Erstes Blatt
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Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei de» verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
General-Anzeiger
Amtliches Organ fit Stadt- und Landkreis Kanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Die fünfgespaltene Petitzst« oder deren Baum 15 Pfg^ im Reklamenteil die Zeile SS Pfg.
verantwort!. Redakteur: S. Schrecker in Hanau.
Ml. 160 Nernsprechanschlutz Nr. 605.
Dienstag den 11. Juli
Ferrrsprechanschkttz Nr. 605.
1905
Hierzu
„Amtliche Beilage Nr. 10."
Amtliches.
Eandkreis fjanau.
AMMlllhMW des Königlichen Landrntsnnits.
Der KreiStterarzt C o l lm an n hier ist in der Zeit vom 10. d. Mts. bis 21. August d. Js. beurlaubt. Mit seiner Vertretung ist der Kreistierarzt Schirmer zu Gelnhausen beauftragt, an den sich die Ortspolizeibehörden vorkommenden Falles direkt wenden wollen.
Zur Vornahme der Ergänzungsschau nach den Vorschriften des Schlachtvieh- und Fleischbeschau-Gesetzes bleibt auch während der Beurlaubung des Kreistierarztes dessen ständiger Vertreter, Tierarzt Hufnagel hier, zuständig.
Hanau den 8. Juli 1905.
Der Königliche Landrat.
V4008 I. V.: v. Schlieben, Reg.-Assessor.__
Gefundene und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: Auf dem hiesigen Wochenmarkt 1 Markttasche. Abzuholen auf dem Bureau der Armenverwaltung.
Zugeflogen: 1 Kanarienvogel. Augelaufen: 1 Foxterrier mit Kettenhalsband.
Hanau den 11. Juli 1905.
Hus Hanau Stadt und Eand.
Hanau, 11. Juli.
Vom Neustädter Marktplatz.
Die in den letzten Monaten erfolgte äußere Wiederherstellung der beiden Eckhäuser am Neustädter Marktplatz ist in den Tagesblättern zwar schon besprochen und besonders auf dieselbe aufmerksam gemacht worden, sie wird aber im Publikum so verschieden beurteilt, daß wir es für notwendig erachten, die hierbei in Betracht kommenden bautechnischen und geschichtlich vaterstädtischen Gesichtspunkte öffentlich zu besprechen.
Unbedingt muß anerkannt werden, daß sowohl die Südwestecke durch das Lofsow'sche Haus und die Südostecke durch das Heraeus'sche Haus infolge der Beseitigung des Verputzes plötzlich eine nicht unwesentliche Verschönerung und Belebung erfahrm haben, namentlich durch das mit besonderer Fürsorge und Schönheitssinn erbaute Lofsow'sche Fachwerks- gebâude, das in glücklicher Abwechslung unter seinen Nachbarn in alter Herrlichkeit wieder erstanden ist und fich als Patrizierhaus, als schönes Denkmal der Zimmerwerksbaukunst des 16. Jahrhunderts in unserer Stadt darstellt. Beide neu entstandenen Schaubilder an den Ecken unseres Marktplatzes wirken sehr günstig und es verdient deshalb besonders das Lofsow'sche Haus unter den Schutz der Denkmalspflege gestellt zu werden. Beiden Eigentümern soll auch auf diesem Wege öffentlich Dank gesagt werden, weil sie wie es bei allen derartigen Herstellungen sein sollte, die richtige Art --- „kein Verputz mehr" — gewählt und hierdurch auch dem öffentlichen Interesse gedient haben.
Das Heraeus'sche Haus, heute Nürnbergerstraße Nr. 41, war 1866 Nr. 591, ist von Nikolaus Heidevier erbaut nachdem er den Bauplatz 165 und 166 in Gemeinschaft mit Johann Benoit in Größe von 4573/± Ruten 36 Schuh für 298 Gulden = 23'84 Mark heutiger Währung im Jahre 1601 gekauft hatte. Das Haus hat im Laufe der Zeit, wie sich genau beurteilen läßt, vielfältige Veränderungen erfahren, die namentlich das I. und li. Obergeschoß berührten in dem linksseitig fitzenden Zwerghaus verfolgt werden können und jedenfalls in der verschiedenen Lage der Haupttreppe ihre Begründung haben. Durch diese Veränderungen hat die Seite nach der Nürnbergerstraße nicht unwesentlich Einbuße erlitten. Schon 1628 war in dem Hause eine Apotheke, seit 1660 ist fie im Besitz der Familie Heraeus und heißt 1794 Einhornapotheke.
Das Losso w'sche Haus ist erbaut von Johann de Hollande, er hat den Bauplatz Nr. 196 am 5. April 1597 in Größe von 791/4 Ruten 4 Schuh für 49 Gulden — 400 Mark heutiger Währung gekauft. Die unteren Eckräume des Gebäudes dienten, wie noch heute an der Westseite so interessant zu ersehen ist, geschäftlichen Zwecken, während der Haupteingang zur Wohnung in die Mitte des Hmlses gelegt war und gelegt blieb, wie es in der Regel bei vornehmen Häusern der damaligen Zeit beliebt wurde, mündete er in eine Vorhalle, an deren Hinter-, der Hof- und
Lichtseite die Haupttreppe lag. Die Veränderungen, die im Laufe von mehr als 300 Jahren vorgenommen wurden, erweisen sich als gering, die äußeren Anstchtsflâchen find wohlerhalten. Das Haus führt heute die Bezeichnung: Marktplatz 13, vor 1866 Nr. 427. 1794 heißt es „zur Stadt Amsterdam" und ist seit dieser Zeit im Besitz der Familie Lossow. In ihm wohnte und starb am 29. Februar 1860 der gewesene Staatsminister und Staatsrat Johann Bernhard Eberhard, der auch bis zum 11. März 1848 Oberbürgermeister der Stadt Hanau war.
Sind wir nun einmal bei dem Titel „Straßenverschöne- rung" so sei uns gestattet darauf hinzuweisen, daß die letztere auch durch jeden erneuerten Hausanstrich nach der Straßenseite gefördert werden kann sobald nur sachgemäß und mit Aufmerksamkeit verfahren wird. Vielfältig geschieht dies aber nicht, weil die vorausgehenden stets erforderlichen Reparaturen nur sehr oberflächlich auf das allernotwendigste Maß beschränkt und dann tunlichst schnell Farbetone gewählt werden, welche der Hanauer mit „weder kalt noch warm" bezeichnet und dieselben aufgetragen werden ohne Rücksicht auf vorhandene Architektur, vorstehende oder zurücktretende Bauteile und Flächen. Will man aber eine wirkungsvolle Erneuerung neben einer gleichzeitig einhergehenden Erhaltung der Bauteile erstreben, so sind eben die genannten vorsichtigen Reparaturen und sonstigen Rücksichten anzuwenden. Man wähle dann aber auch einen hellen und bestimmten Farbeton und bei größeren Fensteröffnungen dunkelfarbigen Fensterrahmenanstrich, der die dahinter befindlichen weißen Vorhänge hebt, kleinere Fenster mögen immerhin wegen ihrer Kleinheit im Hauston gestrichen werden. So wird durch einen warmen bestimmten Farbeton der Haus- fläche e i n Haus von dem andern getrennt, Langweiligkeit vermieden und die Vorübergehenden erfreut.
Man vergesse auch niemals die dem Haus etwa an- hängende historische Bedeutung oder darauf bezügliche Ereignisse durch Schrift oder Aufmalen dem Publikum kenntlich zu machen und der Vergessenheit zu entreißen. Bemühungen unsererseits waren seither in allen Fällen resultatlos.
Möchten diese auf Hausanstriche bezüglichen Gedanken Anlaß dazu geben, daß vor jeder Ausführung eine sachverständige Behandlung, eine gründliche Besprechung zwischen Hausbesitzer und Handwerksmeister stattfinde und auch das öffentliche Interesse hierbei gewahrt werde.
T h y r i o t, Stadtbaurat a. D.
* Golvhehlerprozetz Mehlmann. Ueber den Fort- S des gestrigen Prozeffes gegen den der Hehlerei ange- „ en Uhrmacher Mehlmann ist Nachstehendes zu berichten: "Herr San.-Rat Dr. Zeh hat den Angeklagten öfters im Gefängnis besucht, von Gedächtnisschwäche aber nie etwas an chm bemerkt. Einem Großauheimer Lehrer hat Mehlmann mehrmals von größeren Reisen erzählt, die er unter- nommen habe oder zu unternehmen beabsichtige. Diesem Zeugen wurde auch verschiedentlich über großen Aufwand erzählt, den der Angeklagte bezw. seine Familie getrieben hatten. Aus eigener Anschauung kann er darüber aber nichts mitteilen, obwohl er öfters mit jenem verkehrte. Die Tochter des Angeklagten behauptet gleich diesem, ihr Vater habe häufig größere Posten Altgold von Reisenden gekauft bezw. in Tausch genommen, die aus diesem Verkauf wohl ein Nebengeschäft machten. Namen kann sie jedoch ebensowenig nennen als der Angeklagte selber. Außerdem sei sehr viel Alwold von Privatleuten in kleineren Posten« gekauft worden. Sie nennt einige davon, darunter einen gewissen Speier von Heldenbergen, der für 60—70 Mk. Altgold überbracht habe. Von der vom Angeklagten vorgeschützten Vergeßlichkeit will sie häufig Anzeichen bemerkt haben, bestreitet aber entschieden, daß in ihrer Familie irgendwie ungewöhnlicher Aufwand getrieben wurde. Auch die übrigen darüber vernommenen Zeugen können in dieser Beziehung nichts Ungünstiges über den Angeklagten aussagen. Diese Tochter hat gleich einer ihrer Schwestern von ihrem Vater vor 2—3 Jahren ein Sparkassenbuch über 1500 Mk. erhalten. Ein Anfang der 90er Jahre bei Mehlmann beschäftigter, jetzt in Frankfurt ein Uhrengeschäft betreibender Uhrmacher hat von Altgoldan- gebolen durch Reisende nichts bemerkt, auch kämen bei ihm derartige Kaufangebote nie vor. Mehlmanns Ladengeschäft sei nach seinem Dafürhalten nicht so flott gegangen, daß er dabei besondere Ersparnisse erzielen konnte. Ein Schwager des Angeklagten, der jedoch mit dem Angeklagten in Feindschaft lebt, sagt, daß vor ungefähr 20 Jahren seine Mutter einmal ihre Verwunderung ausgedrückt hätte dariiber, daß von den vielen Golddiebstühlen, die, nach den bei Mehl- mann zum Kauf angebotenen Sachen zu schließen, in Hanau begangen würden, die Prinzipale nichts merkten. Eine hiesige Einwohnerin hielt sich vor einigen Jahren einmal kurze Zeit in dem Mehlmannschen Laden auf und wurde, als em Mann anscheinend geschäftlich mit Herrn Mehlmann zu tun hatte, in ein Nebenzimmer geleitet, dessen Tür darauf ge
schlossen wurde. Weitere verdächttge Wahrnehmungen, über die sie sich einer anderen Frau gegenüber geäußert haben soll, will sie nicht gemacht haben.
Zeuge Greulich, Inhaber der Uhrenhandlung Ludwig & Fries in Frankfurt, hat mit dem Angeklagten fett 25 Jahren Geschäfte gemacht, während dieser Zeft gab er ihm aber nur em Mal Altgold zum Einschmelzen. Das Gold hiervon ließ er sich zurückgeben.— Die Zeugin Wwe. Buchold von Stuttgart bekundet: Ihr Mann hatte in Schwäbisch- Gemünd ein Goldgeschäft, das im Jahre 1896 in Liquidation ging. Von diesem will Mehlmann öfters Altgold, das B. in Zahlung genommen hatte, erhalten haben, besonders bei der Liquidierung des Geschäfts. Bei der Abfindung mit seinen Kunden habe Buchold damals besonders viele alte Goldwaren in Zahlung nehmen müssen, die er dann von B., mit dem er gut befreundet war, zum Einschmelzen erhalten habe. Die Zeugin bestätigt, daß ihr Mann mit M. gut befreundet war, über seine Geschäfte mit M. kann sie wenig sagen. Sie gibt die Möglichkeit zu, daß chr Mann ihm alte Goldwaren brachte. — Zeuge Eqsf el hier hat dem Angeklagten zwei Mal einige alte Gold- und Silbersachen gegeben. — Zeuge Hirsch hier hat ihm eine Anzahl alte goldene Uhren verkauft und eine alte goldene Damenkette für eine neue in Zahlung gegeben. — Dies sind die aen Zeugen, die als Ueberbringer von Altgold ermittelt en konnten. — Der Sachverständige Herr Kaufmann Kehl hat alle Bücher des Angeklagten revidiert und nach langen mühevollen Feststellungen — die Bücher waren sehr mangelhaft und schlecht geführt — ermittelt, daß der Angeklagte aus seinem reellen Geschäftsbetrieb unmöglich ein Kapital von 37 000 Mark erübrigen konnte, wie es M. nach seiner Schätzung erworben hat. Die beiden folgenden Sachverständigen Ohl und Ochs lehnt der Verteidiger, Herr Rechtsanwalt Osius, ab, da er sie für befangen hält. Beide seien Mitglieder des Kreditvereins, der besonders die Diebstähle und Hehlereien in neuerer Zeit energisch verfolgt, Herr Ochs komme außerdem als Bestohlener, also als Beschädigter in Frage und sei schon deshalb kraft des Gesetzes als Sachverständiger ausgeschlossen. Das Gericht beschließt, Herrn Ochs als Sachverständigen nicht zu vernehmen, da er tatsächlich als Geschädigter in Frage komme, bei Herrn Ohl treffe dies indessen nicht zu. Er wird als Sachverständiger vernommen. Er schließt sich den Ausführungen des Herrn Kehl an und betont noch ganz besonders, es sei ganz unmöglich, daß der Angeklagte solche Mengen Altgold zusammenbrachte. Selbst die Finna Ludwig & Fries, das größte Geschäft dieser Art in Deutschland, bringe jährlich nur für ca. 1000 Mk. zusammen. — Herr Fabrikant Ochs wird hierauf als Zeuge vernommen über den im Jahre 1901 bei ihm gestohlenen Lengo Gold, der in allen Prozessen wiederkehrt. Herr Kehl hat nämlich in den Büchern des früheren Goldprobierers Lieber festaestellt, daß dort zur nämlichen Zeit ein von Mehlmann verttlufter Lengo figuriert, der in Legierung, Feingehalt und Gewicht genai» mit dem bei der Firma Ochs & Bonn gestohlenen übereinstimmt. Es liegt daher der Verdacht nahe, daß der Dieb diesen Lengo zu Mehlmann brachte und dieser ihn bei Lieber verkaufte. Zeuge Ochs bekundet darüber: Am 13. August 1901 habe ein Arbeiter morgens einen Lengo im Gewicht von 588 Gramm geglüht und zur Abkühlung auf den Rand einer eisernen Säule an seinen Platz gestellt. Dieser Lengo hatte einen Feingehalt von 575/1000 und war mit 100/1000 Teilen Silber legiert. Um 12 Uhr mittags war er an den erwähnten Platz gestellt worden, um 1 Uhr war er verschwunden, den Dieb konnte man nie ermitteln. Als Zeuge die Feingehaltsliste nachsah, die Hett Kehl bei Lieber heraus- gezogen hatte, fiel ihm dieser Lengo sofort ins Auge. Zeuge erklärt, es seien noch mehrere dreiste Diebstähle vorgekommen. Eine Arbeiterin hatte eine goldene Kette in Arbeit, von der ihr ein Stück abgeschnitten und gestohlen wurde. Schon in den 90er Jahren hätten Fabrikanten geklagt, daß fie einen Abgang an Gold bis zu 5 pCt. hatten, ein ganz unnatürlicher Abgang, der nur durch Diebstähle zu erklären sei. — Die Beweisaufnahme ist hiermit beendet. — Herr Staatsanwalt Ramelow führt in der Begründung seiner Anklage aus, die Verhandlung habe im allgemeinen dasselbe Bud ergeben, wie die aus früheren Prozessen, nur habe man es hier mit der außerordentlich hohen Summe von 118 000 M. zu tun. Wenn man sich frage, wie der Angeklagte zu dieser riesigen Menge Gold komme, so sei von vornherein die Möglichkeit auszuschließen, daß es auf reelle Weise geschehen sein könne. Solche Mengen konnten bei dem Angeklagten, der doch nur als kleiner Zwischenhändler zu betrachten ist, nübt zusammenkommen, wenn er sie von Reisenden hätte, würde er wenigstens in der Lage gewesen sein, einen von ihnen zu nennen," die Geschichte von der Gedächtnisschwäche sei nach dem Gutachten des Sachverständigen ganz unglaubwürdig. Auch wüßten die Reisenden, die solche Mengen verkäufliches Altgold haben, doch bessere Absatzquellen, wie einen kleinen Zwischenhändler. Auf die Vermögenslage des Angeklagten eingehend, zitiert Redner die Gutachten der Sachverständigen, die bekundeten, daß aus einem kleinen Uhrenhandel, wie dieser es war, unmöglich ein so hoher Gewinn herausspringen konnte, daß er ein Kapital von 37 000 Mark zusammenbrachte. Die Wertpapiere seien aber wahrscheinlich