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Nr. 24
Montan den 29. Januar
1906
Uerusprechanschluß 9!r. 605»
Fernsprechanschlus; Nr. 605.
Kaisers Geburtstag.
Berlin, 27. Januar. Heute abend fand beim Kaiser- paar Familientafel statt. Der Kaiser führte die Kronprinzessin, der König von Sacksen die Kaiserin, der König von Württemberg die Prinzessin Friedrich Leopold. Die Majestäten saßen einander gegenüber. Rechts von der Kaiserin saß der König von Sachsen, links der König von Württemberg, rechts vom Kaiser die Kronprinzessin, links die Prinzessin Heinrich.
Berlin, 27. Januar. Bei der heutigen Kaiser- geburtstagsfeier im Reichstage brachte Präsident Graf B a l l e st r e m einen Trinkspruch auf den Kaiser aus, in welchem er zunächst erinnerte, daß zur Zeit des letzten Geburtstagsfestes d-s Kaisers schwere Sorge das kaiserliche Haus bedrückt habe, die Sorge um den schwer erkrankten Prinzen Eitel Friedrich. Gott habe aber alles zum Besten gelenkt. Redner erinnerte ferner an die Verlobung des Prinzen Eitel Friedrich mit einer deutschen Prinzessin und an die Vermählung des Kronprinzen. Der Kaiser sei aber nicht nur Familienvater, er sei Oberhaupt des deutschen Reiches und König von Preußen; er habe große, schwere Pflichten, gegen das deutsche Volk zu erfüllen. . Redner wies darauf hin, daß der Kaiser, der ein Nachkomme sei von Helden und Feldherren, als er den Thron bestieg, nicht den Ehrgeiz gehabt habe, es den Vorfahren auf dem Schlachtfelde nachzutun, sondern daß er sein Volk glücklich machen müsse. Er habe mit seiner-hohen Intelligenz eingesehen, daß zu diesem Glück vor allem gehöre, daß der Frieden erhalten bliebe, natürlich eint Friede, der nickt vor Rechten des deutschen Volkes versagen, nach allen Seiten nur das Glück des deutschen Volkes, aber auch der Nachbarvölker begründen sollte. Von diesem Ehrgeiz habe sich der Kaiser während der 18 Jahre seiner Regierung stets leiten lassen. Es sei ihm gelungen, den Frieden zu bewahren. Im letzten Jahre habe der Kaiser in Verbindung mit dem Präsidenten Roosevelt mächtig mitgewirkt, daß der große Krieg, der in Ostasien wütete, beendet werde. Er habe ferner persönlich dazu beigetragen, daß die Mißverständnisse in der marokkanischen Frage, die zu einem schlechten Ende führen konnren, aufgeklärt' und beigelegt wurden. Der Redner erinnert daran, daß seit Karl V. kein deutscher Kaiser afrikanisches Gebiet betreten habe. Der Kaiser habe durch die berühmte Landung in Tanger mächtig dazu beigetragen, die marokkanische Frage in ein Kielwasser zu lenken, das uns günstig war. Leider sei her schwere Kampf in Südwestafrika noch nicht ganz beendet. Die Truppen und Ofstziere hätten Wunder an Tapferkeit vollbracht und gezeigt, daß die Armee noch so beschaffen ist, wie sie aus dem großen Kriege hervorgegangen ist. Jetzt sei Aussicht, daß die Sache zu einem guten Ende komme. In Jahresfrist werde man vielleicht soweit sein, daß auch dort Friede ' herrsche, wie der Friedenskaiser es wünsche. Um aber den Frieden zu erhalten, nicht nur in Europa, sondern auch in der Welt, müsse man stark sein, so gerüstet, daß man jeden, der den Frieden leichtsinnig stören wolle, auf das Haupt schlage und ihn zwinge, Frieden zu halten. Das würden andere Mächte auch schon tun, ohne daß man sie gerade aufs Haupt zu schlagen brauche, wenn sie nur wissen, daß sie, wenn es nötig ist, geschlagen werden mit der ersten Armee der Welt und einer im Aufschwung befindlichen Flotte. (Lebhaftes Bravo.) Der Redner fuhr fort: Im deutschen Reiche seien zwei Prinzipien vereinigt, das Prinzip der Förderation, vertreten durch den Bundesrat und die Bundesfürsten, das Prinzip der Einheit des Reiches, vertreten durch den Kaiser und den Reichstag. Das Kaisertum und der Reichstag, beide am 18. Januar 1871 geboren, seien Zwillingsgeschwister, dit sich gegenseitig zu Gefallen sein müßren, was sie können. Der Reichstag müsse daher unter Berücksicktigung der Kräfte des steuerzahlenden Volkes die Mittel bewilligen, die nötig seien, um mit achtunggebietender Macht den Frieden aufrecht zu erhalten. Der Redner schloß: Wir haben einen herrlichen Kaiser, um den uns andere Nationen beneiden, wenn sie auch oft den Aerger zeigen, daß sie nicht einen solchen Monarchen besitzen. Wir wollen die Politik des Kaisers unterstützen. Wir wollen sein sein Zwilling, der, nicht nur ihm zu gefallen, sondern auch dem deutschen Volke zu gefallen, das tut, was nötig ist, um die Macht Deutschlands zu erhalten. Der Trinkspruch klang dann in ein dreimaliges Hoch aus, in welches die Versammlung begeistert einstimmte.
Erlaß des Kaisers. Ein von sämtlichen preußischen Ministern unterzeichneter Erlaß des Kaisers vom 27. d. M. ändert den Erlaß vom 27. Januar 1989 in folgender Weise ab: I. die Oberlehrer der Gymnasien, Realgymnasien, Ober
realschulen, Progymnasien, Realschulen und Landwirtsckafts- schulen können bis zur Hälfte der Gesamtzahl zu Professoren charakterisiert und mir, sofern sie eine zwölfjährige Schuldienstzeit von der Beendigung des Probejahres ab zurückgelegt haben, zur Verleihung des persönlichen Ranges als Räte vierter Klasse vorgeschlagen werden. II. die Ziffer VII Nr. 1 des Erlasses findet auch auf die Leiter der dèm Minister für Handel und Gewerbe unterstellten staatlich unterstützten kunstgewerblichen Fachschulen und höheren Fachschulen für Textilindustrie Anwendung, ill. die Oberlehrer der dem Minister für Handel und Gciverbe unterstellten staatlichen Baugewerk-, Maschinenbau- und sonstigen Fachschulen können bis zur Hälfte der Gesamtzahl zu Professoren charakterisiert und mir, sofern sie nach Vollendung des dreißigsten Lebensjahres eine zwölfjährige Dienstzeit zurückgelegt haben, zur Verleihung des persönlichen Ranges als Räte vierter Klaffe vorgeschlagen werden. IV. die Verleihung des Charakters „Professor" kann an Lehrer der dem Minister für Handel und Gewerbe unterstellten staatlichen kunstgewerblichen Fachschulen auch "ohne die Voraussetzung voller akademischer Bildung erfolgen. V. die unter Ziffer VH Nr. 2 und 4 des Erlasses getroffenen Bestimmungen finden mit den vorstehenden Abänderungen unter 1 IT und IV auch auf die Lehrer der staatlich unterstützten kunstgewerblichen Fachschulen und höheren Fachschulen für Textilindustrie Anwendung. VI. welche kunstgewerblichen Fachschulen unter die vorstehenden Vorschriften unter II, IV und V fallen, wird vom Minister für Handel und Gewerbe im Einverständnis mit dem Minister der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten und dem Finanzminister bestimmt. VII. der Minister für Handel und Gewerbe wird ermächtigt, in geeigneten Fällen den elatSmäßig angestellten Leitern seibn- ständiger Abteilungen sowie der Versuchsanstalt der Porzellanmanufaktur den Charakter „Professor" zu verleihen.
Bevlitt, 27. Jan. Der „Reichsanzeiger" meldet: Auf Vorschlag der Kaiserin erhielten: Frau StaatsmEffter v. Budde geb. Herfort zu Berlin, verwitwete Frau Elisabeth Braun, geb. Freiin v. Stumm zu Saarbrücken, Fräulein Mathilde v. Alevissen zu Köln, Frau General v. Braunschweig geb. Gräper zu Danzig, Frau General v. Lindeauin geb. v. Podewils zu Hannover, Frau Oberpräsident v. Moltke geb. Zuckschwert zu Königsberg die zweite Klaffe zweiter Abteilung des Luisenordens mit der Jahreszahl 1865. Der „Reichsanzeiger" meldet ferner: Dem kaiserlichen Generalkonsul in Kairo Martin Rückor-Jenisch wurde der erbliche Adel und zugleich als zeitiger Besitzer des Senator Martin Jeniich-Blumendorf-Friseuburger Familien-Fideikommisses die Freiherrnwürde verliehen. Der Geheime Regierungsrat Professor Ende zu Berlin erhielt die Medaille für Verdienste im. Bauwesen in Gold. — Um der Akademie der Wissenschaften in Berlin ein weiteres Zeichen seiner Anerkennung zu geben, erteilte der Kaiser der Akademie die Ermächtigung, zur Eb- rung besonderer Verdienste um die Förderung ihrer Aufgaben alljährlich an ihrem Leibniztage eine Leibniz-Medaille zu verleihen.
Berlin, 27. Jan. Das Festmahl der Abgeordneren fand in der Wandelhalle des Abgeordnetenhauses statt. Das Kaiserhoch brachte Präsident v. Kröcher aus. — Die Mitglieder des Herrenharffes speisten in der dortigen Wandelhalle. Fürst v. Knyphausen toastete auf den Kaiser. — Bei dem Festmahl der städtischen Behörden brachte Oberbürgermeister Kirschner einen Trinkspruch aus und erinnerte an die vorjährige, durch die Sorge um Prinz Eitel Friedrich getrübte Geburtstagsfeier des Kaisers und an das durch die Verlobung des Prinzen Eitel Friedrich und die Hochzeit des Kronprinzen neu eingekehrte Glück und sprach seine Freude darüber aus, daß die Zahl der Teilnehmer am Festmahl, die sich hierdurch öffentlich zum Kaiser bekennen, zahlreicher als jemals sei. Ein solches Bekenntnis fei gerade jetzt notwendig; wenn auch der monarchische Sinn im Volke, das dem Großen Kurfürsten, den Königen und den Kaisern seine Entwicklung und Größe verdanke, tief eingewurzelt sei, so fehle es doch in letzter Zeit gerade in Berlin nicht an Bestrebungen, di: sich gegen die Monarchie wenden und die Irrlehren zu verbreiten suchen, daß eine Verbesserung der Verhältnisse des Volkes nur durch Umsturz erreichbar sei. Dem gegenüber sei es heiligste Pflicht, jederzeit überall für die monarchische Ueberzeugung einzutreten und dem irregeleiteten Teile, des Volkes klar zu machen, daß die wahrhafte Förderung seiner Interessen nur in einem geschichtlich gewordenen und friedlichen Siaate möglich sei, und daß sich die Hohenzollent immer als Schirmherrn mühselig und beladen erwiesen haben. Der Redner wies darauf hin, wie im letzten Jahre der Friede bedroht war und sprach die Erwartung aus, daß in etwaigen Stunden der Gefahr Fürst und Volk, wie ehedem, neu zusammenstehen. Er schloß
mit einem begeistert aufgenommenen Kaiserhoch. Stadtverord- neteuvorsteher Dr. LangerhanS feierte hierauf die Kaiserin als wahre Mutter und Vorbild für alle Familien.
München, 27. Jan. Zur Fc'-r des Gebutstages des Kaisers fand beim Prinzregenten Hoftafel statt, an der sämtliche hier anwefinden Prinzen und Prinzessinnen, der preußische Gesandte Graf Pourtales mit den Mitgliedern der Gesandtschaft, Ministerpräsid-nt Frhr. v. Podewils und andere teilnahmen. Während der Tafel brachte der Prinzregent in herzlichen Wm-ten einen Trinkspruch auf Kaifer Wilhelm, seinen Freund und hohen Verbündeten, aus.
Paris, 27. Jan. Aus Anlaß der Geburtstagsfeier des deutschen Kaisers wurde heute mittag in derdrutschen protestantis ch e n Christuskirche ein Fest - gotte 8 dien st abgehalten, welchem Fürst und Fürstin Radolin, der bayerische Geschäftsträger Graf Moy und Gemahlin, sämtliche Herren und Damen der deutschen Botschaft sowie überaus zahlreiche Mitglieder der deutschen Kolonie beiwohnten. Am Nachmittag fand auf der Botschaft ein 6 mpfang statt, zu welchem unter anderen erschienen waren: die Herzogin von Meiningen, zahlreiche auf der Durchreise befindliche Landsleute, sowie an tausend Mitglieder der deutschen Kolonie, darunter viele Angehörige des Gewerbe- und Arbeiterstandes. Fürst Radolin brachte einen Trinkspruch auf den Kaiser aus, welcher begeisterten Widerhall fand. Ein Orchester svieiie nationale Weisen. Abends findet unter dem Vorsitze des Fürsten Radolin im Hotel Kontinental ein Festmahl statt.
Kopenhagen, 27. Jan. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers stattete Prinz Christian heute dem deutschen G e s ch ä f t Sch r ä g e r Prinzen Reuß XXXI. einen G r atulationsbe such ab. Auf der deutschen Gesandtschaft fand ein Empfang der deutschen Vereine statt.
London, 27. Januar. (W. B.) Vormittags fand zur Feier des Geburtstages des deutschen Kaisers ein F est- goitcsdieu ft in der neuen deutschen evangelischen Kirche am Montpellier Dlace statt, dem die Mitglieder der deutschen Botschaft und des Generalkonsulats, sowie zahlreiche Mitglieder der deutschen Kolonie beiwohnten, Kirchenrat F r i s i u s hielt die Festpredigt.
Konstantinopel, 28. Januar. (W. B.) Anläßlich der Geburtstages des deutschen Kaisers fand zwischen dem Sultan und dem Kaiser ein herzlicher Depeschen- iv e ch f e I statt.
politische Rundschau.
Die italienische Militärbehörde in Kreta ver- urteilte wegen der Ermordung eines italienischen Soldaten das Dorf Campanu zu einer Enischädigung von 20,000 Francs und verlangte die Zahlung des Betrages innerhalb vierzehn Tagen, widrigenfalls militärische Maßregeln ergriffen- werden würden.
In der spanischen Kammer erklärte Ministerpräsident Morct, wie auch die Angelegenheit betreffend dir Betrügereien bei der Abstempelung der Titres der äußern Schuld auSsaUe, eS laufe letztere keine Gefahr, Spanien werbe seinen Verbindlichkeiten nachzukommen wissen.
Behördliche Schließung von Spielhöllen in Lissabon. Nachdem schon wiederholt an alle Spielklubs in Lissabon der Befehl ergangen war, zu schließen, trotzdem aber flott weitergespielt wurde, sind vor einigen Tagen in vorgerückter Nachtstunde alle bekannten Spielhöllen von der Kriminalpolizei ausgehoben worden. Möbel, Roulettes, die Gelder der Banken wanderten auf das Polizeipräsidium; die Spieler 41 Mann, darunter viele höhere Staatsbeamte und Offuiere, wurden ins Gefängnis gebracht, wo sie bis zur gerichtlichen Erledigung der Angelegenheit verbleiben müssen.
Neue Nnrnhen in Marokko. In der Umgegend von Tanger ist es zu neuen Streitigkeiten zwischen Raisuli und dem Nugerastamm gekommen. Die Singeraleute brannten gestern drei Dörfer im Osten von Tanger nieder. Es heißt, sie bereiteten sich vor, Raisuli in großer Zahl anzugreifen. Der Trauöportdampfer „Turki" geht heute nach Adjeraud ab und wird dort einige Artilleristen und Geschütze, die für Udjda bestimmt sind, ausschiffen.
Der Aussatz in Kolumbien» Der nach dem Entdecker der Neuen Welt genannte mittelamerikanische Staat soll eine ungewöhnlich hohe Anzahl von Patienten dieser furchtbaren Krankheit besitzen, die zumeist auf zu reichliche Fisch- nahrung zurnckgefübèt wird, namentlich wenn diese nicht ganz frisch ist. Unter vier Millionen Einwohnern zählt Kolumbien angeblich nicht weniger als 80 000 Aussätzige. Der seit 1904 amtierende Präsident, General Rafael Reyer, hat sich jetzt mit dein Kopenhagener Professor Ehlers in Verbinduus