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14 Jahre sind vergangen, seit der Weltkrieg beendet wurde. Die rastlose, lärmende Zeit aber eilte weiter. Denkmäler aus Stein und Erz allein lassen uns nur zuweilen rückwärts denken: an die Zeit des großen, heroischen Leids. Heute ist die zerschossene, gemarterte Erde wieder versöhnt: grüner Rasen deckt in aller Welt die Gebeine der Gefallenen aller Völker. Und doch wollen wir den jungen Helden nicht nur nachtrauern, denn vor 15 Jahren, als alle die toten Herzen noch laut und kraftvoll schlugen, blühten und keimten sie unter dem Druck des überwältigenden Geschehens auf und gaben Frucht, wie noch nie ein Geschlecht vor ihnen. Sie hinterließen uns in ihren letzten Aussprüchen, letzten _ Briefen ein Erbe, das heute lebendig ist, und immer lebendig sein wird: sie hinterließen uns ihren Geist. Und der wird immer um uns sein. Sie hinterließen das heiligste Vermächtnis, sie errichteten das Ehrenmal des deutschen Volkes, sie, die Gefallenen selbst

Walter Limmer, stud. jur., Leipzig, geb. 22. August 1890 zu Thier­garten bei Plauen i. VogtL, gest 24. September 1914 in Luxem­burg an einer Verwundung vom 16. bei Chalons-sur-Marne.

Leipzig (leider immer nochI), 5. August 1914.

Hurrah! Endlich habe ich meine Beorderung: morgen vor- mittag 11 Uhr in einem hiesigen LokaL Stunde um Stunde habe ich auf meinen Befehl gewartet. Heute vormittag traf ich eine junge bekannte Dame; ich schämte mich fast, mich in Zivil- kleidern vor ihr sehen zu lassen, Auch Ihr, meine guten Eltern, werdet mir recht geben: ich ge­höre nicht mehr ins friedliche Leipzig. Liebe Mutter, halte Dir bitte, bitte immer vor Augen, was ich seit gestern (dem Ab­schied von daheim) im Wechsel der Stimmungen gelernt: Wenn mir in diesen Zeiten an uns und unsere Angehörigen denken, werden wir klein, schwach. Denken wir an unser Volk, ans Vaterland, an Gott, an alles Umfassende, so werden wir mutig und stark.

Rudolf Moldenhauer, Student der Handelshochschule in München, geb. 18. März 1894 zu München, gef. 15. Dezember 1914 zu Mari­court bei Péronne.

Halle bei Péronne, 9. De­zember 1914.

. . . Wenn uns ein schöner Sonnenuntergang an den Sumpf­gewässern der Somme beschert wird, wenn ein schöner, kalter Dezembermorgen den Frühnebel bricht und die Sonne den roten Lehm des Schützengrabens hell strahlen läßt, so sind wir glück­lich und freuen uns wie Kinder über ihre Schönheit. Dann sehen mir auf unsere Unter­gebenen in ihren feldgrauen Kleidern: sie kommen aus den Unterständen, dehnen sich, säu­bern sich und reinigen ihre Ge­mehre. Sie schauen über den Grabenrand und ihre Augen leuchten, ihre Körper strotzen vor Gesundheit und Gradheit. Alles ist jung und freut sich der Natur und lebt in einem Ganzen, das gegenwärtig das stärkste ist: ein zum Schönen, Guten und Machtvollen er­wachsenes Volk.

Ernst Hieber, stud. theol., Tübin­gen, geb. 24. Juni 1892 in Stutt­gart, gef. 19 April 1915 im Ar­gonnenwald, südlich Binarville.

14. April 1915.

... Ich bin jetzt bald drei Monate, ein V lerteljahr, wieder im Feld, höre fast jeden Tag die Schießerei der Gewehre und Geschütze, sehe so manchen sterben; man fühlt sich da bald etwas einsam. Es ist mir manch­mal. als werfen mir die Gefalle­nen vor: Warum ich und nicht Du? Warum ich, der ich mein Leben schon so häuslich ein­gerichtet habe, und nicht du, der du wohl etwas Schönes hinter dir hast, aber noch nichts Bestimmtes vor dir? Ich glaube, solche Gefühle hat jeder, der länger dabei ist.

Bei uns ist es gegenwärtig sehr ruhig, wir richten uns in unserer Stellung ein, als ob wir hier den Frieden erwarten woll­ten. Den Frieden! Alle Sehn­sucht. die einer, der so lange non seinen Lieben meg ist. aufbrin­gen kann, alle Wünsche, die er für sich hegt, und alle Träume, die er in seinem Unterstand von

der Zukunft träumt, sind zu­sammengefaßt in diesem einen, linden Wort: Frieden.

Walter Roy, stud. med., Jena, geb

1. Juni 1894 in Hamburg, oef 24. April 1915 beim Sturm auf die Combreshöhe bei Les Eparges.

Vor dem Sturm am 24. April 1915.

Ihr meine Lieben!

Hoffentlich wird Euch, kein treuer Kamerad diesen Brief senden brauchen, denn es ist ein

Abschieds­brief. Solltet Ihr ihn in Händenhaben, so wisset denn: ich bin ge­fallen für mei­nen Kaiser, für mein Vater­land und für Euch alle. Es gilt jetzt einen schweren Kampf und es ist leuchten­der, lockender Frühling. Ich habe Euch nichts weiter zu sagen, denn ich habe keine Geheimnisse gehabt. Und wie ich Euch danke für das, was Ihr alle Drei mir im Leben Gütes getan habt, wie ich Euch allen für den Sonnenschein und das Glück danke, in dem ich lebte, wißt Ihr.

Freudig, dankbar und glücklich wer­de ich ster­ben, wenn es sein muß! Die­ses aber soll

noch ein Gruß der heiligsten Liebe sein für Euch alle und für alle, die mich liebten. Ich trage die­sen letzten Gruß bei mir bis zum letzten Augenblick. Dann sei er durch treue Kameraden Euch gesandt und mein Geist wird bei Euch sein. Der gnädige große Gott segne und behüte Euch und mein deutsches Vater­land! In inniger Liebe

Euer treuer Walter.

Eduard Bruhn, stud. theol.. Kiel, geb. 18. Oktober 1890 in Schla­mersdorf, gef. 17 September 1915 in Rußland.

17. September 1915.

Liebe Eltern!

Schwerverwundet liege ich auf dem Schlachtfeld. Ob ich durchkomme, steht in Gottes Hand. Sonst weinet nicht, ich gehe selig heim. Euch alle grüße ich noch einmal herzlich. Möge Gott Euch bald Frieden schenken und mir eine selige Heimfahrt geben. , Jesus hilft mir. So stirbt sich's leicht.

In herzlicher Liebe

Eduard.

Johannes Nogielsky, Techn Hoch­schule, Charlottenburg, geboren 4. März 1892 in Bre-au, gef. im Luftkampf 22. Januar 1917 in der Champagne.

Liebe Mutter!

Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich nicht mehr unter den

Lebenden:Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben. Weint nicht um mich, denn ich bin im Reiche des Lichtes, und warum da trauern. Es kam der Krieg und ich zog mit vielen anderen Kameraden auch hinaus und war getreu bis an den Tod. Da ich diese Zeilen schreibe, weiß ich noch nicht, wo mein Grab sein wird; kümmert Euch nicht um meine sterblichen Reste. Mögen sie in Schutt und Trüm­mern vermodern und wieder zu Staub werden, die Seele lebt

Das Ehrenmal in der Feldherrnhalle zu München

und ist göttlich. Mögt Ihr noch lange leben auf der schönen Welt! Grüßt alle, die ich lieb gehabt und die mir nahestan­den. Feinde habe ich nicht ge­habt, wie ich hoffe. Und nun seid nicht traurig, denn in einer kleinen Weile werden wir uns wiedersehen.

Ich grüße Euch und bin bei Euch im Geiste.

Heinrich Georg Steinbrecher, .lud. theol., Leipzig, gc-. 3. Mai 1892. gef. 19. April 1917 bei Moron- villers (Champagne)

13. März 1916 vor Pontavert.

Rundgang durch die er­beutete Stellung. Ein sumpfiges, von zerschossenen Bäumen und zerwühlten Gräben bedecktes Waldstück zieht sich um den Berg. Wie umgepflügt alles. Eingeschlagene Unterstände. Weite Granattrichter. Baum­und Kleider fetzen, Leichen, Munition, Gewehre, Tornister. Ein Feld, ein Wald des Grauens.

15. März.

Alle Gänge müssen im Lauf­schritt gemacht werden. Jedes Essenholen ist eine Heldentat, ein Wagnis auf Leben und Tod Ablösung tut bitter not. Ich bin wieder ganz auf der Höhe. Am 14. war noch ein Teil­angriff. Glückte.

17. März.

Heute abend wird abgelöst Endlich. Wir haben das

Schlachtfeld ziemlich aufge­räumt. Bilder, ich vergesse sie nie. Ekelhaft, ekelhaft kann man nur sagen. Aber es muß sein.

Heinz Pohlmann, stud. phil., Berlin, geb. 14. Februar 1896 in Berlin, gef. 1. Juni 1916 auf demToten Mann.

Im Felde geschrieben am 25. Mai 1926.

Innigst geliebte Eltern!

Wenn Ihr diese Nachricht von mir er­haltet, dann ist wohl her­bes Leid über Euch gekom­men, denn dann bin ich nicht mehr in dieser Welt. Ich kann es verstehen, aber um eins bitte ich Euch: beklagt mich nicht. Trauert um mich, aber seid ruhig und gefaßt; zeigt, daß Ihr Deut­sche seid, die das Leid tra­gen können. Deutsche El­tern, die das Wertvollste, was sie be­sitzen, hinge­ben für das Wertvollste, unser Vater­land. Denn trotz aller trü­ben Erfahrun­gen und Nach­richten glaube ich doch noch an eine Zu­kunft. Für das neue, größere, bessere Vater­land gebe ich gern mein jun­ges Leben.

Ich gehe ganz gefaßt in den Kampf und zittere nicht, dem Tode ins Angesicht zu blicken, denn ich fühle mich geborgen in Gottes Hand. Jesus Christus, den ich nach langen Irrfahrten als meinen Erlöser erfahren durfte, ist auch für mich die Auferstehung und das Leben. Vielleicht teilt Ihr nicht meine Ueberzeugung, aber ich habe ein treffliches Wort in meinem Buche von Lhotzky gelesen. Von den Menschen führen viele Wege zu Gott, aber von Gott nur einer zu den Menschen." Noch eins: Wenn ich Euch früher kränkte und wehe tat, so verzeiht es mir. Ich war eigen­sinnig oft und habe oft einen unrechten Weg eingeschlagen, aber ich habe es bereut, glaubt es mir und verzeiht mir. Und nun bleibt mir nichts mehr, als Euch allen trotz allem zuzuru­fen: Euer Heinz.

Willy Hölscher, Forstakademie Han- noversch-Münden, geb. 12. August 1893 in Münster i. W., gef. 31. Januar 1917 in der Cham- pagne.

in der Champagne, 21. Ja­nuar 1917.

Hier ist ziemlich viel Betrieb. Wir sind den Franzosen aber über. Das im französischen Heeresbericht erwähnte Flug­zeug, das voneinem fran­zösischen Piloten abgeschossen hinter der Navarin-Ferme nie­

der fiel", ist leider eins von unserer Abteilung. Der hat Pech gehabt. Ausnahme fall. Wir werden ja immer, wenn wir in Reichweite der französischen Abwehrkanonen kommen, fleißig beschossen, aber: treffen ist schwer. Einige ehrenvolle Wun­den hat meine Maschine auch schon. Einmal drei, einmal vier, einmal einen Treffer. Aber alles belanglose, ungefährliche, kleine Löcher; die werden zugeklebt, Datum drangemalt, fertig! Die Tragflächen haben noch viel Platz übrig.

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Otto Helmuth Michels, stud. phil., München, geb. 9. August 1892 in Odenkirchen im Rheinland, gef.

2. Juli 1918 in Avelny bei Contal- maison.

14. November 1917.

Grau, grau die Erinne­rung an Dich weht wie ein rotes Sonnensegel durch den Nebel..

1. Mai 1918.

Das Auge sieht nichts auf tagelangen Märschen, nichts als Greuel der Verwüstung. Ein Brett auf einen Baumstumpf ge­nagelt, darauf ein Mann: ein vernichtetes Dorf. Kein Stein, kein Strauch, kein Baum, nichts gibt Kunde vom einzigen Glück und Wohlstand der Mann blieb.

Das Mittelalter gab dem Teufel eine furchtbare Fratze. Wer kann den Teufel malen? Diese zerwühlte, zerrüttete Landschaft, die toten Wälder, Kreuz um Kreuz das alles ist e i n Zug in der Fratze des Teufels.

9. Mai 1918.

Deine lieben Grüße ich halte beide Hände auf, und weiße Blütenblätter fallen hin­ein. Sturm soll sie wirbeln und tanzen machen, aber in der Stille der Nacht sollen sie sich weich auf mein Herz legen . . .

Was ist Wahrheit? Frag ich noch? Los vom Ich, hin zum Du!Niemand hat größere Liebe, denn daß er sein Leben lasset für seine Feinde darin ist alle Wahrheit, alle Schön­heit. Das ist alles.

(Letzter Brief) 19. Juni 1918.

Seit ein paar Tagen bin ich wieder an der Front, und heute abend versinke ich für unabseh­bare Zeit in dem Irrsinn des Schützengrabens. Das Leben draußen, mit dem meine Seele während der Ruhezeit wieder leise Fühlung gesucht hatte, liegt nun fern Ihr Menschen da, mit euren Mühen und Freu­den, eurem Tun und Denken, seit so seltsam schemenhaft. Sah so Christus die Welt, als er zum Himmel fuhr?

Auf und ab fluten die Wellen im Meer. Auf und ab flutet das Blut in meinem Herzen. Die Blume verblüht. Aber das Bild auch des törichsten Blümchens blüht und wandelt in Ewigkeit mit den Sternen. Alles, was in heißer Lust geblüht, das blüht weiter im Himmel in alle Ewig­keit. Darum ist es auch dort so schön.

Oh, wenn doch endlich alles Häßliche, Niedrige, Klanglose von mir abfiele. Stille Seligkeit! O du mein Kleid, mein Lied, meine Musik, mein verklärter Körper o meine Liebe und du, mein gefestigtes Herz mein Gott.

Und nun gehe ich

Die Briefe sind der Sammlung: ..Kriegs­briefe gefallener Studenten, die im Verlag von Georg Müller in München erschienen sind, entnommen.