Nr. 64
Mittwoch, den 16. März 1932
____________ Selke 3
Stadt Kana«
Seiche« der Mot
Dis Wirtschaftskrise zwingt die Menschen, sich ch in der Ernährung wettgehenüst einzuschränken, r Verbrauch an Lebensmitteln ist nicht nur wert- ißlg geringer geworden durch die Bevorzugung lechterer Qualitäten, auch mengenmäßig ging er Jahre 1931 um 13,6 v. H. gegenüber 1930 zuck. Dabei ist der Rückgang der einzelnen Lebens- ttel durchaus nicht einheitlich. Am wenigsten ist ' Fleischverbrauch zurückgegangen. Der Rückgang rügt hier nur 2,0 v. ch. Danach kommen Ge- irze mit 5,0 Prozent, Eier mit 7,1 Prozent, Tee 112 Prozent, Zucker mit 12,7 Prozent, Südfrüchte t 18,2 Prozent. Von den Genußmitteln ist am rksten der Verbrauch an Rauchtabak zurückge- ngsn und zwar um 27,2 Prozent. Der Verbrauch Zigarren ging um 25,8 Prozent zurück, an anntwem um 24,7 Prozent, an Zigaretten um 5 Prozent und an Bier um 14,3 Prozent. Daß ' Derbrauch an Schnaps, Tabak und Bier so rk zurückgegangen ist, könnte man als ein erfreutes Zeichen buchen, wenn nicht auch die lebens- twendigen Bedarfsartikel in erschreckender Weise rückgegangen wären. Erstaunlich dürfte die Tat- He sein daß der Verbrauch an Fleisch eine kaum nnenswerte Einbuße erlitten hat. Das kann man ) nur dahin erklären, daß manche Veaetarier und 'hköstler zur Fleischnahrung zurückkehren muß- I, weil sie die teure vegetarische Kost nicht mchr zablen konnten. Der durchschnittliche Verbrauch Fieisch beträgt darum auch heute noch pro Kopf d Jahr bei der deutschen Bevölkerung 96 Pfund, Jahre 1913 waren es 99 Pfund, also fast ein ntner.
* Daken für 17. März. 1811: Karl Gutzkow in :rlin geboren (gest 1875). — 1813: Friedrich ilhelms III. Aufruf „An mein Volk".
* Wirtschaftsprüfer. Der Minister für Handel ib Gewerbe hat den beeidigten Bücherrevisor Fritz ^theus in Hanau zum Wirtschaftsprüfer be-
* Um die Senkung der Fernsprechgebühren. Der ‘idjsoerbanb der Fernsprechteilnehmer Deutsch- »ds teilt mit, daß er in einer erneuten Eingabe die Reichsregierung die umgehende Senkung r Fernsprechgebühren als dringend geboten halte. I dieser Eingabe heißt es u. a.: Angesichts der stich zunehmenden Geldknappheit in allen Schich- i der Bevölkerung sind die unverändert hohen rnsprechgebühren inmitten der allgemeinen eissenkungsaktion auf die Dauer völlig unhalt- r. Die unmögliche Ausnahmestellung der Tele- ongebühren verbietet sich schon deshalb von bst, weil das Telephon ein unentbehrlicher und chtiger Faktor im heutigen Wirtschaftsleben, und nit für die Preisbildung der Waren und Seb mgen von wesentlicher Bedeutung ist Wir haben ’ uns zahlreich vorliegenden Wünsche aus den rschiedensten Berufsklassen der Fernsprechteilneh- er bei der Aufstellung der folgenden Ermäßi- masvorschläge berücksichtigt und bitten, diesen erschlagen besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden, ir schlagen vor: 1. Entweder Herabsetzung der rundgebühr um 50 Prozent oder aber Anroch- mg der Grundgebühr auf die Gesprächskosten, so iß z. B ein Teilnehmer in Wiesbaden 80 Pflicht- sprüche tm Monat zu zahlen hätte und dann die rundgebllhr als solche wegfällt: 2 Rabatte für âufigsprecher: bei monatlich mindestens 200 Gerüchen 10 Prozent, bei monatlich mindestens 400 ssprächen 15 Proz., bei monatl. mindestens 600 Sprüchen 20 Proz.: 3. Herabsetzung der Gebühren r Ferngespräche im Sinne der Vorschläge des eutschen Industrie und Handelstages, nämlich eine Mäßigung von 5—10 Pfennig in den Nahzonen 5 zu 100 Kilometer. Bessere Aufteilung der Fernnen. 4. Vorübergehende Abmeldung des An- ilusses bis zu 6 Monaten, ohne daß für diese Zeit ne Gebühr zu zahlen ist." Dieser Eingabe haben h unterschriftlich rund 200 Berufs- und Wirt- )aftsverbände angeschlossen. Die Jnteressenorgani- tionen umschließen mit ihren Unterverbänden ehrere Millionen Mitglieder.
n^i# UMiwe’JWftfl von Gina Kaus.
»pyrteht 1932 by Knorr & Hirth G es b. H„ München
!6 Fortsetzung (Nachdruck verboten)
Ist es möglich, daß sie allein ist? Sein Herz opft noch heftiger, er muß dreimal ansetzen, ehe : sprechen kann: „Ich bin es, Sybil. Mach^auf!" Sybil schreit aus. Es ist ein ganz kleiner Schrei ie von einem ausgeschreckten Vogel. Dann ist es ill. Nichts rührt sich. Tomas wartet, die Hand uf der Klinke, ewige Sekunden lang. Nichts. Die ür bleibt verschlossen.
„Sybil, sagte er nochmals, „bitte, mach doch ufl" Nichts. Kein Laut. „Sybil — du mußt dich icht vor mir fürchten. Ich tue dir nichts. Ich will wß mit dir sprechen, ich will dir bloß sagen . .
Nichts.
Ein Herr und eine Dame verlassen plaudernd -n Lift und kommen näher. Tomas läßt die Klinke rhren, er nimmt eine Zigarette, wartet. L>b Short- >ett in der Kabine ist und Sybil hindert, zu öffnen? ndlich verschwinden die beiden Fremden hinter mer Tür, jetzt ist kein Mensch in der Nähe. Tomas niet nieder und versucht durch das Schlüsselloch u sehen.
Er sieht Sybil. Sie ist allein. Se steht Hüter em Lehnstuhl und starrt ihn mit angstvoll aufge- issenen Augen an. Natürlich kann sie ihn nicht chen, sie starrt bloß auf die Tür, hinter der er eht, aber trotzdem begegnet er chrem Blick — )rem zu Tode erschrockenen Blick.
„Sybil — warum fürchtest du dch so sehr vor ürl" ruft er laut. „Fürchte dich doch nicht!" Er ist lberzeugt, wenn sie jetzt öffnet, wird er chr nicht tur alles vergeben, er wird chr zu Füßen fallen md es wird alles wunderbar und gut fein.
Aber Sybil öffnet nicht. .
„Sybil — es ist doch nicht möglich, daß du nicht 4nmal mit mir sprechen willst!" schreit er auf. „Was labe ich dir denn Böses getan! Wir haben fünf Zahre lang miteinander gelebt. Ich will bloß eine }albe Stunde mit dir sprechen!"
Nichts. Keine Antwort. .
„Ich will dich bloß sehen. Wengistens eine Minute!"
Schwurgericht Man
(2. Verhandlungstag)
Mit dem Metier gegen die Geliebte
Das erschütternde Ende eines langjährigen Verhältnisses zwischen zwei jungen Leuten beschäftigte gestern das hiesige Schwurgericht in achtstündiger Sitzung. Unter der schweren Anklage des versuchten Totschlages hatte sich der 24jährige Schreiner Karl Beyer von hier zu verantworten, der in den Morgenstunden des 20 November o. I. eine mit ihm seit 3 Jahren heimlich verlobte Schneiderin in deren väterlichen Wohnung in der Scharnhorststraße überfallen und mit seinem Taschenmesser übel zugerichtet hatte. In einem Anfall geradezu sinnloser Raserei ließ sich der seit frühester Jugend auf Gedeih und Verderben eng mit dem Mädchen verbundene und ihm in fast hündischer Liebe und Untertänigkeit anhängende Angeklagte zu der fürchterlichen Tat Hinreißen, nachdem ihm wenige Tage vorher das Mädchen in mehr oder weniger versteckten Form den Laufpaß gegeben hatte Anders ist auch nicht die außerordentliche Roheit der Tat zu erklären.
Nicht weniger als 12 Messerstiche
führte der Angeklagte in blinder Wut gegen das Gesicht und den Hals des Mädchens, so daß es geradezu als ein Wunder zu bezeichnen ist, daß die einstige Geliebte mit dem Leben davonkam. Ein weiterer Schnitt trennte die Nase fast völlig durch, ein Stich traf das Schulterblatt und ein weiterer zerschnitt die Sehne des Zeigefingers der linken Hand. Eine dauernde Entstellung des Mädchens durch die Narben im Gesicht und am Hals werden für immer von dem fürchterlichen Geschehen Zeugnis ablegen, das größte Aufregung und Bestürzung im ganzen Lamboyviertel auslöste.
Kein Wunder, daß sich auch gestern der Zuhörerraum des Schwurgerichtssaales als zu klein erwies, um die interessierten Anwohner jenes Stadtviertels zu fassen, die die beiden Akteure der traurigen Liebesaffäre von Kindesbeinen auf kannten.
Eine eigenartige Tragik lagerte über dem ganzen Fall.
Kaum vierzehnjährig fühlte sich das Mädchen zu dem Angeklagten mit Macht hingezogen. Vergebens wetterte ihr Vater gegen das frühe Verhältnis und verabreichte bei einer Gelegenheit dem jugendlichen Liebhaber auch einmal eine tüchtige Tracht Prügel. Die beiden jungen Leutchen ließen nicht voneinander und bald nahm ihr Verkehr intime Formen an, als die Mutter des Mädchens starb und die kleine Lilly mehr und mehr in die Familie des Angeklagten hineingezogen wurde, wo man sie sofort wie das eigene Kind aufnahm. Die Jahre vergingen, ohne das sich an dem Verhältnis etwas änderte. Ge- legentlich stritt man sich wohl einmal, wie das bei jungen Liebesleuten des öfteren vorkommen soll, doch niemals wurde man sich ernstlich böse. Besonders der Angeklagte hing mit jeder Faser seines Herzens an dem Mädchen, dem er jeden Wunsch von den Augen ablas. Selbst die niedrigsten und unmännlichsten Verrichtungen tat er freudigen Herzens für feine Liebste, die fein einziges Glück auf Erden bedeutete. Auch die Gefühle des Mädchens waren tief und echt. So wurde man älter und schmiedete Zukunftspläne und tauschte Weihnachten 1928 als heimlich Verlobte die Ringe. Der Vater des Mädchens gab schließlich schweren Herzens nach und duldete stillschweigend das Verhältnis, ohne jemals von feiner Antipathie gegen den Verlobten der Tochter einen Hehl zu machen.
„Er war für mich einfach nicht dä",
so erklärte er gestern als Zeuge, ohne sonderlich stichhaltige Gründe gegen den sehr gut beleumdeten außerordentlich fleißigen Angeklagten vorbringen zu können.
Langsam begann dann ungewollt und ungeahnt das Verhängnis feinen Lauf zu nehmen. Das junge Mädchen hatte ausgelernt und übte feinen Beruf als Schneiderin aus, der es auch häufig in andere Städte führte. Andere Männer traten in feinen Weg, ganz harmlos und ohne jegliche böse Absicht vielleicht ließ es sich mit ihnen ein, suchte Vergnü
Nichts.
Da packt chn unsinnige Wut. „Bestie! Du elende Bestie!" Fürchterliches ist geschehen. Sybil hat alle guten Möglichkeiten verworfen. Und er ist doch aus Liebe zu ihr auf dieses Schiff gekommen. Und er hat ihr doch verzechen wollen. „Bestie! Elende Bestie! Du wirst es bereuen!"
Er wirft sich mit aller Macht gegen die Tür. Er sieht Blut vor den Augen. Blut! Das ist nicht mehr seine Sybil — das ist Shortwells blind folgsames Geschöpf, sie gchorcht seinen Befehlen und ist taub für die Worte chres Mannes. Noch einmal wirft er sich mit voller Macht gegen die Tür, nie noch war er so stark. Seife krocht das Holz. Er wird fertig werden mit dieser Tür und auch mit dem elenden Weib da drinnen.
Plötzlich öffnet sich die Nebentür — nicht die von Shortwells Kajüte, sondern Nummer 34 — eine junge Frau steht auf der Schwelle, schlank, in einem seidig schimmernde, fließenden Morgengewand. „Was ist denn hier los?" fragt sie. Eine der vielen Frauen, die er seit gestern gesehen Haft im Speisesaal oder auf dem Promenadedeck. „Sind Sie nicht der Schiffsarzt?"
Er steht mit keuchenden Lungen und wirrem Haar. Kommt zum Bewußtsein der Situation. Wie ein Wahnsinniger, denkt er, sie muß mich für einen Wahnsinnigen hallen Er glaubt, daß er einen schreckenerregenden Anblick bietet: in Wahrheit wirkt er unsäglich bemitleidenswert.
„Ist Ihnen schlecht, Herr Doktor? Kommen Sie herein, setzen Sie sich ein Weilchen hin. . ." Julie Kaposi hat die Tür von Nummer 34 weit geöffnet und er taumelt an ihr vorbei in eine Kabine, die genau so aussieht, wie Sybils Kabine, die gleichen Blumenmuster auf gewichstem Kattun tanzen vor seinen Augen, während er, ohne sich um Julie zu kümmern, eine Verbindungstür zu Nummer 36 sucht. Aber es gibt keine solche Verbindungstür. Er reibt seine Schulter, ohne zu wissen, warum sie chn schmerzt.
,Haben Sie wirkllch bte Tür mit der Schuller einrennen wollen? Ganz ohne Werkzeug — das geht doch nicht. Auf diesem Schiff ist alles sehr solid gebaut. Obwohl, wenn man sehr laut spricht, so hört man durch die Wände. Und die beiden Leute die heute nacht in Cherbourg hier nebenan zuge- stiegen sind, die hab ich bis gegen Morgen gehört."
Julie Kaposi hält plötzlich inne. Es fällt ihr ein, daß sie vor einer Stunde die Stewardeß nach die
gen und Abwechslung nach angestrengter Berufsarbeit. Dem Verlobten blieb es nicht verborgen, er duldete es schweigend, versuchte das Mädchen mit allen Mitteln zu hatten und vergaß darüber ein Machtwort zu reden. Bekannte übten einen unhellvollen Einfluß auf das Mädchen aus, suchten aus unerklärlichen Gründen das alte schöne Verhältnis grausam zu zerstören und setzten dem Mädchen allerlei Illusionen in den Kopf. So konnte es nicht ausbleiben, daß unwillkürlich dem Mädchen Zweifel aufkamen, ob man überhaupt so richtig zusammenpasse.
Erstmalig erwog sie damals eine Trennung von ihrem Geliebten.
Doch immer wieder verwarf sie unruhig und von Zweifeln geplagt diesen kaum ausdenkbaren Gedanken, bis sie sich schließlich wenige Tage vor der Tat zum Rücktritt vom Verhältnis durchgerungen zu haben schien. Jedoch die Kraft und der Mut fehlten ihr, es chrem Verlobten zu sagen. Vielleicht war sie selber noch nicht recht mit sich einig, vielleicht spielte sie auch jetzt nur mit dem Gedanken, nachdem sie mehrere Münnerbekanntschaften gemacht hatte. Wer könnte das Rätsel in der Seele des jungen Mädchens recht ergründen. Genug, der Angeklagte erlitt ungeheure Pein, als sie sich erstmalig vor ihm verleugnen ließ, als sie ihn regelrecht versetzte und sich auswärts mit Nebenbuhlern traf. Mit allen Mitteln suchte er das geliebte Wesen zuruckzugewinnen und eine klärende Aussprache herbei- zuführen, es war ein vergebliches Beginnen. Kein Bitten unb Betteln half, auch kein Drohen mit dem Schlimmsten. Nur einige wenige Tage bitterer Ungewißheit genügten, um dem völlig aus dem Gleichgewicht gebrachten und zerstörten jungen Menschen in sinnlose Raserei zu der fürchterlichen Tat schreiten zu lassen.
Zwei Tage nach dem letzten kurzen, vom Angeklagten gesuchten Zusammentreffen, das in einet versteckten Absage für immer gipfelte, sah er das Mädchen am Fenster. Vergeblich bat er es zweimal, zu ihm herunterzukommen, um sich mit ihm auszusprechen.
„Er sah so wild und unnatürlich aus, war so kreidebleich, daß ich Furcht vor »hm empfand",
so sagte das Mädchen aus. Kaum war es vom Fenster der in der Schornhorststrahs gelegenen väterlichen Wohnug weggetreten, als es an der Türe polterte und die Scheibe der.Vorplatztür chr in Trümmern entgegenflog. Schon war auch der Angeklagte im Flur und packte es ohne jedes Wort würgend am Halse. Verzweifelt setzte sich das Mädchen zru Wehr und versuchte in das Innere bei Wohnung zu flüchten. Es kam zu einem fürchterlichen Ringen, in dessen Verlauf Lilly zu Boden stürzte. Schon kniete auch der Angeklagte auf chr, zog ungeachtet des in Todesangst ausgestoßenen Rufes der Geliebten „Karl, was ist denn los, ich bin Dir doch noch gut" sein Taschenmesser und stach blindwütig von der Seite her auf das geliebte Wesen ein, das ihm doch das teuerste auf der Welt war In einer großen Blutlache lag das arme Geschöpf am Boden, als der unglückselige Täter plötzlich mit den Worten aufsprang
„Mein werk ist vollbracht, sehe gehe ich auf die Polizei."
Ernüchtert und sich vor sich selbst grausend eilte er dann auch spornstreichs zur Polizei und erzählte rückhaltslos von dem fürchterlichen Geschehen, dessen Einzelheiten chm auch heute noch wie ein unklarer Nebel vor den Augen liegen. Das schwer- verletzte Opfer der blinden Raserei aber wurde ins Krankenhaus verbracht, wo es über 10 Wochen zubringen mußte.
Gestern wurde der Schlußstrich unter das grausige Kapitel gezogen. Klar und eindeutig lag der. Tatbestand vor aller Augen, lediglich die Frage, wie die im Affekt begangene Untat juristisch zu werten war, bereitete einiges Kopfzerbrechen.
sem Paar gefragt und erfahren hat, das sei gar kein richtiges Ehepaar, sondern ein Amerikaner und eine Frau . . . ja, ganz richtig, eine Frau Wohlmut, hatte die Stewardeß gesagt und hatte ungefragt erzählt, daß der Schiffsarzt schon gestern nach dieser Frau, die seinen Namen trägt, gefragt habe und sehr verstört gewesen sei.
Wollen Sie sich nicht ein wenig aufs Kanapee legen, Herr Doktor? Sie können ruhig auch mal eine Viertelstunde Patient sein."
Tomas aber läuft in der Kajüte auf und ab, wie eine gefangene Maus, er hört Julie nicht und sieht sie nicht. Das ist nicht möglich, daß Sybil mich einfach nicht sprechen will. Das hat chr Shortwell so befohlen und sie wagt es nicht, chm ungehorsam zu sein. Ich werde Shortwell aus dem Weg räumen müssen — aus dem Weg, ja, und nicht nur meinetwillen, sondern um Sybil ihre Frecheit wiederzugeben . . .!
Julie tritt chm schließlich in den Weg und zwingt ihn mit sanfter Gewall, sich hinzulegen. „Ich werde Sie nicht fragen, nein, ich werde Sie nicht fragen." Sie streichelt mit zarten, warmen Fingern über seine Stirne, seine Wangen. Sie ist keine sachlich kühle Krankenschwester wie die nonnenhafte Martha — als sie chm das Kissen unterm Kopf zurechtschiebt, ist es fast wie eine Umarmung.
„Wollen Sie nicht etwas trinfen?" fragt sie und streckt einen sehr weißen Arm aus und nimmt eine Kristallflasche mit leichtem Pfefferminzschnaps vom Tilch, füllt ein kleines silbernes Becherchen voll und hält es ihm hin. „Trinken Sie, es wird Sie erfrischen."
Er öffnet die Augen, aber er schließt sie sogleich wieder. Sie hebt mit der freien Hand seinen Kopf, setzt ihm den Becher an die Lippen, wie man mit Kranken tut, die zu schwach sind, sich allein aufzusetzen. Ihr loses, bloß um die Mitte leicht abgebun- behes Morgengewand steht ein wenig offen, er sieht ihre zarte Brust im Schatten der Seide.
Das silberne Becherchen trinkt er leer, sein Kopf bleibt in ihrer stützenden Hand. Der zarte Dust ihres jungen, warmen Körpers bringt aus der offenen Seide und er fühlt trotz seines Grams und seiner Erschöpfung die verwirrende Nähe einer Frau.
Julie Kaposi ist eine Frau ohne Lebensinhalt und deshalb beständig gelangweill. Eine Zeitlang war sie eine talentlose Schauspielerin und dann hatte sie sich im Kunstgewerbe versucht und dann in der Schriststellerei. Schließlich war sie zur Ueber
Mildernde Umstände waren dem Angeklagten vo« vornherein sicher, strafschärfend mußte aber die große Rohheit der Tat Berücksichtigung finden. Der Vertreter der Anklage beantragte schluPlich 2% Jahre Gefängnis wegen versuchten ToftchlagS. Der Verteidiger, R.-A. Dr. Heckert plädierte aüf Freispruch, da der Angeklagte die Tat tm ^uftatu der Bewußtlosigkeit begangen haben müsse (8 51, Bewußtseinsstörung). Der Vertreter der Nebenklägerin wies daraus hin, daß evtl. Verunstaltung ist Frage käme, für die das Gesetz eine Mmdeststrafe von 2 Jahren Zuchthaus vorsieht. Nach etwa ern- stündiger Beratung erkannte das Gericht wegen versuchten Totschlages auf 2 Jahre Gefängnis, wobei es zu Gunsten des Angeklagten annahm, daß feine gewollte Entstellung vorlag. Der nach Urteilsverkündung vom Ober- staatsanwalt mit der Strafhöhe begründete Antrag auf Erlaß eines Haftbefehls wurde abgelehnt. Dem Angeklagten wurde jedoch zur Auflage gemacht, sich jeden Tag einmal bei der Polizei zu melden und gegen das Mädchen in Zukunft nichts mehr zu unternehmen.
*
Am heutigen dritten Verhandlungstag steht ein Totschlag aus der Rhön zur Verhandlung an, der im Anschluß an eine Wirtshausstreitigkeit begangen wurde. Dem Angeklagten steht Herr R.-A. Dr. Pfeiffer- Fulda als Verteidiger zur Seite. —. Am Donnerstag und voraussichtlich auch Freitag hat sich der frühere Bürgermeister von Langenselbold Häfner wegen Meineids zu verantworten. Den Vorsitz in diesem Falle führt Herr Landgerichtsrat N e b e l s i e k. Die Verteidigung ruht bei Herrn R.-A. Dr. Nelken stock.
* Filmvorführung bei der Freiwilligen Sani« lülskolonne. Nachdem der diesjährige Unterricht, der im Auftrage der Berufsgenossenschaften für die Betriebshelfer ab geh alten wurde abgeschlossen ist, veranstaltet die Kolonne am Freitag, 18. März, abends 8 Uhr, im Saale des evangel. Vereinshauses in der Nußallee (Hinter der Reichsbank), als Schlußabend eine Filmvorführung. Zur Aufführung gelangen die beiden Schmalfilme: „Die von der Sanitätskolonne" und „Erste Hilfe bei Unglücks fällen". Letzterer als reiner Lehrfilm, veranschaulicht in leicht verständlicher Form alles das was bei vorkommenden Unglücksfällen als „Erste Hilfe" zu tun ist. Der erstgenannte Film ist ein Lehr- und Unterhaltungsfilm, der in großen Zügen die Arbeit des Roten Kreuzes und seiner Sanitätskolonnen darbringt und zwar in Form einer sinnreichen Handlung. — Alle Interessenten sind herzlichst eingeladen. Der Eintritt ist frei.
• Kaufmännische Berufswahl in Krisenzeilen. Pessimismus ist falsch! Gewiß ist die Lage des Arbeitsmarktes bei 500 000 stellenlosen Angestellten auch noch für bte absehbare Zeit katastrophal. Aber auf die Dauer braucht auch der kaufmännische Beruf geeigneten Nachwuchs, und dann ist es sine Frage der Tüchtigiten, sich durchzusetzen. Dis verschärfte Auslese wird shon durch das starke Ueberangebot an Lehrstellenanwärtern gegenüber nur verhältnismäßig wenig gemeldeten Lehrstellen bedingt. Dazu kommt noch das bekannte Abiturientenproblem. Aber nicht nur allein durch die Schulbildung ist die praktische Tüchtigkeit ausgewiesen. Die persönliche Entwicklung im kaufmännischen Beruf wird zum' großen Teil durch die Veranlagung des Jugendlichen bestimmt. Berufswahl in Krisenzeiten darf also nicht zur Anast vor dem Berufe und den Gefahren der Arbeitslosigkett führen. Sie muß jedoch unter der verschärften Prüfung der eigenen Veranlagung, der eigenen Tüchtigkeit und des eigenen Willens stattfinden. Diesem Zweck will die kaufmännische Fachberatung des Gewerkschaftsbundes der Angestellten in Verbindung mit seiner gesetzlich anerkannten Stellenvermittlung dienen. Die kostenlosen und unverbindlichen Beratunasstunden finden täglich von 10 bis 1 Um in der Geschäftsstelle des GDA., Friedrichstraße Nr. 48, statt. Auch die Aushändigung von Lehrverträgen und die Erteilung entsprechender Rechtsauskünfie erfolgt kostenlos!
zeugung gekommen, daß ihre einzig wahre Do« mäne die Liebe sei — die Liebe, wie sie sie verstand, Umarmungen ohne innere Resonanz, manchmal verbunden mit größeren Geldvorteilen, manchmal, oft sogar, bloß um des berauschenden Gefühles willes, „Erfolg" zu haben, nachdem sie auf allen ernsteren Gebieten versagt hatte. Ein schnell entflammendes Blut täuschte sie über die Källe ihres Herzens hinweg.
„Bleiben Sie —", sagte sie obwohl Tomas gar keine Bewegung gemacht hat, um aufzustchen. „Bleiben Sie eine Weile bei mir. Ich war gerade sehr traurig, ehe Sie kamen. Ich habe einen lieben, teuren Freund in Deutschland zurückgelassen — für Monate, vielleicht für immer. Aber das wird Sie langweilen. Was tut es, daß wir beide nichts voneinander wissen . ."
Tomas versteht keines ihrer Worte, er hört nur den angenehmen Ton einer warmen Stimme, fein Kopf liegt in der duftenden Beuge ihres Armes. Er ist jetzt nach dem vergeblichen Ansturm gegen Sybils Kabine, müde und trostlos wie ein verlaufenes Kind.
„Wollen wir beide eine halbe Stunde lang vergessen, was uns bedrückt?" schlug sie vor. „Wollen wir?"
Es ist eine Aufgabe, wie sie ihrem Wesen entspricht: diesen Mann, der ganz erfüllt ist von einer anderen Frau, in einer halben Stunde für sich zu entflammen, übrigens ist sie bereits überzeugt, in diesen hübschen jungen Mann verliebt zu sein.
(Fortsetzung tolgt).
Stadt -Theater Kana«
Mittwoch, 16. März, 8—11 Uhr, 25. Vorstell, im Mittw.-Abonn., großes verstärktes Orchester, anläßlich des 100. Todestages Goethes:
„Egmont"
mit der Musik von Beethoven
Freitag, 18. März, 8 Uhr, die Perle der Operellen- literatur: „Die Puppe"
Sonntag, 20. März, nachm. 3 Uhr, Ermäßigte greife, die große Ausstattungsoperette: „Die Blume von Hawai", abends 7.30 Uhr: „Die Frau ohne Kutz".