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General-Anzeiger

Amtliches Organ für Stadt- und Fandllreis Sanan.

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Die füufgefpaltenr Petüzeile oder der« Stau« W M. im Neklameateil di« Zeile 36 Pfg.

«. Waifeahaufe» in Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

verantwort!. Redakteur; O. Schrecker in Han am

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Freitag den 25. Januar ,

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Zpernsprechanschlutz Nr. 605. 1907

Am Worabenö der Gntscheiöung.

Mäkler-Versammlung für Dr. Lncas.

Hanau, 25. Januar. Zum letzten Sturmanlauf hatten gestern abend sämtliche Parteien mobil gemacht, um am heutigen Schlachttage die Palme deS Siege- zu erringen. So heiß wie nie zuvor wurde in diesen Tagen um die ReichStagSsitze gekämpt und heute sollen die Würfel der Ent­scheidung fallen. Eine imposante, begeisterte Wählerver- sammlung war es, die der Wahlausschuß für die Wieder­wahl deS Herrn Dr. LucaS nach derCentralhalle" ein­berufen hatte, um noch einmal zum Kampfe zu begeistern und an die Pflicht jedes deutschen Mannes zu erinnern, an seinem Teil dazu beizutragen, daß ein national gesinnter Kandidat aus der Urne hervorgeht. Als Redner war der seitherige nationalliberale Abg. für Offenbach-Dieburg, Herr Dr. Becker, vorgesehen, doch mußte dieser leider telegraphisch absagen, da er bis in die späte Nacht in einer Wâhlerver- sammlung in Eisenach gesprochen hatte und total heiser ge­worden war. So sprang Herr Dr. LueaS in die Bresche, um in einem längeren, öfters von Beifall unterbrochenen Dorirage die weittragende Bedeutung der diesmaligen ReichStagswahl seinen Hörern nochmals vor Augen zu führen und ihnen seine Ansichten darzulegen. Daran anknüpfend, daß es in diesen selben Tagen war, wo im Jahre 1871 in Versailles der kleinstaatlichen Zerriffen- Heit ein Ende gemacht und ein großes, einiges Deutschland geschaffen wurde, wies Redner darauf hin, daß unser Volk in den nächsten Tagen wieder vor eine schwerwiegende Ent­scheidung gestellt sein wird, daß wiederum seine Geschicke in seine eigene Hand gelegt sein werden. Ein Blick in diese Zeit dränge zum Vergleiche mit der heutigen. Mancher Traum, den unsere Väter damals geträumt, ist nur ein Traum ge­blieben, manche Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Doch so betrübend diese Erscheinung ist, sie ist durchaus er­klärlich, dem erklärlich, der sich vor Augen hält, welche revolutionäre wirtschaftliche Entwicklung Deutschland in diesem Jahrhundert durchgemacht hat, daß vor 100 Jahren Deutsch­land nur die Hälfte der Einwohner zählte als heute, daß damals 73 Prozent der Bevölkerung auf dem Lande und nur 27 Prozent in Städten wohnten, während heute das Verhältnis fast gleich groß ist, und daß diese 27 Prozent stch mit den Erzeugnissen ihres eigenen Hausfleißes kleideten und ausstatteten. Wer das bedenkt und sich die heutigen Ver­hältnisse vor Augen hält, wo die Industrie die entlegensten Wellgegenden mit ihren Erzeugnissen versorgt, immer größere und umfassendere Absatzgebiete sucht und findet, dem muß die immense wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands so recht vor Augen treten. So erfreulich diese Entwicklung aber auch ist, so dürfe man doch nicht übersehen, daß sie nicht allen Schichten unserer Bevölkerung zu gute gekommen ist. Diese Entwicklung, die der Industrie so sehr zu gute gekommen ist, diese Entwicklunghat ohne Zweifel der Landwirtschaft und dem Handwerk eine Konkurrenz bereitet, mit der diese beiden Stände mit aller Kraft zu kämpfen haben. Dieselben Schiffe, die die Erzeugnisse unserer Industrie hinausführen in alle Teile der Welt, dieselben Schiffe überschwemmen das Inland mit den Erzeugnissen der ausländischen Landwirtschaft, die der unsrigen große Konkurrenz macht. Die Industrie ent­zieht der Landwirtschaft auch die Arbeitskräfte und erzeugt die sog. Leuienvl. Wer diese Entwicklung mit offenen Augen verfolgt, für den konnte es schon vor einer Reihe von Jahren gar keinem Zweifel unterliegen, daß, so segensreich sie auch ist, sie auf der anderen Seite zum Ruin der Landwirtschaft und zum völligen Untergang des Handwerks führen muß. Daß der Untergang der Landwirtschaft und das Verschwinden der braten Schichten des städtischen Mittelstandes aber nicht nur unerwünscht, sondern unter allen Umständen mit allen Mitteln innerhalb der wirtschaftlichen Entwicklung zu ver­hüten ist, darüber herrscht wohl bei keinem vernünftigen Menschen ein Zweifel: Nicht nur aus Gründen der Wehrhaftig­keit, im Interesse eines tüchtigen Nekrutenkontingents, sondern auch im Interesse unserer eigenen Volksernähinng. Man denke nur an die unheilvollen Folgen, die in Kriegszeiten eine Ab­schließung Deutschlands von der Versorgung aus dem Aus­lande nach sich ziehen müßte. Wer sich aber davon über­zeugt hat, daß die Volksernährung unabhängig vom Auslande zu gestalten ist, daß die Landwirtschaft in der Lage sein muß, die nötigen Quantitäten Brotgetreide selbst zu erzeugen, daß die Notlage der Landwirtschaft nur dadurch bekämpft werden taun, indem man dem Sinken der Preise entgegen-

tritt, für den war es sicher, daß es ein anderes Mittel als einen mäßigen Zollschutz der landwirtschaftlichen Produkte nicht geben kann. Wenn man es für reaktionär hält, alle Mittel und Wege zu ergreifen, um dem Verschwinden der Landwirtschaft vorzubeugen im Interesse aller, wenn man es für reaktionär hält, die berechtigten und im Interesse des gesamten Vaterlandes und aller Siände liegenden berechtigten Forderungen der Landwirtschaft nach Möglichkeit zu erfüllen, wenn das reaktionär ist, dann stehe er nicht ah, zu erklären, daß er reaktionär sei bis an sein Lebensende. Liberalismus und Manchestertum sind zwei ganz verschiedene Dinge. Die Befürchtungen, die man an den Zolltarif bezüglich der In­dustrie knüpfte, wurden übrigens, wie Redner bereits am Samstag ausführte, durch die Entwicklung von selbst gründ­lich widerlegt. Haben sie aber der Industrie nicht geschadet, so haben sie andererseits der Landwirtschaft sehr genützt, sie kann wieder bessere und die Selbstkosten deckende Preise er« zielen. Dieter Erfolg war beabsichtigt, er war notwendig, wenn man überhaupt der Landwirtschaft, diesem wichtigen Volks- rlement, die Möglichkeit zu existieren und sich sortzuentwickeln, gewähren wollte. Zolltarife ohne indirekte Steuern sind nicht denkbar, sie sind notwendig damit verbunden. Der Druck der indirekten Steuern ist in Deutschland in Wirk­lichkeit nicht so, wie man daS gemeinhin heutzutage hinzu­stellen beliebt. Erhebt doch nur einer von den Kulturstaaten weniger indirekte Steuern als wir, uämlich Rußland, und das auch nur einen kleinen Bruchteil weniger. In Eng­land z. B. kommen auf den Kopf der Bevölkerung ca. 48 Mk., in Deutschland 16,5 Mk. indirekte Steuern. Ver-

Hrittliijtr Win

fördert indirekt die Sozialdemokratie. Bleibe deshalb niemand zurück!

Wit Dr. Lueas.

geffen dürfe unsere Arbeiterbepolkerung auch nicht, daß sie es nur dem neuen Zolltarif zu verdanken hat, daß man nächstens an die Einführung der staatlichen Witwen- und Waisenversorgung herangehen kann, denn ohne die dadurch flüssig werdenden 40 Millionen Mark wäre daran wohl noch lange nicht zu denken gewesen. Seitens der Sozial­demokratie und der freisinnigen Volkspartei operiert man mit der direkten Reichs einkommensteuer. Er habe sich nie ge­scheut, es als sein Ideal zu erklären, wenn es gelingen würde, eine gerechte direkte Besteuerung im Reiche einzuführen. Der Durchführung dieses Ideals stellen sich aber die allererheb- liebsten Schwierigkeiten entgegen. Durch indirekte Steuern müssen wir jetzt im Reiche 1100 Millionen Mark jährlich aufbringen. Bedenke man dabei, daß jetzt 70 Prozent des gesamten direkten Steuereinkommens aufgebracht werde von 4,45 Prozent der Steuerpflichtigen, bedenke man, daß 45 Prozent aller direkten Steuern von 0,75 Prozent der Steuerpflichtigen aufgebracht werden. Beinahe die Hälfte aller direkten Einkommensteuern werden also aufgebracht von noch nicht dem hundertsten Teil aller Steuerpflichtigen. (Unk ob die Stenokraft dieser wenigen Rieseneinkommen _ dem Deutschen Reiche erhalten bliebe, wenn die gewaltige Last der indirekten Stenern noch auf sie gelegt würdet Durch die Umwandlung der 1100 Millionen indirekte ©teuern in direkte Reichseinkommensteuern würden die Einzelstaaien und die Kommunen, die jetzt allein direkte Einkommenssteuererheben, gezwungen sein, ihre eigenen Steuern zu ermäßigen. Die Rücksichten, die für Festhaltung an den indirekten Steuern maßgebend waren, dieselben Rücksichten waren auch bestimmend

bei der Reichsfinauzreform, die an sich erforderlich wurde durch die immer mehr anwachsende Schuldenlast und den Umstand, daß wir seit 3 Jahren pro Jahr ca. 90 Millionen Unterbilanz hatten, diesen Betrag also durch Anleihen decken mußten. Dazu kamen neue Aufgaben und neue Ausgaben, vor allem die bessere Altersversorgung der Veteranen und Invaliden, sowie die notwendige Gehaltserhöhung der kleinen und gering besoldeten Beamten. Von der Regierung wurden vorgeschlagen zur Besteuerung Tabak und Bier. Zur Bier- besteuerung sei man nach langen und erbitterten Kämpfen gekommen, die Tabaksteuer wurde vom Reichstag und auch von ihm abgelehnt, im Interesse der Tabakindustrie und nicht zum wenigsten der darin beschäftigten Arbeiter. Die Rück­sichten, die für die Tabakarbeiter maßgebend waren, kommen aber nicht in Betracht bei den Zigarettenarbeitern, wo der Maschinenbetrieb viel ausgedehnter in Anwendung ist. Die Sozialdemokraten haben alles miteinander einfach glattweg abgelehnt, sie sagten, wir bewilligen überhaupt nichts für den gegenwärtigen Staat. Das ist nun praktische Politik. Sie haben sogar die Tantieme- und Automobilsteuer abgelehnt, und eine Partei, die so die Interessen des ganz Reichen fördert, nennt sich Arbeiterpartei. (Stürmischer Beifall iw ganzen Saale.)

Auch über die Fahrkarten st euer werde seitens der Sozialdemokratie so viel geschimpft. Ist es denn wirklich wahr, daß diese Steuer gerade die Arbeiterbevölkerung so un­geheuer belaste? Ist sie nicht vielmehr vom Bestreben ge­tragen, die zahlungsfähigen Leute mehr heranzuziehen? Die 4. Klaffe wurde überhaupt von der Steuer verschont und von der dritten Klaffe bleiben alle Billete unter 60 Pfg. steuerfrei. Dies bedeute aber 60 Proz. aller Billete dritter Klaffe. Also die 4. Klasse und über die Hälfte aller Billete 3. Klasse bleiben gänzlich steuerfrei. Man behauptet, durch die Verteuerung der 1. Klasse würde diese weniger benutzt. Aber die Leute, die 1. Klaffe fahren, werden diese sicher auch fernerhin benutzen, solche Leute werden immer die oberste Klaffe fahren und jedenfalls auch eine Klaffe Nr. 0 benutzen, wenn es eine solche gäbe. Daß durch diese Steuer die durchreisenden Fremden, die reichen Engländer, Amerikaner u. s. w., auch ein Scherflein zu unserer Steuerlast beitragen müßten, könne gewiß nichts schaden.

Die Folgen der schon erwähnten immensen Entwicklung der Industrie sind auch auf sozialem Gebiete nicht ausge- blieben. Das alte, von patriarchalischen Grundsätzen ge­tragene Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat sich von Grund aus verschoben. An die Stelle des gegenseitigen Vertrauens, an die Stelle einer gewissen Kame­radschaft, an die Stelle deS Gefühles gemeinsamer Arbeit und Verantwortung ist ja in weiten Kreisen der Industrie und des Handwerks leider Gottes ein Gefühl des Mißtrauens getreten. Die Gegensätze sind immer größer geworden. Und zwar alles das aus- leicht erklärlichem Grunde. In der modernen Industrie wird der Arbeiter immer weiter vom Produkte seiner Arbeit entfernt. Die Freude, daS Gefühl der Defriediaung, das den Gesellen nach der Fertigstellung eines Schuhes oder Rockes erfüllt, kennt der Fabrikarbeiter natürlich nicht, wenn außer ihm noch viele andere an einem Gegenstand gearbeitet haben. Aber die durch die Natur der Sache bedingten Gegensätze künstlich noch zu verschärfen, die Unzufriedenheit der Arbeiter durch falsche Vorspiegelungen zu vergrößern, den Klaffenkampf, den Klassenhaß zu predigen, zu der Vernichtung alles Bestehenden aufzufordern, ohne im­stande zu sein, etwas befferes an die Stelle deS Alten zu setzen, das ist das Verdienst der Sozialdemokratie. Graf Posadowsky 'meinte, daß daS Wachstum der materialistischen Weltanschauung das Wachstum der Sozialdemokratie be­deutend gefördert habe, doch erblicke er, Redner, daran ba# Wesen der Sozialdemokratie nicht. Sie verdankt ihren großen Aufschwung ihrer unleugbaren Geschicklichkeit kritisch anfechtbare Dinge agitatorisch auszuschlachten und der großen urteils­losen Masse in einer Form und Weise näher zu bringen, die ihren Zwecken entspricht. Auf Grundsätze oder praktische Vorteile für den Arbeiter kommt es hierbei nicht an, wie die jetzt am Ruder befindlichen Führer, vor allem Bebel, so und so ost offen ausgesprochen. U. a. sagten sie:Auf Grund­sätze kommt es nicht an, nur auf Agitation'.Throne nichts, Agitation ist alles".UnS kann eS nur darauf an­kommen, Anträge zu stellen, die keine andere Partei stellen kann.' DaS ist das sozialdemokratisch*