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2. Janitar.
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§ Schlüchtern, 1. Jan. Im Wahlkreift Fulda— Ger?- seld—-Schlüchtern wurde der Amtsrichter Dr. Hengs- berget in Schlüchtern (freikons.) als gemeinsamer Kandidat der nationalen Parteien ausgestellt.
Berlin, 31. Dezbr. Gestern fand eine von allen fr eisinn igenVereinen des 6. Berliner Reichstagswahlkreises gut besuchte Vertrauensmänner-Versamm- lung statt, in welcher einstimmig beschlossen wurde, Herrn Rektor Kähler-Berlin als freisinnigen Reichstags-Kandidaten in Vorschlag zu bringen.
Horka, 81. Dezbr. In einer stark besuchten VertrauenS- männer-Versammlung der konservativen Partei, der freisinnigen Volkspartei und der Rational- liberalen wurde an Stelle deS aus Gesundheitsrücksichten nicht wieder kandidierenden Grafen Arnim-Muskau Rechtsanwalt Bassermann, der Führer der Nationalliberalen, einstimmig als gemeinsamer bürgerlicher Kan- d i d a t für Rothenburg-Hoyerswerda aufgestellt. Der anwesende Generalsekretär der nationalliberalen Partei, Herr Breithaupt, der in längeren Darlegungen die politische Lage gekennzeichnet hatte, erklärte für Herrn Bassermann, day dieser die Kandidatur mit Dank annehme.
Darmstadt, 31. Dezbr. Der Landesausschuß der freisinnigen Partei für das Großherzogtum Hessen war gestern abermals in Frankfurt zusammengetreten, um endgültig über die Reichstagskandidaturen in Hessen Beschluß zu fassen. Es wurde allseitig bedauert, daß die Verständigung mit den Nationalliberalen an deren übertriebenen Forderungen und völlig unzureichendem Entgegenkommen gescheitert sei. Trotzdem wurde beschlossen, dem Landesausschuß der nationalliberalen Partei nochmals eine gegenseitige Unterstützung in den Wahlkreisen Gießen und Alzey-Bingen vorzuschlagen. Die Nationalliberalen lehnten anch diesen Vorschlag ab, da sie die Kandidatur Schmidt in Alzey-Bingen nur dann unterstützen könnten, wenn die Freisinnigen für den national- liberalen Besitzstand in Worms, Gießen und Friedberg eintreten. Damit sind die Verhandlungen endgültig und auf der ganzen Linie gescheitert.
Kiel, 1. Januar. Gestern haben hier die National- liberalen, die Konservativen, der Bund der Landwirte und der nationale Arbeiterverband offiziell beschlossen, den frei- finnigen Reichstagskandidaten Steller zu unterstützen.
fisanclel, Gewerbe und Verkehr.
Vom Wirtschaftsjahr. Mit gewohnter Pünktlichkeit ist wieder der Jahresbericht der Hamburger Handelskammer als erster auf dem Plan erschienen. Er konstatiert zunächst einen weiteren Aufstieg der wirtschaftlichen Entwicklung. Die neuen Handelsverträge haben die befürchtete nachteilige Wirkung bisher nicht auSgeübt, weil die Hochkunjunktur als Gegenfaktor wirkte. Die Industrie kämpfte mit erheblicher Steigerung der Herstellungskosten und der Ansprüche der Arbeiter. Die Arbeiterschaft leistet weitaus nicht mehr daS gleiche, wie vor einigen Jahren, arbeitet absichtlich weniger und feiert häufiger. Befürchtungen für den Wettbewerb der deutschen Industrie erscheinen gerechtfertigt, wenn dieses System allgemeine Geltung erlangt. Die größten Schwierigkeiten bereitete der zunehmende Arbeitermangel und der starke Arbeiterwechsel. Die Hamburger Einfuhr war durchweg rege, besonders in Kolonial waren, nur baS Getreide- geschäft war unbefriedigend, da auch die Verwertung der vor dem Inkrafttreten deS Zolltarifes eingefiihrten Mengen nicht den erwarteten Nutzen brachte. In Salpeter und sonstigen Düngemitteln hat bei steigenden Preisen ein sehr bedeutendes Geschäft stattgefunden, doch scheint der Höhepunkt der Konjunktur in diesen Artikeln bereits erreicht zu sein. Das Ausfuhrgeschäft erstellte sich durch Aufschwung vieler überseeischer Absatzgebiete guter Entwicklung. Der Bericht empfiehlt im einzelnen China als zukünftiges bedeutendes Absatzgebiet großer Beachtung. Gegenüber der Zollgesetzgebung Australiens möge die deutsche Regierung erwägen, ob eine Verständigung mit Australien ratsam ist und die Einfuhr von Lebensmitteln dem allgemeinen deutschen Interesse entspricht. Ein Zollstieg sei zu vermeiden. Die Verhältnisse in den deutschen Kolonien haben sich im letzten Jahre bedeutend gebessert. Die Seeschiffahrt zog Vorteil von den allgemeinen günstigen Ge- schäftsverhältniffen. DaS Passagier- und Frachtgeschäft war sehr lebhaft. Nur die Lage der freien Frachtfahrt ist wenig gebessert, da die Frachten auf dem Tiefstand verharren. Zur Fleischteuerung wird die Zulassung amerikanischen Viehs und die Ermöglichung der Fleischeinfuhr empfohlen, da die neue amerikanische Gesetzgebung die nötigen Sicherheiten gewähre. ES seien viel durchgreifendere Maßregeln erforderlich, als der Reichskanzler ankündigte.
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Frankfurt a. M., 1. Jan. Auf dem Viehmarkt standen gestern zum Verkauf: 448 Ochsen, 44 Bullen, 740 »kühe und Rinder, 201 Kälber, 203 Schafe und Hämmel und 1375 Schweine. Gegen den letzten Hauptmark waren 135 Ochsen, 15 Bullen und 239 Kühe und Rinder, zusammen 389 Stück Großvieh mehr angetrieben. Der Markt war stark besucht, doch ging daS Geschäft flau und bei Marktschluß verblieb ein beträchtlicher Ueberstand. Es trat auch ein Preisrückgang ein und zwar bei Ochsen besserer Qualität, Bullen und Rindern mittlerer und geringerer Qualität um 2 Mark pro 100 Pfund Schlachtgewicht, bei Ochsen mittlerer und geringerer Qualität sowie Kühen und Rindern besserer Qualität um 3—4 Mark. Nach auswärts war das Geschäft ziemlich lebhaft; zirka 280 Stück wurden per Bahn verladen, zu Fuß wurden etwa 300 Stück abgetrieben. Aus Oesterreich stammten 136 Ochsen, 2 Bullen, 1 Kuh und 9 Stiere. Das Kälber- und Hammelgeschäft ging auch flau, in Kälbern wurde geräumt, bei Hämmeln verblieb ein unbedeutender Ueberstand. Das Schweinegeschäft war gleichfalls flau, es verblieb ein unbedeutender Ueberstand. Die Zufuhr betrug 12 Doppelwaggons und 3 Waggons.
Hessische Totenschau 1906.
Forstmeister Borgmann, 64I., Oberaula, 8.Januar. — ReichsgerichtSrat FerdinandFrhr. v. Dincklage, Leipzig, 4. Januar. — Theatersekrerär a. D. und Redakteur deS „Hessenland" Schriftsteller Wilhelm B e n n e ck e, 59 I., Cassel, 6. Januar. — Oberpostdirektor a. D. zur Linde, 70 I., Cassel, 6. Januar. — Prof, und Prorektor a. D. Friedrich Heuser, 79 I., Betzdorf a. d. Sieg, 7. Januar. — Generalsuperintendent und Oberhofprediger D. Wilhelm
Lohr, 67 I., Cassel, 10. Januar. — Orientalist Dr. Bickell, 68 J., Wien, 14. Jamrar. — Muffklehrerin Frieda Weidemüller, 57 I., Cassel, 4. Februar. —* Redakteur deS „Hanauer Anzeigers" und Leiter der Waisenbansbuch- druckerei Georg Weistbrod, 75 I., Gr.-Auheim, 6.Febr. — Regierungsrat a. D. Dr. Karl Schmidt, 74 I.. Marburg, 8. Februar. — Kgl. Hegemeister a. D. Stephan Pfeil, 71 J., Wilhelmstal, 9. Februar. — Konsulagent des deutschen Reiches Moritz von Baumbach, 73 I., Milwaukee, 1. Februar. — Gesangslehrerin Fräulein Johanna M e h l - bürg er, Cassel, 15. Februar. — Oberst Wilhelm von Apell, 57 I., Arolsen, 16. Februar. — Sanitätsrat. Dr. med. Hinkelbein, Cassel, 23. Febr. — Kgl. Forstmeister a. D. Heinrich Siebert, Marburg, 28. Febr. — Prorektor a. D., Professor Leonhard Grebe, 71 I., Jena, 16. März. — Kgl. Opernregisseur a. D. Otto Ewald, 62 I., Cassel, 16. März. — Stadtrat Karl Louis Motz, 65 I., Cassel, 24 März. — Kgl. Forstmeister Viktor Born, Glinke bei Bromberg, 24. März. — Forstmeister a. D., Karl Ide, 68 I., Cassel, 26. März. — Oberförster a. D. Werner Otto, Homberg, 29. März. — Major a. D. Kurt von der Malsburg, 70 I., Dresden, 2. April. — Professor und past extr. Christian Israel, 70 I., Hanau, 6. April. — Major a. D. Friedrich Kleine, 74 I., Cassel, 10. April. — Major a. D. Karl G i u l i n i, Meran, 18. April. — Telegraphendirektor a. D. Wilhelm Ziegler, 58 I., Cassel, 20. April. — Direktor a. D. Professor Dr. Franz Buchenau, 75 I-, Bremen, 23. April. — Generalarzt a. D. Dr. Robert Bender, 66 I., Fulda, 28. April. — OberlandeSgerichts- rat Dr. Richard Pfeiffer, 58 I., Cassel, 7. Mai. - Garnisonverwaltungsdirektor a. D. Friedrich Siemon, 84 J., Cassel, 8. Mai. — Metropolitan i. P. August Soldan, 79 I., Bensheim, 8. Mai. — Geheimer Regierungsrat Dr. jur. Franz L o tz, 84 I., Caffel, 12. Mai. — Porträtmaler Emil Förster, 84 I., Pittsburg, Pennsylvanien. — Kgl. Steuerrat Karl Otto EverS, 74 I., Marburg, 17. Mai. — Reichstagsabgeordneter Graf von Reventlow, 41 J. Wiesbaden, 22. Mai. — OberkriegSgerichtSrat Robert Wolf, 56 I., Bad Neuenahr, 25. Mai. — Oberlehrer Prof. Richard Franz, 54 I., Caffel, 29. Mai. — Pfarrer Johann Friedrich Otto Kröger, 78 I., Wabrrn, 81. Mai. — Kaiserl. Forstmeister a. D. Heinrich Langs, Marburg, 5. Juni. — RechnungSrat Friedrich N a u h a u S, 86 I., Caffel-Wilhelmßhöhe, 11. Juni. — Regierung*- und Baurat a. D. Ludwig Brökelmann, Caffel, 17. Juni. — Major a. D. Hermann v. Roques, alt 74 J., Cassel, 29. Juni. — Bürgermeister der Stadt Gelnhausen und Kommunal- Landtagsabgeordneter Georg S ch ö f f e r, alt 68 I., Gelnhausen, 80. Juni. — OberregierungSrat a. D., Julius Schönian, 78 I., Caffel, 3. Juli. — Oberzollinspektor a. D., Steuerrat Heitmeyer, Marburg, 11. Juli. — Bischof Dr. theol. Adalbertus Endert, 56 I., Fulda, 17. Juli. — Lehrer Friedrich Wilhelm Braun, 86 I., Cassel, 18. Juli. — Dr. phil. Ludwig Stacke, 89 I., Erfurt, 27. Juli. — Rechtsanwalt und Notar Justizrat Karl Grebe, Schmalkalden, 30. Juli. — Geh. Regierungsrat Professor Dr. Wilhelm Seelig, 86 I., Kiel, 30. Juli. - Gutsbesitzer Wilhelm Beinhauer, 74 I., VollmarShausen, 16. August. — Oberförster Ernst Konrad Hücker, 66 I., Forsthof bei Willingshausen, 7. Septbr. — Kgl. Hof-Orgelbauer Heinrich Euler, 70 I., Gottesbüren, 16. Septbr. — Kgl. Oberförster a. D. August Klein, V0 I., Cassel, 19. Septbr. — Geh. Regierungs- und Oberschulrat a. D. Ernst, Baden-Baden. — Rittmeister a. D. Graf Karl Emich zu Leiningen-Westerburg, Miinchen, 28. September. — Kgl. Oberforstmeister a. D. Karl Ziemann, 80 I., Caffel, 19. Oktober. — Privatmann Konrad Kay sau, 85 I., Caffel, 30. Oktober. — Kgl. Bergrat Gustav Ernst, 42 I., Cassel, 30. Oktober. — Kgl. Katasterinspektor Steuerrat Karl Riedel, 54 I., Caffel, 7. Novbr. — Hauptmann im Jnvalidenhause von Puttkammer, Carlshafen, 18. Novbr..— Oberstleutnant a. D. Gustav R u st, 69 I., Marburg, 18. Novbr. — Kunstmaler Andreas B r ü b a ch , Cassel, 23. Novbr. - Oberst a. D. Adolf P f e i f f e r, 56 I., Cassel, 3. Dezbr. — Konsul a. D. vr.d. o. Karl Christian Ochsenius, 76 I., Marburg, 9. Dezbr. — Generalmajor z. D. Franz von Gazen, gen. Gaza, Marburg, 14.Dezbr. — Sanitätsrat Dr. med. Moritz Wiederhold.
Hus aller Mell.
DaS Eisenbahnunglück bei OtterSberg. Bremen, 31. Dezbr. Auf der Ottersberger Unglücksstätte herrscht ein wüstes Chaos. Fünf Leichen wurden von Zug- und Postbeamten geborgen, eine sechste ist unter den Lokomotiv- trümmern sichtbar. Die Postsachen sind teilweise geborgen. Beide Gleise werden voraussichtlich bis morgen abend gesperrt sein. Die Austäumungsarbeiten sind sehr schwierig, weil die beiden Lokomotiven fest ineinander geschoben sind und zum Teil auf dem Eisenbahndamm, zum Teil in der Böschung liegen. Ueber die Entstehung meldet der „Berl. L.-Anz.": Der Schnellzug sollte den Güterzug in Ottersberg Überholen, und der Giilerzug sollte auf ein anderes Gleis gesetzt werden, als der Schnellzug herankam und ihn in die Flanke mit voller Wucht traf. Etwa 12 Güterwagen wurden total zertrümmert oder stark beschädigt. Etwa 60 Stück Rindvieh wurden getötet. Der Verkehr wird unter großen Schwierigkeiten durch Umsteigen aufrecht erhalten. „^ie Züge verkehren mit großen Verspätungen.
Von dem Eisenbahn-Unglück bei Ottersberg entwirft eine Sängerin vom Stadttheater in Bremen, die am Samstag in Hamburg gastiert hatte und in einem Frauenabteil zweiter Klasse im Unglückszuge zuriickfuhr, folgende Schilderung: „Ich befand mich in dem Abteil allein und hatte mich auf einer Bank ausgestreckt. Da ich keine Reisedecke mit mir führte und bei der draußen herrschenden empfindlichen Kälte das Koupee nicht besonders warm war, hielt ich mir immer vor: „Nur nicht einschlafen, damit du nicht zu kalt wirst." Unter dem Einfluß dieser Idee hatte ich gerade meinen linken Arm, der über den Rand der Bank herunterhing und „eingeschlafen" war, an mich gezogen und rieb ihn kräftig mit der rechten Hand, als plötzlich ein unbeschreiblich fürchterlicher Krach erfolgte — daS Koupee war über mir zusammengebrochen wie ein Kartenhaus. Ich lag zunächst vor Entsetzen gelähmt vollständig ruhig, dann suchte ich mir die Situation klar zu machen. Soweit es der enge Raum gestattete, suchte ich mich z'mächst davon zu überzeugen, ob ich irgendwie verletzt sei. Die Glieder waren bewegungsfähig, nur im rechten Oberschenkel fühlte ich eine bleierne Schwere. Mit einer mir heute vollständig unbegreiflichen Ruhe überlegte ich weiter. Sollte ich rufen.
schreien? Das wäre völlig überflüssig gewesen, denn von draußen drang ein geradezu ohrenbetäubendes Gebrüll zu mir herein, das überhaupt nicht zu übertönen war. Nun fing der Gedanke an mich zu quälen, was da wohl so entsetzlich brüllen möchte. Sind das die Verwundeten ? Können sterbende Menschen so fürchterliche Laute von sich geben? Plötzlich macht sich ein intensiver Gasgeruch bemerkbar, der mir fakt den Atem nahm. Großer Gott, dachte ich, jetzt naht das Ende, du wirst hier elendiglich zu Grunde gehen! Da kam es wie Verzweiflung über mich. Mit gewaltiger Anstrengung suchte ich mich von der hilflosen Rückenlage auf die Seite herumzuzwängen, um mich vorwärts schieben zu können, irgend wohin, irgendwo heraus . . .
Die Erschöpfung, die der großen Anstregung folgt, macht mich wieder ruhig, kalt. Ich taste nach der Seite, um zu sehen, ob da keine Oeffnung, kein Loch ist. Nicht?. Fest hat sich die andere Bank gegen meinen Sitz gepreßt — „eine Viertelminute früher, und dein linker Arm säße dazwischen, eingeklemmt, zermalmt" — geht es mir durch den Kopf. Von dem Mittelfenster des Abteil? ist nichts zu entdecken — doch vorwärts über meinem Kopf ein schwacher Lichtschimmer, baS schmale Seitenfenster ist frei geblieben,! Ich schiebe mich zu ihm hin — die Scheibe ist unverletzt geblieben — wie merkwürdig, denke ich, alles ist zerbrochen, nur die Glasscheibe nicht! Ich will anpochen, vielleicht hört man mich — zertrümmern kann ich in dieser hilflosen Lage das Glas mit den bloßen Fäusten nicht — da trifft die tastende Hand auf em Lattenstück, es läßt sich hervorziehen, und es gelingt mir, die Fensterscheibe damit einzustoßen. Mit dem Klirren des Glases vermischt sich eine Männerstimme von außen, und ein mit einer Matrosenmütze bedeckter Kopf hebt sich scharf vor der Oeffnung ab, daneben gleich darauf ein zweiter. Das war die Ret'ung. Die wackeren Blaujacken entfernten schnell die Reste der Fensterscheibe, griffen nach meinen beiden Händen und zogen mich aus den Trümmern. Was ich draußen auf dem hellen Schneefelde wahrnahm. Lauter Entsetzliches, was mtr aber kaum zum Bewußtsein kam. Wir waren in einen mit Vieh beladenen Güterzug hineingefahren — ein Chaos von Trümmern, dazwischen steckend halbzerfleifchte, wahnsinnig brüllende Tiere — brennnende Wagen, verwundete und teilweise entsetzlich verstümmelte Menschen. Ein Mann, dem eben beide Beine abgequetscht sind und der immerfort wiederholt: „Ich habe gar keine Schmerzen, gar keine!" — Eine Frau, der ein Arm fehlt — fieberhaft am Rettungswerk arbeitende Männer — dort ziehen sie eine Frau heraus, die, sobald sie sicheren Grund unter den Füßen fühlt, wie von Furien gepeitscht querfeldein rast — ich sehe daS alles, apathisch, wie gelähmt. Plötzlich erblicke ich an der Türöffnung des halbzertrümmerten Packwagens im Feuerschein meinen Koffer — den mußt du retten durchzuckt es mich, ich zerre ihn fort von den Trümmern auf den Bahndamm — und setze mich darauf und schaue wieder ganz apathisch auf all daS Grausige um mich her.--So muß ich wohl ein, zwei Stunden dagesessen haben. Ob es kalt war? Ich weiß es nicht. Ab und zu kamen meine Retter und sprachen beruhigende Worte — und als sie dann wiederkamen, faßten sie meinen Koffer und sagten: „Kommen Sie, Fräulein, wir sollen zur nächsten Station gehen." Mechanisch folgte ich ihnen,, mechanisch bestieg ich den Zug nach Bremen, mechanisch suchte ich meine Wohnung auf. Erst als ich meine vier Wände wiedersah, löste sich die entsetzliche Erstarrung in heftigen, immer wieder einsetzenden Weinkrämpfen . .
Der Herzog von Leuchtenberg geschieden. Die Ehe des Fürsten Georg Maximilianowitsch Romanowsky, Herzogs von Leuchtenberg mit der Tochter des Fürsten Niko- lauS von Montenegro, der Fürstin Anastasia Romanowsky, ist, wie ein Telegramm aus Petersburg berichtet, nunmehr geschieden worden. In kurzem wird die Tatsache amtlich bekannt gegeben werden.
800 000 Pesetas unterschlagen. Ein Skandal, der in Madrider militärischen Kreisen großes Anfsehen erregt, ist nach einem aus Madrid vorliegenden Telegramm auf« gedekt worden. Es handelt sich um große Geldunterschlagungen, die im Militärklub festgestellt worden sind. Man spricht von 300 000 Pesetas. Der Schatzmeister des Klubs soll mit dieser Summe bereits seit dem 19. Dezember flüchtig sein.
Vom Zuge überfahren. Am 29. v. M. zwischen 8 und 9 Uhr abends wurde in Kilometerstalion 59,3 der Strecke Stendal-Berlin im südlichen Gleise die Leiche des 20 jährigen Dienstmädchens Berta Großstücke gen. Liesicke aufgesunden. Die Verunglückte hat sich offenbar in.selbstmörderischer Absicht überfahren lassen.
Turmeinsturz eines historischen Schlosses. AuS Chinon, Departement Menne, wird gemeldet, daß der Jakobsturm des historischen Schlosses auf ein von der Witwe Brandix bewohntes Haus gestürzt sei, wodurch die Frau erschlagen wurde. — Das Schloß Chinon war bekanntlich die Residenz Karls ViI. in den Kriegen mit England.
Typhusepidemie im Wurmrevier. Nach einer Meldung aus Aachen hat im Wurmrevier der Typhus erneut bedrohlichen Charakter angenommen. Zahlreiche Bergleute wurden davon befallen. Ein Knappschaftsarzt aus Herzogenrath, der unterlassen hatte, der holländischen Behörde Mitteilung von der Erkrankung von Bergleuten zu machen, wurde zu 500 M. Geldstrafe verurteilt.
Andr6 Girons Hochzeit. Aus Brüffel wird unter dem 27. Dezember berichtet: Das Ereignis des Tages ist hier die Eheschließung Andrä Girons, des Ex-Freundes der Ex-Kronprinzessin von Sachsen, mit Fräulein Jeanne Braem, der Schwägerin des bekannten Lustspieldichters Maurice Hennequin. Girons Bestreben war es offenbar, seine Vermählung „im Beisein der ganzen. Welt" zu feiern : mit großem Gepränge und mit einem stattlichen Gefolge begab er sich in das Rathaus, wo der Standesbeamte die bürgerliche Trauung vornahm. Die kirchliche Trauung sollte in der Kirche Sainte-Croix in Jxelles stattfinden, wurde aber im letzten Augenblick unter dem Vorwande, daß in dieser Kirche ein Trauergottesdienst stattfinden müsse, nach der Pfarrkirche von Saint-Gilles verlegt. In Wirklichkeit hatte man diese Maßregel nur deshalb getroffen, weil man die großen Scharen neugieriger Mänulein und Weiblein von der richtigen Spur abbringen wollte. Als pikante Einzelheit verdient noch bemerkt zu werden, daß die „junge" Fran Giron bereits 40 Lenze zählt, während ihr Gatte erst 27 Jabre alt ist.