Zweites Blatt.
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Nr. 170
Samstag den 23. Juli
1910
Wernsprechanschlutz Nr. 605
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1,80 DH., manailidj tO
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sann- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Gcneral-Auzeiger
Amtliches Organ für Ztadt- uiä Landkreis Kanan.
Amtliches.
Stadtkreis F)anau.
Bekanntmachung.
Durch die Entwässerungsanlage des Stadtteils Hanau-Kesselstadt und besonders durch das Freihalten der Baugruben vom Grundwasser durch Lokomobilen wird der Wasserstand in den Hausbrunnen dauernd ungünstig beeinflußt werden, weshalb die Brunnen, soweit sie zur Gewinnung gewerblichen Wassers beibehalten werden sollen, erheblich vertieft werden müssen, während andernfalls der sofortige Anschluß an die städtische Wasserleitung, der nach Durchführung der Kanalisation im Zwangswege notwendigen
Falles veranlaßt wird, empfehlenswert ist.
Hanau den 7. Juli 1910.
Der Magistrat.
Dr. Gebeschus.
15125
Politisier
JA
[ochenberiit
In der Berichtswoche ist der neuePräsident von Brasilien Marschall Hermes da Fonseca, der vor zwei Jahren als Gast des deutschen Kaisers an den Kaisermanövern teilnahm, in der Reichshauptstadt eingetroffen. Fonseca hat sich stets als ein aufrichtiger Freund des Deutschtums bewährt. Hunderttausende deutscher Landsleute wohnen in dem schönen Lande, dessen Regierung er im Herbste übernimmt, und wo und wann er nur konnte, hat er seine deutschfreundliche Gesinnung gezeigt. Nach seiner Rückkehr aus Deutschland vor zwei Jahren hat er begeistert von dem deutschen Kaiser, vom deutschen Heere und von den deutschen wirtschaftlichen Einrichtungen gesprochen. Im Frühjahr 1909 schickte er seinen Sohn, Leutnant Mario da Fonseca, nach Deutschland, um hier militärische Studien zu treiben. Man kann also gewiß sein, daß die deutschfreundliche Richtung, welche die brasilianische Politik in den beiden letzten Jahren genommen hat, unter der Regentschaft Fonsecas innegehalten werden wird, was schon im Interesse der Hundert- lausende Deutscher in Südbrasilien höchst erfreulich ist. Sicherlich ist dieser deutschfreundliche Mann in Deutschland herzlich willkommen.
Mit lärmender Freude ist die polnische Tannen- b e r 8 f e i e r überall, wo Polen wohnen, begangen worden, und aufs neue ist alles versucht worden, um die Leidenschaften zu entflammen und den Haß gegen die Deutschen zu schüren. Die polnischen Hoffnungen auf die „Wiedergeburt der polnischen Nation", was natürlich Wiederherstellung des ehemaligen Königreichs Polen bedeuten soll, haben namentlich bei der Feier in Krakau einen lauten und nicht mißzu-
Liebesspraktit. Von Paul Weitze.
l Nachdruck verboten.)
Außer den zahllosen Sprachen der verschiedenen Völker des Erdballs gibt es auch einige sogenannte Kunstsprachen, die den Zweck haben, den internationalen Verkehr zu er- leichtern. Sie blicken auf keine geschichtliche Vergangenheit zurück, sie haben sich nicht langsam entwickelt, sondern der Geist eines Einzelnen hat sie erschaffen, so wie man auch ein Gebäude oder auch eine Maschine kostruiert, nach folgerichtigem, immerhin aber eigenmächtig gewähltem System. Darum wolle sie sich auch, soviel Mühe man sich drum gibt, dennoch nicht einbürgern, sondern versinken nach kurzem Bestehen wieder im Meer der Vergessenheit. Eine Kategorie von Kunstsprachen aber haben wir doch, die das Schicksal der genannten nicht teilen, vielmehr sich zuweilen sogar durch Jahrhunderte forterhalten — es sind dies die Liebessprachen. Liebende zu deren Herzensbunde Eltern und Vormünder nicht Ja und Amen sagten und denen es daher verwehrt war, unbefangen miteinander zu reden, ja vielleicht sogar sich von Angesicht zu Angesicht zu sehen, hat es immer gegeben — die Folge hiervon aber waren die Liebessprachen. Denn wie hätten es jene Armen anfangen sollen, sich gegenseitig ihre Gefühle auszudrücken, sich Botschaft über ihr Wohlergehen zukommen zu lassen oder Ort und Stunde eines Stelldicheins zu verabreden, wenn sie nicht eine Geheimsprache zu ihrer Verständigung besessen hätten? Ost war sie nicht sehr reich — Hero und Leander genügte eine Lampe für ihren Zweck zuweilen aber bildete sie sich auch, je nach dem Materiale, dessen man sich bediente, zu nie geahnter Mannigfaltigkeit aus.
Welche dieser Sprachen aber könnte reicher sein, als die der Blumen? Hat die Natur uns doch Florens Kinder in so ungezählten Formen, Arten und Farben beschert, daß, wenn jedes von ihnen seine besondere Bedeutung besitzt, wir chit ihrer Hilfe alles ansdrücken können, was ein Mensch zu fühlen und denken vermag. Und was wäre geeigneter, um
verstehenden Widerhall gefunden. Wenn der Landmarschall von Galizien erklärte, die Polen müßten in täglicher aufopfernder Arbeit der Wiedergeburt ihrer Nation entgegen» gehen, wenn der Bürgermeister von Krakau sogar versicherte, die Polen blickten stegessicher in die Zukunft, so ist daS eine Sprache, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. So bildet die polnische 500 jährige Gedenkfeier der Schlacht bei Tannenberg einen weiteren Schritt auf dem Wege, den die Polen zur Erreichung ihrer Zuknnftspläne verfolgen. Darin liegt für uns die Mahnung, alles daran zu setzen, um den Machenschaften unserer Feinde zu begegnen. Ein jeder kann nach seinen Kräften und in seinem Kreise dabei mitwirken. Und ein jeder sollte dies tun, damit den Fortschritten des Polentums in unserer Ostmark endlich einmal der Damm entgegengesetzt wird, der nicht überflutet werden kann. Denn deutsch muß unsere Ostmark sein und bleiben, es handelt sich dabei nicht nur um die Erhaltung dessen, was deutsche Kultur allein geschaffen hat, sondern geradezu um eine nationale Lebensfrage. Und wenn die Begeisterung der Polen sich in praktischer Opferwilligkeit für ihr Volk betätigt, so muß das gerade für uns Deutsche eine Mahnung sein, es ihnen darin gleichzutun.
Mit aufrichtiger Genugtuung sind in Deutschland die Darlegungen ausgenommen worden, die der englische Premierminister Asquith bei Beratung der diesjährigen Forderungen für Flottenbauzwecke über die deutsch-englischen Bezieh u n g e n gemacht hat. Er sagte, aufrichtig versichern zu können, daß diese Beziehungen den herzlichsten Charakter getragen haben und ihp noch in diesem Augenblick tragen. Deutschland habe seine eigene Politik zu verfolgen und seine Interessen zu wahren. Es sei eine große Weltmacht, habe weitentfernte Kolonien und sende unablässig seine Söhne und Töchter in die fernsten Weltteile. Sein Handel wachse überall, die deutschen Staatsmänner und das deutsche Volk glaubten ehrlich und hätten ein Recht zu glauben, daß sie ihre Stellung als große Weltmacht nicht behaupten und ihre vielfachen und beständig wachsenden Interessen in allen Weltteilen nicht ohne Vergrößerung ihrer Flottenmacht verteidigen können. Diese Aeußerungen des englischen Premierministers, die mit den deutschen Anschauungen in erfreulicher Uebereinstimmung stehen, eröffnen die Aussicht auf eine durch Mißverständnisse weniger belastete und schon deshalb ersprießlichere öffentliche Behandlung der die beiden Mächte berührenden Angelegenheiten. Mit einem solchen Umschwung wäre nicht nur Deutschland und Großbritannien in gleichem Maße gedient, sondern es würde auch der allgemeinen Friede nszuver- sicht eine neue wertvolle Stärkung zuteil werden.
die zarten Empfindungen des Herzens zu versinnbildlichen, als eben die Blumen mit ihrer Poesie, ihrer Schönheit und ihrem Dufte? Blumen und Liebe standen von jeher in engster Beziehung. Warum? Wenn wir Schiller befragen, so möchten wir darauf antworten, „weil beide so vergänglich sind". Sagt er doch:
„Die Lieb' ist Gab' und Güte, Die Lieb ist keine Pflicht, Die Lieb' ist eine Blüte — Verblüht und bleibet nicht".
Aber lassen wir Schillers pessimistische Ansicht von der Sache beiseite und hören wir lieber, welche Bedeutung die Folklore den einzelnen Blumen in der Sprache der Liebe verlsehen hat. Da ist die erste Blume des Jahres, das Schneeglöckchen, mit dessen Uebelsendung der Liebende seinem Mädchen zürnst „Komm" oder „Laß uns fliehen", doch drücken auch Krokus und Nachtoiole ähnliches aus, nur mit dem Unterschied, daß der erstere gleichzeitig den Vorwurf ausspricht, daß die Liebste einer früheren Aufforderung nicht Folge geleistet hat, und nun mahnt, den Wartenden nicht nochmals zu enttäuschen, während die letztere namentlich um Pünktlichkeit beim Stelldichein bittet. Die Oleanderblüte wiederum fragt, wann der Jüngling hoffen darf, sein Schützlein zu sehen und der Erdbeerzweig : wo, die Fuchsin lädt zum Rendezvous im Waide ein, und die Akazienblüte fleht, um der Liebe und Treue willen, die man bisher für einander gehegt, eigensinnig schmollendes Schweigen zu brechen, Eisenhut, Ehrenpreis, Efeu und Geisblatt geloben ewige Treue, Heliotrop beteuert, daß der geliebte Gegenstand des andern Himmel und Welt ist, und Heidelbeerblüle, daß man für ihn freudig Gut und Blut, ja selbst das Leben hinzugeben bereit sei, Hederich aber mahnt, mit einem treuen Herzen keinen Spott zu treiben. Beträchtlich verschieden ist der Sinn der einzelnen Nelkenarten: so sagt die einfache Nelke, e werbende Teil möge von seinem Streben, Herz un des oder der Geliebten zu gewinnen, ablcissen, da feine vergeben sei, die gefüllte Nelke will nur tros er, unb , Liebe ohne Leiden ist und auf Regen ^>onr , kommen die Feldnelke endlich schwört. daß man. wa^
Politische Rundschau.
Das deutsche Genossenschaftswesen nimmt von Jahr zu Jahr eine größere Ausdehnung an. Nach dem zuletzt festgestellten Stande vom 1. Januar 1908 gab es für das ganze Reich 26 863 Genossenschaften mit 4 308 205 Mitgliedern; davon entfielen auf Preußen 15 200 Genossenschaften mit 2 370 808 Mitgliedern, auf Bayern 4414 bezw. 489 333, auf Sachsen 767 bezw. 305 247, auf Württem- berg 1751 bezw. 291 067, auf Baden 1072 bezw. 224 016, auf Hessen 926 bew. 136 236, auf die übrigen deutschen Buudesflaaten 2733 Genossenschaften mit 491498 Mitgliedern. Im Anfänge des Jahres 1903 gab es in Deutschland 20 755 Genossenschaften mit 3 139 519 Genossen. Die Genossenschaftsmitglieder werden in der Mehrzahl Haushaltungsvorstände sein. Rechnet man auf einen jeden solchen 4 Angehörig« und abhängige Haushaltungsmitglieder, so würden im Jahre 1908 im Deutschen Reiche etwa 21,5 Millionen, in Preußen 11,9 Millionen Personen der Zivilbevölkerung durch die Genossenschaften wirtschaftliche Vorteil« haben. Diese Zahlen sind aber zu hoch, weil eine nicht bekannte aber nicht unerhebliche Zahl von Mitgliedern an mehreren Genossenschaften beteiligt ist, hier also selbst und mit den Haushaltungsmitgliedern gezählt ist. Die durchschnittliche Mitgliederzahl einer Genossenschaft betrug im Reichsdurchschnitt im Jahre 1903 151 und im Jahre 1908 160. Für das deutsche Reich und die einzelnen Bundesstaaten können Vergleichungen nur bis zum Jahre 1903 zurück vorgenommen werden. Für Prrußen aber lassen sich die genossenschastsstatistischen Zahl«» bis 1898 zurück verfolgen. Hier betrug im Jahre 1898 die Zahl der Genossenschaften 8215 unb 1908 15 200; sie hat sich also in einem Zeitraum von 10 Jahren nahezu verdoppelt. Die Zahl der Genossenschafter stieg von 1 113 065 auf 2 370 808, hatt« sich also mehr als verdoppelt. Die größte Zunahme an Genossenschaften (mehr als das Doppelte) weisen auf: die Hohenzollernsche Lande (271 v. H.), Stadtkreis Berlin (139 v. H.), Pommern (127 v. H.), Brandenburg (115 v. H.), Schleswig-Holstein (115 v. H.), Westfalen (111 v. H.), Sachsen (103 0. H.); die niedrigste Zunahme hat Hessen- Nassau mit 35 v. H. zu verzeichnen. Die Genoffenschafts- Zunahme im Staatsdurchschnitte beträgt 85 v. H. Die Mitgliederzunahme bewegt sich fast durchweg in höheren Zahlen; sie beträgt im Staatsdurchschnitte 113 v. H. An erster Stelle steht Berlin (227 v. H.), an letzter Hessen-Nassau (75 v. H.). Die Zunahme in den einzelnen Haftpflichtarten entfällt dem Hauptanteil nach auf die beschränkte Haftpflicht. Die unbeschränkte Haftpflicht hat in zwei Bezirken (Berlin und Sachsen), die unbeschränkte Nachschußpflicht in einem Bezirk (Sachsen) nicht nur keine Zunahme, sondern sogar möge, nie von seiner Liebe lassen werde. Eine ganze Anzahl von Blumen haben die Bestimmung, einen LiebeS- zank zu unterhalten; die Malwe macht Vorwürfe wegen vermeintlicher Kälte und droht gar mit Selbstmord oder Untreue, sofern diese Kälte nicht'größerer Gefühlswärme weicht, die Luzerne gibt dem Aerger Ausdruck, daß der Herzens- schätz nicht mit der ihm gespendeten Liebe zufrieden ist und überhaupt noch etwas anderes begehrt, die Kuhblume sagt beleidigt, daß es wohl besser wäre, wenn die beiden Teile voneinander scheiden, da ihr Uebersender für all seine Treue und Aufopferung so gar keine Anerkennung finde, und gar das Löwenmaul ruft dem Liebchen grob zu, es solle nicht so viel von seinen Gefühlen reden, sondern sie beweisen. Dolmetscher für die Eifersucht sind Phlox, Silberpappelzweig, KaktuS, Jonquille und Holunder, und um verlorene Siebe klagen Hortensia und Feuerlilie, um Verzeihung nach einem Streit aber bittet der Pfefferminz. Welche Gefühle versinnbildlich indessen die Königin der Blumen, die Rose? Schlagen wir im Diktionär der Blumensprache nach, so finden wir, daß die rote Rose ganz im allgemeinen von der Seligkeit der Liebe schwärmt, daß bie weiße behauptet, die Augen des Liebchens durchdringen die dickste Finsternis und leuchten heller als die Sonne, und daß die gelbe den angebeteten Gegenstand beschwürt, zu entdecken, was sein HA> ^' Die Heckenrose erzählt, daß die Geliebte dem Gellebten^ ^ Zaubertrank eingegeben haben müsse, da er r 9 Moosrose elend und jetzt gesund und ghic«« I J Listen, und mahnt das Mädchen, sich s^ Li-Se h 8 ^ Herzens- die Honigrose mahnt sie, vorsichtig zu bund Gefahr drohe. geführten Blumensprache haben
Abgesehen von derhier gl^ Bräuche herausgebildet, sich auch hier und dort y^^ Art der Blumen be- über ihre Gefühle zu unterrichten. Daß daS mit seinem Namen den geliebten Gegenstand Sc uufforberl, ist wohl allenthalben der Fall, doch tut es das nirgends mehr, als im fernen Sibirien. DaS dortige, einer Palämoniumart angehörende Vergießmeinnicht, Nä-Sabudka, das von unserer Blume dieses Namens einigermaßen verschieden ist, stecken die Mädchen sich in den Gürtel.