Zweites Blâ
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Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
£ • : J .spaltene Peützeile oder deren Raum 20 ^ im Reklameateil die Zeile 36 Pfz.
Verantwort!. Redakteur: T. Schrecker in Hanau.
Nr. 3 Kernsprechanschlntz Nr. 605
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Freitag den 4. Januar
Fernsprechanschlutz Nr. 605, 1907
Politische Rundschau. |
Die Mitttärpfticht der Schüler der Hilfs- ! schulen. Lehrer der Hilfsschulen hatten vor längerer Zeit ; Schritte unternommen, um zu verhüten, daß geistig schwache ’ junge Leute, die Schüler der Hilfsschulen gewesen waren, | zur Dienstpflicht eingezogen würden. Der Kultusminister hat jetzt folgende Anweisung an die Leiter der Hilfsschulen ergehen lassen: Die Leiter der Hilfsschulen werden angewiesen, jährlich rin Verzeichnis der aus ihren Schulen nach beendigter Schulpflicht entlassenen Schüler unter Beifügung von Abgangszeugnissen sowie von sonst ihnen geeignet erscheinenden Beurteilungen (ärztlichen Zeugnissen usw ) an die Gemeindevorsteher, welche zu der Anlegung der Rekrutenstammrollen verpflichtet sind, zwecks Uebermittlung an den Zivil- vorsitzenden der Ersatzkommission einzusenden. Es soll hierdurch ermöglicht werden, rechtzeitig eine Prüfung vorzunehmen und einer etwaigen Einreihung solcher Personen in das Heer vorzubeugen.
Ein großer Beamtenwechsel im Kolonialamt hat in aller Stille stattgefunden, und zwar sind aus verschiedenen Ministerien Beamte in das Kolonialamt versetzt worden, während die bisherigen Inhaber der betreffenden Posten andern Ministerien überwiesen wurden. Die geheime Kalku- latur ist vollständig ausgehoben worden. Die Tägl. Rundschau sieht darin einen weilern Beweis, daß unter Dernburg im Kolonialämt in jeder Beziehung neues Leben beginnen soll. Versetzt sind: Hofrat Hentschel in das Auswärtige Amt; Geheimer Registrator Liebahn in das Reichsamt des Innern; Geheimer Registrator Otto Schmidt ebenfalls in das Reichsamt des Innern usw.
Die österreichische Delegation nahm gestern in Budapest ihre Arbeiten wieder auf und begann die Verhandlungen über das Heeresordinarium. Madeyiki zollt der Heeresverwaltung Dank für die Pflege des religiösen Geistes in der Armee, insbesondere für die Erteilung des Religionsunterrichts in den Militärbildungsanstalten in der Muttersprache der Zöglinge. Redner betont, daß keine Verfolgung imstande sei, eine kulturell bedeutende Nation zu entnationali- sieren und erkennt an, daß die österreichische Regierung die Erfolglosigkeit ihrer früheren gegenteiligen Politik eingesehen habe. Das geeignetste Mittel für eine sittliche Erziehung der Staatsbürger sei der Religionsunterricht in der Muttersprache. Wohin es führe, wenn wilde Verrohung die Sitten der Masse ergreife und in die Armee eindringe, dafür liefere die Geschichte Beispiele und anch die jüngsten Ereignisse in einem Nachbarstaate wiesen grauenhafte Szenen von Verwüstungen an Menschenleben und Menschengut auf. Die Staatsverwaltung habe auch die Aufgabe und
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Feuilleton.
Die Beichte.
Humoreske von Armin Rouai.
(Nackdruck verboten.)
In der Villa deS alten Generals war wieder der große Belagerungszustand proklamiert. Alljährlich mit dem Anbruch deS schönen Frühlingswetters erschien Martha, die Nichte des alten Haudegens, sonst glückliche Majorsfrau in der nahen Stadt, um sich ein paar Wochen lang dem in wohlverdientem Ruhestand und behaglicher Zurückgezogenheil lebenden Onkel zu widmen. Was Frau Martha in der Hauptsache dahin interpretierte, daß sie in der Villa das unterste zu-oberst kehrte, alle Räume unter Wasser setzte und allgemeines Reinemachen, Waschen, Scheuern, Putzen, Bruno- lieren, Lackieren und Polieren veranstaltete, zur hellen Verzweiflung des alten Generals, der dadurch aus seiner beschaulichen Ruhe aufgescheucht und aus einem Zimmer ins andere gejagt wurde. Jeder Widerstand war vergeblich und reizte Frau Martha nur zur Entfaltung von noch raffinierteren Putzmanövern.
„Aber, Onkelchen," rief sie dann, „Du versinkst ja buchstäblich in Moder und Schmutz, wenn ich nicht alle Jahr einmal wenigstens mit dem Besen dazwischen fahre."
„Gewiß, Marthachen, bin Dir ja von Herzen dankbar. Wenn Du nur sanfter vorgingest, mehr schonend und allmählich, anstatt mich plötzlich uud unvermittelt in Staubwolken ersticken und in Seifenbrühe ersaufen zu lassen."
Schließlich aber konnte die Dame mit dem alten Herrn doch alles durchsetzen und entschädigte ihn nach vollbrachter Reinigungsprozedur mit einigen in stiller Gemütlichkeit vollbrachten Tagen. Und dieser lieblichen Aussicht wegen ließ er am Ende alles resigniert über sich ergehen.
Eben herrschte also wieder großer Belagerungszustand in der Villa. Frau Martha war gerade beim Allerheiligsten, dem mächtigen Schreibtische des Generals, angelangt, der seit
die Pflicht, bei den Staatsbürgern eine gewisse Anhänglichkeit an den Staat zu wecken, an deren Stelle das Gefühl der Erbitterung treten müsse, wenn die nationalen und religiösen Empfindungen verletzt werden. Eine derartige Erbitterung sei geeignet, für den inneren Bestand des Staates als auch im Falle internationaler Konflikte für seine äußeren Beziehungen bedrohlich zu werden. Stein (Alld.) polemisiert gegen den Vorredner und erklärt die Verquickung von Katechismus mit dem Soldatentum für unmöglich. Er legt Verwahrung dagegen ein, daß Angriffe gegen einen auswärtigen Staat und dessen innere Politik gemacht werden. Redner wisse die Klagen der Polen über die Behandlung ihrer Volksgenossen in Preußen richtig einzuschätzen. Die deutsche Regierung sei leider viel zu schwach gegenüber dem von den Polen in Posen ausgeübten Terrorismus. Wäre man auf dem Standpunkte Bismarcks geblieben, so hätte man dort ganz andere Tänze aufführen sehen. Auf einen Zwischenruf Pastors: Ausrotten, nicht wahr? fährt Stein fort: Gewiß, eine Nation, die sich dem Staate nicht anpassen will, muß vertilgt werden. Im weiteren Verlauf der Debatte tritt Graf Schönborn dem vom Abgeordneten Stein erhobenen Vorwurf entgegen, als ob die Polen bei jeder Gelegenheit gegen den auswärtigen Staat sprächen. Es gehöre eine übertriebene Empfindlichkeit dazu, auS den Ausführungen Madeyskis eine Friedensstörung oder eine Hetze gegen einen anderen Staat ableiten zu wollen. Mit seiner, jedem Gefühl der Humanität und jeder österreichischen Tradition Hohn sprechenden Aeußerung, daß das mächtigere Volk das schwächere vertilgen solle, werde Stein gewiß allein bleiben. (Lebhafter Beifall.) Dulemba (Pole) dankt dem Grafen Schönborn für seine Ausführungen. Nächste Sitzung Freitag.
Der König von Spanien hat gestern das Amnestiegesetz und das Gesetz betreffend die provisorische Einführung des Zolles auf ausländisches Getreide unterzeichnet.
Die Hilfstätiakcit zur Bekämpfung der Hungersnot in China ist im vollem Gange. Von feiten der Regierung und aus anderen chinesischen Quellen gehen große Summen Unterstützungsgelder ein. 15 000 Sack amerikanisches Mehl, die bis jetzt gekauft wurden, sind unterwegs.
Bin WliWkwcgnng.
Berlin, 3. Januar. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt:
Zum Wahlkampf! Warum 8000 Mann ? Schon zur Zeit des Hererofeldzuges war man erstaunt, daß gegen die Wilden eine größere Truppenmacht aufgeboten wurde; man wunderte sich aber noch mehr darüber, daß die Gefechte trotz-
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einem Jahr nicht mehr recht in Ordnung gebracht worden war, demnach so aussah, als hätten mehrere Regimentsbureaus ihre überflüssigen Bücher, Protokolle und Akten-Pastiere dort abgelagert. Johann, der biedere Hauslakai, durfte sich natürlich nicht erlauben, auch nur ein Schnitzelchen von der Stelle zu rühren, und da auch der General sich von keinem seiner mit Notizen übersäten Papierstreifen trennen konnte, aber auch Bücher gern dort liegen ließ, wo er sie aufgeschlagen hatte, so gab das im Laufe eines Jahres ein hübsches Durcheinander.
Martha schlug in heller Bestürzung die Hände zusammen. Der alte Onkel stand vor dem Schreibtisch, kampfbereit, um das geliebte Tohuwabohu, wenn nötig, mit dem Aufgebot seines ganzen, auch im Ruhestand noch intakten Feldherrngeschickes zu verteidigen.
„Aber, Onkel, um HimmelLwillen", kam es endlich von Marthas Lippen, „wie konntest Du in dieser gräßlichen Unordnung auch nur einen einzigen Tag existieren. Da hat ja eine ganze Eskadron wochenlang zu tun, um in dieses Chaos System hineinzubringen."
„Du nennst Chaos, Marthachen, was mir liebgewordene Ordnung ist."
„Eine nette Ordnung. Die hätte Dir als Leutnant ge’ wiß acht Tage Stubenarrest eingetragen. Hier liegen ja die Zeitungen eines ganzen Jahres, — hier alte Armeebefehle — alte Kriegschroniken, — drei Bände Konversationslexikon, — Rang- und Quartierliste, — Zigarrentasche, Tabak, Tintenflecken „en mässe" und dazwischen die Bilder Deiner einstigen Kameraden, berühmte Generale, Korpskommandeure und hier, — hilf, Himmel, Onkel Edmund, wahrhaftig eine Dame! Wie kommt denn das Bildnis einer zarten Dame unter dieses rauhe Kriegsvolk? Ei, ei, Onkelchen, das ist ja eine nette Entdeckung. Habe bisher das Bild noch nie gesehen, also ist es inzwischen aquiriert worden, sozusagen ein Abenteuer vom letzten Jahr . . . Herr General, Sie sind auf Abwege geraten. Ich erbitte mir wahrheitsgetreuen Rapport unter reumütiger Zerknirschung."
„Daß Dir aber auch nichts entgeht. Freilich war das Bild voriges Jahr noch nicht hier. Habe es erst vor ein paar
dem mit verhältnismäßig geringen deutschen Kräften geschlagen wurden. Alte Kolonialmächte erstaunen nicht über dergleichen. Daß dies bei uns geschieht, liegt teilweise wohl daran, daß man noch immer nicht die Schwierigkeiten begriffen hat, mit denen unsere Soldaten in Südwestafrika zu kämpfen haben. Nicht die im Einzelfall gegenüberstehenden Feinde sind dort die Hauptgegner, sondern die Ausdehnung und Unwegsamkeit des Landes, die geringe Kultur und der Mangel an Lebensmitteln und Wasser. Die 8000 Mann, die augenblicklich noch als unumgänglich nötig für die Kolonie verlangt werden, verteilen sich auf ein Gebiet, welches P/i mal so groß ist als das Deutsche Reich. Eisenbahnen sind kaum vorhanden, feste Wege ebenfalls nicht. 2000 Mann stehen im Norden und müssen dort stehen bleiben. Würde man sie zurückziehen, so würben die unruhigen Elemente der Eingeborenen sofort die Oberhand gewinnen. 123 Ansiedler wurden im Hererolande ermordet mangels Truppen, sie zu schützen. Es bleiben für den Süden annähernd 6000 Mann. Diese Truppen kämpfen etwa 500 Kilometer von der Küste. Es bleiben nach Abzug der notwendigen Kräfte für die Etappen, Sicherung der Transporte usw. rund 4500 Mann. Hiervon gehen aber noch Mannschaften für Telegraphen- und Heliographenstattonen, für Sicherung der Proviant- und Munitionsdepots und für Herden zur Versorgung der Truppen mit frischem Fleisch ab. Ferner gehen 10 Prozent Kranke, Aerzte und Lazarettpersonal ab. Dann ist es begreiflich, daß nur wenig fechtende Feldtruppe übrig bleibt. Das ist eine alte Erfahrung aller Kolonialkriege, an die auch wir uns noch gewöhnen müssen. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn wir nur kleine Abteilungen von 1000 bis 2000 und Kompanien von 40 Gewehren an den Feind gelangen sehen. Die Ergebung der Bondelzwarts brachte uns unbedingt dem Ende des Krieges näher. Aber selbst wenn noch andere im Feld stehende Banden (Simon, Copper, Fielding, Morris, Stürmann) sich ergeben hätten, wären wir nicht in der Lage, die Truppen gleich zurückzuziehen. In der dem Reichstage im November 1906 vorgelegten Denkschrift, die schon mit der Niederwerfung deS Aufstandes rechnete, sind bereits die Gründe aufgeführt, weshalb die Truppen und eine Bahn nach wie vor zur Herbeiführung dauernd ruhiger Zustände im Lande notwendig seien. Wer die Truppen zu früh und zu stark vermindert, der versündigt sich an den braven Truppen, die heldenmütig den Feind bezwungen haben; er entreißt ihnen die Früchte aller Anstrengungen; ebenso an den Farmern. Wer sollte an einer Fortsetzung des Krieges Freude haben? Am wenigsten doch die Regierung ! Was an Truppen zurückgezogen werden kann, wird zurückgezogen, daran kann kein Einsichtiger zweifeln, und doch gibt es Leute, die allen Erklärungen zum Trotz und
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Wochen bekommen, ganz zufällig, als ich da neulich in der Hauptstadt war."
Also eine ganz frische Liaison. Herr General, auf Ihre alten Tage..."
„Na, erlaube mal, Marthachen, mit 65 Jahren ist man eigentlich noch nicht ganz altes Eisen. . . Aber sei beruhigt, die Liaison ist nicht neu, sie ist sozusagen verjährt. . . . UebrigenS her mit dein Bild. Geht Dir nichts an. Mußt nicht in alles Dein Stumpfnäschen stecken."
„Nicht? Herr General, wenn nicht sofort umständlich ge- beichtet wird, so verlängere ich die Großreinemacherei um eine Woche."
Der Onkel hob die Hände in Verzweiflung empor.
„Daß Gott verhüte."
„Also dann heraus mit der Geschichte. Wer ist diese Dame? Kleider sich übrigens recht geschmacklos und scheint überhaupt weit über Mittelalter zu sein, eigentlich schon Antike. Wer ist sie, wo lebt sie, was hat mein Onkelchen mit ihr vor und so weiter und so weiter bis ins allergeheimste Detail. Bitte, nichts verschweigen, sonst —--"
Die Majorin schwang drohend ihren Flederwisch über dem Haupt des Generals, der mit halb belustigter, halb entsetzter Geberde zusammenschauerte.
„Oh, Du Putzteufel, Du Scheuerdämon, Du Abstaubsatan, Dir soll einer widerstehen. Nun gut, Du sollst die Geschichte hören, aber lediglich unter der Bedingung, daß Du mich dann hier wenigstens mit Deinen Attacken verschonst."
„Abgemacht, dieser Raum wird für neutral erklärt —■ wenn die Geschichte nett ist."
„Nett? .... Alt ist sie jedenfalls, die Geschichte meiner polnischen Braut. ..."
„Polnische Braut? Hoh, das wird ja immer interessars» ter. . . . Onkelchen, Du hast wohl von jeder Nationalität mal eine Braut gehabt?"
„Na, es ging allerdings auch in ethnographischer Hinsicht in meinem Leben recht bunt zu. Wenn man jung ist und als Soldat im Reich herumgewirbelt wird, bald in böhmischen, bald in ungarischen Garnisonen, heute unter Kroaten, morgen unter Italienern. . . ."