Originalroman von Knut Gatzwi 11 er
Autorisierte Ueber Setzung von Elsa v. Hollander-Lossow
(Urhebersehuta dorrt Frew«- Verbs B» U Dämmert. Bert!« <W MJ
tnhaN der bisher erschienenen Romansortsetzungen.
Der dänische Ingenieur Karl Holm ist uadi New York ausgewandert. Auf dem Schiff hat er die Bekanntschaft von Juul, einem jungen Landsmann, gemacht Durch einen Zufall lernt er Ikhoto, den Inhaber einer japanischen Kunstfirma, kennen und wird nadi kurzer Prüfung sofort angestellt Nach einiger Zeit lernt Hohm den Baron Mamimura kennen, einen Freund Ikhotos; sie sprechen zusammen über die Möglidikcit. einen Farbstoff herzustellen der je nach seiner Lage die Farbe der Umgebung annimmt Auf einer Motorboot fahrt lernt Holm Nick und Molly, die Kinder eines reichen Mctallwarcnlobrikanten, kennen. Holm trifft noch am selben Abend Juul auf der Straße Als sie sich trennen, findet er einen von Juul verlorenen Brief, aus dem hervorgebt, daß sein ehemaliger Reiseka.nerad das Wefkezug einer deutschen Spionage-gesellschaft ist. die sich die Erkundung von Nicks Patent zum Ziel gesetzt hat. Er eilt sofort zu Bradleys zurück und geht dann mit Nick nach Bronx River, ory den Flugzeugwaditcr zu warnen. Molly ist unterdes auf- gewacht und sucht Naghoko. In der Hütte finden Nick und 'Holm den Japaner vor. der eben drei Eindringlinge hinaus- geworfen hat. Morley wird von Molly und Holm nach Hause gebracht. Die schnell entwickelte Platte aus der im Schuppen gefundenen Kamera zeigt die Umrisse einer unbekannten Person Sie fahren sofort zum Schuppen zurück: er ist leer! Ein Schreiben an Mr. Bradley bringt Gewißheit. daß Nick und sein Aeroplan entführt worden «ind. Holm gesteht Molly seine Ljebe; sie wollen mit der offiziellen Verlobung aber warten, bis seine Versuche zur Vervollkommnung der Farben weitergcdielien sind Am folgenden Tage schon macht er im Laboratorium eine wichtige Entdeckung, die ihn dem lang ersehnten Ziele nahebringt: er schreibt sofort an Molly um sie zu benadiriditigen. Als Holm am nächsten Vormittag mit Ikhoto zusammen das Lager besichtigt, bricht Juul in seine Wohnung ein und entwendet 50 Dollar um schnell au« New York verschwinden zu können. Holm wird, als er mit Jkbolo durch die Ausstellungsräume geht, plötzlich gefesselt, geknebelt und n einen leeren chinesischen Sarg gesteckt. Wenige Minuten später fühlt er, daß er sich in einem Flugzeug befindet. Molly ließt am nächsten Tag von einem Motorbootsuiigluck Holms auf See. Sie ahnt Holms wahres Geschick nicht
(14. Fortsetzung.)
Man vermutet, daß der Brand durch Explosion des Benzintanks entstanden ist und dann mit solcher Heftigkeit um sich gegriffen hat, daß der Führer des Bootes, Herr Karl Holm, der sich nach unseren Erkundigungen im Klubhaus allein an Bord befand, über Bord gesprungen ist, um an Land zu schwimmen, was aber bei der Gegenströmung sich als unmöglich erwiesen haben dürfte, so daß man leider annehmen muß, daß er durch Ertrinken den Tod gefunden hat.
Das Wrack wurde von der „El Ballen" ins Schlepptau genommen und liegt zur Zeit im West Niver Klubhaus.
Herr Karl Holm war ein junger, sehr tüchtiger Chemiker, der eine verantwortunasvolle Stellung in der bekannten Japanfirma Ikhoto in New Tjark bekleidete."
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. Lange faß Bradley so da und ließ feinem Kummer freien Lauf. Er erhob sich erst, als der Hausmeister ihm den Arzt meldete. Da war er sofort wieder der alte, scheinbar kalte Geschäftsmann und ging selber mit dem Arzt in Mollys Kabine.
Sie war noch immer bewußtlos. Ihr Gesicht hatte einen Ausdruck von unbeschreiblichem Schmerz. — Es tat Bradley so weh, die verzweifelten Züge seiner Tochter zu sehen, datz der alte Mann nur mit Mühe ruhig bleiben konnte.
Nach einer hastigen Untersuchung erhob sich der Arzt und verschrieb eine belebende und stärkende Arznei, indem er hinzufügte:
„Ihre junge Tochter wird sich bald erholen, sie ist ja von kerngesunder Verfassung! Dies ist nur eine ganz gewöhnliche Ohnmacht, wahrscheinlich durch irgendeine plötzliche Erregung herbeigeführt. Lassen Sie sie jetzt nur möglichst lange in Ruhe, dann wird sie den Anfall bald überwinden. Ich glaube eigentlich nicht, datz ich noch einmal wiederzukommen brauche, hier tut nichts weiter not als Ruhe!"
XII.
Holm kam ganz langsam wieder zu sich. Noch befand er sich in diesem halbwachen Zustand, wo der Mensch nur über ein geschwächtes Beobachtungsvermögen verfügt.
Langsam fühlte er die schlafenden Sinne erwachen, zuerst trat das Gefühl in Funktion. Er wurde sich klar, daß er auf einem weichen, behaglichen Lager ruhte, und datz seine Hände, die noch immer schwer und kraftlos waren, einen seidenen Stoff berührten. Er versuchte den Kopf zu heben, gab es aber auf; er war schwer wie Blei und schmerzte heftig. — Noch etwas anderes verursachte ihm Schmerzen, wahrscheinlich seine Beine, ihm war, als würden Knöchel und Fütze von glühendem Feuer verzehrt.
Jetzt kehrte die Sshsähigkeit zurück. — Noch flimmerte iHm ein rötlicher Nebel vor den halbgeöffneten Augen. Allmählich aber trat schwach und undeutlich die Umgebung vor seinen Blick, — etwas Lebendiges, Weiches satz auf seiner Brust. — Holm lag ganz still und wartete, datz diese Vision wieder verschwinden sollte, — aber sie verschwand nicht, er sah ein bräunliches, kleines Ding auf seiner Brust sitzen, in ständiger Bewegung, ohne doch einen Druck auszuüben.
Er strengte den Willen an, um ein einziges Mal klar zu sehen, — ja, es war kein Zweifel, es war wirklich ein kleines Eichhörnchen, das sich, auf den dicken Schweif gestützt, eine Nutz in den Vorderpfoten, auf feine Brust gesetzt hatte und ihn mit einem drolligen Ausdruck in den großen, braunen Augen betrachtete. Er sah es mit einem eleganten Sprung verschwinden. Den Kopf konnte er beim besten Willen nicht drehen, sein matter Blick konnte also nur geradeaus schauen — und gewahrte jetzt die Figur eines lebensgroßen Chinesen, der mit verkreuzten Armen und Beinen auf einem geschnitzten Sockel saß. Die Augen waren geschlossen, von der Oberlippe hing ein dünner, franüqer Chinesenbart herab, — es sah aus, als schlafe die Figur.
Der Anblick dieses Chinesen setzte Holms Gedanken in Bewegung. Er strengte sein Gedächtnis an. um fest^ustellen, wo er sich befinde, und wie er hierher gekommen sei; aber er mußte dos Denken anfaeben. Sein Gehirn schien leer, und doch fühlte er, wie sich da oben irgend etwas immer
im Kreise herumdrehte, ihn schwindlig machte und ihn zwang, wieder die Augen zu schließen.
Eine herrliche Ruhe überkam ihn, und er fühlte mit Behagen, daß der Schlaf, der richtige, natürliche Schlaf, seine verwirrten und übermüdeten Nerven in eine wohltuende Ruhe einlullte. — *--
Als er wieder erwachte und die Augen aufschlug, waren die Nebel von vorhin verschwunden. Blick und Hirn waren klar und ausgeruht, ein erfrischender Luftzug strich über ihn hin. — Wie war das, hatte vorhin nicht ein Eichhörnchen auf seiner Brust gesessen? Oder war das ein Traum gewesen? Nein, da saß ja noch der schlafende Chinese mit dem dummen Gesicht. Er sog die frische Luft ein, die noch immer über ihn hinströmte und versuchte, die noch etwas schmerzenden Glieder zu strecken. Ein helles, aber doch angenehmes Licht durchflutete das hohe Zimmer, in dem er lag. Eine Schar großer, bunter Schmetterlinge schwebte in munterem Spiel umher, umkreiste jetzt die Chinesenfigur, und flatterte dann in großen Bogen und Kurven über seinen Kopf dahin. Er hob den Blick, um dem Schwarm nachzusehen und sah nun eine Anzahl farbenprächtiger Eesellschaftspapageien auf einer langen Stange gerade über seinem Lager.
Und als er sich umdrehte, um einen vollständigen Ueherblick zu gewinnen, blickte er in ein kleines, lächelndes Frauengesicht empor.
Als Holm erwachte, stand hinter seinem Bett eine anmutige kleine Japanerin.
Er wollte etwas sagen, aber die Worte blieben ihm im Halse stecken, die Ueberraschung machte ihn stumm.
Da, gerade hinter seinem Kopf, stand die reizendste kleine Nippsache, die man sich denken konnte, eine anmutige junge Japanerin, und fächelte ihm mit einem großen, bunten Pfauenfederfächer Kühlung zu. Die schwarzen, mandelförmigen, etwas schrägen Augen unter den dunklen Bogen der feingezeichneten Brauen lächelten ihm kindlich neugierig entgegen. In dem blauschwarzen, hochgesteckten Haar schimmerten weiße Blumen. Die Wangen waren kinderrund und pfirsichzart und der Mund eine kleine blutrote Kirsche.
Holm hatte sich noch nicht von seiner Bewunderung erholt, als er ein herzliches Lachen hörte, und eine muntere Stimme rief:
„So, Pelle, jetzt ist er endlich aufgewacht, komm jetzt rasch her und heiße ihn willkommen."
Er sah das kleine Eichhörnchen von vorhin mit gewandtem Sprunge herunterkommen und sich auf seine Schulter setzen; aber hinter der kleinen Japanerin kam eine weißgekleidete, sonnenverbrannte Männergestalt zum Vorschein. Holm stieß einen lauten Freudenschrei aus. — Es war Nick.---
„Willkommen, alter Junge!" hörte er den Freund rufen, während dieser mit ausgestreckten Armen und einem herzlichen Lächeln sich dem Diwan näherte, auf dem Holm lag. „Herzlich willkommen bei uns — als Baron Mami- muras Gefangener!"
Dief.r Zusatz hatte für Holms Ohren einen düsteren, drohenden Klang, aber die augenblickliche Freude, so unvermutet den langentbehrten Freund wiederzusehen und ihn bei bestem Wohlergehen anzutreffen, ließ ihn eine Weile alles andere vergessen. Er sprang auf und umarmte Nick mit größter Herzlichkeit, während er ihn mit unzähligen Fragen bestürmte.
„Nun, nun, nur ruhig Blut! Wir wollen uns doch zuerst einmal ansehen, wie es dir geht. Aber ich mutz sagen, du scheinst die Fahrt gut überstanden zu haben. Eigentlich muß dir ja nach der langen Luftreise zumute sein wie einem Vogel", fügte Nick heiter hinzu.
Holm fühlte sich zu seiner eigenen Verwunderung wirklich äußerst wohl und erwiderte:
„Es geht mir glänzend Nick. Und doch habe ich das Gefühl, aus Luftmanael in dem verdammten Chinesensarge fast erstickt zu sein."
„Das warst du auch wirklich, alter Freund. Es war nicht mehr viel Leben in dir, als das Fluozeug mit dir hier landete Ich hielt dich ewentlzch schon für tot, als ich dich aus dem Sarge heben half. Aber dieser Varon, dieser
Baron Mamimura, ist ein wahrer Hexenkünstler. Er lächelte nur, sah dich eine Weile an, gab dir eine Einspritzung und sagte: „In einer Stunde ist er wieder bei Besinnung." Und das warst du!"
Holm entdeckte eine kleine Stichwunde am linken Handgelenk, die leicht juckte. — Nick deutete daraus und sagte: „Ja, an der Stelle hast du die Einspritzung bekommen! Ach du, er ist ein wahres Weltwunder! Aber das sind sie alle, mit denen man hier draußen zusammenlebt, — jeder leistet auf seinem Gebiet etwas Hervorragendes!"
„Hier draußen?" Holm sah ihn fragend an. „Wo sind wir denn?"
Nick schüttelte resigniert den Kopf: „Ja, wo sind wir? — Auf dem Mond? Auf dem Mars oder auf irgendeinem Planeten? Darauf kann ich dir keine Antwort geben, ich weiß nicht mehr als du!"
Holm zog die Uhr — sie ging noch — es war sechs Uhr — und fragte, welcher Wochentag es sei. Nick erklärte ihm, es sei Sonnabend.
Holm überlegte, die Uhr in der Hand. — Es war noch Sonnabend, — also hatte das Flugzeug etwa fünf Stunden gebraucht, ihn herzubringen, da er ja nach Nicks Aussage nach der Landung eine Stunde bewußtlos gelegen hatte.
„Nun . . . so sehr weit von New Park können wir doch nicht sein. Freilich kann man auf dem Luftwege in fünf Stunden eine erhebliche Strecke zurücklegen; aber es gibt doch Grenzen, selbst für die Leistungsfähigkeit eines sehr rasch fliegenden Flugzeugs."
Nick sah ihn ernst an und erwiderte:
„Löse hu das Rätsel, wenn du kannst, — ich habe nicht die leiseste Ahnung, wo in der Welt wir uns befinden, — später wirst du selber die Unmöglichkeit erkennen, das geringste von der Umwelt zu sehen, außer unserem, freilich sehr geräumigen und prächtigen Gefängnis. Dieser ganze schöne Villenkomplex mit den dazu gehörigen Pavillons für Gäste, von denen wir beide jetzt einen bewohnen, kann man mit einer scharf bewachten Festung vergleichen, die ohne Wissen und Wollen des Barons niemand betritt. Wir sind von der Außenwelt völlig getrennt und zwar durch so strenge und ihrem ganzen Charakter nach so teuflische Maßnahmen, daß jeder Gedanke an Flucht ausgeschlossen ist. Als Kuriosum kann ich dir erzählen, daß wir hier in der Gefangenschaft über alles, was draußen in der Welt vorgeht, ausgezeichnet Bescheid wissen. Hier gibt es drahtlosen Telegraph und Telephon, die neuesten Zeitungen liegen täglich auf unserem Tisch zur freien Benutzung. In dieser Richtung entbehren wir nichts. Wenn wir aber versuchen, uns mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen, dann rennen wir mit dem Kopf gegen eine Mauer. Zum Beispiel habe ich nur ein einziges Mal Erlaubnis bekommen, einen Brief zu schreiben, um den alten Herrn, Molly und dich zu beruhigen. Den habt ihr doch bekommen, hoffe ich?"
„Molly!" Es gab Holm einen schmerzlichen Stich, als er den Namen hörte. Er seufzte laut, — und sie erwartete ihn jetzt auf der „Stella", hatte vielleicht schon lange auf ihn gewartet. Düster umwölkte sich sein Gesicht, und er verstummte.
Nick bemerkte die Veränderung und schlug ihm derb auf die Schulter.
„Nur Mut, alter Freund! Wir wollen den Humor nicht verlieren! Vielleicht ist das Ende bester als der Anfang."
Holm richtete sich auf und antwortete:
„Du weißt nicht, was mich quält, Nick! Nicht diese hinterlistige Falle, in die wir gegangen sind. Wr finden schon eines Tages einen Ausweg. Aber jetzt" — er blickte auf die Uhr —, „geht ein kleines Mädchen, das ich mehr liebe, als alles in der Welt, und wartet auf mich, wartet und hält Ausschau nach mir, und ich komme nicht, kann sie nicht einmal wissen lassen, weshalb ich fernbleibe!"
Nick sah den Freund mitfühlend an.
„Das ist ja schlimm; aber das habe ich nicht gewußt: keine Ahnung hatte ich! Wie heißt sie denn?"
Holm sah ihm fest in die Augen und sagte:
„Wie sie heißt, Nick? Sie heißt — Molly!"
Einen Augenblick stand Nick ganz verblüfft da; dann schlang er die kräftigen Arme um Holm, preßte ihn in überströmender Freude an sich und rief:
„Bravo, Holm! Bravo, Karl! Molly, meine liebe, kleine Schwester, meine Molly — unsere Molly! Ja, dann müssen wir alles daran setzen, zu ihr zurückzukehren. Es wird eines Tages glücken. Und jetzt sind wir ja zwei, die den Kampf aufnehmen. Zwei Freunde! Zwei Brüder!"
Als die erste Begeisterung sich etwas gelegt hatte, sagte Holm: „Und jetzt, Nick, mußt du mir erzählen, wie sie es angefangen haben, dich mitsamt dem Flugzeug vom Bronx River zu entführen?"
„Wie sie das angefangen haben?" Nick zuckte überlegend die Achseln. — „Ach du, das ging im Handumdrehen, scheint mir jetzt. — In der allerersten Zeit habe ich mich ja oft über die Klugheit und Gewandtheit dieser kleinen Teufel gewundert; jetzt aber, da ich mich an sie gewöhnt habe und mit ihrer Denkart vertraut bin, bewundere ich eigentlich die ungeheure Tüchtigkeit, mit der sie es verstehen, sich „Gehirne" zu sichern, oder vielmehr Besitzer von Gehirnen, die für die gelbe Nation brauchbar sind. Ich habe in der Zeit, seit ich hier bin, vieles gesehen, was ans Unglaubliche grenzt, dennoch aber Wirklichkeit ist. — Wir beide sind nicht die einzigen, für die sie Verwendung haben, — nein, Holm, hier sind noch verschiedene andere weiße Gefangene gewesen. — Von einigen weiß ich bestimmt, daß sie auf Umwenen über den Großen Ozean nach Japan geschickt sind; andere aber — und der Gedanke ist mir am schmerzlichsten — sind längst aus der Reihe der Lebenden gelöscht"
(Fortsetzung folgt.)
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