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Hanauer K Anzeiger

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Nr. 229 Fernsprechairschlich Nr. 605

Mittwoch den 30. September

Fernsprechanschlutz Nr. 605, 19 08

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14 Seiten.

poliliMe RundTd>au.

Dom preutzischett Staatshaushalts-Etat. Der gegenwärtig in der Ausarbeitung befindliche preußische Staats­haushaltsetat für 1909 wird gegenüber seinem Vorgänger Die verschiedensten Aenderungen aufweifen. In erster Reihe wird es sich dabei um die Beamten-, Geistlichen- und Lehrer­besoldungsaufbesserungen handeln. Zwar ist ja bekanntlich, da die Aufbesserung rückwirkende Kraft vom 1. April d. J. hat, eine beträchtliche Summe bereits in dem Etat für 1908 zur Bestreitung der entstehenden Ausgaben eingestellt, aber im nächstjährigen Etat wird es sich um die volle Durchfüh­rung der geplanten Maßnahme handeln, und nicht blos darum, sondern auch um die Konsequenzen, die sich an diese Auf­besserungen knüpfen. Unter ihnen sind einmal die entsprechen­den Erhöhungen der Pensionen- und Reliktengelder zu er­wähnen. Sie werden insgesamt gleichfalls Millionen aus­machen und müssen bei verschiedensten Etatspositionen in An­satz gebracht werden. Sodann würden die infolge der Auf­besserung nötig werdenden Steuerreformen Aenderungen im Etat und zwar bei der Einkommen- und Ergänzungssteuer notwendig machen. Man kann darauf rechnen, daß in allen diesen Beziehungen der neue Staatshaushaltsetat Aenderungen gegenüber seinem Vorgänger nufweisen wird. Dazu kommt, daß beabsichtigt wird, ihn übersichtlicher zu gestalten. Das wird namentlich der Fall bei der Eisenbahnverwaltung sein. U. a. soll den Wünschen Rechnung getragen werden, daß die Beiträge für die Belastung der Eisenbahnverwaltung durch Zinsen und Tilgungsquoten, sowie durch Pensionen und Hinterbliebenen- bezüge als durchlaufende Posten auch im Eijenbahnetat zum Nachweise kommen. Schließlich wird trotz der Ungunst der Finanzlage die Kulturentwicklung im führenden deutschen Bundesstaate nicht stocken dürfen. Man wird auch nach dieser Richtung auf die verschiedensten Neuerungen in den Einzel­etats gefaßt sein können, wenn schon die Höhe der für Neu­forderungen zu gewährenden Gesamtsumme nach den voraus­sichtlich vorhandenen Mitteln bemessen werden muß. Kurz, man wird, wenn der nächstjährige preußische Etat, wie ge­wöhnlich, im Januar dem Abgeordnetenhause vorgelegt werden wird, diesmal darauf gefaßt sein dürfen, daß in ihm eine recht große Zahl von Neuerungen enthalten sein wird.

Eine Aenderung des Schankkonzessionswesens soll in einer zurzeit in Ausarbeitung befindlichen Gewerbe­ordnungsnovelle vorgesehen sein. Sie soll sich nach demBerl. Tageblatt" auf folgende Punkte erstrecken. Auch an Orten von über 50 000 Einwohnern soll die obligatorische Prüfung der Vedürfnisfrage, die bisher nur durch Ortsstatut geregelt wurde, erfolgen. Dem Animierkneipenunwesen soll dadurch ein Ende bereitet werden, daß in gewisse Schankkonzessionen das Verbot eingeflochten werden soll, weibliches Personal (Kellnerinnen) zu beschäftigen. Die bauliche Ausstattung der Lokalitäten soll nach allgemeinen, volkshygicnischen Normen geregelt werden, damit sich zu den Schädigungen desTrunkcs nicht noch die üblen Folgen schlechter Ventilation und dergl. gesellen.

Nutzland und Italien. DieAgencia Stefani" eldet aus Desio: Der Besuch, ^en Minister Iswolski dem Minister Tittoni in Desion abgcstattet hat, und dem ein freundschaftlicher Gedankenaustausch vorhergegangen war, trug das Gepräge von Herzlichkeit, die sich von den persön­lichen Beziehungen zwischen beiden Staatsmännern auf die politischen beider von ihnen vertretenen Länder übertrug. Diese Begegung brachte die Bestätigung dessen mit, was sich über die orientalische Frage, über die neugeschaffene Lage des ottomanischcn Reiches und über andere wichtigere Fragen, die zur Zeit auf der Tagesordnung stehen, aus den anderen Begegnungen ergeben hat, die Iswolski und /Tittoni in der letzten Zeit mit andern Staatsmännern hatten. Aus den Unterhaltungen beider Staatsmänner erhellt, daß die Be­ziehungen zwischen Italien und Rußland intimer sind als seit langer Zeit; denn es ergab sich aus ihnen die völlige Uebereinstimmung der Gesichtspunkte bezüglich der besonderen Interessen beider Länder, die im Verlaufe des Gespräches klargelegt wurden, und eine vollkommene Harmonie zwischen ihnen und damit verbunden die dem Frieden günstigen Ab­sichten. Infolge dieser friedlichen Absichten werden beide Staaten ihren Einstuß auf die Entwickelung der internationalen Lage im Sinne der Eintracht geltend machen können

Bulgarien und die Türkei.

Konstantinopel, 29. Septbr. Die türkischen Blätter beschränken sich heute auf die Wiedergabe europäischer, beson­ders englischer Zeitungsstimmen zu den bulgarischen Zwischen­fällen. Nur das Blatt des Großwcsiers, dieJeni Gasetta", veröffentlicht einen Leitartikel unter dem TitelEuropäisches Zentrum". Er weist auf die Verschiedenheit der Sprache der österreichisch-ungarischen Presse im Fall Geschow und der Angelegenheit der Bahnen hin und hebt die günstige Sprache der englischen und französischen Presse hervor. Der Leit­artikel schließt mit folgender Betrachtung:Angenommen, daß Oesterreich-Ungarn die Gelegenheit benutzt, um fehlen Einfluß zu erhöhen, indem es daraus Nutzen zieht, daß Rußland mit andern Angelegenheiten beschäftigt ist, so mutz berücksichtigt werden, daß Oesterreich-Ungarn Mitglied des Dreibundes und Bundesgenosse Deutschlands ist. Unter bem alten Re­gime schienen unsere Beziehungen mit Deutschland fest, wenn auch Deutschland sich derart benahm, wie es gegenüber einer absolutistischen Regierung angezeigt war. Wir hoffen, daß es die Beziehungen mit der verfassungsmäßigen Regierung erhalten will. Wir schätzen die Stellung, welche Deutschland in Zentraleuropa und in der europäischen Politik einnimmt, wir betrachten ernstlich unsere freundschaftlichen Beziehungen zu dieser Großmacht unter der Bedingung verfassungsmäßiger Form, und wir denken, daß Deutschland seine wirtschaftlichen Interessen im Orient erhalten will. Die Tatsache, daß Deutschland keine politischen Ziele im Orient verfolgt, läßt uns keinen Zweifel über die Ausdehnung des wirtschaftlichen Bundes, das eine wichtige Ursache zur Erhaltung guter Be­ziehungen ist."

Wien, 29. Septbr. Der Berichterstatter derNeuen Freien Preffe" hatte nach dem heutigen Ministerrate eine Unterredung mit^ dem Ministerpräsidenten Maiinow. Dieser habe darauf beharrt, daß d:e Rückgabe der Strecken an die orientalischen Bahnen nicht erfolgen könne. Die Regierung werde aber eine rechtliche Grundlage suchen und finden, damit den Eigentümern fein materieller Schaden entstehe. Der Berichterstatter gewann den Eindruck, Bulgarien hoffe, die Bahngesellschast werde ihre Rechte verkaufen. Malinow habe ausdrücklich betont, daß die Haltung der Regie­rung in diesem Falle durch den Fall Geschow nicht be­einflußt und mit der Unabhängigkeitsfrage nicht den geringsten Zusammenhang habe. Zu letzterer habe Malinow klipp und klar erklärt, sie beschäftige die Regierung als solche nicht. Nach dem Berichterstatter scheint Malinow durch den Minister­rat zum Ausharren auf der eingenommenen Stellung auf- gemuntert zu sein.

Wien, 29. Sept. Zwischen den an den Orientalischen Bahnen beteiligten Finanzgruppen soll nächster Tage in Berlin ein Meinungsaustausch über die durch den bulgarischen Handstreich geschaffene Lage stattfinden. Die Verwallung der Orientalischen Bahnen erhielt von der Direktion in Konstantinopel eine Depesche, daß das GesellschaftSpcrsonal in Ostrnmelien beständigen Gewalttätigkeiten seitens der bulgarischen Beamten auSgesetzt sei.

London, 29. Sept. Dem Berichterstatter desDaily Mail" in Sofia zufolge erklärte der bulgarische Premier­minister, der Samstag und Sonntag mit dem noch in Ungarn weilenden Fürsten Ferdinand beraten hatte, im Laufe einer Unterredung, er habe in einer Sitzung des KabinettSrats die von der Regierung eingenommene Haltung gebilligt und würde nicht daran denken, die Bahnlinie preiszugeben. Er hoffe indessen, eo würden sich billige Grundlagen zu Unter­handlungen mit den Eigentümern der Linie finden lassen. Am Dienstag werde ein Ministerrat in die Erwägung der Einsprüche Oesterreich-Ungarns und Deutschlands eintrelen. Nach demselben Berichterstatter hat die bulgarische Regierung auf der orientalischen Linie bereits die Lokomotiven auf den Namen bulgarischer Patrioten und Staatsmänner umgetauft. Inzwischen ist von hier der bulgarische Vertreter Mintsche- witsch, wie es heißt, auf einige Tage nach Sofia abgereist. Der türkische Botschafter hatte gestern eine längere Besprechung im Auswärtigen Amte und später ließ die Preß-Association verlauten, die Pforte sei bereit, die Bahnangelegenheit dem Haager Schiedstribunal zu unterbreiten. Anderseits will ber ^, Daily Graphic" wissen, der britische Einspruch lasse keinen Zweifel darüber, daß England nicht gesonnen sei, den ruhigeu^Lauf der Dinge in der Türkei durch Ränke Bul­gariens mit gewissen ausländischen Höfen stören zu lassen. Fürst Ferdinand möge sich erinnern, daß England einmal allein die schützende Hand über Bulgarien gehalten habe. Heute gedenke 'es in gleicher Weise die liberale Türkei zu schützen.

Marokko. Der deutsch-französische Zwischenfall.

Berlin, 29. Septbr. In den deutschen und französischen Berichten über die Vorgänge in Casablanca herrschen in

einzelnen Punkten noch Widersprüche vor, zu deren Klärung von beiden Seiten eingehende ergänzende Berichte einge­fordert worden sind. In den amtlichen Unterredungen, die bisher in dieser Angelegenheit stattgefunden haben, zeigt« sich auf beiden Seiten das Bestreben, die Vorgänge in Casablanca in freundschaftlicher Weise beizulegen, und man darf hoffen, daß das auch gelingen wird, wenn beide Re­gierungen durch die eingeforderten Ergänzungsberichte sich sowohl über den Vorfall selbst, als auch über die begleiten­den Nebenumstände und die dabei in Frage kommenden rechtlichen Erwägungen klar geworden sind. Aus den Aeußerungen der ftanzösischen Presse sei eine Bemerkung d«S Figaro" hervorgehoben, in der es heißt, daß die Politik in Berlin und Paris und nicht in Casablanca gemacht werden dürfe. Diesen Standpunkt halten wir für durchaus ange­messen, und so sehr es auch zu wünschen wäre, daß dies« unglückliche Angelegenheit so schnell wie möglich aus der Welt geschafft werde, so wird man doch noch einige Tage warten müssen, bis sowohl Berlin als Paris in vollster Kenntnis des ganzen Sachverhaltes sich über die zu fassen­den Entscheidungen einigen.

Paris, 29. Septbr. Die Regierungen von Paris und Madrid sind gegenwärtig mit der Abfassung einer gemeinsamen Note beschäftigt, die den Signatar­mächten der Algecirasakte unterbreitet und durch Ver­mittlung des Doyens des diplomatischen Korps Muley H a s i d zugestellt werden soll. Die Note enthält diejenigen von^Muley Hafid für seine Anerkennung als Sultan von Marokko zu fordernden Garantien, über die infolge der ersten französisch-spanischen Note unter den Mächten eine Einigung erzielt wurde. Minister Pichon hatte im Laufe des heutigen abends eine Unterredung mit dem spanischen Botschafter, dem er ' den von der französischen Regierung vorgeschlagenen Entwurf der neuen Note unterbreitete. Der Entwurf, gegen den seitens des Botschafters keine Ein­wendungen erhoben wurden, wurde unverzüglich dem Minister des Aeußern, Allen de Salazar, übermittelt.

Ein Gistmordprozeß.

(Unber. Nachdruck verboten.) S. & H. Duisburg, 28. Septbr.

Ein trübes Sittenbild aus dem Ruhrrevier bot die Ver­handlung eines Giftmordprozesses, der gestern in später Nachtstunde mit der überraschenden Freisprechung der beiden Angeklagten endete. Die sittlichen und moralischen Zustände, die in der dreitägigen Verhandlung zur Sprache kamen, stellten die kühnste naturalistische Phantasie selbst eines Zola in seinemGerminal" noch weit in den Schatten. Auf der Anklagebank laßen der Bergmann Franz Just und seine Geliebte, die Ehefrau des Bergmanns Dorsch, die Hebamme Maria Dorsch geb. Finkowski, unter der Beschuldigung, die Eheftau des Angeklagten Just durch Gift getötet zu haben, um das Hindernis, das ihren unlauteren Beziehungen im Wege stand, bei Seite zu schaffen. Die Verhandlung ergab, daß ein außerordentlich trübes eheliches Verhältnis zwischen dem Angeklagten Just und seiner verstorbenen Frau be­standen hat. Die Ursache war die jetzt mitangekllagte 49 Jahre alte Hebamme Frau Dorsch, die anfangs der 90iger Jahre mit ihrem um 5 Jahre jüngeren Mitangeklagten in nähere Beziehungen trat. Dieser lebte in kinderloser Ehe mit seiner Frau in Ober-Marxloh bei Duisburg. Am 15. Juli 1905 starb die Frau nach einem sechswöchentlichen Krankenlager und noch nicht anderthalb Monate später ging Just mit Frau Dorsch nach Amerika. DaS Paar, daS da­bei von der jüngsten Tochter der Dorsch begleitet war, wandte sich nach Cleveland-Ohio, wo es später ermittelt und verhaftet wurde. Bald nach dem Verschwinden des Paares liefen bei der Behörde Anzeigen ein, daß Frau Just keines natürlichen Todes gestorben sei. Darauf erfolgte am 3. Oktober 1905 die Ausgrabung der Leiche und die Ob­duktion ergab insgesamt 0,120 Gramm Sublimat in den Leichenteilen, sodâß kein Zweifel darüber bestehen konnte, daß eine Quecksilbervergiftung die Todesursache war. Die Anklage behauptete, daß Just seiner Frau das Quecksilber in Form von Sublimat beigebracht und daß Frau Dorsch das Gift in ihrer Eigenschaft als Hebamme ihm, besorgt habe. Die Anklage stützte diese Behauptung zunächst auf das ehebrecherische Verhältnis zwischen Just und der Dorsch, von welchem aber sowohl der Ehemann der Dorsch wie auch Frau Just Kenntnis hatten. Weiter be­hauptete die Anklage, daß Just seiner Frau über­drüssig gewesen sei und vollständig unter dem dämonischen Einfluß der anscheinend sehr sinnlich veranlagten Frau Dorsch gestanden habe. Diese hätte ihn beeinflußt, seine Fran so­bald als möglich zu beseitigen, um mit ihr ungestört ver­kehren zu können. Obwohl der Angeklagte Just seine Frau als liederlich und verschwenderisch charakterisierte und sie nur deshalb lieblos und roh behandelt haben will, schilderten die meisten Zeugen die Verstorbene als eine ordentliche sparsame Frau, der der intime Verkehr zwischen ihrem Manne und der Frau Dorsch die größte Seelenpein bereitet habe. Häufig sei es vorgekommen, daß die Just ihrem Manne und dessen Maitresse in ihrer eigenen Wohnung mit Bier und SchnapS bewirten mußte. Die Frau wurde'schließlich brutal zur Qir hinausgewiesen, wenn das Paar allein sein wollte.