Seite 8
Dienstag, den 2. Aebruar 1932
Nr. 27
Was Ist das für ein Mensch!
Das Rätsel Matuschka, seine Verbrechen und sein Doppelleben
Von H. Re Berndorfs
14. Fortsetzung.
Copyright by Dieck & Co., Verlag, Stuttgart.
Im Dezember 1930 bittet Frau Matuschka ihren Mann, das Jahresende bei ihrem Vater in Csantaver verleben zu dürfen. Der Lehrer Der ist alt geworden. Er schrieb seiner Tochter einen Brief, in dem er sie herzlich bat, nach Csantaver zu kommen und sein Enkelkind mitzubringen, das er sehr liebte. Frau Matuschka bestürmt aber ihren Gatten, auch selber mitzufahren. Sie tut das wohl in der Hoffnung, ihren Mann dort wenigstens wieder einmal einige Wochen für sich zu haben, fernab von dieser großen und entsetzlichen Stadt Wien, die ihren Mann verschlingt und die nichts mehr von ihm für sie übrig läßt.
Silvester Matuschka wehrt sich erst gegen den Plan. Er gibt vor, daß wichtige Geschäfte seiner harren. Er will die Buntheit des Lebens in Wien nicht mit der stillen Lehrerstube in Csantaver vertauschen. Die Frau aber gibt nicht nach, und vielleicht das erste Mal in ihrem Leben setzt sie ihren Willen durch.
Die Familie fährt Mitte Dezember nach Csantaver, um dort bis Mitte Januar zu bleiben.
Frau Matuschka ist glücklich
Sie verleben alle die Weihnachtstage im Hause ihres Vaters. Ihr Mann ist ruhig und scheinbar auch sorgenlos. Es ist alles so, wie sich Frau Matuschka das gewünscht hat.
Er sitzt bei den Seinen und nur nachmittags macht er einen Spaziergang vor das Dorf.
Dieser Spaziergang ist seltsam.
Matuschka geht nicht über Wege, die durch Wald und Wiesen führen, sondern er eilt bis zum nächsten Bahndamm, steigt auf ihn hinauf und bewegt sich lange Strecken auf diesem Bahndamm fort, von einer Schwelle zur anderen springend. Ab und zu bleibt er stehen» horcht ob ein Zug kommt, springt vom Bahndamm herunter, läuft neben dem Damm her, dann springt er wieder hinauf und setzt seine seltsame Wanderung über die Schienen fort.
Er sieht nicht zum Himmel, wenn er so läuft und springt, nicht in die Landschaft. Seine Augen haften auf den Schienen, nur auf den Schienen.
Er hat sicher nicht gelogen, wenn er viel später, als er schon verhaftet war, angab, daß ihn der Anblick der Schienen stets und ständig in einen gewissen Rausch versetzt, in ein gelindes Fieber, und daß ihm dabei immer die Erinnerung an einen Abend kommt, an dem er sich unter dem Bann des Gauklers, des Hypnotiseurs in Kalocsa eingebildet hat, daß er im Zuge säße.
Wenn er abends nach Hause kommt, wird er ruhig. Er sitzt mit den Seinen, bis man sich früh, wie das in Csantaver nicht anders möglich ist, zur Ruhe begibt.
Am Abend des 25. Dezember aber, am Abend des ersten Weihnachtstages, wird Silvester Matuschka merkwürdig unruhig.
Er ist schon von seinem Spaziergang zurückgekehrt, und nun sitzt alles in der Wohnstube und wartet auf das Abendessen.
Da steht er plötzlich auf, nimmt Hut und Mantel und geht ins
Freie
In dieser Nacht kommt er erst spät nach Hause. Er ist in der Umgebung des Dorfes in Schnee und
Stegen herumgeirrt. Seine Kleider triefen, und die Knie feiner Hosen sind defekt. Es sieht so aus, als ob er irgendwo im Freien lange auf den Knien gelegen habe.
Seine Hände sind wund, sie zeigen Risse an einigen Stellen.
Seine Frau springt erschrocken aus dem Bett, als sie ihren Mann so ankommen sieht, ihren Mann, der kein Wort mit ihr spricht, seine beschmutzten und zerrissenen Kleider vom Leibe streift und in einen tiefen Schlaf verfällt.
Am nächsten Tage gibt Matuschka ein Telegramm auf an den Kaufmann Josef Darvas in Wien.
Dieses Telegramm war in vorsichtigen Worten gehalten, in Worten, deren Sinn der Postbeamte in Csantaver nicht so ohne weiteres erfassen konnte, aus dem aber der Adressat Josef Darvas entnehmen mußte, daß Matuschka ihn bäte, ihm einen Gefallen zu tun. Dieser Gefallen sollte darin bestehen, daß Darvas sofort nach Erhalt dieses Telegramms dem Matuschka nach Csantaver zurllcktelegraphierte und ihn in diesem Telegramm bat,
so schnell wie möglich nach Wien
zu kommen, da die Erledigung großer und vorteil- hafter Geschäfte auf ihn warte.
Dieses Telegramm an Josef Darvas ist der Grund zu den Gerüchten gewesen, die sofort nach der Verhaftung Matuschkas auftauchten und die besagten, daß Matuschka entweder selbst Kommunist sei oder das Attentat auf Anstiften von Kommunisten verübt habe. Josef Darvas nämlich ist Kommunist. Er hat sogar während der ungarischen Rätezeit in Budapest eine ziemlich wichtige Rolle gespieli. Er war politisch fanatisch und erreichte es, daß ihn seine kommunistischen Freunde zu einem leitenden Beamten der Budapester Wohnungsamtes beförderten. Als die Rätezeit am 2. August 1919 zu Ende ging, floh Darvas aus Ungarn und lebt seitdem in Wien.
Erst dort, erst nachdem er nach Wien übergesiedelt war, lernte Matuschka diesen Darvas kennen, der sich gleich ihm mit Geschäften aller Art befaßte, der im selben Cafëhaus zu sitzen pflegte wie Matuschka.
Mit diesem Darvas hat Matuschka manches Geschäft getätigt, aber
Politik haben diese beiden bestimmt miteinander nicht gemacht
Selbstverständlich ist auch die Budapester Kriminalpolizei bei der Nennung des Namens des Kommunisten Darvas stutzig geworden. Selbstverständlich hat es nicht an Stimmen gefehlt, die, nachdem diese Bekanntschaft aufgedeckt wurde, behaupteten, Matuschka habe mit Darvas zusammen in der Budapester Rätezeit eine Rolle gespielt. Aber alles das ist durch die ganz eingehenden, ganz genauen Recherchen der vorzüglichen Budapester Kriminalpolizei widerlegt.
Man hat nämlich einwandfrei festgestellt, daß Matuschka in der fraglichen Zeit im Jahre 1919,
MU ■ inn
WlntcrhlMclettcrtc
1. Ziehung 2. .Ziehung
17. u. 18. Februar 9. bis 14. März
l« LS.:. SS 2 M 69122 Gewinne n. 2 Prämien im Gesamtwerte von 625OOOS darunter
HOchstgew.,., 1 Doppellos im Werte von HOchstgew. •.
1 Einzelloe im Werte von
% Hauptgew.
im Werte
S Prämien im Werte von je
KM 60000 40000 20000
1
iR
iR
M
M
im Werte von je lOOOOl
4 Hauptgew.
im Werte von je
in allen durch Plakate kenntl. Verkaufsstellen und durch
G. OissMoSSs & Co.
Berlin 02, Königstraße 51
[Fernspr. Et Berolina 1097 ^Postscheck Berlin 6779*
Höhere ITlädchenschule
St. Joseph Großauheim
Die diesjährige Aufnahmeprüfung für Klasse VI (nach 4 Grundschuljahren) findet statt am Mittwoch, den 17. Februar, nachm. 3 Uhr in „St. Joseph“ Großauheim,
Einige durchreparierte
in
transportable
Herde
gangbaren Größen
Langgasse 10.
135
preiswert.
Weiß emaillierte Herdschiffe billigst.
Ersatzteile für Oefen, Herde und Kesseln, gleich welcher Fabrik, falls nicht am Lager, werd, prompt besorgt. Ofengè' äst Hofmann Sternstr. 26, Tel. 4084
wie das auch hier schon angeführt wurde, sein Lehreramt in Csantaver ausgeübt hat, und daß er diesen Ort niemals für länger als für einige Stunden verlassen hat.
Die Kriminalpolizei hat unwiderlegbar ermittelt, daß er in Csantaver ununterbrochen vom 5 November 1918 bis zum 20. März 1921 seine Lehrertätigkeit aus geübt hat.
Ich war mit Julius Turckanyi zusammen in Csantaver. Wir haben das Klassenbuch der Schule selbst angesehen. Wir haben festgestellt, daß jeder Tag in diesem Klassenbuch mit der Unterschrift des Silvester Matuschka abschließt, selbstverständlich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage und der Ferien. Aber für die Anwesenheit Matuschkas in den Ferien ist das ganze Dorf Zeuge.
Arzt, Notar, Ortsvorsteher und der Schuldirektor sind von uns und selbstverständlich auch von der Kriminalpolizei über diese befragt worden, und auch He erklären mit aller Bestimmtheit, daß Silvester Matuschka den Ort Csantaver nur in einigen Fällen für Stunden verlassen hat, um in die 22 Kilometer entfernte Stadt Szabadka zu fahren.
In dieser Zeit betrieb er mit seinem Stiefbruder Andor Kömüves einen regen Handel mit Lebensmitteln, mit Schokolade, mit Tee und Kaffee, außerdem mit Weizen und Mais. Er hatte diesen Handel so ausgebaut, daß er diese Waren an die Detailgeschäfte der Umgebung lieferte.
In dieser Zeit kam es zwischen Matuschka und dem Schuldirektor, der auch von uns aufgesucht wurde und der dort den Namen „Geza Bacsi" — Onkelchen Geza — trägt, zu lebhaften Auseinandersetzungen.
Der alte Herr erzählte uns, als wir in Csantaver weilten, daß er seinerzeit gegen Silvester Matuschka ein Disziplinarverfahren beantragen wollte, weil er der Ansicht war, daß ein Lehrer einen derartigen Handel nicht treiben dürfe.
Aber auch er erklärt die Möglichkeit, daß Matuschka in diesen Jahren für längere Zeit aus Csantaver abwesend war, für absurd.
Mit diesen Feststellungen der ungarichen Kriminalpolizei, die wir selbst an Ort und Stelle noch einmal gemacht haben und in vollem Umfang bestätigt fanden, entfällt jede Möglichkeit, daß Matuschka sich in den ungarischen Kommunistenzeiten als Kommunistenführer betätigt hat. Es ist aber gleichfalls
unmöglich, daß er Weißgardist oder Weißgar distenführer in
Ungarn gewesen
ist, denn die Weißgardisten beunruhigten Ungarn ebenfalls in den Jahren 1919 und 1920.
In der zweiten Hälfte des Jahres 1920 warf die ungarische Regierung die weißgardistische Bewegung in Ungarn bereits nieder. Matuschka aber verließ Csantaver erst am 20. März 1921.
Er kämpfte also nicht in diesen Zeiten als Kommunist, er plünderte und mordete in diesen Zeiten nicht als Weißgardist, sondern er war Lehrer und schrieb an jedem Nachmittag seinen Namen in das Klassenbuch ein.
Matuschka telegraphierte also an Josef Darvas nach Wien und bat um einen Abruf. Darvas er-
Bei Schmerzen
Rheuma- und Nervenschmerzen, Kopfschmerzen, Migräne, Muskel- und Zahnschmerzen sowie Grippe sofort nur.
HERBIN -STODIN
Tabletten oder Kapseln, wildie bei guter Bekömmlichkeit unübertroffen sind.
I n den Apotheken erhältlich zu RM. 0.60, RM. 1.05, RM. 1.70, RM. 1.75 Best.: Dimeth ac. phenyl. phen. Lith. Proben kostenlos d. H. O. Albert Weber, Fabrik pharm. Präparate, Magdeburg.
ct^^M^'tW '^ÄmI,
WAISEN HAUS-BUCHDRUCK ERD
«MM groß, modern, weiß «ehr gut erhalten billig zu do taufen
SB. Dietz 487 Hopsemtraße 1 p.
Snabenroi 26er, gut erhalten, verkauft billig 498
Fahrradhaus Fritz Peteler
Schnürstrahe 16
Ein Grammophon Marke Mojefta, m. 36 Platt, zu verk., evtl, zu vertauschen.
Franz Hofmann Steinstr. 5, Hths. L, I
Kl. Eisen-Oeschen mit Chamotteeinsatz ob. Dauerbr. zu kauf, ges. Ofs-"'^-'n u. 496 an die Geschäftsst.
füllte seinen Wunsch und telegraphierte ihm zurit Die Polizei hat
das Telegramm
gefunden, das Darcas dem Matuschka nach Csa taver sandte. Als die Polizeibeamten dieses Tel gramm fanden, haben wir es kopiert.
Da Josef Darvas ein phantasiebegabter Mal war, so sieht das Telegramm folgendermaßen au
„Wien 56. 404 21/20 27/XII 0.30 16.30. A
30. vormittags zehn uhr Verhandlung üb bundeszuschuß im Ministerium soziale verwaltu, persönliches erscheinen unbedingt notwendig
Sam K.*
Josef Darvas unterzeichnete nicht mit seine Namen, weil dieser Name politisch zu bekannt i
Dieses Telegramm wies Matuschka im Fan lienkreis aufgeregt vor und erklärte, am nächst Tag nach Wien fahren zu müssen. Da fiel ihm ab ein, daß er ja am 29. des Monats vor dem Bezirk gericht von Margarethen in Wien erscheinen mußt weil er in einem Zivilprozeß verklagt worden wo Er wollte nicht erscheinen. Er hatte andere Pläi für die nächste Zeit. Und so telegraphierte er vl Csantaver am 28. Dezember um 10.30 Uhr uormi tags in der Serie 20 des Telegraphenamtes j
Csantaver nach Wien.
Dieses Telegramm ist von der Polizei ebenso herausgesucht worden. Wir haben es wiederum 6 piert. Es lautet:
„bezirksger-icht Margarethen,
Wien, 13 C 21 89/30/1.:
wegen komplikation mit paß bei verhandln»
kann ich nicht erscheinen.
matuschka.
Nachdem er das Telegramm in Csantaver au gegeben hatte, mietete er schnell einen Wagen, ful mit ihm bis Zsednrk, der nächsten Bahnstation, ur von dort mit der Bahn nach Budapest.
Hier suchte er in den -kleinen Geschäften in d, Nähe des Budapester Ostbahnhofes herum ur kaufte sich ein Gerät, das in Ungarn mit dem N< men „französischer Schraubenschlüssel" bezeichnt wird, ein Gerät, mit dem man Schrauben jeik Größe anziehen und lockern kann.
Er hielt sich nicht lange auf. Am selben Abenl an dem er in Budapest angekommen war, stieg < wieder in den Zug -und fuhr nach Wien. Hier Hi er in seine Wohnung, zog einen Regenmantel ai rannte wieder zum Bahnhof und fuhr nach Am bach, unweit Wiens.
Hier kannte er Gegend und Gelände gut. Ji Sommer desselben Jahres war er mit seiner Fra und seinem Kind für einige Wochen in dem sie nen Kurort Eichgraben gewesen, für einige M chen, die in der Erinnerung Frau Matuschkas 'M dene Tage ihres Lebens darstellen. ,
Mit Frau und Kind hatte er weite Spazier gänge in der Umgebung gemacht, weite Spazier gänge, die chn meistens nach Anzbach brachten.
Jetzt stieg er im Bahnhofshotel in Anzbach ak
Am nächsten Morgen, in aller Frühe, lief e hinaus, er lief an den Bahndamm, lief über di Schienen, sprang wieder herab und verlor sich ii den Lichtungen des Waldes.
(Fortsetzung folgt).
Tiefbewegt von der Grösse der Anteilnahme beim Heimgänge unserer geliebten Mutter danken wir Allen herzlichst
Hanau den 2. Februar 1932
Mathilde Gattwinkel Dr. C. A. Zwicker, Düsseldorf Familie Ernst Bury,
Danksagung.
Bei dem schweren Leid, das meine Kinder und mich durch das plötzliche Hinscheiden meines geliebten Mannes
Herrn Wilhelm Kellermann
betroffen hat, habe ich eine solche Fülle von Liebe und warmem Mitgefühl erleben dürfen und danke ich mit meinen Kindern allen treuen Freunden und Bekannten auf das allerinnigste.
Hanau, 2. Februar 1932.
Frau Marianne Kellermann geb. Kämmerer