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Erscheint tägüch mit Ausnahme der Sttm« und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Semi»««. Siedâ«: 9. Schreck«, in H«u«.
Nr. 152 F-rnsprechattschlutz Nr. 605.
Donnerstag den 2. Juli
Fernsprechanschkutz Nr. 605
1908
Die ieMeNWmer mfaßt Mr d.MrhMUStüM
12 Seiten
Hi-rzit „Amtliche Beilage Nr. 10".
'Amtliches.
Eandkms Ranat i.
BekamltmchNgen des Königlichen Lnndrntsnmts.
Unter den Schweinen zu Niederdorfelden ist die Schweine- ieuche festgestellt.
Hanau den 30. Juni 1908.
Der Königliche Landrat.
V 4545 I. A.: C o nrad, Kreissekretär.
Unter den Schweinen in Windecken ist die Schweine» leuche festgestellt.
Hanau den 30. Juni 1908.
Der Königliche Landrat.
V 4590 I. A.: Conra b, Kreissekretär.
Die über die Gemeindebezirke Kleinostheim, Mainaschaff und Steinbach verhängte Hundesperre ist seitens des Königs. Bayerischen Bezirksamtes in Aschaffenburg wieder aufgehoben worden. (Vergl. dazu meine Bekanntmachung vom 24. April d. J. — Nr. 2928 — in Nr. 99 des „Hanauer Anzeiger").
Hanau den 29. Juni 1908.
Der Königliche Landrat.
J 329411 I. A.: Conrad, Kreissekretär.
Konkursverfahren.
Ueber das Vermögen des Fabrikanten Friedrich Schwab in Großauheim, Inhabers der Firma „Parkett- fabrik Großauheim Friedrich Schwab" in Großauheim ist heute, am 1. Juli 1908, vormittags ll’/i Uhr, das Konkursverfahren eröffnet. Der Rechtsanwalt Dr. Holm in Hanau ist zum Konkursverwalter ernannt. Offener Arrest und Anzeigepflicht sowie Termin zur Anmeldung bis zum 21. Juli 1908. Erste Gläubigerversammluug am 23. Juli 1908, vormittags 11 Uhr. Prüfungstermin 4. September 1908, vormittags 11 Uhr, vor dem Königlichen Amtsgericht 5 hier. Marktplatz Nr. 18; Zimmer Nr. 5. Hanau den 1. Juli 1908. 13945
Der GerichtsFi-reiber des Kgl. Amtsgerichts 5.
peuMrton.
Ein Großstadt-Idyll.
Hanau, Juni 1908.
Liebe Olga!
Heute erst komme ich dazu, Dir zu schreiben und einiges aus dem Weltgetriebe zu berichten. Es ist nicht aus der SO elt, in der man sich langweilt, sondern aus dem vollen Lebensstrom einer beginnenden Großstadt.
Das Werdende, in der Entwicklung begriffene war für mich schon hochinteressant; um wieviel mehr jetzt das Ganze in seiner Vollendung. — Liebe Olga, weißt Du denn, worauf ich anspiele? Du Arme, in Deiner Weltabgeschlossenheit des Hanauer Krankenhauses, beinahe isoliert wegen der Kinderkrankheit, die Dich verspätet befallen und die Dich in Deiner Jugend vergessen hat: nun stehst Du wieder, wie alles Ver- stiumie im Alter (verzeihe, der Vergleich paßt nicht für Dich, Du stehst noch nicht einmal im Mittelalter, Du bist eine blühende junge Frau — sogar den Jahren nach) nachgeholt werden muß. — Daß es mit Deinem Befinden G. s. D. bedeutend besser ist, habe ich zu meiner großen Freude täglich erfahren dürfen; jetzt bei der beginnenden Rekonvaleszens muß Deine Ungeduld und Langeweile noch größer sein; letztere soll der beste Beweis für die baldige Genesung sein.
Warum muß auch gerade Dich eine sogenannte Infektionskrankheit befallen?! Du, die so glänzend Konversation machen kann, bei welcher der stets wechselnde Ausdruck sich den Worten anpaßt! Du, die liebevolle und lebhafte Gattin, Mutter u. Freundin, selbst hilfbereit in allen Füllen und nun so allein und isoliert. — Trotz alledem hat Deine gegenwärtige unfreiwillige Zurückgezogenheit auch ihre guten Seiten, ist doch alles so still um Dich und kannst Du Dich so gründlich ausruhen und so recht ausgeruht dem unruhigen Getriebe entgegensehen, das jetzt in unserem zur Großstadt sich entwickelten Hanau herrscht.
Du wirft staunen, wenn Du, hoffentlich recht bald, ins Freie darfst, wie lärmend und geräuschvoll sich daS Leben hier aestaltet hat.
Gefundene und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 1 Zeitkarte Nr. 94 der Hanauer Straßenbahn und 1 weißes Taschentuch mit Hohlsaum (gez. L.), 1 silbernes Halskettchen mit Anhänger (Herz mit blauem Steinchen), 1 Sprachbuch und 1 Rechenheft für Christine Eckhardt, 1 Kabinetiphotographie.
Verloren: 1 Abonncmentskarte vom Naturheilverein Prißnitz für Daßbach, 1 Sparkassenbuch von der Kreissparkasse für Anna Ament, 1 Milchlieferbuch.
Hanau den 2. Juli 1908.
Politische Rundschau.
Der Kaiser begab sich gestern morgen in Eckernförde an Bord des Meteor, der jedoch nicht startete, sondern sich vom Sleipner nach Kiel schleppen ließ, wo er etwa um 11 Uhr eintraf. Die Kaiserin legte die Fahrt nach Kiel an Bord der Hohenzollern zurück.
Stapellauf des Linienschiffes „Ersatz Sachsen" in Bremen. Auf der Werft der Aktiengesellschaft Weser fand in Gegenwart geladener Gäste, sowie eines zahlreichen Publikums der Stapellauf des Linienschiffes „Ersatz Sachsen" statt. Als Vertreter des Reichsmarineamts wohnte Vizeadmiral v. Brcusing dem Stapellauf bei. Der Oberpräsident der Provinz Westfalen, Staatsmimster Frhr. v. d. Recke, hielt die Taufrede, worauf Frau Fürstin zu Salm-Horstmar das Schiff auf den Namen „Westfalen" taufte.
Der Herzog von Coburg in Konstantinopel. Der Sultan gab im Pildiz zu Ehren des Herzogs und der Herzogin von Sachsen-Coburg-Gotha ein Galadiner, bei dem über 70 Gedecke aufgelegt waren. Der deutsche Gesandte von Kiderlen war mir dem Personal der Botschaft geladen, ebenso der englische und der «bulgarische diplomatische Vertreter. Der Sultan verlieh dem Herzog den Jmtiazorden in Brillanten, der Herzogin den Chefakatorden.
Das Befinden des Herrn v. Lueanus. Aus Potsdam wird am Mittwoch depeschiert: Nach einer gut verbrachten Nacht ist das Befinden des erkrankten Chefs des Geheimen Zivilkabinetts Exzellenz v. Lucanus heute zufriedenstellend.
Die englisch - russischen Verhandlungen über Mazedonien. Wie Reuter erfährt, ist das auf dem Kontinent verbreitete Gerücht, daß über die mazedonische Frage zwei Projekte, ein russisches und ein englisches, zu erwarten seien, unrichtig. Der Reformplan, der von Rußland und England gemeinsam gebilligt wurde, wird in seiner Gesamtheit als ein Entwurf von den interessierten Mächten veröffentlicht werden. Was den Plan selbst betrifft, so bleibt nur noch die Formulierung einiger Einzelheiten zu
Die Herren, besonders die hastigen Geschäftsleute, huldigen insgesamt nur noch einer Flamme, dem feurigen Weibe „Elektra".
Du, liebe Olga, wirst bereits davon unterrichtet sein, daß die „Elektrische" jetzt in vollem Betriebe ist; auch, daß dieselbe viel Staub aufwirbelt und noch mehr aufgwirbelt hat, in des Wortes wirklichem und übertragenem Sinn; sie rentiert, dies ist die Hauptsache; die Pessimisten sagen — bis jetzt, die Optimisten, für immer; die Pessimisten: „DaS ist noch die Lamboywaldstimmung der Hanauer, denen ist das dort getrunkene bayerische Bier zu Kopfe gestiegen, die Wirkung macht sich heute noch fühlbar usw.; hoffentlich errätst Du, was dies usw. bedeutet, mir selbst ist eS nicht bekannt.
Liebe Olga, ich vermag es nicht, Dir annähernd zu schildern, wie sehr frequentiert die „Elektrische" wird und besonders war dies der Fall an den Haupttagen, dem Meß-Donnerstag (also Frohnleichnamstags und dem verflossenen Sonntagen; diese Daten müssen in der Geschichte der „Elektrischen" rot angestrichen werden, ob auch von den Schaffnern, bezweifle ich. Wann wäre es je den Hanauern passiert, in die „Mess" fahren zu können und durch die „Mess" fuhr die „Elektrische"; die Insassen sahen mitleidig und geringschätzig auf die im Staube und in der tropischen Hitze'feilschenden'Käufer herab. Du hast wirklich viel versäumt, liebe Olga, durch Deine Dich zu so ungelegener Zeit betroffene Krankheit, in erster Linie die Lambopfeier, diesmal bei prachtvollem Wetter: aus diesem Grunde ist auch viel Naß den Göttern gespendet worden, um deren Neid nicht herauszufordern, dann den „großen" Cirkus, der bei jeder Vorstellung ausverkauft war und zuletzt den Bau und das Werden der „Elektrischen". — Den Betrieb derselben wirst Du bald aus eigener Erfahrung kennen lernen.
Die Hanauer schwören schon darauf, vom kleinsten Babn, das zappelnd auf der Mutter Schoß sitzt, bis zur Matrone und Greisin im Silberhnar. Daß Hanau und die Hanauer je so schnell fortschreiten resp.- fortfahren könnten, hätte ich niemals geglaubt. Ich selbst habe eher nicht an das Wunder glaubest wollen, bis ich im Wagen saß und die bis jetzt entfernteste Strecke nach der Rostnou fuhr. Rosenau i >
«gen. Mit dieser Ausnahme ist das Projekt sertigge«
Englisches Unterhaus. Lord Lonsdale fragte an, ob dem Handelsminister bekannt sei, daß deutsche Kaufleute bei ihrer Regierung petitioniert hätten, wenn möglich, aus diplomatischem Wege eine Verlängerung der im Artikel 27 des Patentgesetzes festgesetzten Geltungsfrist zu erreichen und ob das Handelsamt diesem Versuche entgegentreten werde. Handelsminister Churchill erwiderte, er habe Nachrichten darüber in den Zeitungen gelesen, jedoch keine offizielle Mitteilung erhalten. _ Eine Aenderung des Zeitraumes wie dies in Artikel 27 bestimmt wird, könne ohne ein neues Gesetz nicht eintreten.
Die Bildung des neuen serbischen Kabinetts stößt auf große Schwierigkeiten, weil die Jungradikalen hartköpfig auf ihrer Obstruktion beharren. Aus verläßlichen Quellen verlautet jedoch, daß die Jungradikalen nur scheinbar nicht nachgeben wollen und die Bildung des Kabinetts Welimirowitsch unmittelbar, mit einer fast gleichen Zusammensetzung wie der neulich gemeldeten bevorsteht, ja noch mehr, die jungradikale Opposition soll jetzt sogar schon soweit Entgegenkommen zeigen, daß sie das Budget und den Handelsvertrag mit Oesterreich-Ungarn dem altradikalen Kabinett in der^ Skupschtina bewilligen will. Das Finanzministerium dürfte Michael Popowitsch übernehmen.
Die Lage in Persien.
London, 1. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfährt, ist in London heute früh aus Täbris ein privates Telegramm ein gegangen, aus welchem hervorgeht, daß diese Stadt von Rachim Khan und seinen Reitern umzingelt ist. Die Bevölkerung von Täbris errichtet auf den Straßen Barrikaden, Tag und Nacht wird ununterbrochen geschossen.
Täbris, 1. Juli. Mehrere dem Schah oppositionell gesinnte Stadtbezirke haben sich ergeben. Gestern ist nach einem Widerstände die Reiterei in die Stadt eingezogen. Den längsten Widerstand leisteten die Bewohner des Stadtbezirkes Khieban ; sie sind jedoch von der Reiterei gezwungen worden, sich zu ergeben.
Die Bewegung in Indochina.
Saigon, 1. Juli. In den Kasernen in Honoi sind 200 europäische Soldaten der Kolonialinfanterie an Vcr' giftungserscheinungen erkrankt. Man glaubt, daß es sich um den Versuch einer Massenvergiftung handelt, da seit einigen Tagen eingeborene Unteroffiziere, die mit Räuberbanden in Verbindung stehen, von einem bevorstehenden Handstreich sprechen, zu Waffendiebstählen anstiften und die Erhebung gegen die Franzosen predigen. Zur Verhinderung der beabsichtigten Erhebung wurden sofort alle notwendigen Maßnahmen getroffen; die Anstifter und die Teilnehmer wurden
welche Perspektive eröffnet sich bei diesem Wort den am Cfr bahnhof ankommenden Fremden; den meisten drängt sich doch gewiß der Gedanke an eine Au von blühenden Rosen auf, viele erinnern sich vielleicht auch an Krimhildens Rosengarten in Worms; ich hörte selbst die Worte, welche ein „fremder" Insasse an den Trambahnschaffner richtete, ob eS dort auf der Rosenau auch gelbe Marschallnilroseo gäbe. — „Nein," erwiderte der Kondukteur (in seinem ehe. maligen Metier Metzger) dort verkehren nur andere!" Der Reisende, ein anscheinend sehr gebildeter Fremde, (man sieh: jetzt öfters Fremde in Hanau) sah den Schaffner groß an und schwieg.
Der Schaffner Müh' und Last ist groß, man kann dabei von keinem Tagewerk reden, da sich ihre saure Arbeit von morgens früh bis zum späten Abend ausdehnt. Ja. wenn? damit getan wäre, nur den Nickel einzustecken und im richtigen Moment zu klingeln u. s. w. (wie angenehm, liebe Olga daß unsere deutsche Sprache über ein u. s. w. verfügt) nein es werden noch viel größere Ansprüche an dieselben gestellt. Den biedren Hanauern sollen dieselben Auskunft geben über alles Mögliche und Unmögliche, die Hanauer vermuten jedenfalls hinter denselben ebenfalls „akademisch" Gebildete. Neulich fragte ein ehrsamer Zunftmeister den Schaffner. „Lieber Freund, wie stehtS mit de Aktie! ?" — Da verseht ich nicht, ich trinke nur Orschler", war die prompte Antwort des biederen Lenkers. Der Zunftmeister wies nach der Stirn. Es ist doch jedenfalls zu viel verlangt, auch noch Bank- und ZinSrechnungenvon diesen Angestelltenzu verlangen, dicke haben grade genug damit zu tun, den Betrieb in vollster Ordnung aufrecht zuhalten. — Daß ein Dritter den Schaffner fragte, ob derselbe morgen? seine Schwiegermutter (de? Fahrgastes bis in die Hangass' sHainstraße) gefahren habe, klingt aus Unglaubliche und Märchenhafte: hätte, ich solches nicht mit eigenen Ohren angehört, so würde ich dies, wennS jemand anderes erzählt-Hütte, für eine Münchhauseniade gehalten haben; als besondere Kennzeichen gab der biedere Fahrgast ein neues seidenes „Bolero" an: dies habe sieb die Schwiegermutter eigens für die „Elektrische" angeschafft, da die Sitze noch so schön neu seien und sie unmöglich in ihrem abgeschabten Jakeit mitsahren konnte ■ die schmeichelhafte De-