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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Nr. 254 F-rnsprechanschlusj Nr. 605.

Donnerstag den 29. Oktober ^mtftteMnwufc Nr. 6v». 1908

Gefundene nnd verlorene Gegenstände re.

Gefunden: 1 alter Herrenrock mit 1 Schlüssel, 1 Damengürtel, 1 schwarzer Damenpelz.

Verloren: 1 neues schwarzes Portemonnaie mit 76 Pfg., 1 kleines-schwarzes Portemonnaie mit 10 Mk. in Silber, 1 schwarzes Portemonnaie mit 34 Mk. Inhalt.

Zugelaufen: 1 qelbgetiqerter Bastard mit neuem Halsband m. Geschl.

Entsprungen aus einem Eisenbahnzug: 1 tief­schwarzer Spitzhund.

Zugeslogen: 1 blaue Berliner Taube.

Hanau den 29. Oftober 1908.

StilnmnnOilh ans sm Abgkardnetenhause.

Auf den Tribünen des preußischen Unterhauses haben Sie Beamten den Volksschullehrern Platz gemacht. Kaum ein Tribünensitz, den die Erzieher der deutschen Jugend nicht beschlagnahmt hätten. Und auch einige Vertreterinnen des Lehrerinnenstandes fehlten nicht. Mit ihren männlichen Kollegen folgten sie den Verhandlungen des hohen Hauses über die Lehrerbesoldungsvorlage bis in den späten Nach­mittag mit unermüdlichem Interesse. Und die Lehrerschaft hatte die Genugtuung, daß auch der künftige Träger der Krone Preußens und des Reiches bei der Erörterung dieses Gesetzes nicht fehlte. In Begleitung des Geheimrats von Tschammer aus dem Finanzministerium und seiner Adjutanten erschien kurz nach Beginn der Sitzung der Kronprinz in der Hofloge, um bis gegen den Schluß den Verhandlungen bei­zuwohnen. Herr v. Bockeiburg, einer der Schriftführer des Hauses, hatte ihn in die Loge geleitet und Präsident von Kröcher widmete sich über eine Stunde lang der Aufgabe, den Thronfolger im hohen Hause zu orientieren. Herr Porsch schwang inzwischen das Präsidentenszepter und Herr v. Ditsurth eröffnete als Verfechter der Konservativen die parlamentarische Schlacht. So zufrieden die Herren Volksvertreter ohne Unter­schied der Partei mit der Tendenz und der ganzen Auf­machung des Beamtenbesoldungsgesetzes sind, so unzufrieden sind sie samt und sonders mit dem Lehrerbesoldungsgesetz. Im ganzen wie im einzelnen. Freilich, ihre Korrekturwünsche gingen weit auseinander. Herr v. Ditsurth sieht in der Vorlage eine allzu starke Bevorzugung der städtischen Lehrer, aber auch eineBevorzugung derStädte vor dem plattenLande.NamenUich die größeren Städte seien auch nach der Vorlage immer noch in der Lage, dem Lande die Lehrkräfte zu entziehen. Und das, obwohl auch das Land für die Volksschule viel größere Opfer im Verhältnis bringt als die Städte. Um die Landlehrer nicht zu Lehrern zweiter Klasse zu degradieren, um sie bodenständig zu erhalten, bedürfe es einer einheit­lichen Besoldung der genannten Lehrerschaft. Und diese wieder habe die Begründung von Bcsoldungsklassen zur Vor­aussetzung. Ein Vorschlag, der auf der Linken bedenkliches Kopfschütteln erweckte. Weniger Kritik an den Grundsätzen,

Feuilleton

Wenn die Blätter fallen."

Novellette von Leid da von Schmid.

Nachdruck verboten.

Mitten auf dem Potsdamerplatz, am Vormittag, wo der Personen- und Wagenverkehr dort am stärksten ist, sah Dr. Höffling seine Sommerbekanntschaft aus dem Ostfeebade wieder. Sie flüchtete gerade vor einem Auto und sprang auf die schützende Insel. So kam die schlanke Brünette dicht neben Dr. Höffling zu stehen. ' ,

Guten Tag, mein gnädiges Fräulein.

Sie stutzte ein wenig, dann hatte sie ihn erkannt . . . Aber wie konnte ich nur nicht gleich ich bin doch nur ein ganz klein wenig kurzsichtig . . ."

Die hübschen blaugrauen Augen blitzen chn an ... . Nein, wie nett, Herr Doktor, daß wir uns so unerwartet hier treffen; wir glaubten Sie noch immer auf Reisen, Mama und ich."

Ich bin lange genug Berlin fern geblieben, langer, als wie eS sich eigentlich mit meinen beruflichen Pflichten ver­trug," erwiderte Höffling und fchritt nun, da der Weg zur Potsdamerstraße für Passanten frei wurde, neben Dilta Helbach her. _ , _ n

Man hätte die beiden für Vater und Tochter halten können. Ein noch jugendlicher, stattlicher Papa allerdings. Höfflings stramme Rciierfigur hatte etwas ^rartialisches. Man merkte es ihm nicht an, baß er viel über Akten und Pandekten saß, so aufrecht hielt er sich. Das Haupthaar leicht ergraut, aber der weiche Lippenbart noch ganz dunkel ohne künstliche Nachhilfe. Sein spiegelblanker Zylinder, der tadellose Ueberzieher, die rotbraunen Handschuhe, die er an dem schönen warmen Herbsttage in der Linken trug

dafür desto mehr an den Einzelheiten der Vorlage übte der Centrumsredner. Herr Glattfelder erklärte namens seiner Freunde, daß ihnen weder das Grundgehalt noch die Höhe der Ostzulagen genügte. Und auch die Lehrerinnenbesoldung dünkt dem Centrum zu gering. Wenn Glattselters Kritik des Gesetzes ziemlich an die Oberfläche ging, so ließ sich der Nationalliberale Dr. Schiffer eine desto gründlichere Sektion der Vorlage angelegen sein. Zu Beginn seiner Rede mochte es scheinen, als sei er eines Sinnes mit Herrn von Setsurth, und die Rechte fand sich mehrfach zu Beifalls­äußerungen bewogen, als der nationalliberale Sprecher für das Einheitsgehait entschieden ins Zeug ging. Indes das Aber" in Schiffers Rede um mit Herrn Schwartzkopf zu reden kam nach: Ganz im Gegensatz zu den An­schauungen der Rechten trat Dr. Schiffer dafür ein, daß den größeren Kommunen ihr Recht, die Lehrergehälter nach eigenem Gutdünken festzusetzen, nicht geschmälert werde.

In scharfsinniger Deduktion wies der Redner nach, daß es keineswegs eine Gleichstellung der Lehrer bedeute, wenn man die großen Kommunen hindere, Gehälter zu zahlen, die ihren Lebensverhältnissen entsprechen. Die Vorlage mit ihrer Begrenzung der Ortszulagen komme auf eine Benach­teiligung der städtischen Lehrer hinaus, die die National- liberalen nicht mitmachen könnten. Der Kronprinz, der Schiffers Darlegungen aufmerksam verfolgte, lauschte mit be­sonderem Interesse dem flammenden Protest, den der nationalliberale Redner gegen die Behelligung der Lehrer mit den niederen Küsterdiensten schleuderte. Und da auch später ein Parlamentarier von dem Gewicht des Frhrn. v. Zedlitz sich scharf gegen diese Entwürdigung des Lehrerstandes aussprach, darf man wohl hoffen, daß die Regierung sich nun endlich dazu versteht, diesen alten Zopf aus den Tagen des Hieronymus Jobs abzuschneiden. Für die Bedeutung der Rede Schiffers sprach nicht nur der stürmische Beifall, der sich sogar in dem vom Präsidenten sanft gerügten Hände­klatschen einiger Neulinge kundgab, sondern auch der Eifer, mit dem Herr Schwarzkopfs, der Verweser der preußi­schen Volksschule, sich mühte, den Eindruck der Darlegungen Schiffers abzuschwächen. Der Ministerialdirektor hatte keinen guten Tag, und das Geschütz Schiffers war auch zu schwer, als daß er dagegen hätte aufkommen können. Matt und eindruckslos verhallte feine viel zu breit angelegte Rede. Frhr. v. Zedlitz sprach noch, ähnlich wie Herr v.Ditsurth, und schließlich kam Herr Cassel von der freisinnigen Volks­partei zu Wort. Seine Rede bedeutete eine willkommene Unterstützung der Darlegungen Schiffers, der am Schluß noch mit Herrn v. Zedlitz ein paar persönliche Bemerkungen tauschte. Am Donnerstag aeht die Debatte weiter.

Die Brandschäden in Preußen.

In den Jahren 1899 bis 1905 ist im Jahresdurchschnitt durch Blitzschläge ein Schaden von über 71/« Millionen Mark entstanden. Was die Schäden betrifft, welche durch Gas und Elektrizität veranlaßt worden sind, so ergibt sich,

alles zusammen machte den Eindruck ungemeiner Vornehmheit. Und ihm zur Seite das junge Mädchen im hellgrauen Schneiderkleid, den Hut mit einem Strauß von Herbstblumen verziert. Ein bißchen zu ernst war dieser Schmuck für das liebe junge Gesichtchen.

Diita plauderte und lachte und frischte Erinnerungen an den Sommer und den gemeinsamen Aufenthalt an der See auf.Und wissen Sie, Herr Doktor, es war zu schade, daß Sie damals wegen der Erkrankung Ihres Herrn Bruders so plötzlich abreisen mußten. Nachher wurde es erst recht nett. Neue Badegäste kamen. Hub denken Sie bloß, darunter ein Neffe von Ihnen."

Soo, dehnte Höffling,sollte der Bruno am Ende ..."

Ja, ja, Bruno Klodt, der Sohn Ihrer verstorbenen Schwester," fiel Ditta lebhaft ein und eine heiße Nöle flutete über ihr schmales, weißes Gesicht.

Der Schlingel," bemerkte Höffling in einem Ton, der wenig verwandtschaftliche Wärme verriet.Ein heller Kopf übrigens," fügte er mildernd hinzu,nur zu ungestüm, immer gleich die Sonne vom Himmel herunter. Unter dem tut er es nicht."

Das ist aber doch gerade das Beste an ihm," rief Ditta, dieser Miit, einer Welt zu trotzen, wenn es nicht anders geht. Ich weiß ja alles, Herr Doktor Brun Herr Klodt hat mir alles erzählt. Auch daß Sie ihm zürnen, weil er freier Schriftsteller geworden ist, um als unausgeführter Dramatiker am Hungertuch zu nagen" ja, jawohl, so haben Sie sich seinerzeit wörtlich auâgcdrückt, Herr Dr. Höff­ling."

Schon möglich."

Aber das ist doch ungerecht, ich bitte Sie," fuhr Ditta eifrig fort.Und sonst sind Sie doch die Güie selbst. Mama hält so große Stücke auf Sie. Sie müssen uns recht bald be'uchen, ja. Jeden Donnerstag von 57 haben wir unseren Enipfangstee." Aber dann sind oft so viel langweilige Leute

daß im ganzen durch Leucht-, Koch- und Heizgas im Laufe der erwähnten sieben Jahre ein Schaden von 1099 803 Mark entstanden ist, im Jahresdurchschnitt also 157115 Mark. Daneben hat noch Acetylen einen Schaden von 90 018 Mark, Aether einen solchen von 281 425 Mar! hervorgerufen. Durchandere Gase", bei denen wohl die Abgase der Hoch- und Koksöfen die Hauptrolle spielen, ist dagegen ein Schaden von über 6 Millionen Mark verursacht worden. Die elektrischen Leitungen haben durch Kurz­schlüffe usw. für über lO1^ Mill. Mk. Schaden verursacht. Einen recht breiten Raum nimmt die Selbstentzündung von Stoffen ein. Leider ist gerade bei ihr der sichere Nachweis der Brandursache außerordentlich schwer zu führen, und so sehen wir denn, daß auch hier von dem Gesamtschaden von 45 689 480 Mark innerhalb des gedachten Jahrsiebents nur 9 619 530 Mark oder 21,5 v. H. auf die erwiesenen Fälle kommen. Mangelhafte Feuerungsanlagen sollen einen Ge- samtschaden von 32 250 686 Mark oder von 4 607 241 Mark im Jahresdurchschnitte verursacht haben, wovon aber nur 7 132 242 oder 221 v. H. des Schadens wirklich nach- gewiesen sind.

Sehr groß ist die Rolle, welche die Fahrlässigkeit im Umgänge mit Streichhölzern durch Erwachsene sowie durch Kinder bei den Brandursachen spielt. Auf sie entfällt ein Schadenbetrag von 20 761 650 und 13 253 698, das macht 2 965 950 und 2 607 671 Mark im Jahresmittel. Allerdings entfällt auch von diesem Betrage bei den Er- wacksenen der kleinere Teil, und zwar in Höhe von 6 163 032 Mark oder nicht ganz 30 v. H. auf die er­wiesenen Fälle. Diesonstige Fahrlässigkeit" ist mit 47 196 403 oder 6 742 343 Mark im Jahresdurchschnitte vertreten, von welcher Summe wiederum nur 17 106 502 Mark oder 36,2 v. H. auf die erwiesenen Fälle komme«. Erschreckend groß erscheint auch der durch die B r a n d - stiftungen hervorgerufene Schaden: er wird für die sieben Jahre auf 139 649 261 Mark oder 19 949 894 Mark im Jahresdurchschnitte beziffert. Indessen scheint es gerade hier mit dem Nachweise der wirklichen Ursache der Brände sehr schlecht bestellt zu sein: als wirklich erwiesen sind nur 14164 261 Mark Schaden verzeichnet; nahezu neun Zehntel des Schadens sind nur gemutmußt. Durch Lokomotiv- fünfen soll ein Schaden von 4 393 111 oder 627 587 Mark im Jahresmittel entstanden sein. Die Loko­mobilen erscheinen demgegenüber verhältnismäßig auge- fâhrlich : auf sie kommt nur ein Gesamtschaden von 1407 033 Mark oder 201 005 Mark im Jahresdurchschnitte.

Bedauerlich bleibt die gewaltige Summe, die noch immer denunbekannten Ursachen" zur Last fällt; sie be­ziffert sich mit 252 674 429 oder 36 096 347 Mark im Jahresdurchschnitte 1 Das heißt also, 39,1 v. H. des Ge-

bei uns. Nein, kommen Sie lieber ganz gemütlich, wenn wir allein sind, nicht wahr?"

Dr. Höffling verneigte sich stumm.

Ist das nun einJa" oder einNein"? lachte Ditta und bot ihm ihre Hand."

Er beugte sich tief über die kleine, noch ausdruckslose Rechte, die von keinerlei Leiden erzählte, die wohlgepflegt war mit polierten, hübschen Nägeln, eine Hand, wie sie zu einem Kinde des Reich« ums paßt.

Hier wohnt meine Sprachlehrerin, auf Wiedersehen, Herr Doktor. Ich lerne nämlich Italienisch. Mama will mit mir nach Rom ach."

Die Aussicht gefällt Ihnen nicht, gnädiges Fräulein?

Ich weiß nicht recht ach, ich biete, wenn es daraus ankommt, auch dem Willen anderer Trotz." Sie winkte ihm noch einmal zu und verschwand in dem Torweg des nächsten Hauses.

Höffling machte kehrt und war, ohne daß er es gewollt, nach 15 Minuten mitten in der herrlichen Pracht des Tier­gartens. Also hatte ihn sein Schicksal doch erreicht! Es hatte also nichts geholfen, daß er sich fest vorgenommen, den Damen Hellbach keinen Besuch zu machen, daß er ihnen, nach seiner plötzliche Abreise ans dem Seebade keine einzige Karte ge­sandt, daß er versucht hatte, die Sommerwochen aus seinem Gedächtnis zu streichen. Man war täglich beisammen ge« weien. Zunächst hatte Frau Hellbach, eine zarte, noch immer schöne Frau ihn durch ihre geistige Anmut gefesselt. Dann aber hatte Dittas frohes Lachen immer sieghafter die langen Gespräche über Weltanschauungen, Kunst usw. gestört und, ehe er fidsS versah, hatte Höffling sich von der Achtzehnjährigen zu e uer Segelpariie entführen lassen. Dann eines Tages halle er-gefühlt, daß er im Begriff gestanden, eine Torheit zu begehen am Vorabend seines 52. Geburtstages hatte er, kurz entschlossen, zu der Allerweltslüge von der ,sDepesche und dem Krankenbett eines nahen Verwandten." seine Zu-