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Mittwoch
29, September
Politische Rundschau.
Als Börseitfteiter wird vom 1. August d. I. ab nicht bloß die Stempelsteuer für Wertpapiere und Anschaffungs« geschäfte, sondern auch die Talonsteuer zu bezeichnen sein. Sie hat in den ersten fünf Monaten deS laufenden Jahres 27,3 Millionen Mark oder 13,2 Millionen Mark mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres erbracht. Der Grund für die Einnahmesteigerung ist hauptsächlich in der umfassenden Abstempelung von Talons vor dem 1. August zu erblicken, wie ja denn auch der Juli des laufenden Jahres allein von dem Gesamteingange der Börsensteuer 11,4 Millionen Mark geliefert hat. Im Reichshaushaltsetat für 1909 ist die Börsensteuer mit 35,1 Millionen Mark zum Ansatz gebracht. Es ist demnach ganz sicher, daß das Jahresergebnis der Börsensteuer diesen Etatsansatz bedeutend überschreiten wird. Früher war mit einer derartigen Aussicht eine solche auf die Besserung der finanziellen Beziehungen der Einzelstaaten zum Reiche verbunden. Die Börsensteuer gehörte nämlich - zu den Ueberweisungssteuern, und stiegen diese in Wirklichkeit über den Etatsanschlag, so wurde den Einzelstaaten vom Reiche mehr ausgezahlt, als im Etat in Aussicht genommen war. Nach dem neuesten Finanzgesetze ist aber die Börsensteuer wie alle Reichsstempelabgabru aus der Reihe der Ueberweisungssteuern gestrichen. Als solche ist lediglich die Einnahme aus der Branntweinsteuer v.r- blieben. Die günstige Entwickelung, die die Einnahme aus der Börsensteuer für das laufende Jahr nimmt, wird demnach nicht den Einzelstaaten, sondern der Reichskasse zugute kommen.
Die deitisch-amerikanischen Handelsbeziehungen. In einzelnen Zeitungen werden Mitteilungen über voraussichtliche Entschlüsse in der Frage der Weitergestaltung der deutsch-amerikanischen Handelsbeziehungen veröffentlicht. Diese Mitteilungen beruhen auf Kombinationen. Vorläufig handelt es sich noch nicht um Entschlüsse, sondern lediglich um Vorbereitungen dazu. Daß in dieser Beziehung an allen in Betracht kommenden Stellen gearbeitet wird, ist selbstverständlich. Ebenso sicher ist auch, daß nicht ohne die vorherige Anhörung der für den Verkehr mit den Vereinigten Staaten in Betracht kommenden Interessentenkreise die Entscheidung gefällt werden wird.. Nicht alle Interessentenkreise haben schon ihre Stellung zu der Frage der Gestaltung der Handelsbeziehungen zwischen dem deutschen Reiche und den Vereinigten Staaten auf der durch den neuen amerikanischen Zolltarif gegebenen Grundlage genommen. Einzelne Industriezweige möchten gerne den Ausfall von Ausfuhrversuchen, die auf Grund der neuen Zollsätze erst in letzter Zeit unternommen werben konnten, abwarten, ehe sie ihr Urteil abgeben. Gerade hierauf aber wird Wert gelegt werden müssen, weil praktische Versuche theoretischen Erwägungen vorangehen. Man ist sich ferner noch nicht ganz klar über den Sinn und die Tragweite verschiedener Bestimmungen des neuen amerikanischen Zolltarifgesetzes. Hier wird erst Aufklärung geschaffen werden müssen. Am besten ist sie aber zu beschaffen, wenn die Handhabung der betreffenden Bestimmungen in der Praxis erfolgt. Kurz ehe an Entschlüsse herangegangen werden wird, wird der Abschluß aller dieser Vorbereitungen abgewartet werden müssen. Natürlich drängt die Lage der Verhältnisse zur Beschleunigung der Vorbereitungen. Bis zum 6. Februar 1910 läuft der jetzige Vertrag mit Nordamerika. Daß der Reichstag bis dahin sein Votum abgeben kann, wird angestrebt. Es darf wohl aber auch vorausgesetzt werden, daß noch vorher die zur Vorbereitung handelspolitischer Maßnahmen eingesetzte Körperschaft, der Wirtschaftliche Ausschuß, befragt wird, und zwar umsomehr, als es sich hier um eine wirtschaftliche Maßnahme von größerer Tragweite handeln wird. Ihm wird doch die Regierung Entschlüsse zur Begutachtung vorlegen wollen. Es ist deshalb die Zeit, innerhalb deren die Vorbereitungen zu Ende geführt werden müßten, nicht allzu reichlich bemessen, und gerade mit Rücksicht darauf wird gewünscht werden und in schnellem Impulse tritt sie auf sie zu und fragt st« auf Englisch, ob man Nachricht von Larßens hätte.
Die redselige Frau löst sich von ihrer Gesellschaft und geht mit Vera weiter. „0 yes," sagt sie wehklagend, „what an ill-luck! Eben hat sich die Nachricht im Dorfe verbreitet, daß bei A. am Abend des ersten Sturmtages ein Segelschiff mit der ganzen Besatzung untergegangen ist. Man sah das Unglück vom Lande aus, ohne Hilfe bringen zu können. Niemand anders als die Larßens und Mor Cillas Sohn, der Maler, können es gewesen sein, denn es ist kein anderes Schiff als verloren gemeldet worden. Gott tröste die Armen! Mor Cilla verliert den Sohn auf dieselbe Weise, wie sie den Mann verloren hat, und bei Larßens ist gar Vater und Sohn auf einmal fort!"
Sie stehen vor Mor Cillas Hause. Vera sieht mit leerem Blick in das Gesicht der schwatzenden Frau, aus dem die behagliche Genugtuung ausgeprägt ist, die Sensation des Tages weiter gegeben zu haben. Derselbe leere Blick gleitet über die Hauswand und die Fenster hin, als wundere sie sich flüchtig darüber, daß man dem Hause nicht schon von außen das Unglück ansehe, das soeben unter sein Dach gezogen ist. v
„Kommen Sie, Mor Cilla, die Luft wird Ihnen aut tun nach all der Stubenhaft", sagt Vera in liebevoll zurèdendem Tone und führt die mühsam an ihrem Arme Hinschleichende zu einem Lehnstuhl auf die Galerie.
Schwerfällig sinkt die Kranke auf den Sitz und schließt für einen Moment die Augen, erschöpft von dieser ersten körperlichen Anstrengung nach dreiwöchigem Krankenlager. Dann öffnet sie die Augen wieder und läßt sie langsam rundum gehen. Sie hebt die Hand und streicht über Stirn und Augen hin, als versuche sie mit dieser Bewegung den Schleier weMuschieben. der über ihrem Hirn liegt und die Geschehnisse der letzten Zeit in einen undeutlichen Nebel hüllt. Müde und stumpf geht der Blick über die Strohdächer der gegenüberliegenden Häuser, hinter denen heiter und sonnenüberfunkelt die See blinkt, und ebenso müde und stumpf wandert er die Dorfstraße aufwärt, die in der Nach- miitaaßfitlle träumt, und kehrt unbelebt und still zurück. Es
müssen, daß namentlich in den Interessentenkreisen recht bald die Beurteilung der neuen Lage erfolgt und die in Frage kommenden Regierungsstellen davon unterrichtet werden.
Eine neue Erscheinung im politischen Leben Englands, die in einem Augenblick ins Leben tritt, wo die durch den Kampf um das Budget hervorgerufene innere Krisis .sich fortgesetzt verschärft, ist die Begründung eines V e r- bandes zur Bekämpfung derSozialdemo- k r a t i e i n E n g l a n d. Präsident der Vereinigung ist der Herzog von Devonshire, der eigentliche Leiter der Abgeordnete Sir William Bull. Dem Verbände können männliche und weibliche Mitglieder beitreten. Es scheint besonders auf das weibliche Element, dessen politischer Betätigungsdrang in der Votes for woinen-ßiga und einer gegnerischen Liga zum Ausdruck gekommen ist, anziehend gewirkt zu haben. Die unter Leitung einer Miß I. G. Owen stehende weibliche Abteilung des Verbandes soll bereits einige siebzig jüngere und ältere Damen aus verschiedenen Gesellschafts- und Berufskreisen zählen. Die Damen werden nicht nur als Rednerinnen' ausgebildet, um in öffentlichen Versammlungen auftreten zu können; sie sollen auch berufen sein und befähigt werden, in persönlichem und privatem Verkehr Aufklärungsarbeit zu leisten. Wie der Leiter des Verbandes bei Eröffnung des laufenden Winterkursus mitteilte, sollen sich, als 10 Stellen für weibliche Agitatoren der anti-sozialistischen Bewegung ausgeschrieben waren, 1500 Bewerberinnen gemeldet haben. Man wird annehmen dürfen, daß die weiblichen Mitglieder des Verbandes zur Bekämpfung der englischen Sozialdemokratie auch in der Frage des Frauenstimmrechts Gegner des sozialistischen Programms sind. Durch ihr Eingreifen in das politische Leben dürfte demgemäß auch der von den Stimmenrechtlerinnen forzierten Bewegung, die in letzter Zeit immer widerwärtigere Auswüchse gezeitigt hat, Abbruch getan werden. Auf der andern Seite kann es kaum zur Abschwächung der politischen Leidenschaften beitragen, wenn das weibliche Element in den Parteikämpfen immer mehr aktiv hervortritt.
Ueber das Schicksal des in Gefangenschaft geratenen marokkanischen Thronwerbers Bn Ha- mara liegen zuverlässige Nachrichten noch nicht vor. Aber die in Umlauf gesetzten Gerüchte über seinen Transport in einem Käfig und seine angebliche Erschießung vor den Augen seines Harems haben allgemeines Aufsehen erregt. Sie sind kürzlich auch im englischen Unterhause zur Sprache gebracht wurden. Ein Abgeordneter war der Meinung, daß der Sultan Mulay Hafid die martervolle Behandlung des Gefangenen angeordnet habe und die Exekution habe vollziehen lassen, obwohl kurz zuvor die fremden Konsuln namens der von ihnen vertretenen Staaten gegen das Martern von Kriegsgefangenen Protest erhoben hätten. Ein Vertreter des Auswärtigen Amtes erklärte bezüglich dieses Teiles der Anfrage, daß der englischen Regierung eine amtliche Mitteilung in dieser Sache bisher nicht zugegangen sei. Des weiteren hatte der interpellierende Abgeordnete der Erwartung Ausdruck gegeben, daß die englische Regierung, falls sich herausstellen sollte, daß der Sultan die ihm zur Last gelegten Handlungen sich tatsächlich habe zu schulden kommen lassen, geeignete Schritte tun werde, um ihren dem Sultan gegenüber erhobenen Forderungen Nachachtung zu verschaffen. Seitens des Vertreters der englischen Regierung wurde darauf erwidert, daß die Mächte in dieser Angelegenheit gemeinsam vorgegangen seien und daß daher vermutlich auch weitere Schritte, die sich ergeben könnten, von den Mächten gemeinsam unternommen werden würden. Möglicherweise ist aber die ganze Sache gegenstandslos, falls sich die in Umlauf gesetzten Gerüchte al? dem tatsächlichen Hergänge nicht entsprechend, erweisen sollten.
Mnt und Tavscrlcit.
Vor kurzem sah ich, wie ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren einen viel kleineren, wohl kaum zwölfjährigen, ohrkommt erst Leben in ihren Blick, der Ausdruck einer plötzlichen Angst, wenn das Mädchen den Rücken wendet und ins Haus geht, und in der unwillkürlichen Bewegung der Hand nach ihr hin ist ebenfalls Angst ausgedrückt, das Bestreben, festzuhalten, was sie in undeutlichem Empfinden immerfort zu verlieren fürchtet. Und ist dann Vera zurückgekehrt, um ihr ein Kissen hinter den Rücken zu schieben oder mit freundlichem Zureden eine Tasse Milch vor sie hinzustcllen, dann hebt ihr wohl ein kurzes Aufseufzen der Befriedigung die Brust, aber sie spricht kein Wort und sinkt wieder in ihren apathischen Zustand zurück.
Vera steht mit dem Rücken an die Brüstung gelehnt und streicht gedankenlos liebkosend über den grauen Scheitel der Alten hin. Durch die offene Tür vor sich sieht sie in das halbdunkle, holzgetäfelte Zimmer mit dem abgeschrägten Dach, und dabei geht ihr die Vorstellung durch den Sinn: dies ist nun das Leben, an das sich das deine knüpft, und dies ist der Rahmen, in dem sich dein Dasein abspielt. — Daneben ersteht plötzlich das Bild jener andern Vera Kruse in ihrer Berliner Häuslichkeit, im Atelier des Künstlers inmitten glücklicher, arbeitsfroher Genossinnen. Wie fern scheint ihr jene Zeit zu liegen. Wie fremd ist sie sich inzwischen selber geworden.
Wann war das doch, als jener seltsame Wandel in'ihrem Leben eingetreten war? Das war in jenem Augenblick geschehen, als sie diese alte Frau zusammengebrochen sand unter jenem Schmerze, in dem eben ihre eigene Seele zuckte. Da war es über sie gekommen, wie etwas Elementares, die Erkenntnis: sie und ich, wir beide, die wir ihn geliebt, die wir den gleichen Verlust beweinen, gehören fortan zusammen. Das war nicht das Produkt einer sorgfältigen Ueberlegung, eines sich moralisch Verpflichletfühlens; das war kein bewußtes Heldentum, kein Sichopfernwollen, sondern der still« Zwang des Herzens und der Verhältnisse, in denen sie stand. Wie hätte sie sich lösen sollen? Die arme Frau, die die Erschütterung aufs Krankenlager geworfen und in ihrem vom Fieber verwirrten Hirn unklar empfand, daß sie etwas Großes, etwas Unersetzliches verloren hatte, die langte nach der Hand und der Liebe, die sie neben sich spürte, in der beständigen Angst, daß ihr auch diese entrissen werden könnte.
feigte und ihn dann mit aller Kraft derart von sich stieß, daß der letztere zur Erde fiel. Ehe ich nahe genug heran war, um einzuschreiten, hatte sich der Gepeinigte unb, unglaublich roh Behandelte von der Erde erhoben und lief mit vornübergebeugtem Kopf geschickt gegen den Bauch seines Peinigers, daß dieser nunmehr zu Falle kam. Der kleine Sieger suchte nun aber nicht das Weite, sondern war bereit, den Kampf fortzusetzen; indessen wurde unter Mitwirkung der inzwischen stehengebliebenen Fußgänger Friede geschlossen, und die Feindseligkeiten wurden eingestellt.
Mit inniger Freude hatte ich dem kleinen Kerl zugeschaut, der die Gefahr, in die er sich befand, nicht achtend, mit Mut und Tapferkeit seinem Gegner buchstäblich zu Leibe ging, um den ihm angetanen Schimpf heimzuzahlen. Angesichts dieses Bildes schweiften meine Gedanken zurück zu den Ruhmestagen des deutschen Heeres, die mit ehernen Buchstaben eingetragen sind in das Buch der Weltgeschichte. Ich sah, wie die deutscheil Helden in edler Begeisterung und voll lohender Vaterlandsliebe trotz der unzähligen, sie immer wieder grüßenden Todesboten um die Palme deS Siege? rangen. Ob sich auch ihre Reihen immer mehr lichteten, ob der Schnitter Tod auch reiche Ernte hielt, für sie gab es nur einen Willen, nämlich zu siegen oder rühm- und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben. Ich sah ferner unsere deutschen Helden unter den unsäglichsten Mühen und Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden in den Wüsten Afrikas kämpfen, um den Brüdern in den Kolonie die Befreiung von den Herero zu bringen und ihnen den Frieden wiederzugeben.
Welch ein Mut gehört dazu, täglich den Tod vor Augen, immer neue Strapazen auf sich zu nehmen! Deutsche Treue, deutsche Soldatentreue bewährt sich in jeder Lage; sie ist unüberwindlich, so sagte ich mir. Aber in meinem Innern tauchte doch die Frage auf: Lebt die Treue, die 1870/71 noch das ganze Volk erfüllte, und die sich auch unter den Freiwilligen in China und Afrika herrlich betätigte, lebt sie auch heute noch als herrschende Macht unter uns? Wird das gesamte deutsche Volk in ernster, schwerer Stunde willig und gern dem Rufe des Allerhöchsten Kriegsherrn folgen und ohne Rücksicht auf das eigene Wohl in Not, Tod und Gefahr feststehen zu Kaiser und Reich?
Wir wollen es hoffen und nicht müde werden, uns selbst und unsere Kinder in diesem Sinne zu erziehen. Das können wir auch im tiefen Frieben, denn Mut und Tapferkeit sind keineswegs Eigenschaften, die sich nur im Kriege kund tun, weil sie nur in Schlachten und Gefechten aller Art in die Erscheinung treten können; o nein, auch im Frieden bietet sich manche Gelegenheit, tapfer zu sein und mutig seine Ueberzeugung zu vertreten. Ist der nicht mutlos, der unter Mißerfolgen im Geschäfts- oder Privatleben schlaff in sich zusammensinkt, statt tapfer den Kampf mit dem Leben auf- zunehmen? Ist der nicht ein Feigling, der nicht die Kraft findet, seiner Ueberzeugung Ausdruck zu geben, weil er. fürchtet, daß feine Gegner ihn verfolgen und ihm allerlei Nachteile züfügen könnten? Gehört nicht oft ein hoher Mut dazu, die Wahrheit zu sagen, und tritt nicht an uns alle oft genug die Versuchung heran, sie zu verschleiern? Wir wollen uns nicht besser machen, als wir sind, darum Hand. aufs Herz I Prüfen wir uns mit ehrlichem Ernst, und beginnen wir ungesäumt mit der Selbsterziehung, wenn wir uns tadeln müssen.
Mut und Tapferkeit sind herrliche, edle Eigenschaften echter Männlichkeit, sie sind nicht nur Soldaten-, sondern auch Mannestugenden ; ein Mann ohne Mut und Tapferkeit, aber voller Todesfurcht und ewiger Besorgnis um sein Wohlergehen ist nur dem Geschlechte nach ein Mann, im übrigen eine Memme. Sind wir ehrlich, so können wir eS nicht leugnen, daß cS unserm Volke trotz aller seiner Vorzüge doch an Männern fehlt. Um so mehr ist es nötig, daß wir uns auf uns selbst besinnen und nicht nur unsern Kindern, sondern auch allen Schwachen und Schwächlingen ein weithin leuchtendes Vorbild werden; nur ein echter deutscher Vater kann deutsche Heldensöhne erziehen, nur eine Nichts und niemand konnte ihr die Pflegedienste dieses fremden Mädchens ersetzen, das vor nunmehr acht Wochen zum ersten Male in ihren Gesichtskreis getreten war, soviel dienstwillige Nachbarinnen sich auch anboten, als ob sie instinktiv fühlte, daß e§ etwas Gemeinsames war, waS sie mit dieser verband trotz der Verschiedenheit der Lebenskreise und des Bildungsstandes, aus denen sie zusammengekommen waren; als ahnt sie's, daß beider Gedankenwelt die gleiche Zentrale hatte.
Unberührt, in den Winkel geschoben, stand der Malkasten, die letzte angefangene Landschaft, und wenn der gleichgültig« Blick sie traf, dann regte sich in ihr kein Wunsch. Es war, als gäbe es gar keine Brücken, die in jenen Abschnitt ihreS Lebens zurückführten, da sie der Kunst angehört hatte. Ja, ihr war, als hätte sie sich zu schämen, wenn sie an jene Zeit dachte, als eine, die sich mit falschem Schmuck behängt; als hätte sie sich damals in einer beständigen Unwahrheit bewegt, als hätte sie nach etwas gelangt, wozu sie keine D«« rufung gehabt, als hätte sie sich als falsche Priesterin in de« Tempel der Kunst schleichen wollen.
Ja, sie weiß es auf einmal: der ihr Vorbild und Leitstern gewesen, hat mit seinem Verschwinden ihr auch di« Lust und den Willen zur Kunstbetätiaung ausgeraubt. Und es ist ihr kein Schmerz: ihre Seele ist erfüllt oo« dem einen großen Schmerze, von dieser hoffnungslos«" Sehnsucht nach dem, • der für immer aus ihrem Leben ö«' gangen ist.
Während der gedankenverlorene Blick sich wendet und die Dorfstraße entlang gleitet, da hat sie wieder eine Vision wie damals, als sie das mit den Wellen kämpfend« Segelschiff sah. In der fernen Perspektive der Dorfstraße sieht sonnenvergoldet seine Gestalt auftauchen. Sie steht ihn, nn« sie ihn manchmal hat daherkommen sehen, wenn er allem ausgewandert gewesen und sie voll eifersüchtigen Kummer» seiner Rückkehr gewartet - hatte. Ganz wie einst kommt er daher mit dem jünglingshaften, frischen Schritt, dem wehe»' den Mantel um die Schultern, den Malkasten in der Ha""'
Mit weiten Augen und verhaltenem Atem steht fit ® und sucht mit allen Sinnen diese Vision f«stzuhalten, mit sie ihr nicht gar zu rasch in nichts z«rflatter«. Av«