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Ar. 28

Monkag, den 1. Februar 1932

Seile 5

Noch drei jugendliche Autodiebe

r Wir berichteten vor einigen Tagen über die sstnahme von drei Realschülern, Lie, wie sie an- iben, ausSportbegeisterung" Autos stahlen und mgs Schwarzsahrten damit unternahmen. Die ranksurter Kriminalpolizei hat jetzt drei weitere chüler ermittelt, die ebenfalls an diesen Autodieb- ählen beteiligt waren. Insgesamt haben die Buc­hen zwöl' Kraftwagen gestohlen und sie dann t I gendwo stehen gelassen Bemerkenswert ist, daß it dem Augenblick der Festnahme der jugendlichen utodiebe diese Unsitte erheblich nachgelassen hat. n den letzten Tagen kam überhaupt kein Autodieb- ahl zur Anzeige.

Mit Leimruten in den Opferstock

? Der Gärtner Karl Renneisen ist ein erfahrener pezialist auf dem Gebiet der Opferstockberaubungen nd hat in früheren Jahren schon seine Kunst in itholischen Kirchen des Rhein- und Maingaues üe- üefen, was ihm zu empfindlichen Freiheitsstrafen erhalf. Mittlerweile ist auch seine Ehefrau aus die leiche Spezialität verfallen. Sie hat im Dezember er Monate Gefängnis erhalten, weil sie in der t. Josephs-Kirche den Opferstock beraubte. Der jetzt ir Gericht erschienene Ehemann hatte aus dem pferftock der katholischen Kirche in Bad Homburg 3 RM geangelt, war aber beobachtet, verfolgt und stgenommen worden. Der Angeklagte bekam wegen ückfalldiebstahls zwei Jahre Gefängnis.

Aus Nah und Seen

Schwere« RaubübevfaU in BtebeSberm

Darmstadt. 31. Jan. In der vergangenen lacht wurde in der GastwirtschaftZum Vater lhein" ein schwerer Raubüberfall verübt. Der Gast- nrt Fritz Bruckmüller halte sich zeitig zu Bett be- eben, während in der Gastwirtschaft noch etwa 9 Gäste weilten, während er schlief, wurde er von nem oder mehreren Unbekannten überfallen und üt einem Beil so schwer verletzt, daß er noch in er Rächt in lebensgefährlichem Zustand in das ladlkrankenhaus in Darmstadl transportiert wer- en mußte. Geraubt wurden anscheinend mehrere slländische Zehnguldenscheine. Ob noch weiteres ietd geraubt wurde, ist zur Zeit noch Gegenstand er Untersuchung.

Unweit des Tatortes fand man das zur Tat be- «Hte veil. Der Täter wird von dem Ueberfallenen ie folgt beschrieben: Ein kleinerer Wann mit ha- erem Gesicht, langer, spitzer Rase, trug grauen lock und graue Sappe. Der Täter dürfte sich ver- lutlich an der Kleidung mit Blut und graugrüner elfarbe besudelt haben. Bruckmüller kam am 11. anuac aus Mainz, wo er eine WirtschaftZum later Rhein" betrieben hatte» nach Biebesheim, m dort unter dem gleichen Ramen eine Wirtschaft 1 eröffnen. Er galt als vermögender Mann. Be- iinnt ist, daß er in Mainz, Darmstadt und Frank- irt in Gastwirtschaften nicht erstklassigen Ansehens erkehrte. Zur Zeit befindet sich die Kriminalpolizei Zoch am Ort der Tat.

Vom Auto überfahren und getötet

Wiesbaden, 31. Jan. Bei dem Ueberschreiten es Fahrdammes Ecks Schiersteiner- und Adelheid- raße wurde Samstag abend der 57jährige Ober­ostsekretär Karl Dörner von einem Personenkraft- agen überfahren und so schwer verletzt, daß er isbalb im Paulinenstift, wohin ihn der Besitzer des Zagens eingeliefert hatte, gestorben ist.

Die Groß-Gerauer Bluttat vor dem Richter

Groß-Gerau, 31. Jan. Vor dem Darmstädter Schwurgericht wird am 4. Februar die Berhand- »ng gegen den Ingenieur Stier beginnen, der am 6. Juli v. I. im Verlaufe eines politischen Strei- !S in Groß-Gerau vor dem Arbeitsamt zwei Kom­munisten erschossen hat und dabei einen dritten ver-

Dev große V-rfeu Schieber

Prozeß

Die Angeklagten Dr. Gutherz (1) Parlagi (2) und Oppenheimer (3) mit ihren Anwälten im Gerichtssaai.

Berlin, 30. Jan. Die Devrsenschiebungen des Londoner Bankhauses Singer u. Friedländer, die vor einer Woche von der Zollfahndungsstelle auf- gedeckt wurden und zur Verhaftung des britischen Staatsangehörigen G u t h e r z, des Berliner Bankiers Kurt Oppenheimer und des öster­reichischen Bankiers Parlagi führte, beschäftig­ten heute bereits das Schnellschöffengericht.

Die Anklage wirst dem Angeklagten Dr. Gutherz vor, daß er ohne Genehmigung der Devisenbewirt­schaftungsstelle als Ausländer über RM-Beträge verfügt habe. Den Angeklagten Parlagi und Oppen­heimer wird Beihilfe zu diesen unerlaubten Ge­schäften zur Last gelegt. Der Staatsanwall gab zur Aufklärung der schwierigen Prozeßmaterie eine kurze Erläuterung des zugrunde liegenden Tatbe­standes. Es begann dann die Vernehmung des Hauptangeklagten Gutherz, der in Karlsbad ge­boren ist, seit 1924 als Angestellter des Londoner Bankhauses tätig ist und seit dieser Zeit die bri­tische Staatsangehörigkeit erworben hat.

letzte. Die Anklage gegen Stier lautet auf Tot­schlag. Am Vorabend der Tat hatten die National­sozialisten in ihrem Stammlakol in derKrone" eine Zusammenkunft, nach der es auf der Straße zu Zusammenstößen mit den Kommunisten kam. Hierbei rief der Nationalsozialist Gernandt den Kommunisten zu,daß er es mit sieben von ihrem Lumpenpack" ausnehme!" Wegen dieses Zurufes wurde Gernandt am daraufflogenden Tage, als er sich vom Arbeitsamt feine Erwerbslosenunterstützung abholen wollte, von dort versammelten Kommunisten gestellt. Die Kommunisten umringten Gernandt und schlugen auf ihn ein. Gerandt konnte sich aber losreißen und mit einem Fahrrad entkommen. Als Gernandt dem Sturmführer der Groß-Gerauer Nationalsozialisten, dem 25jährigen erwerbslosen Ingenieur Stier, kurz darauf von diesem Vor­kommnis berichtete, holte sich dieser aus dem Stammlokal der Nationalsozialisten einen dort aufbewahrten Revolver und begab sich damit be­waffnet zum Arbeitsamt, um sich seine Unter­stützung zu holen. Als auch er von den Kommu­nisten angegriffen wurde, gab er auf feine Angrei­fer vier Schüsse ab. Der 43jährige Erwerbslose Paul Hammer, der Hauptangreifer, wurde durch einen Kopfschuß auf der Stelle getötet, der 30jähr. Erwerbslose Hans Wemhöfer erhielt einen schweren Lungenschuß, dem er tags darauf erlag. Der 30= jährige Erwerbslose Winter wurde durch einen

Im weiteren Verlauf der Verhandlung legte der Angeklagte Dr. Gutherz ein um­fassendes Geständnis ab. Er schilderte die Technik der Devisenschiebungen durch Effektenkäufe und gab zu, daß er gewußt habe, der Erlös für derartige Effektenverkäufe müsse auf Sperrkonto gelegt werden; die näheren Gesetzesbestimmungen will er nicht gekannt haben. Zur Entschuldigung für sein Verhalten gab Dr. Gutherz an, er habe befürchtet, daß man seine Kündigung nicht wieder rückgängig machen würde, so daß er seine Stellung verlieren müßte, wenn er den Auftrag der Londoner Firma nicht ausführe. Besondere Vorteile seien ihm nicht versprochen worden.

Der Mitangeklagte Parlagi, ein Schwager des Mitinhabers von Singer u. Friedländer, er­klärte, daß er nur aus Gefälligkeit gegenüber der Londoner Firma sich an der Angelegenheit beteiligt habe.

Armschuß leicht verletzt. Stier lief darauf Mr Poli­zeiwache und stellte sich der Polizei. Der Groß- Gerauer Bevölkerung bemächtigte sich wegen dieser Vorgänge eine starke Erregung. Aus den Straßen üldeten sich zahlreiche Aufläufe, so daß die Bereit- chastspolizei aus Darmstadt in Groß-Gerau einge- etzt wurde. Stier wurde einige Stunden nach der Bluttat unter starker polizeilicher Bewachung ins Landgerichtsgefängnis nach Darmstadt gebracht. Nach nahezu fiebenmontiger Untersuchungshaft soll nunmehr die gerichtliche Verhandlung gegen ihn stattfinden, die M entscheiden hat, ob Stier in Not­wehr gehandelt hat, wie sein Verteidiger behauptet, oder nicht. Die Schutzbehauptung der Verteidigung wird dadurch sehr erschwert, weil einwandfrei fest­steht, daß sich Stier, bevor er sich zum Arbeitsamt begab, mit einem Revolver bewaffnete, obwohl der Revolver ihm nickt selbst gehörte und er nicht im Besitze eines Waffenscheines war. Dem gerichtlichen Urteil wird mit großm Interesse entgegengesehen.

Llebeslragodle im Hotel

Mannheim, 31. Jan. In der Nacht zum Samstag haben sich in einem hiesigen Hotel ein 21 Jahre alter Verwaltungspraktikant und eine 27 Jahre alte Ehefrau aus Freiburg eingemietet. Die beiden habem dann verschiedene Abschiedsbriefe ge­schrieben und anschließend eine größere Menge gifthaltiger Flüssigkeiten eingenommen. Während

die Frau sich erbrechen mußte und bis zum näch­stem Mittag geschlafen hat, ist der junge Mann während der Nacht gestorben. Die Frau wurde in das Krankenhaus eingeliefert und wird voraus­sichtlich mit dem Leben davonkommen.

and aller wett

Gegen Deveinigung von Dolksivauevtag und Toten­sonntag

Berlin, 30. Jan. Der in Berlin versammelte Kirchonsenat der Altpreußischen Evangelischen Kirche erklärte wie der Evangelische Pressedienst mittei'll, daß er den Plan, den bisher am 5. Sonntag vor Ostern (Sonntag Reminiscere) ge­haltenen Volkstrauertag für die Gefallenen auf den Totensonntag zu verlegen, in Uebereinstim­mung mit dem Präsidenten des Deutschen Evan­gelischen Kirchenausschusses mit Entschiedenheit ab* lehne. Der Volkstrauertag habe gerade in seiner Besonderheit als allgemeiner deutscher Tag der Er­innerung an die Gefallenen des Weltkrieges und der Gewissensmahnung zu Dienst und Opfer für Volk und Vaterland feste Wurzel geschlagen. Auf der anderen Seite sei der Totensonntag ein evan­gelisch-kirchlicher Feiertag eigenen Gepräges. Er sei mit dem inneren Leben der evangelischen Ge­meinde und den Bedürfnissen ihrer Glieder aufs engste verknüpft und müsse in seiner Besonderheit unberührt bleiben. Die evangelische Kirche, die sich aus innerster Verbundenheit mit dem Leben unseres Volkes freudig in den Dienst des Volkstrauertages gestellt habe, könne nicht die Hand dazu bieten, daß durch eine Vereinigung beider Gedenktage beide in empfindlicher Weise beeinträchtigt werden. Der Be­schluß des Kirchensenates wurde dem preußischen Kultusminister übermittelt

Gin neues Tubevkulose- Sevum

London, 29. Jan. Der Marques of Crewe machte heute abend auf einer Versammlung von hervor­ragenden Aerzten die Mitteilung, daß Henri Spahlinger feine Formel für die Herstellung seines Antituberkulose-Serums nunmehr den führenden medizinischen und wissenschaftlichen Körperschaften zur Verfügung gestellt habe. Spahlingers Ent- berfung sei den Sachverständigen bereits vor einigen Jahren mitgeteilt worden; er hätte sein Verfahren bisher aber geheim gehalten, um zu verhüten, daß billige und übereilt hergestellte Prä­parate der Oeffentlichkeit als sein Heilmittel vor­gelegt werden. Das Tragische fei jedoch, wie der Vortragende weiter betonte, daß im Laufe der Arbeiten das gesamte Vermögen der Familie Spahlinger verbraucht und ungefähr 100 000 Pfund Sterling ausgegeben worden seien, so daß der Er­finder gezwungen worden sei, Anlechen für die Fortführung seiner Arbeiten aufzunehmen, für deren Sicherheit er seine Formel zur Verfügung stellen mußte. Bemerkenswert fei auch, daß das Serum Spahlingers das einzige Tuberkulose-Serum sei, das keine lebenden Mikroben enthalte und da­her vollkommen gefahrlos fei.

Die deutsche Bobmannschaft in Amerika verunglückt

Rewyork, 31. Jan. Bei einer Trainingsfahrt der deutschen Bobmannschaft auf der olympischen Bobbahn zu Lake Placid ereignete sich ein schwerer Unglücksfall. Der unter Führung von Hauptmann Zahn-Braunschweig stehende BobDeutschland" sprang in der Zickzackkurve aus der Bahn. Haupt­mann Zahn erlitt einen komplizierten linken Arm­bruch und außerdem innere Verletzungen. Der Deutsche Mehlhorn wurde am linken Auge schwer verletzt. Der Deutsche Roßner kam mit leichten Rückenverletzungen davon, während der mitfahrende Amerikaner unverletzt blieb. Hauptmann Zahn mußte sofort ins Krankenhaus geschafft werden.

Diede «ittevWe Welt"

Von Karl Anders.

In Pasadena auf dem ,Mount Wilson- Observatorium" befinden sich Einstein und de Sitter, um bedeutsame Weltprobleme zu klären.

o In Pasadena (Kalifornien) befinden sich augen- licklich zahlreiche hervorragende Forscher, unter inen Professor Einstein und der holländische Pro- 'ssor Willem de Sitter, der Direktor der Stern­warte der holländischen Universität Leyden.' Beson- ers die Anwesenheit de Sitters ist von größter Be- eutung, denn mit Hilfe des großen Observatoriums 1 Pasadena, das über ein lOOgö lliges Teleskop er fügt, soll die sogenanntede Sittersche Welt" adigeprüft werden. Es handelt sich dabei um ein anz neuartiges Weltsystem, das die Unstimmig- ,'iten ausschließt, die sich bei dem Einstein'schen öeltsystem ergeben haben. Da hier zwei große Veltanschauungen miteinander kämpfen und die de Sitter'sche Welt" der Oeffentlichkeit noch wenig ekannt ist, jo wird ein kurzer, allgemein verständ- cher Ueberblick über diese bedeutsamen Probleme ielfache auf Teilnahme rechnen dürfen:

Einstein hatte bekanntlich behauptet, daß die Welt in geschlossener, endlicher Raum ist. Alle Gestirne eroegen sich gewissermaßen im Kreise und kehren ach einer ungeheuren Zahl von Jahren in ihrem aufe einmal an dieselbe Stelle zurück. Die Welten, Ifo die Nebel, Sonnen sind in den Raum gefesselt, tun wurde vor mehreren Monaten festgestellt, daß lanche Nebelwelten mit ungeheurer Geschwindigkeit ich von der Erde entfernen. Der Assistent des llount-Wilson-Observatoriums Dr. Munason stellte sst, daß diese Sternennebel mit der fast unvorstell­aren Geschwindigkeit von 12 000 Kilometern in der -ekunde von der Erde fortfliegt. Bei manchen Nebel- oelten wurden sogar Geschwindigkeiten bis zu 10 000 Kilometer in der Sekunde errechnet. Das Uni- lerfum macht gewissermaßen den Eindruck einer xplodierenden Granate, zumal gerade die entfern- esten Sternenwelten die von uns viele Millionen Lichtjahre weit entfernt sind, diese ungeheure Ge- chwindigkeit aufweisen Es schien also, als ob eine mgeheure Zentrifugalkraft am Werke fei, durch die tiefe Welten gewissermaßen aus dem Raum hinaus- teschleudert würden. Dadurch war die Annahme

Einsteins, daß das Unversum ein endlicher Raum sei, in manchen Beziehungen hinfällig geworden. Zwar steht die Ausbreitung der Welt und die mitt­lere Dichte der Materie im Weltall in einem Zu­sammenhang, der nach den Abschätzungen der Rela­tivitätstheorie ziemlich genau stimmt und in den mathematischen Formeln dieser Theorie sogar be­gründet ist. Aber das Tempo, in dem diese Expan­sion vor sich geht, ist verblüffend und unerklärlich, denn wenn die Sterne tatsächlich mit einer solchen Geschwindigkeit von uns wegfliegen würden, dann könnte dieLbensdauer" des Weltalls nur ungefähr 10 bis 100 Milliarden Jahre betragen, also nur 10 bis 100 mal größer sein, als der bisherige Be­stand unserer Erde Nun können wir natürlich nicht die Geschwindigkeit dieser sehr entfernten Welten messen, wie die" Geschwindigkeit eines Autos. Wir messen sie durch die Rotverschiebung in den Spek­trallinien. Nun hat de Sitter die Theorie aufgestellt, daß bei derartigen Entfernungen die Gesetze, durch die die Rotverschiebung den Grad der Geschwindig­keit ausdrückt, nicht gelten. Es ist also nicht gesagt, daß die Sternwelten tatsächlich mit dieser ungeheuren Geschwindigkeit von uns wegfliegen, zumal noch un­erklärlich wäre, warum sie gerade von der Erde wegfliegen die doch nicht im entferntesten der Schwerpunkt und der Mittelpunkt der Welt ist. Diöse bedeutsame Frage wird in Pasadena untersucht. An­dererseits aber hat auch de Sitter in Uebereinstim­mung mit Professor Tolman vom Mount Wilson- Observatorium die Vermutung ausgesprochen, daß der Weltenraum keine sich ewig gleich bleibende Größe ist, sondern gewissermaßen atmet. Er dehnt sich aus und zwar durch die Expansion der Gestirne und somit der den Raum bestimmenden Masse und nach einem bestimmten Zeitabschnitt zieht er sich wie­der zusammen Wenn es auch nicht Fragen des All­tags sind, die hier behandelt werden, so sind es doch Probleme, die das Hirn jedes denkenden Menschen beschäftigen und über die Kleinlichkeiten her Alltags- kämpfe weit erhaben sind. Man darf den Ergebnissen der Untersuchungen, die auf dem Mount-Wilson- Oberservatorium angestellt werden, mit größtem In­teresse entgegensehen, da sie hoffentlich eine Lösung des Problems bringen werden, wie unser Weltall beschaffen ist.

o Rundfunkbeschwerde wegen eines allen Liebesliedes. Auf ein altes Liebeslied, das eines Morgens vor dem Mikrophon des Westdeutschen Rundfunks gesungen wurde, hat die Leitung der Sendegesellschaft einen Beschwerdebrief folgenden Inhalts erhalten:Heute, Dienstag vormittag, wurden im Radio Lieder zur Laute gegeben. Wir möchten dem Herrn hierdurch empfehlen, wenn er nächstens nochmal seine Lieder fingt, doch so an­ständig zu sein und das Lied, worin die alte Jung­fer als Klalschzunge usw. hingestellt wird, in feinem eigenen Interesse auszulassen. Es ist entweder ein sehr ungebildeter oder ein gefühlloser Mensch. Ist es nicht genug, daß alleinstehende Menschen stets abseits stehen, ohne daß im Radio den Men­schen noch mehr Stoff bezüglich der sog. alten Jungfer gegeben wird? Hätte manche Ehefrau ge­wußt, was für einen Griesgram usw. sie geheiratet hätte, wäre sie sicher gern eine alte Jungfer gewor­den, denn die alten Jungfern haben eben nicht jeden Hanswurst, der sie begehrte, geheiratet, und dieser Herr scheint die Kriegszeit schon vergessen zu haben. Bestellen Sie bitte dem rückisichtslosen Herrn, er solle bessere, schönere, idealere Sachen zu Gehör bringen, als diese anstößlichen, nichts­sagenden Lieder. Mehrere Damen, die unverschuldet ledig geblieben sind, haben sich bei mir dieserhalb wegen der alten Jungferlieder oft beklagt. Meh­rere ledige Damen."

o Ferdinand Bruckner:Timons Glück und Un­tergang". (Uraufführung: Alles Theater, Leipzig). Dieser neue Bruckner hat mit der Tragödie des Menschenfeindes aus Menschenliebe von Shake­speare (deren Bearbeitung ursprünglich geplant war) nichts mehr gemein als die äußeren Gegebenheiten des Stoffes. Bruckner wollte uns den Timon näher rücken durch Aufreizung der Tragödie des Geistes­menschen, der zerbricht an der ihn umgebenden Welt des Materialismus, die ihn, denüberflüssigen Alen- schen", als Gefahr für die Allgemeinheit bekämpft. Es ist ihm aber nicht gelungen, den Nachweis für die Daseinsberechtigung seines Helden überzeugend zu ge­stalten. Sein Timon stellt sich von Anbeginn dar als ein Abseitsstehender, als egoistischer Genießer. Er ist also, von unserer Zeit her gesehen, in Wahrheit ein überflüssiger Mensch, der mit Recht im Bewußt­sein selbst des naiven Volkes als Schädling emp­funden wird. Sein Untergang entbehrt daher jeder Tragik und wirkt für unser Empfinden wie eine

Selbstverständlichkeit. Die Möglichkeit, imTimon" den großen Kampf der Zeit: Kollektivismus contra Individualismus tragisch auszuformen, hat Bruckner ungenützt gelassen. Und nur hierin hätte die Not­wendigkeit einer Neuformung des shakespearischen Werkes gelegen. Daß im übrigen einige Szenen stärkster dramatischer Wirkungen gelungen sind (vor allem die Volksszenen, die große Abrechnung Ti­mons mit seinen Freunden), ist bei einem Bühnen­praktiker wie. Bruckner nicht weiter verwunderlich. Bedenklich über den Rahmen des höheren Dramas hinausgehend, erscheint allerdings die Szene im Olymp, die schon» an die Offenbachiade grenzt. In bi es er, wie auch im übtigen Drama, arbeitet Bruck­ner mit seiner schon in dèrElisabeth von England" bewährten Technik, seinen historischen und mytischen Figuren die banale Sprache unserer Tage in den Mund zu legen, womit er billige Wirkungen erzielt. Neu ist, daß er statt der Szenen und Bildmontage in den Massenszenen eine Wortmontage gibt, sogar Ausgezeichnet gekonnt. Gerade diese hatte der Leip­ziger Regisseur, Detlef Sierck, prachtvoll herausge­arbeitet, sprachlich gestrafft und mit wegreißendem Tempo. Wie überhaupt das Hauptverdienst dieser Aufführung eine lückenlose Geschlossenheit in Bild und Darstellung war, unbestreitbar vor allem ein Regieerfolg. Daß die dramatische Wirkung nicht durchhielt und am Schluß sogar heftig gefährdet war, lag, abgesehen von Bruckner, an der nicht ganz ausreichenden, persönlichen und artistischen Ueberzeugungskraft des Timon-Darstellers, des im übrigen äußerst interessanten und begabten Peter Staachina. Aus der Masse der Darsteller hoben sich einige eindrucksvoll ab, so Albert Garbe als Lykos, Alfred Schlageter als Simonides, Max Hemetz als Nikias (sehr stark in der Szene des Goldfundes). Robert Meyn als Alkibiades näherte sich im kon­ventionellen Bewegungsspiel und im Vollbewußtsein desVolksliebling" bedenklich den Hoftheater- Schönlingen. Ausgezeichnet, im Sprachlichen ge­wachsen, Alexander Holling als Sprecher der Kriegs­partei. Besonders erwähnenswert die geschmack­vollen und technisch praktischen Bühnenbilder des jungen Adolf Mießmann. Am Schluß, trotz ermü­dender Längen, gequälter Beifall für das Stück, starker und ehrlicher für Sierck.

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