Nr. 39
Dienstag, den 16. Februar 1932
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Stadt Harra«
iGvba'tuns des Baumbestandes
Das preußische Staatsministerium hat dem Staatsrat den Entwurf eines Gesetzes zur dritten Aenderung des Gesetzes zur Erhaltung des Baumbestandes und Erhaltung und Freigabe von Ufer- wegen im Interesse der Volksgesundheit vom 29. Juli 1922 mit der Bitte um gutachtliche Aeußerung zugehen lassen. Danach soll die Dauer des Gesetzes um fünf Jahre verlängert werden.
Wie der Amtliche Preußische Pressedienst der Begründung des Gesetzentwurfes entnimmt, bestimmt das Gesetz in seiner bisherigen Fassung, daß die Beschränkungen hinsichtlich des Baumbestandes mst Ablauf von 10 Jahren nach ihrem Eintritt auf Verlangen des . Eigentümers oder Nutzungsberechtigten aufzuheben sind, wenn nicht eine beteiligte Gemeinde oder ein Gemeindeverband die von ihnen betroffene Fläche gepachtet oder gekauft hat. Diele Frist läuft für Baumbestände, die kurz nach Inkrafttreten des Gesetzes unter Schutz gestellt worden sind, im Laufe des Jahres 1932 ab. Die wirtschaftliche Lage der Gemeinden gestattet es aber nicht, den Ankauf der Flächen jetzt vorzunehmen. Andererseits kann aus Gründen der Volksgesundheit auf die Schußmaßnahmen nicht verzichtet werden. Aus dielen Gründen erscheint es geboten, die im Gesetz vorgeschriebene Frist zu verlängern.
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Vvovwr Hessen-Nassau
■ Die Frage der Fälligkeit und Umschuldung der ! aufgewerteten alten Markhypotheken hat in den letzten Jahren die Oeffentlichkeit besonders lebhaft interessiert und erst vor wenigen Wochen, infolge der im Juli v I. eingetretenen Kreditkrise, einen erneuten gesetzlichen Eingriff notwendig erscheinen lassen. Die Höhe dieser Hypotheken ist daher von besonderem Interesse. In Preußen sind bis Ende Juni 1931 Aufwertungshypotheken im Gesamtbeträge von 6317,9 Mill. GM eingetragen worden, davon ist für 884,5 Mill. GM oder 14 Prozent der Eintragungen bis zu diesem Zeitpunkt die Löschung bereits erfolgt, so daß ein Bestand von 5433,4 Millionen GM verbleibt, der nach der gegenwär- i tigen Rechtslage fast ausschließlich in den nächsten drei Jahren abzulösen oder zurückzuzahlen ist. An diesem Bestände sind die städtischen Bezirke mit 4214,8 Mill. GM und die ländlichen Bezirke mit 2 1218.6 Mill. GM beteiligt.
Die jährliche Zinslast der Aufwertungsverschul- dung betrug nach dem Stande vom Ende Juni 1931 und unter Zugrundelegung von 5 Prozent 271.6 Mill GM.
In der Provinz Hessen-Nassau waren bis Ende Juni 1931 Aufwertungshyvotheken im Gesamtbeträge von 423 4 Mill. GM eingetragen, davon waren zu diesem Zeitpunkt 57 Mill. GM gelöscht, so daß ein Bestand von 366 5 Mill. GM verbleibt. Davon entfallen auf die städtischen Bezirke 311,7 Millionen GM und die ländlichen Bezirke 54.8 Millionen GM. Die Bestandsumme von 366,5 Mil- Lionen GM »erteilt sich auf die RepieruuqSbezll'ke Kassel und Wiesbaden wie folgt: Kassel 103,3 Millionen GM, Wiesbaden 263,2 Mill. GM.
Der Reg.-Bez. Kassel, der mit 1,9 Prozent der preußischen Gesamtsumme belastet ist, weist bei den städtischen Bezirken eine Belastung von 68 Millionen GM und den ländlichen Bezirken von 35,3 Millionen GM auf.
Der Reg.-Bez Wiesbaden, der mit 4,8 Prozent der preußischen Gesamtsumme belastet ist, weist bei den städtischen Bezirken eine Belastung von 243,8 Millionen GM und den ländlichen von 19,5 Millionen GM aus.
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Die dem Hess.-Nass. Blindenhund angeschlossenen Blindenvereine veranstalteten am 13. und 14. Febr.
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Heute werden die ersten 4-Pfennig-Stücke die deutschen Münzen verlassen und in den öffentlichen Verkehr gebracht werden. Zunächst ist vorgesehen, eine Million der Oeffentlichkeit zu übergeben. Insgesamt werden 50 Millionen ausgeprägt, um für den erhöhten Bedarf an Kupfergeld zu sorgen. Die Vorbereitungen für die Einführung des 4-Pfennig- Stückes sind sehr umfangreich. Die Geldstücke werden nicht in großen Haufen in den Verkehr gebracht, sondern ordentlich in dafür vorgesehene Geldrollen verpackt, auf denen der Betrag verzeichnet steht, den die Rollen bergen. Meist sind es 100 Stück, die auf diese Weise von der Reichsbank ausgegeben werden. Die dazu erforderlichen Hüllen mußten erst in größeren Massen hergestellt werden, da weder die für das neue Geldstück notwendigen Größen noch die Aufdrucke vorhanden waren. Man hofft, daß nunmehr mit der Einführung des neuen 4-Pfennig-Stückes auch die Pfennigrechnung im öffentlichen Verkehr eine viel weitere Ausbreitung erfahren wird, als es bisher trotz aller Maßnahmen der Regierung der Fall war. Noch immer wird besonders in Norddeutschland jede Summe nach oben abgerundet. Während man in Bayern z. B. schon in der Vorkriegszeit das Glas Bier nach Pfennigrechnung bezahlte, wird in Norddeutschland noch heute vielfach eine Ware, die 32 Pfennig kostet, mit 35 Pfennig berechnet. Die Finanzämter gehen mit besonders schlechtem Beispiel voran. Wenn ein Steuerbetrag 15.02 Mark nach der Aufstellung ausmachen würde, rundet ihn das Finanzamt auf 16.— Mark ab. Derartige „Abrundungen" kennt die Privatwirtschaft natürlich nicht, denn kein Mensch würde wegen 2 Pfennigen eine Mark bezahlen. Aber um 2, 3 ja bis zu 7 und 8 Pfennigen wird auch im privaten Handel noch heute der Preis „aufgewertet". Eine Ursache dafür dürfte vielleicht auch darin zu suchen sein, daß nicht genügend Kupfergeld vorhanden war. Diesem Mangel ist aber in der letzten Zeit stark abgeholfen worden. Es sind jetzt augenblicklich insgesamt rund 120 Millionen 1- und 2-Pfennig-Stücke im Verkehr. Wenn die Gesamtausgabe der „Vierer" erfolgt sein wird, dann wird die Anzahl der Kupferstücke auf 170 Millionen gestiegen sein. Sie kann sogar, wenn der Bedarf dafür eintreten sollte, noch um weitere 50 Millionen 1- und 2-Pfennig-Stücke vermehrt werden, die recht
in den größeren Städten der Provinz, in denen Blindenvereine bestehen — auch in Hanau — öffentliche Blindenversammlungen, um mit vereinter Kraft einen Hilferuf der Blinden in die Oeffentlich- keit hinauszuschicken, durch welchen Staat und Volk, öffentliche Fürsorge und die freie Wohlfahrtspflege zum Aufhorchen gebracht werden sollen. Der ungeheuer verschärfte Kampf um Arbeit führt naturgemäß zu einer entsprechend verschärften Auslese der Tüchtigsten und Tauglichsten und damit zur Verdrängung der Mindergeeigneten, vor allem der Gebrechlichen, aus dem Erwerbsleben. Die Zuwendungen der freien Wohlfahrtspflege, die für die hilfsbedürftigen Blinden früher sehr nie! getan hat, lassen immer mehr nach; denn immer weniger sind derer, die noch geben können und immer dringlicher und vielstimmiger werden die Bitten und Forderungen nach tätiger Hilfe. Die Leistungen der öffentlichen Fürsorge werden immer mehr abgebaut und die Sozialversicherungen sind dem gleichsfalls gefolgt. Nach der neuesten amtlichen Erhebung sind von den 35 000 deutschen Blinden nur 17 Prozent in der Lage, durch Renteneinkommen den Mindestbedarf zu decken, nämlich Kriegsblinde, Unfallrentner und Beamtenpensionäre. Vom Ertrag der eigenen Arbeit oder des eigenen Vermögens leben nur 3 Prozent der Blindenschaft, so daß ungefähr 80 Prozent übrig bleiben, die mehr oder weniger auf Unterstützungen und Almosen oder auf die Gnade ihrer Angehörigen angewiesen sind. So wirkt sich
zeitig aus Anlaß der Preissenkungen bereit gestellt wurden und nur auf den Abruf von den verschiedenen Reichsbankstellen warten. Die Gesamtsumme der 1-, 2- und 4-Pfennig-Stücke wird dann mehr als 200 Millionen Stücke betragen, so daß auf jeden Haushalt 12 bis 15 Kupferstücke entfallen. Damit ist der Bedarf gedeckt, und es gibt keine Ausrede mehr dafür, daß man Preissenkungen wegen Mangels an Kupfergeld nicht eintreten lassen kann oder genötigt ist, die Preise auf runde Summen festzusetzen. Der Preiskommissar achtet ganz besonders darauf, daß sein Verbilligungsfeldzug nicht durch diese Scheu vor der Pfennigrechnung durchkreuzt wird. In allen denjenigen Fällen, in denen er davon Mitteilung erhält, greift er energisch ein. Zahlreiche Briefe, die aus allen Teilen des Reiches an den Preiskommissar gerichtet werden, unterrichten ihn über die Vorgänge auch in den kleinsten Städten. Um die „Abrundung" der Preise für Waren möglichst zu erschweren, soll das 5-Pfennig- Stück abgeschafft werden. Das 4-Pfennig-Stück soll an seine Stelle treten, denn es stellt der Preisherabsetzung entsprechend ungefähr. den Wert dar, den früher das Z-Pfennig-Stück hatte. Der Preiskommissar Dr. Gördeler wird voraussichtlich selbst an den Reichsrat einen Antrag stellen, die 5-Pfennig- Stücke völlig einzuziehen. Dadurch wird die Abrundung der Preise nach oben erschwert werden. Im Anschluß daran sei ein Ueberblick über den augenblicklichen Stand der Preisherabsetzung gegeben. Es sind bisher fast alle Markenartikel im Preise um 10 Prozent und mehr gesenkt worden. Nach den statistischen Aufstellungen kommen mehr als 55 000 Markenartikel in Betracht. Die Preise für Anzüge und Schuhe haben eine weitere Ver- billgung erfahren, obwohl die Preise für Schuhe in Deutschland schon fast die Grenze des Möglichen erreicht hatten. Fast alle Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände sind in den letzten Wochen in größerem oder geringerem Umfange verbilligt worden. Das 4-Bfennig-Stück ist also eine große Notwendigkeit geworden und wird hoffentlich sich der Gunst des Publikums erfreuen, denn jeder soll daran denken, daß es ein wichtiger Baustein des Spargebäudes ist, das der Kommissar Dr. Gördeler aufgerichtet hat.
der Jammer unserer Zeit am furchtbarsten gerade bei denen aus, die ohnehin im tiefsten Schatten stehen.
In den Versammlungen wurde nachstehende Entschließung angenommen:
„Im Namen der 35 000 blinden Volksgenossen erheben die öffentlichen Blindenversammlungen des Hessen-Nassauischen Blindenbundes am 13. und 14. Februar einen dringenden Notruf an die breite ste Oeffentlichkeit gegen die fortschreitende Verelendung der weitaus meisten Blinden.
Mit doppelter Schwere lastet die Erwerbslosigkeit mit ihren wirtschaftlichen und seelischen Folgen auf den Blinden Auf sie drückt nicht nur der Alltagskampf um Brot und nützliche Betätigung, sondern dazu noch die ganze Schwere ihres Schicksals. Ihnen ist der Verzicht auf all das, was dem Sehenden an Kultur'und Naturgenuß zur Hebung feiner Daseinsfreude durch das Auge vermittelt wird, auserlegt Auch die vom Staat und Gesellschaft geschaffenen öffentlichen Einrichtungen zur Hebung der Bestrebungen auf dem Gebiet der Kunst, Wissenschaft und Körperbildung bleiben ihm zum größten Teil verschlossen, die dem Sehenden zur Ablenkung von dem allgemein quälenden Jammer der Gegenwart immer noch offenstehen. Umsomehr berechtigt ist ine Forderung der Blinden, sie vor einer wirtschaftlichen Verelendung zu bewahren.
I Deshalb ergeht an Volksvertretung und Behörden, an alle Parteien und an das ganze zur Hilfe bereite Dobk der dringende Notruf der blinden Mit- ichweftern und Brüder:
Tretet wie und wo ihr könnt für uns ein zur Erreichung folgender Ziele: „Schaffung einer staatlichen Blindenrente und — solange eine solche noch nicht eingeführt ist — Verbesserung der öffentlichen Fürsorge für Blinde, insbesondere Berücksichtigung des durch die Blindheit verursachten Mehraufwands bei Bemessung der Fürsorgeleistungen, grundsätzliche und allgemeine Schonung der Blinden bei dem gegenwärtigen Abbau der öffentlichen Fürsorge und bei den geplanten Einschränkungen der Renten aus der Sozialversicherung, Berücksichtigung der Blinden bei Arbeitsvermittlung und bei Vergebung von Arbeitsaufträgen."
♦ Daten für den 17. Februar. 1854: Der Großindustrielle Friedrich Alfred Krupp in Esten geb. 1856: Der Dichter Heinrich Heine in Paris gest.
* Preuß, klastenlotlerie. Am 5. Ziehungstage wurden unter anderen folgende Nummern gezogen (ohne Gewähr): 36170, 89118, 105 867, 143 026, 169 566. 169 574, 207 043, 296 416, 307 243, 346 368.
* 25jähriges Arbeitsjubiläum. Herr Maschinensetzer Iakob Schilling aus Niederrodenbach kann heute auf eine 25jährige Tätigkeit in der Waisenhausbuchdruckerei zurückblicken.
♦ Der 2. sozialpolitische Vortrag über „Die Stellung der Wohlfahrtsarbeit im heutigen Staats- und Gefellfchafts- leben", gehalten von Herrn Magistratsrat Dr. Rehm, sollte ursprünglich am Freitag, den 26. Februar d. I. in der Stadthalle stattfinden. Durch anderweite Inanspruchnahme muß dieser Vortrag jedoch auf Freitag, den 19. Februar d. I. 20 Uhr, verlegt werden. Wir verfehlen nicht, nochmals auf die Bedeutung des Vortrages, ganz besonders für die beruflichen und ehrenamtlichen Kräfte in der Wohlfahrtspflege, hinzuweisen. Der Vortrag findet in der Stadthalle statt
♦ Gibt es noch Krankenkasten-Mehrleiskungen? Vom Verband der weiblichen Angestellten wird uns geschrieben: Durch die Notverordnung vom 8. Dezember 1931 mußten alle Krankenkassen ab l. Februar 1932 ihre Mehrleistungen einstellen und zu den Regelleistungen zurückkehren, die die Reichsversicherungsordnung vorschreibt. Unter Regelleistungen sind zu verstehen: Krankenhilfe für nicht mehr als 26 Wochen, Krankengeld nicht höher als 50 Prozent des täglichen Grundlohnes, Sterbegeld in Höhe des zwanzigfachen Betrages des Grundlohnes, keinen Zuschuß zu Goldkronen, zu größeren Heilmitteln usw. Auch für die Ersatzkassen gelten diese Vorschriften. Doch haben sie die Möglichkeit, durch eine Zuschußoersicherung den Mitgliedern noch die Mehrleistungen zu gewähren. Auch die Be- rufskrankenkasse des Verbandes der weiblichen Handels- und Büroangestellten hat ihre Satzung der Notverordnung anpassen müssen, sie hat eine Beitragssenkung für Gruppe A (Inanspruchnahme der Regelleistungen) beschlossen. Daneben wurde aber eine Zusatzversicherung neu (Gruppe E) geschaffen, durch die sich die Mitglieder die Mehrleistungen ab 1. Februar 1932 gegen einen geringen Zuschlag (Mk 0.60 bis 1— je nach Klassenzugehörigkeit) sichern können Weibliche Angestellte haben dann nach wie vor die Möglichkeit, sich Krankenkassen-Mehrleistungen zu erwerben (Krankenhilfe bis .zu 52 Wochen, erhöhtes Sterbegeld, Zuschuß zu Goldkronen, größeren Heilmitteln usw.)
* Senkung der Kurkaxen und Bäderprelse. In den Verhandlungen mit dem Allgemeinen Deutschen Bäderverband, dem Verband deutscher Ostseebäder und dem Verband deutscher Nordseebäder wurde festaestellt, daß von den diesen Verbänden angeschlossenen Bäderverwaltungen im Jahre 1931 in her Regel eine Senkung der Kurtaxen und der Bäderpreise um 10 Prozent vorgenommen worden sind. Für das Jahr 1932 wird eine weitere 10pro- zentige Senkung dieser Gebühren allen angeschlosse- nen Mitgliedern empfohlen werden. Trotz dieser Senkungsmaßnahmen sollen die bisher von den Bäderverwaltungen gewährten sozialen Vergünstigungen in vollem Umfange aufrecht erhalten bleiben.
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von Gma Saus.
Copyright 1932 by Knorr & Hirth G. m b. H.. München.
2. Fortsetzung (Nachdruck verboten.)
Irene aber blieb. „Auch Herr Shortwell ist abgereist," sagte sie ohne jede Betonung.
Sofort verließ Tomas jede Beherrschung. Er warf Messer und Gabel mitten auf den Tisch, sprang auf und schrie: „Warum sagen Sie das? Warum? Wie kommen Sie auf Shortwell?" Und da Irene zu Tode erschrocken schwieg und sich umdrehte, um das Zimmer zu verlassen, packte er sie am Arm und schrie nochmals: „Was haben Sie damit gemeint?"
Irene schwankte eine Weile zwischen Mitleid, Vorsicht und Gekränktheit. „Ich sag' überhaupt nichts mehr . . ." Dann aber, als sie genauer in sein zerstörtes Gesicht sah und vielleicht alles verstand, fügte sie hinzu: „Mein Gott, Herr Doktor Sie müssen es doch selbst schon bemerkt haben!"
Tomas begann zu zittern. Erst zitterten seine Augenlider, seine Lippen, dann zitterten die Schul tern, die Hände und plötzlich sank der ganze große Mensch in sich zusammen und weinte, schluchzte, heulte — während Irene, ganz wie sie vor eineinhalb Jahrzehnten mit dem Schuljungen getan hatte, seinen Kopf streichelte. Sie vergoß selber helle Tränen und war dennoch glücklich, weil sie endlich, nach so vielen in Sybils Schatten verbrachten Jahren, wieder einmal mit ihrer Liebe hervortreten durfte.
„Nun, nun", sagte sie, „das geht vorüber. Alles geht vorüber."
Sie sprach weiter auf ihn ein; daß es so am besten sei, reiner Tisch gemacht und reines Haus, und er fei doch noch so jung, so hübsch, hundert bessere Frauen könne er haben. „Und man weint auch um einen Toten nicht länger als ein Jahr" Aber diese gnädige Frau sei es nicht wert, auch nur eine Woche lang an sie zu denken. In drei Monaten werde er wieder verheiratet sein. „Eine neue Frau hat immer ihren Reiz," sagte sie mit einer Frivolität, die ihr sonderbar zu Gesicht stand, und übers Jahr könne er Vater sein, sie wisse ganz gut, daß er sich das wünsche, . .
Plötzlich sprang Tomas auf und sagte mit vollkommen ruhiger, gefaßter Stimme mitten in ihr Geschwätz hinein: „Packen Sie sogleich meine Koffer. Ich reise heute noch ab."
2.
Am nächsten Morgen gegen zehn Uhr kam Tomas in Berlin am Anhalter Bahnhof an. Er hatte den Nachmittagszug und viele kostbare Stunden versäumt, weil er nicht abreisen konnte, ehe er nicht alle seine Patienten mit genauen Krankengeschichten einem Kollegen übergeben hatte; denn ärztliche Gewissenhaftigkeit war ihm von Kindheit auf in die Seele gebrannt, sein Vater hatte ihn dazu erzogen, in seinem Beruf ein Amt zu sehen, das zu verletzen schlimmer als gemeines Verbrechen ist. Er hatte dieses Amt nicht verletzt, obwohl er gewußt hatte, was es bedeuten konnte, den Nachmittagszug zu versäumen..
Nun stand er am Anhalter Bahnhof, nach einer Nacht im Personenzug, der wie eine alte Postkutsche übers Land gekrochen war und in jedem Nest endlos getrödelt hatte. In einem Koffer war Wäsche und Garderobe für ein bis zwei Wochen, in seiner Brieftasche befanden sich alle seine Dokumente und sein gesamtes Barvermögen in der Höhe von elftausendzweihundert Mark, außerdem hatte er seinen Reoolrvr bei sich — kurz alles, was ein Mensch braucht, der nicht weiß, worauf er sich gefaßt zu machen hat.
Er hatte keinen bestimmten Plan. Wenn einer ihm gesagt hätte, er habe die Absicht, seine Frau, die ihn schmählich um eines andern willen verlassen hatte, zurückzuholen, mit Bitten und guten Worten, mit Küssen oder Drohungen — er hätte gelacht und sich voll Abscheu geschüttelt. Wenn einer ihm gesagt hätte, daß er entschlossen sei, Sybil bis an das Ende der Welt zu verfolgen, bloß um ihr für ihren Verrat eine Kugel in den Kops zu schießen--er hätte ebenfalls gelaäst und sich voll Abscheu geschüttelt. Und trotzdem hatte er Sybil in dieser schlaflosen Nacht hundertmal nieder- ^eschossen und hundertmal war sie reuevoll in seine Arme gestürzt.
Er wußte nur eines: daß er sie wiedersehen, daß er sie zur Rechenschaft ziehen mußte. Das war das letzte Ziel seiner klaren Gedanken. Nur fein Schmerz und qualvolle Ausgeburten seines Schmerzes gingen über dieses Ziel hinaus.
Tomas Wohlmut wußte nur, daß er seine Frau wiederfinden mußte. Und er wußte auch, daß es zu diesem Ziel drei Wege gab.
Erstens die Polizei. Sybil war entführt worden. Die Polizei konnte ohne weiteres für Herrn Shortwell und feine Begleiterin alle Grenzen sperren, konnte sie auch im Jnlande in wenigen Stunden auskundschaften. Aber aus tiefstem Herzen lehnte Tomas die Polizei ab. Sie durfte sich nicht in diese Sache mischen. — Und was sollte er mit einer Sybil anfangen, die ihm wehrlos vom Schupomann ins Haus gestellt wurde?
Der zweite Weg war ein Detektivinstitut. Die Leute hatten Uebung im Aufspüren Flüchtiger, sie hatten einen eingespielten Apparat zur Verfügung, sie verstanden wohl auch diskret zu sein und in jenem Augenblick zu verschwinden, wo er der wle- dergefundenen Sybil gegenüber trat. Trotzdem — auch der Gedanke an das Detektivbureau war ihm unerftäglich. Er war außerstande, fremde Menschen mit dieser Angelegenheit zu betrauen, und vor allem war er außerstande, auch nur zwei bis drei Tage untätig der Entwicklung der Dinge abzuwarten.
Es blieb ihm also nur übrig, Sybil selbst aufzuspüren und da hatte er die erste Möglichkeit bereits erwogen. Er fuhr zunächst — seinen Koffer hatte er auf der Bahn gelassen — zum Zentralmeldeamt am Alexanderplatz.
„Holen Sie sich morgen vormittag die Antwort," sagte der Beamte, nachdem er den von Tomas ausgefüllten Fragezettel mit einer Nummer versehen hatte.
Das Zentralmeldeamt ist ein Organ öffentlicher Ordnung, dessen Nützlichkeit selbst dem Laien ohne weiteres einleuchtet, wenn es auch etwas umständlich arbeitet.
„Ist es nicht möglich, die Antwort sofort zu bekommen?" fragte Tomas höflich. „Es handelt sich . . ."
„Interessiert mich nicht," wehrte der Beamte ab. „Kommen Sie in Gottes Namen in zwei Stunden."
Das war um halb elf. Um halb zwölf saß Tomas in einem kleinen Cafe und sah zum fünfzigsten Mal auf seine Uhr, hielt sie ans O^r, überzeugt, sie müsse stehen geblieben sein. Ist es möglich, dachte er, daß zwei Stunden so unendlich lang fein können? Ist es möglich, daß dies die gleichen Stunden sind, die mir noch gestern, bei meinen Krankenbesuchen, viel zu kurz wurden? Dieselben
zwei Stunden, die jenem Mann dort hinter seiner Zeitung als angenehme, leider viel zu kurze Mittagspause erscheinen? Zwei Stunden, die vielleicht eine Dame bei der Besichtigung neuer Modestoffe vertrödelt und die irgend einem Liebespaar vor- üb ergehen wie ein Augenblick?
Vielleicht gehen diese zwei Stunden für Sybil und Shortwell auch vorüber wie ein AugenbliF?
Es ist unglaublich, wie jäh sich auch ein unablässig bohrender Schmerz bei gewissen Gedanken steigern kann.
Und doch vergingen auch für Tomas diese zwei Stunben und noch eine dritte dazu, denn erst gegen ein Uhr bekam er die Auskunft:
„Ralph Robert Shortwell, Großkaufmann aus Portsmouth, derzeit Hotel Astoria."
Shortwell hat sich also mit seinem richtigen Namen gemeldet! Denkt wahrscheinlich gar nicht daran, ich könnte ihn zur Rechenschaft ziehen. Tomas wies den Chauffeur an: „Hotel Astoria!" Ein kleiner Kurarzt wird doch nicht mitten in der Hochsaison davonlaufen, nicht wahr, und Sybil wird ihm gesagt haben, daß ich sanftmütig bin und keine Katze ertränken könnte. „Ihre H^-^lbtung vor dem Leben —!" hat Sb ortwell vor ein paar Tagen gesagt, weil ich eine Raupe von der Promenade auf hob und ins Gras trug. Das war — wann war das?" — am Freitag. Heute ist Mittwoch. Ich habe den Revolver in der linken Brusttasche. Hochachtung vor dem Leben! Erscheint das einem Großkaufmann aus Portsmouth so verächtlich, daß er glaubt, ein Mann, der Raupen rettet, kann sich nicht wehren, auch nicht, wenn m^y ihm das eigene Leben vernichtet? Wer mir am Freitag gesagt hätte, ich könnte mit einem geladenen Revolver hinter Menschen her sein . . .
^Fortsetzung folgt!
«Stabs Tbea^ev Cattau
Dienstag, 16. Febr., 8—10 Uhr, 21. Vorstellung ihn Dienstag-Abonn., der urkomische Schwank: „Der doppelte Moritze
Mittwoch, 17. Febr., 8 Uhr, erste Wiederholung der großen Ausstattungsoperette: „Die Blume von Hawas"
Freitag, 19. Febr., 8 Uhr, Lustspielneuheit, zum 1. Male: „Juwelenraub in der Lrämerslraße"