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General-Anzeiger
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Nr. 180
Fernsprechanschlutz Nr. 605
Samstag den 4. August
Fernsprechanschlutz Nr. 605.
1906
Politischer «lochen bericht
Zn der verstossenen Woche ist die Entscheidung in Hagen-Schwelm um das parlamentarische Erbe Eugen Richters gefallen: Der Oberbürgermeister Dr. Cuno hat mit etwa 3000 Stimmen Mehrheit den Sozialdemokraten König geschlagen und den von der Sozialdemokratie arg be- bedrängten Wahlkreis für die Freisinnige Volkspartei gerettet. Wer dieses Wahlresultat, das an sich deshalb erfreulich ist, weil das Bürgertum über die Sozialdemokratie den Sieg davon getragen hat, gibt der Freisinnigen Volkspartei nicht den geringsten Grund, sich stolz in die Brust zu werfen und zu rufen: „Der Freisinn steht auf sich allein!" Denn nur dem einmütigen Zusammengehen der bürgerlichen Parteien ist der 'Sieg zu verdanken. Das Zentrum hat einen bemerkenswerten âweis politischen Verständnisses gegeben, da es sich nicht von den Gefühlen der Rache, sondern von nüchtern politischen Erwägungen leiten ließ und danach seine Maßnahmen traf. Das Resultat der Hagener Wahl hat aber zugleich den Beweis geliefert, daß trotz Mißstimmungen und den Parteigegensätzen ein Zusammengehen aller bürgerlichen Parteien recht gut möglich ist, wenn es sich darum handelt, die Revolutionspartei als den gemeinsamen Gegner der bürgerlichen Gesellschaft zu bekämpfen und zu verhindern, daß die angefaulte Dreimillionenpartei unter höhnischem Triumphgeschrei ob der kläglichen Zerfahrenheit ihrer Gegner das in der letzten Zeit so oft und so unrühmlich zerfetzte rote Banner in immer weiteren Wahlkreisen entfalten darf.
DieUnsauberkeit der sozialdemokratischen Kampfmittel ist abermals durch die bekannte Ent- hüllung des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie an den Tag gebracht worden. Die tugendstolze Revolutions- partei scheut sich eingestandenermaßen nicht, sich der Begünstigung einer ehrlosen Handlungsweise von Angestellten schuldig zu machen, sobald ihr daraus ein Vorteil im politischen Kampfe zu erwachsen scheint — eine Maxime, die darauf hinausläuft, daß die Sozialdemokratie ganz gern krumme Wege wandelt, während sie dasselbe bei allen anderen Parteien abscheulich finden würde. Die famose Erklärung, die der hauptsächlich beschuldigte Reichstagsabgeordnete R. Fischer auf die Enthüllungey des Reichsverbandes hin abgegeben hat, sind lediglich bezeichnend für die sophistische Spitzfindigkeit, mit der man selbst die größten Verfehlungen in der Sozialdemokratie als erlaubte Handlungen hinzustellen liebt. Für die Moral des Zukunftsstaates aber erwecken diese Kostproben einer mit zynischer Offenheit betätigten Herrenmoral, die der Sozialdemokratie Herrscher- und Narrenfreiheit gewährt, die schönsten Erwartungen. Im Gegenwartsstaat aber müssen solche Erfahrungen auf alle, die sich noch eine Empfindung für Anstand bewahrt haben, ent- hremdend und abstoßend wirken.
„Sie Meldung von der vorzeitigen Entbindung der Königin Wilhelmina der Niederlande ist in allen Kreisen Deutschlands mit lebhafter Teilnahme für die junge Herrscherin, ihren Gemahl und die niederländische Regierung wie für das Volk ausgenommen worden. Schlagen der jugendlichen Königin doch gerade bei uns viele Herzen voller Liebe und auftichtiger Verehrung entgegen, verbindet die beiden Völker doch ein treues Band verwandtschaftlicher Freundschaft. Bei allem schwerem Geschick haben aber die Kinder der Niederlande immer dessen gedacht, der über den Sternen thront und bei dem kein Ding unmöglich ist, und das läßt ihnen die zuversichtliche Hoffnung nicht rauben, baß hinter den Schatten der Trübsal die Sonne der Freude nimmer ganz verschwindet.
In England haben Friedenskonferenzen getagt und sich theoretisch mit derAbrüstung beschäftigt. Aber — Ironie des Schicksals — in demselben Augenblicke, in dem der erste Minister die Friedensdelegierten bewillkommnete, setzte die Regierung eine Flottenverstärkung im Parlamente durch. Wenn aber England seine Seemacht nicht verringert, sondern verstärkt, so werden die übrigen Mächte auch nicht zu solchen Abrüstungen bereit sein, und noch weniger werden sie an ihrem Landheere Abstriche machen lasten. Wie die Welt nun einmal ist, ruht die Erhaltung des Friedens auch weil sicherer, als sie durch weichliche Abrüstung gesichert werden könnte, in der Erkenntnis gereifter Völker, daß es keine verantwortungsvollere Entscheidung gibt als die über Krieg und Frieden. Diese Erkenntnis wird sich hoffentlich auch trotz der Rüstungen bei unsern Nachbarn jenseits des Kanals stärker erweisen als ihre gelegentlichen Kriegshetzereien.
Zn Rußland ist es wiederum zu schlveren Auflehnungen innerhalb des Heeres und der Flotte gekommen.
Turnerschaft und Sozialdemokratie.
Bei den Verhandlungen der „Deutschen Turnerschaft", die vergangene Woche in der alten Bischofstadt Hildesheim getagt hat, wurde auch der Kampf gegen die freien, in Wahrheit aber vaterlandslosen sozialdemokratischen Parteiturner ausführlich erörtert. Dabei wurde die Verfügung des preußischen Kultusministers Dr. v. Studt, daß Sozialdemokraten keinen Turnunterricht an jugendliche Personen erteilen dürfen, als „selbstverständlich" bezeichnet.
Am schärfsten sprach sich der greise Vorsitzende und frühere Reichstagsabgeordnete Dr. med. Ferd. Goetz aus, welcher folgendes ausführte: „Es gab eine Zeit, in der die Führer dieser Partei von dem Turnen der Männer und der Jugend nichts wissen wollten, weil sie fürchteten, das frische, fröhliche Turnen leite das Volk von politischen Zielen und von dem Jnterepe am Pattsileben ab, eine Befürchtung, die sich bis jetzt, Gott Lob, auch bewahrheitet hat. Neuerdings, weil die ganze Bewegung nicht schnell genug zum Umsturz und zum allgemeinen Kladderadatsch führen will, hat man jenen Standpunkt aufgegeben und setzt Kopf und Kragen dran und Himmel und Erde in Bewegung, die arbeitende Jugend und auch die arbeitenden Männer der deutschen Turnerschaft abspenstig zu machen und in ihre neue Schöpfung, die freie Turnerschaft, bezw. in den Arbeiterturnerbund hineinzuzwingen. Man muß sagen, zu zwingen, denn der neueste Trik ist der, daß die sozialdemokratischen Gewerkschaften und wirtschaftlichen Organisationen drohen, diejenigen aus rein wirtschaftlichem Interesse ihnen angehörigen Arbeiter, die der Deutschen Turnerschaft nicht den Rücken kehren, hinauszuwerfen ! Der Beweis, daß die freien Arbeiterturnvereine Parteivereine sind, wird ja dadurch auf das glänzendste geliefert, wenn er bisher auch schon durch den Inhalt der Arbeiterturnzeitung und das rote Liederbuch geführt war und in die Welt hinaus gesungen wurde. Der Erfolg dermft Fanatismus geleiteten Agitation ist zwar bis jetzt kein großer, — man hat eine Anzahl Vereine, meist kleine Landvereine, uns abwendig gemacht, hat vielleicht auch einige Turnhallen erobert, — tüchtige gut geleitete Vereine sind nicht untreu geworden, und unsere Zahlen sind gewachsen, — nicht Zurückgegangen. Herrscht in unseren Vereinen ein frohes, frisches Turnerleben, herrscht überall Treue und deutscher Sinn, so haben wir nur wachsam zu sein, aber nicht nötig uns zu sorgen, umso weniger, weil bei jenem Parteitreiben die Perle des deutschen Turnerlebens, der frische, frohe Geist, den finsteren Geistern des Hasses und des Mißtrauens, dem Unfrieden und dem fortwährenden Streiten weichen muß. Auch hierfür liefert die Arbeiterturnzeitung regelmäßig die Beweise. Damit das Komische nicht fehlt, versucht man auch den Vater Jahn zum roten Genossen umzuprägen, den treuen Alten, der in seiner Schwanenrede einen Absagebrief an die Roten geschrieben hat, den kein freier Turner an den Spiegel stecken wird.
Also treu bleiben und treu und unermüdlich im deutschen und vaterländischen Geiste arbeiten, heißt die Losung! Das deutsche Turnen hat die machtvolle und einst siegreiche Reaktion von oben her überwunden und überlebt, es wird auch mit der von unten fertig werden, wenn auch der Kampf hier schwerer ist. Jene Reaktion entflammte die Herzen zu wärmerem Schlag und heißerer Vaterlandsliebe, die von heute sucht dem Volke alles, was heilig ist, besonders die Liebe zum Vaterland aus dem Herzen zu reißen und es zum freude- und willenlosen Werkzeug gewissenloser Führer, zu dem großen Massenbrei zu machen, in dem der einzelne sein Streben, seine Tüchtigkeit und Kraft der allgemeinen Gleichheit zuliebe nicht zur Geltung bringen darf." '
Diese trefflichen Ausführungen kennzeichnen die sozialdemokratischen Turnvereine aufs beste, die in Wahrheit nicht Einrichtungen zur Pflege des Mannesmutes und der Manneskraft, sondern Schulen der Verhetzung und des Klassenhasses find.
Die Preise wichtiger Nahrungsmittel.
In der Zeitschrift des Königlich Preußischen Statistischen Landesamtes wurde vor einiger Zeit eine Uebersicht über die Preise wichtiger Nahrungsmittel in den letzten 25 Jahren nach den in Preußen angestellten statistischen Erhebungen veröffentlicht. Wie dieses amtliche Organ ausführt, ist die Tatsache, daß keineswegs von einer allgemeinen „Verteuerung des Lebens", nicht einmal von einer allgemeinen Verteuerung der Lebensmittel in den letzten Jahrzehnten, die Rede sein könne, allgemein bekannt. Das sollte man allerdings annehmen. Aber diese Tatsache wird gerade jetzt vielfach bestritten, und darum ist es gut, daß einmal ein amtlicher Nachweis darüber aufklärt.
Das wichtigste Leberrsmittel, das Brotgetreide, ist nach den statistischen Angaben im letzten Menschenalter erheblich billiger geworden. Auf den preußischen Märkten kostete in den Jahren 1871 bis 1880 die Tonne (1000 Kilogramm) Weizen durchschnittlich 223, Roggen 173 Mk., 1881 bis 1890 Weizen 182, Roggen 152 M., 1891 bis 1900 Weizen 165, Roggen 144 Mk., 1901 Weizen 162, Roggen 141 Mk., 1902 Weizen 164, Roggen 143 Mk. und 1903 Weizen 15 5, Nsqgen 132 Mk.
Anders steht es fteilich mit andern wichtigen Lebensmitteln. Als Ausgangspunkt ist in der statistischen Ausstellung das Jahr 1879 gewählt worden, weil es in Hinsicht der Getreidepreise weder besonders günstig noch ungünstig für die Verbraucher war. Ein besonders teueres Jahr der frühern Zeit, nämlich 1873, ist dann noch mit f in den Vergleich gezogen worden. Die Jahresmittelpreise s im Kleinhandel betrugen in Pfennigen im Jahre 1873 für ’ ein Kilogramm Rindfleisch 123, Schweinefleisch 135, : Kalbfleisch 105, Hammelfleisch 115, geräucherter inländischer j Speck 185, inländisches Schweineschmalz 177, Eßbutter 238, ; Weizenmehl zur Speisebereitung 49, Roggenmehl zur Speise- bereitung 34 und für ein Schock Eier 337; im Jahre 1879 Rindfleisch 115, Schweinefleisch 115, Kalbfleisch 98, Hammelfleisch 108, Speck 166, Schweineschmalz 164, Eßbutter 205, Weizenmehl 37, Roggenmehl 27, das Schock Eier 319: im Jahre 1889 Rindfleisch 117, Schweinefleisch 128, Kalbfleisch 105, Hammelfleisch 112, Speck 173, Schweineschmalz 170, Sß- butter 221, Weizenmehl 33, Roggenmehl 27, Eier das Schock 337; im Jahre 1899 Rindfleisch 126, Schweinefleisch 132, Kalbfleisch 126, Hammelfleisch 125, Speck 161, Schweineschmalz 156, Eßbutter 218, Weizenmehl 30, Roggenmehl 25, Mer das Schock 369; im Jahre 1903 Rindfleisch 133, Schweinefleisch 138, Kalbfleisch 137, Hammelfleisch 136, Speck 172, Schweineschmalz 169, Eßbutter 226, Weizenmehl 30 Roggenmehl 25 und Eier das Schock 385.
Verfolgt man nun die einzelnen Gegenstände dieser Uebersicht, so sieht man nur bei Speisemehl einen Rückgang, bei Weizenmehl von 37 auf 30, bei Roggenmehl von 27 auf 25 Pfennige für das Kilogramm, wie es bei dem Rückgänge der Weizen- und Roggenpreise von 196 auf 155 und von 144 aus 132 Mk. nicht zu verwundern ist. Bei allen andern oben angeführten Lebensmitteln zeigt die Uebersicht im Jahre 1903 höhere Preise als im Jahre 1879. Am geringsten und am wenigsten regelmäßig ist die Steigerung bei inländischem Speck und Schmalz. Auch die Steigerung des Butterpreises ist nur mäßig; erheblich macht sie sich bei allen Fleischsotten namentlich bei Kalbfleisch, am wenigsten bei Rindfleisch geltend. Auch Eier standen im Jahre 1903 noch wesentlich höher als im Jahre 1873, in dem Speck und Schmalz, Butter und Mehl noch viel teurer waren als 1903. Vergleicht man damit die Preissteigerungen aller sonstigen für den Lebensunterhalt nötigen Gegenstände, namentlich die enormen Steigerungen der Wohnungspreise, der sozialpolitischen Lasten und der Arbeitslöhne, so erlernn man deutlich die Unwahrheit der Legende vom „agrarischen Lebensmittelwucher".
Schädlichkeit der deutschen Witzpresse.
Mit einem Teile der deutschen Witzblätter, deren Erzeugnisse geradezu auf eine Schädigung Deutschlands im Auslande hinauslaufen, geht eine in Zürich erschienen« und von einem „Ausländsdeutschen" verfaßte Broschüre „Die Presse und die deutsche Weltpolitik" scharf irrs Gericht, in der es heißt:
„Gibt es etwas Gemeineres, Frecheres, ja Ekelhafteres als die steten Besudelungen, welche sich ein Teil der deutschen Witzpresse Fürsten, Polittkern und Völkern des Auslandes gegenüber erlaubt? Von Witz und Humor in der Regel reine Spur; lediglich giftsprühende Roheit und Gemeinheit bis zur Erregung physischen Ekels für den anständigen Teil schon des deutschen Publikums. Und nun denke man sich die Wirkung dieser ordinären Ausfälle auf das Ausland 1 Ich war wiederholt im Auslande Zeuge davon, wie in Cafès „Simplizissimus"-Nummern von Engländern und Russen, auch Schweizern (anläßlich der Beschimpfung schweizerischer Offiziere) in blinder Wut in hundert Fetzen gerriffen wurden, und wie man von bent Wirte kategorisch verlangte, daß er solche ekelhafte Lektüre künftighin aus seinem Lokale beseitige, was in der Tat auch häufig geschah. Wenn dann solche Witzblätter trotzdem dort später zu finden waren, so geschah dies in der Regel auf Verlangen der guten Deutschen, welche damit den Satz illustrieren: jedes Volk hat die Witzblatt«, die es verdient! Das deutsche Volk hat derzeit zweifellos die gemeingefährlichsten vom deutschen Standpuntte aus. DaS Ausland läßt sich die blöden Anrempelungen der deutschen Witzblätter schon lange nicht mehr ruhig gefallen und reagiert prompt dagegen, wenn auch häufig nur im stillen, indem sich eine stets sich vermehrend« Portion Haß und Zorn gegen die „Deutschen" bei ihm ansammelt."
In der Tat muß jedem Deutschen die ZorneSrüte inS Gesicht treten, wenn er mit ansehen muß, wie von ein« gewissen Sorte der deutschen Witzblätter sein Vaterland fortgesetzt mit Schmutz beworfen und vor dem Ausland« läch«- lich gemacht wird. Anderseits aber muß man auch die, um ehren gelinden Ausdruck zu gebrauchen, Gedankenlosigkeit d«S deutschen Lesepublikums bedauern, mit der diese Mißgeburten deutschen Humors beachtet und gekauft werden. Auch in England, Frankreick und in anderen Ländern gibt eS eine Schmutzpresse, aber der anständige Test des Publikums hätt es dort unter feiner Würde, Blätter in die Hand zu nehmen, die bei uns nur dadurch gedeihen können, daß «4 bei uns, selbst in gebildeten Kreisen, Leute gibt, die an solchem Schmutze Gefallen finden, wenn er nur in einem kcharf vom-