten im wesentlichen gleichlautend erlassenen Polizeiverordnungen diejenigen Personen zur Meldung beim Kreisarzt verpflichtet, welche die Heilkunde gewerbsmäßig ausüben wollen, so kann es sich dabei nur um solche Personen handeln, die gewerbsmäßig Menschen nicht Tiere behandeln. Eine analoge Anwerbung dieser Vorschrift in der Weise, daß Personen die — ohne avprobiert zu sein — die Tierheilkunde gewerbsmäßig ausüben wollen, sich bei dem zuständigen Veterinärarzt zu melden haben, ist wie die Deutsche BeamterKund-Korresvondenz erfährt, nach einem Urteil des Kammerasrichts und nach allgemeinen strafrechtlichen Grundsätzen nicht zulässig.
♦ Fliegenlernen ab 15. März nur noch 350 AM. Die gemeinnützige Deutsche Luftfahrt G. m. b. H., die dem Deutschen Luftfahrtverband an^Waffen ist, hat zum 15. März erneut die Preise für die Flugausbisdung gesenkt. Nach diesen Preisen ist es nunmehr Mitgliedern des Deutschen Luftfahrt-Verbandes mögl'd). schon für 350 RM den Zwischenschein, der zur Ausführung von Flügen ohne Begleitung berechtigt, zum Preise von 350 RM zu erwerben. Bisher betrug die billigste Möalichkeit zur Erwerbung eines Führerscheines 700 RM. Auch für alle anderen Führerscheine sind die Ausbildungskosten ergeblich herabgesetzt worden.
Vor richtige Weg zur Erlangung schönet weißer Zähne Ä*^
häßlich gefärbten Zahnbelages ist folgender Drücken Sie einen Strang Chlorodonl-Zahnpaste auf die trockene Chlorodont-Zahnbürste lSpezialbürste mit gezahntem Borstenschnin), bürsten Sie Ihr Gebiß nun nach allen Seilen, auch von unten nach oben lauchen Sie erst letzt die Bürste in Wasser und spülen Sie mit Chlorodont-Mundwasser unter Gurgeln gründlich nach Der Erfolg wird Sie überraschen > Der mißfarbene Zahnbelag ist verschwunden und ein herrliches Gefühl der Frische bleibt zurück Hülen Sie sich vor minberroertigen, billigen Nachahmungen und verlangen Sie ausdrücklich Ch.örodom Zahnpaste Umer-Vorlriegspreise
aM# DMiwfotlfrl
von Gina Kaus.
Copyright 1932 by Knorr & Birth G. a b. FL. München
(Nachdruck verboten.)
28. Fortsetzung.
Beim schwarzen Kaffee bat Tomas um eine kleine Gefälligkeit: sie möge ihm helfen, in der Ladenstraße ein hübsches Kleid zu kaufen, ein Mädchenkleid, er verstehe sich nicht auf solche Dinge. Sie blinzelle ihn so spöttisch an, daß er sich veranlaßt -fühlte, chr von der kleinen Milli zu erzählen, vom allen Marius und von Wolzogen.
„Ich habe eine wundervolle Idee", rief sie begeistert, „wir trinken unseren Tee auch in der zweiten Klasse und sehen uns dieses Debüt der Anfängerin an!"
Tomas lächelte nachsichtig, wie ein Vater. Wie unwahrscheinlich jung diese Luise war! Diese kindliche Freude, weil sie einen Vorwand gefunden hatte, in der zweiten Klasse Tee zu trinken, und Wladimir unvermutet wiederzusehen. Nun blinzelte er sie vielsagend an: Er würde sie natürlich mit Vergnügen begleiten, aber sie müsse ihn bald wieder beurlauben. denn er sei mit einem berühmten Kollegen verabredet. Dozent Krieglacher aus Königsberg, ober es werde sich gewiß auch in der zweiten Klasse ein Kavalier finden, der ihn mit Begeisterung vertreten würde.
Sie sah ihn mit lachenden Augen an, wie ein Kind, das einen wohlwollenden Erwachsenen zum Komplizen seiner Streiche macht. Dann gingen sie in die „Ladenstraße". Hier wählte Luise im „Salon Hartwich & Graf" ein grünes Crepe-de-Chine-Kleid mit Plisseevolants. „Das geht für alle Tageszeiten", sagte sie und die Schuhe nahm sie um eine Nummer größer als die ihren, „denn solche Mädchen haben immer große Hände und Füße". (Diese Schuhe mußten später umgetauscht werden, denn Milli hatte winzige, emsach winzige Füße.) Von Marius' Geld waren noch zwanzig Mark übrig und Luise wollte dafür eine Handtasche anschaffen. „Was soll sie denn anfangen, wenn sie sich mal schneuzen mutz?" Aber diesen' Kauf ließ der gewissenhafte Tomas nicht zu. „Na. dann schenke ich ihr die Tasche!" rief Luis- und wählte 'm Galanterieladen ein entzückendes Ding aus grauem Eidechsenleder und dann kaufte
sie noch zwei Paar Seidenstrümpfe und schlietzlich auch noch einen Hut, eine flotte kleine Filzkapotte, ebenfalls „für alle Tageszeiten geeignet".
Ihr Gesicht glühte vor Freude. „Um fünf sehen wir uns wieder!" sagte sie. und weil sie gerade beim Schenken war, gab sie Tomas einen Kuß auf den Mund. . ,
Es war beinahe dreiviertel drei, als er in sein Ordinationszimmer kam. Ein Mann aus der dritten Klasse wartete bereits auf ihn und fragte nach seiner Ansicht über einen Leistenbruch, den er sich vor zehn Jahren zugezogen hate: sollte er ihn operieren lassen oder weiter bei seinem guten Bruchband bleiben? Es hinderte ihn nicht bei der Ausübung seines Berufes als Reifender einer großen Trikotagenfabrik, er hatte überhaupt keinerlei Beschwerden, er war offenbar bloß gekommen, weil es nichts kostete, den Schiffsarzt zu konsultieren, und er konsultierte ihn bloß, weil es ihm angenehm war, über sein Leiden zu sprechen.
Nachdem er gegangen war, setzte sich Tomas an seinen Schreibtisch und wartete. Fünf Minuten später war er eingeschlafen, mit dem Kopf auf der Tischplatte. Er hatte seit vier Tagen so wenig geschlafen, daß jede kleinste Pause äußerer Eindrücke genügte, um ihn einnicken zu lassen. Es war ein seltsamer Schlaf, wie eine Glocke aus Glas, hinter dem Glas jagten unablässig Figuren, Julie Kaposi als Verkäuferin in der Ladenstraße probierte Subil Schuhe an, Schwester Martha saß auf den Knien des alten Marius und war eine seiner Töchter und Stephanson sah, als Pfleger verkleidet, am Offizierstisch, und das alles war nur ein winziger Bruchteil des Traumtheaters, das aus unerschöpflicher Fülle Szene um Szene oorüberjagen ließ, — bis es an die Tür klopfte und die gläserne Glocke zerbrach.
Es war kein Patient, der eintrat, sondern Ralph Robert Shortwell. Tomas war im ersten Augenblick gar nicht verwundert, die Erscheinung war um nichts wirklicher als alle die Traumfiguren. In seinen Gliedern hing noch der schwere giftige Schlaf des Menschen, der nicht gewohnt ist, nach dem Essen zu schlafen. Er dachte nicht daran, aufzustehen oder irgend etwas zu sagen — aber wenn er es auch gewollt hätte, er wäre doch in seiner halbhypnotischen Starre sitzen geblieben und hätte stumm auf diese unerwartete Erscheiunq gestarrt.
Ein paar Sekunden später stand Shortwell auf der anderen Seite des Schreibtisches und hatte seine
kräftigen braunen Hände auf die Platte des Schreibtisches gelegt Tomas sah ihn zum ersten Male
Der Shortwell von Kissingen war nichts als eine Attrappe gewesen, ein Dekorationsstück seines geselligen Lebens — jetzt sah er zum ersten Male den Mann, der in sein Schicksal eingegriffen hatte, den Räuber, den Feind.
„Wohlmut, ich bin keineswegs entzückt. Sie auf diesem Schiffe wiederzusehen. Da Sie aber nun einmal hier sind, glaub'e ich, es ist das Beste, wenn wir uns offen miteinander aussprechen! '
Tomas hatte sich tausend Zusammentreffen mit Shortwell ausgedacht. An jeder Ecke jedes Korridors, beim Eintritt in jeden Raum hatte er ihn zu begegnen erwartet und gewünscht. Jetzt aber stand er ihm ganz unvermittelt gegenüber und es fand keines der unzähligen vorbereiteten Worte und Argumente — nicht einmal seinen Haß auf d'esen Menschen fand er vor. Er wollte diese Bewachtung unterdrücken; dennoch sah er zum ersten Male, daß Shortwell ein schöner Mann war. Er besaß nicht die geschniegelte Schönheil des Gigolo, sondern die eines großen, aber geschmeidigen Tieres, nichts Zartes, nichts Geistiges war an diesem praßt vollen Tier, aber auch nichts Plumpes, Kraft und Vitalität leuchteten auf seiner braunen Stirn, über der die Haare gleichmäßig, wie mit dem Lineal gezogen ansetz'ten
„Ich bedaure tief, daß ich heute als em feiger Räuber vor ihnen stehe", fuhr Shortwell fort, „aber das — nur das — ist nicht meine Schuld Ich wollte in Kissingen mit Ihnen sprechen, offen und ehrlid), ich wollte Sie bitten, Ihre Frau fre'zugeben, da es nun einmal so mit uns beiden stand. Aber Sybil wollte das nicht. Um keinen Preis. Sie bekam Weinkrämpfe, wenn ich bloß davon anjing. Natürlich darf man Frauen in solchen Angelegenheiten nicht nachgeben. Ich muß verrückt gewesen sein. Das ist nun keine Entschuldigung, aber . . . es ist nun einmal so gekommen, wie es gekommen ist, dagegen läßt sich heute nichts mehr machen.
Tomas ließ feinen Besuch nicht aus den Augen. Er schwieg und wartete. Er ist gekommen, um mich auszuspionieren. Oder um mir zu drohen. Wir wer- den sehen. Er schwieg und wartete
„Sie sind auf dieses Schiff gekommen, um abzurechnen", sagte Shortwell leise. „Ich weiß natürlich nicht in welcher Form Sie das zu für beschlossen haben. Aber ich weiß, auch ohne daß S.e den Mund auftun, daß ich in jeder Beziehung im
Unrecht bin. Ich habe nichts zu meiner Verteidigung vorzubringen als — daß es eben stärker war als ich. Wenn Sie gekommen sind, um mich zu erschießen — bitte, schießen Sie." Er gab bethe Arme und breitete sie aus, zum Zeichen, daß er seine Brust ohne Gegenwehr der Kugel darbiöte. „Schießen Sie. Ich frage keine Waffen bei mir. Ich werde mich nicht wehren."
Tomas dachte nicht daran, zu schießen, obwohl er nur die Lade des Schreibtisches zu öf;nen brauchte, um feinen Revolver in die Hand zu bekommen Er dachte daran, wie er damals tm Wald die Raupe vom Wege geräumt hatte und wie Shortwell über seine „übertriebene Hochachtung vor dem Leben" gespottet hatte. „Lassen Sie die Komödie", sagte er rauh. „Sie wissen, daß ich nicht auf einen Wehrlosen schieße."
„Ja, ich weiß es. Aber ich wußte nicht, ob Lis es auch wissen. Das wollte ich Ihnen eben sagen: mir sind beide wehrlos, ich und Sybil. In jeder Beziehung. Sie haben alle Machtmittel in der Hand. Sie können unsere Kajüten mit Gewalt sprengen lassen. Sie können Newyorker Hafenpolize» verständigen. Sie können, mich verhaften lassen und Sybil zwingen, die Rückfahrt mit Ihnen anzutreten . .
Sbortwell war ein primitiver, aber kein schlechter Psychologe. Instinktiv fühlte er, daß dem begreiflichen, Zorn des von ihm beleidioten Mannes nichts Besseres entgeaenzufetzen war, als: Schwachs, «eit dieser Hüne mit der leuchtenden Slegerstirn, bloß durch eine Schreibtischplatte getrennt, seinem Widersacher qeaenüberstand, hatte er nichts getan, als absichtlich alle seine Schwächen hervorzukehren. „Wir sind durchaus in chrer Hand", so schloß er.
^nrffehnnn sofort
Gkadt Tkeaiev Sanau
Freitag, 18 März. 8—10.30 Uhr, 25. Vorst, t. Freite Abonn, die Perle der Operettenliteratur:
„Die Puppe"
Sonntag, 20 März, nachm. 3 Uhr, zu ermäßigten Preisen, die große Auzstattungsoperette „Die Blume uon hawai"; abends 7.30 Uhr, der erfolgreiche Operettenjchlager: „Die Frau ohne Kuß".